Sicher gehören in eine Reihe, die aus Perlen der Literatur besteht, auch Menschen, die einst den Nobelpreis für Literatur erhalten haben. Die erste Frau, die diesen erhielt war, war die Schwedin Selma Lagerlöf (1858 – 1940), hier geht es aber um die zweite Preisträgerin, Grazia Deledda (1871 – 1936). Auffallend ist, jedenfalls laut der Wikipedialiste der Nobelpreisträger, dass beide für ihren hohen, edlen Idealismus gepriesen werden, wobei Idealismus auch bei den Preisträgern öfter als Begründung für die Preisvergabe genannt wird.
Deledda stammt von der Insel Sardinien, und ihre Heimat war Gegenstand ihrer Bücher, auch ‚die Mutter‘ handelt in einem sardischen Dorf.
- DNB / INPUT Verlag / 2022 / ISBN: 978-3-941905-53-5 / 192 Seiten
Die Geschichte:
Die Mutter, einen Namen bekommt sie nicht, hat einen Sohn Paolo. Diesem hat sie es ermöglicht, ein Priesterseminar zu besuchen, während des Studiums verdingte sie sich dort als Dienstmagd um dies zu finanzieren. Nun ist Paolo als Priester im heimatlichen Dorf tätig. Ein kleiner Ministrant vergöttert ihn, zu dem die Dorfbewohner aufschauen und den sie als geistliche Macht akzeptieren.
Nur gibt es da eine junge Witwe, Agnes, eine sehr weltliche Versuchung für Paolo. Diese drei, Mutter – Paolo – Agnes, bilden ein Handlungsdreieck. Während der Geistliche zwischen Pflicht (Zölibat) und menschlichem Wollen hin und her gerissen ist, glaubt die Mutter oder hofft vielmehr, dass er sich der Pflicht zuneigt, der Ehre willen. Agnes steht dazwischen und am Ende der wenigen geschilderten Tage will sie ihn zwingen, sich zu entscheiden.
Der kleine Antioco (benannt nach dem Schutzpatron Sardiniens) ist in seinem Wunsch, ebenfalls Priester zu werden, der Pflichtenmahner. Kann der Junge das Vorbild auf dem christlichen Pfade halten, so, wie der Namensgeber als Missionar wirkte? Sein Einfluss erscheint nicht unerheblich, kann aber das tragische Ende nicht abwenden.
Am Sonntag, während der Messe, erfüllen sich Schicksale ...
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Bild von Andreas Precht auf Pixabay |
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Das Buch:
Das Zölibat ist eine Herausforderung für junge Priester, aber es steht in diesem Buch meines Erachtens nicht zur Disposition, es ist nicht mal Diskussionsgegenstand. Das Problem, welches Paolo entwickelt, ist das seines Standes, seiner Ehre, seiner Funktion in der Gemeinde, genau dies ist auch das Problem seiner Mutter. Die Autorin hat gleich zwei Frauen in den Vordergrund gestellt, deren Leben in diesen Tagen besonders von „Konflikten um Ehre, Glauben und gesellschaftliche Vorurteile“ geprägt ist. Eine wird daran zerrieben.
Paolo ist sich der Opferbereitschaft der Mutter durchaus bewusst:
„Er schämte sich ein bisschen für seine Mutter, weil sie eine Dienstmagd war, weil sie aus diesem einfachen Dorf kam. Erst später, viel später, überwand er diesen niederen Instinkt durch Willenskraft und Stolz, und je mehr er sich zuvor unvernünftigerweise für seine Herkunft geschämt hatte, desto mehr verherrlichte er sie später vor sich selbst und vor Gott, indem er dieses armselige kleine Dorf wählte, um dort zu bleiben, und indem er sich seiner Mutter unterordnete und ihre bescheidenen Wünsche und ihre einfachsten Gewohnheiten akzeptierte.“ (Seite 59)
Dem gegenüber steht nun die junge Witwe Agnes:
„Nun war es so. Und er akzeptierte die Wahrheit. So war es , und so war es, weil es in der Natur des Menschen liegt, zu leiden, zu lieben, sich zu verbinden, zu genießen und wieder zu leiden, Gutes zu tun und zu empfangen, Böses zu tun und zu zu empfangen: Das ist das Leben des Menschen.
Es bleibt die Angst wegen der „Bedeutung des Todes, denn der Verzicht auf die Liebe, der Verzicht auf den Besitz dieser Frau bedeutete den Verzicht auf das Leben selbst.“
Die Menschen dürften die Worte der Grazia Deledda verstanden, aber wenig Verständnis für den Priester aufgebracht haben.
Zugleich beschreibt Deledda ihre Heimat auf einfache und natürlich schöne Weise, wer einmal auf Sardinien (oder Korsika) war, sieht sich wieder in den Bergen der Inseln.
Das Buch wurde zweimal verfilmt (hier der ganze Film auf italienisch), den Nobelpreis bekam sie aber für Schilfrohr im Wind. Oft stellte sie Frauen in die Mitte ihrer Werke.
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Fazit:
Es waren nur 180 Seiten zu lesen. Beginnend mit einem erhellenden Vorwort von Ulrike Lemke über die Autorin und ihre Werke, war es anfangs schwierig, in Text und Handlung hineinzukommen. Es sind nicht nur die teils sehr langen Sätze, wir sind es nicht mehr gewohnt, dass Ereignisse oder Gedanken scheinbar in die Länge gezogen werden. Bei erneutem Blättern und mit Hilfe der reihentypischen kalligrafischen Hervorhebungen erschließt sich die Schönheit bestimmter Abschnitte, vielleicht ist aber vor allem das Thema fremd.
Wieder ein Buch, welches ich nie in die finge bekommen hätte ohne diese wunderbare Buchreihe entdeckt zu haben. Vielen Dank an den Verleger, Ralf Plenz, für das Rezensionsexemplar.
Perlen der Literatur:
Proserpina (Elisabeth Langgässer) / Seefahrt ist not! (Gorch Fock) / Einbahnstraße (Walter Benjamin) /
Kleine Stadt (Heinrich Mann) / Palmström... (Christian Morgenstern) / Die Weihnachtsuhr (Antje Thietz-Bartram) / Forschungen eines Hundes (Franz Kafka) / Das Fenster zum Sommer (Hannelore Valencak) / Bezaubernder April (Elisabeth von Arnim) / Eine blassblaue Frauenschrift (Franz Werfel) / Sterben (Arthur Schnitzler) / IDA und Im Rausch des Weines (Irène Némirovsky) Orlando (Virginia Woolf) Bambi (Felix Salten) /
Aus dem Leben eines Erfolgsschriftstellers (Michael Krüger) / Die Mutter (Grazia Deledda)
© Bücherjunge





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