Montag, 16. März 2026

Hein, Christoph: Das Narrenschiff

Das hier zu besprechende Buch ist vor einem Jahr veröffentlicht wurden. Der Grund, warum ich es mir nun vorgenommen habe, liegt in der Lektüre einer Rezension und eines Spiegel-Interviews, beides vom Mai 2025. Darauf komme ich bald zurück.

DDR-Geschichte zu rezipieren, scheint immer schwieriger zu werden. Momentan verstärken sich so Meldungen, die den Staat östlich der Elbe überaus positiv zeichnen. Die hiesige Tageszeitung, Nordkurier, druckt am 12.03.26 einen Artikel „Ostalgie fast ohne Zwischentöne“. Auf einer Bühne vereint: Egon Krenz, Gustav Adolf "Täve" Schur, Waldemar Chierpinski und Frank Schöbel. Schon der Artikel taugt nicht viel, denn vorgestellt werden neben einigen Zitaten vor allem Besucher, die aus marginalen Gründen hingingen, die mal einen Blick auf diese illustre Garde werfen wollten.  Einschließlich Autogrammmöglichkeit, Buchverkauf und einem neuen Lied eines Schlagerbarden.

Von den Genannten tritt nur einer als Nebenfigur im 700seitigen Roman von Christoph Hein auf, indirekt, denn er wird dort vom ehemaligen ZK-Mitglied und Ökonomieprofessor Karsten Emser immer nur „der Jungpionier“ genannt. (Als ich Pionier wurde, war Krenz Vorsitzender der Pionierorganisation, das war 1970).


Literatur und DDR das ist ein in Wellen diskutiertes Thema, ohne Kontroversen kommt man dabei nicht aus. Der Literaturblogger orientiert sich, man kann ja nicht alles lesen, an bestimmten Leuten, deren Büchervorschläge Gewicht haben. Die harsche Kritik von Ilko-Sascha Kowalczuk im Mai des letzten Jahres zum Buch eines von ihm sonst gern gelesenen Autoren lies mich aufmerksam werden.
Doch kommen wir erst einmal zum Buch.

Inhalt

Die Geschichte beginnt unmittelbar nach Kriegsende. Fünf Personen lernen wir kennen. Da ist zum einen das spätere Ehepaar Yvonne und Johannes Goretzka. Er ist ein in sowjetischer Gefangenschaft zum Kommunisten gewordener Heimkehrer, Ingenieur und Fachmann für Schwermetall und Hüttenwesen. Yvonne hat mit Katinka eine Tochter. Deren Vater Yonathan ist höchstwahrscheinlich wegen seiner jüdischen Abstammung in der NS-Zeit ums Leben gekommen.

Goretzka, ein Karrierist, der dem alles unterordnet, bringt seine Frau dazu, Kulturhausleiterin zu werden und in die Partei einzutreten. Ihre Vorgesetzte ist Rita Emser, deren Mann im Gefolge der Gruppe Ulbricht aus Moskau gleich 1945 nach Berlin kam. Emser ist ein studierter Ökonom der zwanziger Jahre und arbeitete in Moskau vermutlich bei der kommunistischen Internationale. Er hat die stalinsche Verfolgung samt den Verhaftungen eigener Genossen im Hotel Lux in Moskau weitestgehend verdrängt.

Als in den fünfziger Jahren Frau Goretzka in ein Referat zur Überwachung der Produktion von Kinder- und Jugendfilmen wechselt, bekommt sie dort einen Chef, der Mitglied einer Blockpartei ist. Den Auftrag, in diese einzutreten bekam er von der SED. Benaja Kuckuck ist ein ausgesprochener Shakespeare-Kenner und unterrichtete jahrelang in Sheffield in England. Im Westen bekam er nach Kriegsende keine Professur, da er Mitglied der britschen Sektion der KPD gewesen war.

Katinka leidet unter der Schroffheit und der herrischen, humorlosen Art des Stiefvaters und verkörpert die dritte Generation.

Hein erzählt von diesen zur Nomenklatura gehörenden Menschen bis ungefähr Sommer 1990.

Unter den Genannten stechen nur Kuckuck und Emser mit vielleicht sogar sympathischen Zügen etwas hervor. 

Wie Kuckuck strandeten renomierte Wissenschaftler in der DDR, wie zum Beispiel Ilja und Inge Rappaport (Mediziner), denen in Wien jegliche Anstellung wegen ihrer Parteizugehörigkeit verwehrt wurde oder Professor Gerhard Prokop (1921 – 2009), den berühmten Rechtsmediziner an der Humbold-Universität, allerdings war der kein Kommunist. Kuckuck ist ironisch, hoch gebildet, links aber systemkritisch, ein Intellektueller, dem, im Gegensatz zu den Vorgenannten auch in der DDR eine Professur verwehrt wird.

Regelmäßig treffen sich ab einem bestimmten Zeitpunkt die Emsers und die Goretzkas, später tritt Kuckuck dazu, dessen Art den intellektuellen Emser anspricht, im Gegensatz zum Karrieristen Goretzka.

Mit dem Leben dieser Personen rauscht die DDR an der Leserin und dem Leser vorbei, sie erfährt eine fortlaufende Beschleunigung. Wenn es Absicht des Autors war, den Niedergang des Landes dadurch zu illustrieren, ist ihm das gelungen.

Beginnend mit der Nachkriegszeit, der Staatsgründung, über den 17. Juni 53, Ungarn 56, Mauerbau und CSSR 68, über die Ablösung von Walter Ulbricht durch Erich Honecker bis zur deutschen Einheit führt uns Christoph Hein, wobei die ersten zwei Jahrzehnte eher geruhsam verlaufen, dann aber eine gewisse Hast entsteht.

Das Buch:

Siebenhundertfünfzig Seiten mögen angemessen erscheinen für eine solche Geschichte zumal ja „nur“ fünfundvierzig Jahre erzählt werden. Es ist schade, dass die handelnden Personen dabei zwar ausgefeilte Charaktere darstellen, aber nur scheinbar die DDR, das Narrenschiff, wie es Emser irgendwann nennt, repräsentieren. Mittlere Nomenklatura, Behörde, Ministerium, Hochschule, Zentralkomitee: Die, die heute den ganz oben genannten Personen zujubeln, kommen gar nicht vor. Auch nicht die, welche am 17. Juni demonstrierten oder die, welche dem Sozialismus in der DDR in den achtziger Jahren noch eine Chance geben wollten.

Statt dessen: Karrieristen, Mitläufer, angepasste Loyalität, zwischen Anpassung und Distanz lavierend. Einzig Katinkas Familie hat dann am Ende eine Chance, aber die ist nicht vordergründig Gegenstand des Romans und braucht es auch nicht zu sein. Sie verkörpert die jüngere, teils ideologisch geprägte, zunehmende desillusionierte Generation. Ihre Kinder dagegen nehmen ihre neuen Chancen war.

Dass der Johannes Goretzka seine Nazivergangenheit, die wohl in jubelnder Zustimmung für Hitlerjugend und SA bestand, derartig verschweigt, mag eine Nuance sein, die man für eine Person erzählen kann. Trotz Mitarbeit im Nationalkommitee „Freies Deutschland“ ist ihm am Ende die große Karriere verwehrt, aber Hein reduziert das auf die Geheimhaltung gegenüber seiner Familie. Yvonne erfährt das erst von der Schwiegermutter, die aber keinen Zugang zur Familie erhält.

Die erwähnte Geschwindigkeit des Buches erreicht ihre höchste im Jahr 1990. Es war zwar eine schnelllebige Zeit, aber bestimmte Aspekte die Hein erzählt, traten erst nach der Volkskammerwahl im März 1990 bzw mit der deutschen Einheit auf. Warum er auf das Thema Rückübertragung von Grundstücken an ursprüngliche Besitzer gleich dreimal eingeht (Yvonne Goretzka, Rita Emser und Heiner Goretzka), erschließt sich mir nicht.

Rezension zu Band 1
Stutzig wurde ich bei der angeblichen Forderung Ulbrichts nach der Rückgabe besetzter polnischer Gebiete an die DDR. Kowalczuk verweist dies in seiner Ulbricht-Biografie ins Reich der Legende, ebenso die von Markus Wolf, Chef des Auslandsgeheimdienstes der Staatssicherheit, geäußerte Erzählung des bewaffnet erzwungenen Rücktritts Ulbrichts durch Honecker mit dessen Personenschutz. Letzteres soll Wolf, der im Buch unter dem Namen Fuchs (warum?) auftritt, Hein selbst erzählt haben, das gibt der Autor im Spiegel-Interview zu Protokoll. 


Das Gespräch zwischen Fuchs und Emser allerdings gehört vermutlich zu den sehr vorstellbaren Begebenheiten - Gefährten aus der Moskauer Zeit. 
Als Emser seiner Frau erzählt, dass er sich in den Moskauer Jahren aus Angst vor dem NKWD nicht vor einen Freund stellte, obwohl er doch von seiner Funktion her Zugang zu obersten Kreisen hatte, zeigt ihn dies als menschlichen Gegenpol zu Goretzka. Statt der Geschichte um Ulbrichts Entmachtung hätte hier ein Aufhänger zu Markus Wolfs Erlebnissen, die er 1989 in seinem Buch "Die Troika" schildert, gut getan. Eine Filmdiskussion zu Konrad Wollfs "Ich war Neunzehn" oder anderen gut getan, zumal Kuckuk und Yvonne Goretzka Filme für die DEFA zu begutachten hatten. 
 

Die Gespräche der Hauptfiguren, wenn sie sich um Wirtschaft, Politik und um all das nicht öffentlich Gesagte drehen, um das, was höchstens einem Karsten Emser als ZK-Mitgleid zugänglich war, zeigen die unterschiedlichen Beziehungen anm die sie zueinander haben. Jeder scheint aus einem anderen Grund in dieser Runde zu sitzen, dern Mittelpunkt der "allwissende" und vielleicht karrierefördernde Emser ist.

Das Ende der drei Männer in der Runde ist tragisch, sie gehen mit dem Land unter, welchem sie gedient haben, mit welchen Zielen auch immer im Detail.

Fazit:

Was lasen wir also? Wieder ein Buch, welches vor allen eines illustriert: Ein durch und durch graues, deprimierendes Land mit einer ebensolchen Gesellschaft, am Laufen gehalten von relativ begüterten angepassten Mitläufern, ohne Freude, ohne Urlaub – eben grau. Dies gilt ebenso für die „Erziehung“ der Kinder von Yvonne und Johannes Goretzka, die vor allem gegenüber Katinka eine traurige war.

Für viele war es das, die entgegengesetzte Buntheit, Ordnung, soziale Versorgung, die in der um sich greifender Ostdeutschtümelei vorgestellt wird, ist ebenso einseitig. Gleichzeitig kann man den wirtschaftlichen Niedergang des Landes ganz gut mitverfolgen, mit einem Blick durch ein Fernrohr in die Wohnstuben gehobener Nomenklatura.

"Überraschend für mich war letztlich, dass alle Hauptfiguren gleichermaßen, so unterschiedlich sie auch erscheinen mögen, am Ende für das Scheitern einer Idee, eines Staats, eines Experiments stehen. Die Motivationen der Helden zum Mitmachen waren ganz verschiedene, ihr Scheitern vereint sie."

Dieser Satz vom eingangs erwähnten Historiker Kowalczuk könnte das Ziel des Autors mit seinem Buch gut charakterisieren. 

Man muss nicht alles reinpacken in einen Roman, wenn man Wahrheit erzählen will, dann sollte man Legenden beiseite lassen. Auch wenn ich weiß, dass ein Roman eben ein Roman ist und kein wissenschaftliches Sachbuch, sollte er eben wahrhaftig sein.

Mir scheint, die Wahrheit über die DDR und die Menschen in ihr muss erst noch erzählt werden. Ich finde immer nur Splitter, die zwar notwendig und logischerweise unvollständig sind, aber in dieser Unvollständigkeit immer Entscheidendes weglassen.

* * *




©️ Der Bücherjunge































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