Sonntag, 10. Dezember 2017

Bolton, Sharon: Dunkle Gebete


DC Lacey Flint ist eine junge Londoner Ermittlerin mit undurchsichtiger Vergangenheit und einem morbiden Interesse an Serienkillern. Mit einem echten Mord hatte sie bisher allerdings nie zu tun – bis eine blutende Frau an der Tür ihres Autos lehnt und in Laceys Armen stirbt. Lacey wird zunächst nur als Zeugin vernommen, doch als sich der Täter in einem blutigen Bekennerbrief unmissverständlich an sie wendet, gibt es kein Zweifel, dass Lacey in dem Fall eine ganz besondere Rolle spielt. Unversehens findet sie sich im Mittelpunkt einer Mordserie, die in irgendeinem Zusammenhang mit ihrer Vergangenheit stehen muss. Doch wie findet man einen Killer, der sich einen nie gefassten Serienmörder zum Vorbild genommen hat?

(Klappentext Verlagsgruppe Random House)

  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag (17. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Marie-Luise Bezzenberger
  • ISBN-10: 3442479428
  • ISBN-13: 978-3442479429
  • Originaltitel: Now You See Me
  • Reihe: Lacey Flint (Band 1)










JACK THE RIPPER IS BACK...



Wow, was für ein Thriller. Hier stellt der im Grunde beeindruckende Umfang (immerhin 512 Seiten) kein Hindernis dar, sondern ein Vergnügen. Denn eigentlich will man hier immer nur eines, nämlich weiterlesen. Sharon Bolton präsentiert mit dem ersten Band um die Ermittlerin Lacey Flint gleich einen überaus spannenden Thriller, der von Geheimnissen und Überraschungen lebt und sich ganz nebenher mit dem Mythos von Jack the Ripper befasst. Denn die Morde, die hier begangen werden, ähneln auffallend exakt denjenigen, die seierzeit der legendäre Serienkiller beging.

Erzählt wird hier aus der Ich-Perspektive von Lacey Flint, und der Leser bekommt früh den Eindruck, dass die Ermittlerin nicht mit offenen Karten spielt. Zu deutlich ist, dass sie einiges zu verbergen scheint, doch was das mit den aktuellen Fällen zu tun haben soll, ist keineswegs klar. Man bekommt auch kaum wirklich Gelegenheit, darüber nachzudenken, da sich die Ereignisse immer wieder überschlagen und der Druck auf die Polizei steigt. Bestialische Morde ohne ein erkennbares Motiv oder auch nur einen sichtbaren Zusammenhang zwischen den Opfern halten die Ermittler und den Leser in Atem.

Im Rahmen der Ermittlungen präsentiert Lacey Flint den Kollegen vieles zu den Hintergründen der brutalen Taten von Jack the Ripper, der nie gefasst werden konnte. Die junge Ermittlerin sich hat bereits in ihrer Jugend intensiv mit diesem Mythos befasst und im Grunde alles dazu gelesen, was dazu veröffentlicht wurde. Dementsprechend gilt sie unter ihren Kollegen rasch als Expertin der Fälle des legendären Serienmörders. Auch für mich als Leserin offenbarten sich hier zahlreiche unbekannte Details und manch eine überraschende Theorie. Dies fand ich neben dem eigentlichen Fall ungemein spannend und interessant.

Lacey selbst ist ein überaus vielschichtiger, undurchschaubarer Charakter. Einerseits stürzt sie sich regelmäßig ins Nachtleben, geht andererseits aber jedem privaten Treffen unter Kollegen aus dem Weg. Obschon sie recht lebenslustig wirkt, hat sie kaum Freunde und lässt niemanden näher an sich heran. Privat stylt sie sich auf, betont ihre Figur sowie ihr gutes Aussehen, im Dienst gibt sie sich eher wie eine graue Maus, und ihre Dienstkleidung ist mindestens eine Nummer zu groß gewählt. Ein zumindest zwiespältiger jedoch auch liebenswerter Charakter, und durch diese Gegensätzlichkeiten fällt es bis zum Schluss schwer, Lacey wirklich einzuschätzen.

Neben Lacey Flint ist noch DI Dana Tulloch von Bedeutung, die die Ermittlung leitet, und vor allem DI Mark Joesbury. Dieser erfahrene Ermittler reagiert als einziger skeptisch auf den Einsatz von Lacey, in deren Armen immerhin das erste Opfer starb. Joesbury teilt das Gefühl des Lesers, dass mit Lacey irgendetwas nicht stimmt, und tatsächlich zieht der Täter seine Kreise immer wieder auch um die junge Ermittlerin. Das Misstrauen Marks wird allerdings immer wieder aufgeweicht, zumal Lacey mehr als einmal in brenzlige Situationen gerät und sich dabei selten einmal schont. Dann zeigt sich Joesbury verständnisvoll und mitfühlend, und eine gewisse Anziehung zwischen den beiden ist immer wieder nahezu greifbar, auch wenn dieser Aspekt hier nicht dominiert.

Der Thriller ist von der ersten Seite an spannend und erweist sich als zunehmend komplex, so dass der Nervenkitzel garantiert ist. Dazu trägt der flüssige, bildhate und fesselnde Schreibstil sicherlich bei, der zusammen mit einigen Cliffhangern dafür sorgt, dass man das Buch kaum aus der Hand legen mag. Immer wieder gibt es unerwartete Wendungen, und bis zum Schluss ist garantiert, dass immer noch Überraschendes zutage tritt. Was mich ebenfalls für den Thriller eingenommen hat, ist die Tatsache, dass hier auch der Humor nicht zu kurz kommt. Immer wieder musste ich unvermittelt losprusten, bevor die Spannung mich wieder in Beschlag nahm. Alles in allem eine gelungene Mischung.

Langer Rede kurzer Sinn: dieser Thiller bietet alles, was ich von einem Buch dieses Genres erwarte. Einen intelligenten Plot, Spannung, interessante Charaktere, überraschende Wendungen, Wissenswertes und Humor. Glücklicherweise ist dies erst der erste Band der Reihe um Lacey Flint, und ganz sicher werde ich nach den weiteren Folgen Ausschau halten.

Für Fans dieses Genres einfach nur empfehlenswert!


© Parden







DIE LACEY-FLINT-REIHE BISHER

  • 1. Dunkle Gebete Lacey Flint 1
  • 2. Dead End Lacey Flint 2
  • 3. Ihr Blut so rein Lacey Flint 3
  • 4. Schwarze Strömung Lacey Flint 4










Die Verlagsgruppe Random House schreibt über die Autorin:

Sharon Bolton wurde im englischen Lancashire geboren, hat eine Schauspielausbildung absolviert und Theaterwissenschaft studiert. „Todesopfer“, ihr erster Roman, wurde von Lesern und Presse begeistert gefeiert und machte die Autorin über Nacht zum neuen Star unter den britischen Spannungsautorinnen. Ihrem ersten Triumph folgten mittlerweile acht weitere Thriller – darunter vier mit der grandiosen Ermittlerin Lacey Flint –, in denen Sharon Bolton ihr brillantes Können immer wieder unter Beweis stellte. Sie wurde bereits für zahlreiche Krimipreise nominiert und für "Schlangenhaus" mit dem Mary Higgins Clark Award ausgezeichnet sowie mit dem Dagger in the Library für ihr Gesamtwerk. Die Autorin lebt mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Oxford.

übernommen von der Verlagsgruppe Random House

Samstag, 9. Dezember 2017

Greene, Graham: Der dritte Mann


Wien 1945. Russen, Amerikaner, Franzosen und Briten haben die zerstörte Stadt besetzt. In den Trümmern blüht der Schwarzmarkt und Rollo Martins steht vor einem Rätsel: War sein Jugendfreund Harry Lime tatsächlich der gewissenlose Kopf einer Schieberbande?

Ein Spiel mit Licht und Schatten – Annika Siems setzt den Kampf um eine alte Freundschaft im Zeichen von Korruption und Verbrechen eindrucksvoll in Szene. In den sepiafarbenen Tuschezeichnungen der Hamburger Künstlerin werden bekannte Wahrzeichen und der Untergrund der österreichischen Hauptstadt zur Kulisse eines düsteren Versteckspiels. Fast hört man beim Betrachten der Seiten das charakteristische Zither-Thema aus dem Film.

Greene selbst betrachtete die Filmversion des britischen Regisseurs Carol Reed aus dem Jahr 1949 als Endfassung seiner Erzählung. Ob auf Leinwand oder als Roman: Der dritte Mann ist ein beispielloses Zeitdokument der Nachkriegsgeschichte. Noch viel stärker als das gleichnamige Drehbuch fasziniert der Roman durch schwarzen Humor und erzählerische Tiefe, die Annika Siems auf den Spuren von Hans Hillmann (Fliegenpapier) eindrucksvoll visualisiert.

(Klappentext Edition Büchergilde)

  • Gebundene Ausgabe: 200 Seiten
  • Verlag: Edition Büchergilde; Auflage: 1 (16. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Nikolaus Stangl
  • Illustraionen: Annika Siems
  • ISBN-10: 3864060761
  • ISBN-13: 978-3864060762











EIN BEEINDRUCKENDES ZEITDOKUMENT DER NACHKRIEGSGESCHICHTE...





Den gleichnamigen Filmklassiker aus dem Jahr 1949 werden wohl viele kennen. In ursprünglicher Form und als Novelle aufbereitet wurde die dem Film zugrunde liegende Erzählung 1950 erstmals veröffentlicht. Greene selbst betrachtete die Filmversion des britischen Regisseurs Carol Reed aus dem Jahr 1949 als Endfassung seiner Erzählung.
                             
Die Erzählung spielt im Wien der Nachkriegzeit, unter der Regierung der vier Siegermächte. Trotz der Besetzung durch die Russen, die Amerikaner, die Franzosen und die Briten blüht in Wien der Schwarzmarkt. Unter diesen Gegenbenheiten trifft der wenig erfolgreiche Westernautor Rollo Martins in Österreichs Hauptstadt ein, ohne Geld in der Tasche und auf Einladung seines langjährigen Freundes Harry Lime, der von seinem derzeitigen Engpass erfahren hat und ihm einen Posten anbieten will.

Gleich nach seiner Ankunft erfährt Martins jedoch, dass sein Freund verstorben ist, und kommt gerade noch rechtzeitig zu dessen Beerdigung. Zunächst als Unfall deklariert, tauchen hinsichtlich des Todes von Harry Lime jedoch schon bald Widersprüche in den Zeugenaussagen auf, die Martins misstrauisch werden lassen. Ein Katz- und Mausspiel entspinnt sich alsbald, wobei niemals sicher scheint, wem zu trauen ist und wem nicht. Den Polizeigewalten der verschiedenen Nationen wird hier ebenso Rechnung getragen wie den Tätigkeiten im Untergrund, Freundschaft und Liebe werden ebenso thematisiert wie Korruption, Verrat und Menschlichkeit.

Auch wenn Greene die Erzählung im Grunde nur verfasst hat, um anschließend das Drehbuch schreiben zu können, konnte sie mich doch in vielerlei Hinsicht beeindrucken. So skizziert sie nahezu greifbar die düstere Atmosphäre der Nachkriegszeit, was in dieser ausgesprochen liebevoll gestalteten Ausgabe noch überaus eindrucksvoll unterstrichen wird durch die zahlreichen in Sepia gehaltenen Tuschezeichnungen der Hamburger Künstlerin Annika Siems. Ähnlich wie im Film findet sich in ihren Bildern ein gekonntes Spiel mit Licht und langen Schatten. Zeitweise fühlte ich mich an eine Graphic Novel erinnert, und auch wenn der Vergleich hinkt, nehmen die Illustrationen hier immerhin einen großen Raum ein und unterstreichen die düstere Atmosphäre der Erzählung ganz hervorragend! Hier bilden Text und Zeichnungen eine absolut stimmige Einheit.


Intensiver als im Film wird im Roman auf die Zusammenhänge der Ereignisse mit den spezifischen Bedingungen im Wien der Nachkriegszeit eingegangen, so dass sich mir diese eingängig erschlossen. Dadurch empfand ich diesen Roman nicht nur als eine spannende Erzählung sondern wenigstens genauso als grandioses Zeitdokument der Nachkriegsgeschichte. Während der Film sicher durch eine gelungene Regie und Kameraführung punkten kann, sowie durch seine Besetzung mit Orson Welles und das charakteristische musikalische Thema (das ich übrigens seit Tagen als Ohrwurm nicht mehr loswerde), besticht der Roman durch eine größere erzählerische Tiefe sowie zu meinem Erstaunen auch durch einen immer wieder geschickt pointierten schwarzen Humor. Roman und Film stimmen nicht in allen Punkten überein, und welche Version einem besser gefällt, ist sicher Geschmackssache. Insgesamt fand ich die Erzählung selbst versöhnlicher als den Film.

Tatsache ist: beides lohnt sich - der Film ebenso wie der Roman selbst. Und mit dieser prachtvollen Ausgabe der Editon Büchergilde holt man sich ein wahres Schmuckstück ins Regal. Wer hier alle für meine Verhältnisse ungewöhnlich häufig verwendeten Lobeshymnen zusammenzählt, der ahnt schon: von mir kann es hier nur die Höchstwertung geben...


© Parden









Die Edition Büchergilde schreibt über den Autor:

Graham Greene (1904–1991) zählt zu den bedeutendsten Schriftstellern des 20. Jahrhunderts. Sein erster Roman, The Man Within, beschrieb bereits den Konflikt zwischen Gut und Böse, der im Zentrum von Greenes Werk steht. Für The Power and the Glory erhielt er den Hawthorne-Preis. Greene wurde mehrmals als Kandidat für den Literaturnobelpreis gehandelt.

übernommen von der Edition Büchergilde



Die Edition Büchergilde schreibt über die Illustratorin:

Annika Siems wurde 1984 in der Nähe von Hamburg geboren. Sie studierte Mode und Illustration an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg sowie an der École nationale supérieure des arts décoratifs in Paris. Seit ihrem Diplom arbeitet sie als freischaffende Künstlerin, ihre Arbeiten werden international ausgestellt.

übernommen von der Edition Büchergilde

Mittwoch, 6. Dezember 2017

Schmidt, Jochen: Zuckersand


Karl, zwei Jahre alt, entdeckt die Welt und sein Vater möchte ihm dabei nicht im Wege stehen. Karls Expeditionen in die Gegenstandswelt von Wohnung und Straße, Spielplatz und Geschäften, die sein Vater liebevoll begleitet, lösen zahlreiche Erinnerungen und Betrachtungen über dessen eigene Kindheit und deren Gegenstandswelt aus. Der Vater will nicht nur Karls Kindheitsglück, sondern auch die Dinge seiner eigenen Kindheit retten und bewahren. Dies ist nicht der einzige Konflikt in seiner innigen Beziehung zu Karls Mutter Klara, die in der Denkmalschutzbehörde arbeitet, und aus dem Büro per SMS Anweisungen zu Karls Erziehung schickt. Und die Aussicht, endlich eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, gefährdet zugleich die "Wunderkammer" voller bedeutungsvoller Gebrauchsgegenstände, die der Ich-Erzähler zu Hause hütet…

(Klappentext C.H. Beck Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 206 Seiten
  • Verlag: C.H.Beck; Auflage: 1 (16. Februar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 340670509X
  • ISBN-13: 978-3406705090











VATER WERDEN IST NICHT SCHWER...



Richard betreut als Werbetexter für 'Die neue Hausfrau' seinen zweijährigen Sohn Karl zu Hause, während Karls Mutter Klara vollzeit berufstätig ist. Eine immer noch eher ungewöhnliche Rollenverteilung, die dem Vater jedoch Gelegenheit gibt, seinen Sohn intensiv zu beobachten, so dass ihm möglichst nichts von dessen Entwicklung entgeht. Um ganz sicher zu gehen, schreibt der Vater seine Beobachtungen täglich akribisch auf, schickt Klara gelegentlich auch eine SMS, um sie ebenfalls an allem teilhaben zu lassen.


"Karl probierte aus, ob sich das tropfende Wasser ohne Schirm besser anfühlte, er jauchzte begeistert, weil er naß wurde. Was passiert mit der Freude, die wir als Kind an so etwas haben? Wogegen tauschen wir sie ein, wenn wir groß werden? Oder bekommen wir gar nichts als Ersatz?"


Doch nicht nur die Beobachtungen Richards bringen dem Leser die Welt aus Kinderaugen nahe, sondern auch seine Reflexionen - nur zu oft gleiten des Vaters Gedanken zurück in das Erleben seiner eigenen Kindheit, so dass hier im Grunde zwei parallele Kindheiten präsentiert werden. Kleinigkeiten geraten hier in den Fokus, was Freunden von Spannunsgliteratur langweilig vorkommen mag. Doch genau dies geschieht im Erleben der Kinder: Kleinigkeiten gewinnen eine immense Bedeutung.

Der Schreibstil ist genau und scharf in seinen Schilderungen, passend zu den häufigen Rückblenden in die Vergangenheit auch in der alten Rechtschreibung gehalten, und doch gibt es auch immer wieder poetische Passagen:


"Ich hatte Sehnsucht nach Klara. Wenn einer von uns vom Sofa aufstand, um neues Eis aus der Küche zu holen, versuchten wir immer, unsere Verflechtung so behutsam wie möglich zu lösen, die Hand noch ein bißchen über den Körper des anderen gleiten zu lassen, so daß es sich anfühlte wie bei Eiskunstläufern, wenn sie für Momente auseinanderstreben, um dann mit Anlauf um so spetakulärer wieder zusammenzufinden und im Kreis zu wirbeln. Es mußte viel schwieriger sein, wenn noch ein kleines Kind dabei war, das nicht Schlittschuh laufen konnte."


Vierzehn lose zusammenhängende Kapitel werden begleitet von vierzehn von Line Hoven gezeichnete Vignetten, die, in schwarzweiß gehalten, den Text passend unterstreichen. Ein leiser Roman, der die Welt mit Kinderaugen sehen lässt und eigene Erinnerungen wachzurufen vermag. Mir hat er gefallen...


© Parden









Jochen Schmidt, geboren und aufgewachsen in einem christlich geprägten Elternhaus in Ost-Berlin, ist ein deutscher Schriftsteller und Journalist. Seine Eltern sind beide Sprachwissenschaftler. Nach dem Abitur 1989 studiert Schmidt zunächst Informatik, dann Germanistik und Romanistik an der Humboldt-Universität in Berlin. Während seines Studiums arbeitet er als Französisch-Übersetzer und reist nach Valencia, Rom oder New York. Er schreibt Kolumnen für verschiedene Zeitungen, Reiseführer, Blogeinträge und Kurzprosa und ist 1999 Mitbegründer der Berliner Lesebühne „Chaussee der Enthusiasten“. Jochen Schmidt wird für seine Arbeit mehrfach ausgezeichnet, beispielsweise ist er Träger des Kasseler Literaturpreises. Große Bekanntheit erlangt Schmidt, als er von Juli 2006 bis Januar 2007 jeden Tag 20 der 3900 Seiten von Prousts „Suche nach der verlorenen Zeit“ liest und täglich einen Blogeintrag dazu verfasst. Diese Blogeinträge werden 2008 in Buchform herausgegeben und erhalten durchweg positive Kritiken. Jochen Schmidt lebt in Berlin und ist ein aktives Mitglied der Autonama, der deutschen Autorennationalmannschaft.

übernommen von Lovelybooks

Samstag, 2. Dezember 2017

BlogPost Nr. 110: Unsere Neuerwerbungen im November 2017


Der graue Monat November... Was liegt näher, als mit ein paar Neuzugängen frische Farbe in unsere Regale zu holen? Hier seht Ihr unsere neuen Schätze...





Anne Parden


Im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks erreichte mich - wie Uwe auch - endlich Band 4 der Reihe um John Finch. Da das vom Verlag versandte Exemplar nicht bei mir ankam, erreichte mich schließlich ein vom Autor signiertes Exemplar. Dafür herzlichen Dank!

Eine erhängte Mumie in einem verlassenen Haus, geheimnisvolle chinesische Schriftzeichen, drei erdrosselte Männer - der Berliner Kommissar Calis steht vor einem Rätsel. Eher zufällig gerät John Finch, ein alter Bekannter des Ermittlers, hinein in diese Gemengelage. Und befindet sich, ehe er sichs versieht, auf einer Jagd nach Geheimnissen zwischen Ost und West, die untrennbar miteinander verwoben sind und die in die dunkelsten Ecken der Vergangenheit führen. Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt ...


Ein Rezensionsexemplar der Edition Büchergilde erreichte mich über eine Leserunde bei Whatchareadin. Darüber freue ich mich ebenfalls sehr!

Wien 1945. Russen, Amerikaner, Franzosen und Briten haben die zerstörte Stadt besetzt. In den Trümmern blüht der Schwarzmarkt und Rollo Martins steht vor einem Rätsel: War sein Jugendfreund Harry Lime tatsächlich der gewissenlose Kopf einer Schieberbande? Ein Spiel mit Licht und Schatten – Annika Siems setzt den Kampf um eine alte Freundschaft im Zeichen von Korruption und Verbrechen eindrucksvoll in Szene. In den sepiafarbenen Tuschezeichnungen der Hamburger Künstlerin werden bekannte Wahrzeichen und der Untergrund der österreichischen Hauptstadt zur Kulisse eines düsteren Versteckspiels. Fast hört man beim Betrachten der Seiten das charakteristische Zither-Thema aus dem Film.


Band 5 der Reihe ist endlich erschienen - und netterweise darf ich hier wieder im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks mitlesen. Ich bin schon total gespannt auf das Buch!

Nach den dramatischen Ereignissen in Yonderwood hoffen Jemma, Jamie, Zack und ihre Freunde eigentlich bloß auf Ruhe, die Rückkehr in den Alltag und einen coolen Ausflug nach CyberLondon, der neuen Simulationswelt in der CyberWorld. Doch was als netter Abend in der CyberCity geplant war, wird schon bald zu einem tödlichen Wettlauf gegen die Zeit, denn Terroristen kapern die Stadt – und sie kennen kein Erbarmen…


Und ein Buch habe ich mir tatsächlich selbst gekauft. Band 3 der Reihe um das Buchland - ich muss schließlich wissen, wie die Geschichte ausgeht!

Das Buchland ist tot, das Antiquariat verlassen. Nach dem verheerenden Brand ist Beatrice ihre eigenen Wege gegangen und widmet sich ganz dem neuen Familienleben. Doch die Vergangenheit holt sie wieder ein, als ein geheimnisvoller Uhrmacher namens Nemo in die Nachbarschaft zieht. Gemeinsam mit ihm und der Homunkula Chaya muss sie sich ein letztes Mal in der unendlichen Bibliothek behaupten, auf einer Reise zwischen Realität und Phantasie.





KaratekaDD


11.11.2017. KaratekaDD war heute auf einer Buchlesung mit Musik. Davon word noch zu lesen sein. Jedenfalls war der Autor der hier schon bekannte Ralf Günther und wenn so ein Autor aus seinen Werken liest, dann legen da in der Nähe sicher auch einige Kaufexemplare. Und so kam KaratekaDD zu dem historischen Roman DIE THEATERGRÄFIN und, weil Weihnachten vor der Tür steht, zu JESUSMARIAUNDJOSEF, was einen Heidenspaß verspricht, denn er erzählt was vor 2000 Jahren wirklich los war.


Vor einigen Tagen war John Finch zum Vierten in der Post. Gerd Schilddorfer lässt bekannte Figuren nach dem Zerberus-Schlüssel suchen und dazu begibt sich ein deutsches Schiff 1940 in das Eismeer. Im Jahr 1970 trifft ein gewisser Schuhmann alias Alexander Schalck-Golodkowski auf unseren Piloten.  Das der wirklich mal so im Außendienst war? Ansonsten bleiben ein paar Leute auf der Strecke und die Jugend des alternden Piloten wird auch näher beleuchtet. Es riecht nach TRIADEN, die Briten Compton und Llewellyn spielen auch wieder mit und ein gewisser Rebus. Die Leserunde auf Lovelybooks ist auch voll im Gange.
Stürzen wir uns also ins Getümmel.



TinSoldier

Hier gibt es derzeit keine Neuzugänge...


Freitag, 1. Dezember 2017

BlogPost Nr. 109: Zusammenfassung der Beiträge im November 2017


In der ersten Novemberhälfte war es auffallend still im Blog. Aus unterschiedlichen Gründen fehlte die Zeit und Konzentration für den Blog, aber in der zweiten Hälfte wurde es wieder lebendiger... Ein bisschen ist da also doch noch zusammen gekommen.




Wie gewohnt gab es zu Beginn des Monats wieder zwei BlogPosts - Nr.107 zeigte die Zusammenfassung unserer Beiträge im Vormonat, Nr. 108 präsentierte unsere Neuerwerbungen im Oktober.


Anne durfte im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks den neuesten Roman von Philippe Claudel lesen: DIE KOSTBARKEIT DES FLÜCHTIGEN LEBENS. Zugegeben, dieser Roman ist anders, als Anne es zunächst erwartet hatte. Nach dem Klappentext vermutete sie, etwas über die monatelange Begleitung Eugènes bis zu dessen Tod zu lesen, doch erweist sich dieser Tod hier nur als Stein des Anstoßes. Des Anstoßes zu einer tiefsinnigen Gedankenreise des bis zum Schluss namenlosen Erzählers - mit Einblicken in sein Leben, sein Schaffen, seine Gefühlswelt. Ähnlich wie Filmeinblendungen reihen sich auch hier einzelne Szenen aneinander, oft ohne einen direkten Bezug zueinander, aber aufgereiht wie Perlen auf einer kostbaren Kette doch ein großes Ganzes ergebend. Ein Buch der leisen Töne und der großen Gedanken - Tod und Leben, zwei Pole unseres Daseins, verpackt in einen wundervollen Roman...

Nach 'Letzter Mann im Turm' ist dies das zweite Hörbuch von Aravind Adiga, das Anne genossen hat. Wer schon immer etwas über das Leben in Indien abseits der Bollywood-Welt wissen wollte, der liegt mit diesem Debüt von genau richtig. DER WEISSE TIGER enttarnt sukzessive eine durch und durch korrupte Gesellschaft, die empörende Scheindemokratie Indiens, das zerrüttete Rechtssystem und die zynische Arroganz der Reichen, die ihr Vieh besser behandeln als ihre Dienerschaft. Es ist ein Buch, das die Augen öffnet. In jeder Hinsicht. Gekonnt gelesen von Jens Wawrczeck.

Mit DAS HAUS DES WINDES hat Anne eines ihrer Jahreshighlights gelesen. Dieser Roman ist ein großartig erzähltes, realistisches, hochspannendes Buch über den indianischen Alltag im Reservat, über Identität, Traditionen und überlieferte Mythen. Es ist auch eine Coming-of-Age-Erzählung, ein Krimi, sowie eine politische Anklageschrift über die immer noch vorhandene Rechtlosigkeit der Ureinwohner Nordamerikas: Indianernationen haben keinerlei Souveränität über Nichtindianer, die sich in ihren Reservaten aufhalten, und können sie im Falle eines Verbrechens nicht belangen. Eine gelungene Mischung, die Louise Erdrich hier präsentiert und zu einer deftig-traurig-komisch-packenden Geschichte verwebt.


Ab und zu darf es für Anne auch ein Sachbuch sein. INSIDE DUISBURG MARXLOH war für sie vor allem aus beruflicher Hinsicht interessant. Franz Voll hat intensiv recherchiert und sechs Monate lang mit vielen Menschen in und um Marxloh gesprochen. Eine interessante Lektüre, die manche Vorurteile bestätigt, aber auch die anderen Seiten des Stadtteils zeigt. Dies sollte für alle Politiker zur Pflichtlektüre werden...


Im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin las Anne auch diesen Roman von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises. Die Erzählung will nicht gefallen, sie ist sperrig wie ihr Hauptcharakter, sie fordert.WALTER NOWAK BLEIBT LIEGEN von Julia Wolf ist ein Roman mit einem außergewöhnlichen Schreibstil und einer reinen Aneinanderreihung von Gedanken - und damit etwas Besonderes, Originelles. Sicher nichts für jedermann, aber Anne hat es wider Erwarten richtig gut gefallen.


ZWISCHEN LEBEN UND ICH ist ein schmaler Band mit Kurzgeschichten von Melanie Völker. Einzeln gelesen, können die Geschichten einen Ruhepol im hektischen Alltag darstellen, voller Farben, Bilder und Wärme, und nebenher noch einen kleinen Gedankenanstoß geben, um bei aller Hektik im Leben das Träumen nicht zu vergessen, um zu versuchen, alles im Gleichgewicht zu halten, um zu überprüfen, ob der eingeschlagene Weg noch der eigene ist. Anne hat diese kleine Sammlung gut gefallen!

Schauen wir mal weiter. Die RUNENZEIT-Saga hat der KaratekaDD nun abgeschlossen. Die Zeitreise in die Zeit, als Arminius die Legionen des Varus und später des Germanicus schlug: Etwas anders erzählt. Von Matk Bredemeyer.

Hier geht es zur RUNENZEIT-Seite und hier zur Besprechung von Band 5 und 6


Einen Jugend-Fantasy-Kurz-Roman hat Anne mit DIE UNGLAUBLICHE WAHRHEIT ÜBER PFÜTZEN von Katharina Prietzel gelesen. Ein paar Seiten mehr hätten der Geschichte sicherlich gut getan, doch trotz kleiner Kritikpunkte fühlte Anne sich insgesamt gut unterhalten...


Mit DAS FLOSS DER MEDUSA hat Anne ein Buch von der diesjährigen Shortlist des Deutschen Buchpreises gelesen. Mit seinen knapp 600 Seiten wird hier eine historisch verbriefte Geschichte von Verrat, Gewalt, Verzweiflung und Überlebenswillen erzählt. Doch dient das Trommelfeuer grässlicher, schockierender und monströser Szenen nicht allein der Erzählung der historischen Begebenheiten - Franzobel hat hier unter gekonnter Vermischung von Fakten und Fiktion vielmehr eine verstörende Allegorie auf die Menschennatur verfasst. Kein bequemes Buch, sondern ein Roman, der seinem Leser viel abverlangt. Anstrengend aber lesenswert!


Man kann einfach nicht immer nur anspruchsvolle Literatur lesen. Und so genoss Anne den kurzen Ausflug in die Welt der Frauenromane. Mit ZEIT DER APFELROSEN erwischte sie diesmal einen Kurzroman von Gabriella Engelmann. Bis auf das arg weichgespülte Ende eine überzeugende Vorstellung. Es müssen eben nicht immer die dicken Schinken sein - auch in der Kürze kann die Würze liegen...


Ein schräges Debüt hat Anne mit BRIEFE AN DIE GRÜNE FEE gelesen. Ein Briefroman von Salih Jamal, der Anne nicht wirklich überzeugen konnte. Vor allem die Arroganz und Überheblichkeit des Hauptcharakters sorgten beim Lesen für deutliche Verärgerung, und überhaupt war es schwer, hier einen wirklichen Zugang zu finden. Doch einige poetische Passagen trösteten über den ansonsten oft rauen und vulgären Schreibstil hinweg. Alles in allem ein ambitioniertes Debüt, das für Anne jedoch klar über das Ziel hinausschießt.

Donnerstag, 30. November 2017

Jamal, Salih: Briefe an die grüne Fee


Hoch über den Dächern der Stadt sitzt der Ich-Erzähler, bereit zum Sprung. In seiner Tasche: eine alte Pistole und Briefe an eine geheimnisvolle, devote Flamenco-Tänzerin, die er im Internet über ein Dating-Portal kennengelernt hat. In zwei zusammenlaufenden Handlungssträngen erzählt er von seiner Affäre und von den Menschen, die ihm begegneten. Er schildert seinen Blick auf die Welt, seinen Weg aus Leichtigkeit und Unbekümmertheit in die Fesseln der Verantwortung und den Versuch, dieser Gewissenhaftigkeit zu entfliehen. Dabei sucht er melancholisch, wütend und fragend das Wesen der Liebe, um an den Kern der menschlichen Seele vorzudringen. In seinen Gedanken dealt er deshalb mit dem Teufel. Eine Geschichte aus lustigen, tragischen und unverschämten Anekdoten, erzählt in einer flapsigen und teilweise vulgären Sprache, und tiefgründigen, poetischen Gedanken über die Welt, in der Männer wie vergessene Turnbeutel in der Tinnef-Abteilung bei IKEA darauf warten, abgeholt zu werden, oder in der versucht wird, die Zeugen Jehovas an der Haustüre zu einem Dreier zu überreden.

  • Taschenbuch: 260 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 2 (12. Oktober 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3744832805
  • ISBN-13: 978-374483280










HUNGRIGE HERZEN BLUTEN SCHNELLER...



Ein Mann sitzt auf einem Dach, eine Pistole in der Tasche und bereit zum Sprung. Das Buch erzählt, wie es dazu kommen konnte, dass dieser Mensch dort sitzt und auf den richtigen Moment wartet, seinem Leben ein Ende zu setzen. Einblicke in die Vergangenheit sowie in die aktuelle Gedankenwelt des Ich-Erzählers beleuchten den Hintergrund dieser Entscheidung. Und eines ist gewiss: dieses Leben war bunt.


"Alle anziehenden Leute sind immer im Kern verdorben, darin liegt das Geheimnis ihrer sympathischen Kraft. Wenn man sich auch wünscht, tugendhaft zu bleiben, stellt man eines Tages fest, dass die wirklich glücklichen Augenblicke jene gewesen sind, die man der Sünde gewidmet hat." (Oscar Wilde) - S. 238


Es gibt sie, die Menschen, die von klein auf die Zündschnur des Lebens gleich an beiden Enden abbrennen, immer auf der Suche nach dem besonderen Kick. Nichts wird dabei ausgelassen: Rauchen, Saufen, Drogen, Klauen, Spielen, Sex... Was der Ich-Erzähler hier so treibt oder getrieben hat, soll seine Sache sein und meine nicht, dies zu bewerten. Da ist doch jeder seines Glückes Schmied. Reichlich schräg und fast schon amüsant gerät dabei z.B. der Widerspruch zwischen der biederen Lehre des jungen Mannes im Kaufhaus für die gehobene Kundschaft an der Kö in Düsseldorf einerseits und der sonstigen Haltung des Lebenskünstlers andererseits, der wirklich nichts anbrennen lässt.


"Ich bin süchtig. Ich bin hochgradig süchtig! Verloren auf der verzweifelten Suche nach 'ganz und gar'." - S. 196



Im Zentrum der Erinnerungen steht jedoch der überdimensionierte Egoismus des Erzählers, den Blick nur auf sich und sein Vergnügen gerichtet - doch selbst hier gilt noch: so what. Muss nicht meines sein, aber zum Hauptcharakter passt es. Doch bei aller Hochachtung vor der Offenheit und schonungslosen Ehrlichkeit des Erzählers - das Buch hat lt. Autor auch viele autobiografische Anteile - gab es einen Punkt, der mich beim Lesen richtiggehend anwiderte, nämlich die zeitweise maßlose Arroganz und Überheblichkeit des Hauptcharakters.

Der Erzähler als Nabel der Welt stellt sich mit dem Nimbus der Unverletztlichkeit über alle Menschen, die er durch Charme und Menschenkenntnis allesamt in seinem Sinne zu manipulieren vermag. Und nur schlanke Menschen sind toll, und nur d a s Leben ist lebenswert, bei dem die Lunte an beiden Enden gleichzeitig angezündet wird, und alle, die nicht nach dieser Prämisse leben, sind Biedermänner (und -frauen), die Udo Jürgens lieben - der Abwertung anderer Menschen wird hier erschreckend viel Raum gegeben. Dass man für sich so ein 'normales' Leben nicht will, okay, kein Problem. Aber diese klar bewertende Einteilung von Menschen in schräge und interessante Außenseiter, die sich den gesellschaftlichen Zwängen möglichst entziehen (durch illegale Methoden aber gut für sich sorgen) und im Alltagstrott versumpfte Blödmänner kann ich einfach nicht leiden. Das wirkt einfach nur - ewigpubertär.


"Es ist ein Trugschluss, die Geschwindigkeit eines Menschen stünde im Einklang mit der eines anderen. Die Vorstellung dieses Gleichklangs ist die Illusion der Liebe." - S. 238


Doch immer nur Nehmen ohne Rücksicht auf Verluste, das kann selbst für ein Sonntagskind nicht lebenslang funktionieren. Und so trifft den Erzähler das Leid einer unglücklichen Liebe und führt ihn zu mancherlei Erkenntnis. Nein, keine Läuterung vom Saulus zum Paulus, doch durchaus selbstkritisch an der ein oder anderen Stelle. Verbunden auch mit ein wenig Erkenntnis über das Leben an sich.

Leider bekam ich nur an wenigen Stellen des Romans einen Zugang zum Hauptcharakter. Auch wenn die Verletztlichkeit und Melancholie des Erzählers immer wieder anklangen, domninierte hier das exzessive Verhalten um jeden Preis. 'Befremdlich' ist noch die netteste Bezeichnung, die mir hierzu einfällt. Ich hätte gerne Positiveres geschrieben, da dieses Debüt des begeisterungsfähigen Autors ihm ganz sicher eine Herzensangelgenheit ist. Aber mir erging es mit dem Buch nun einmal nicht besser, und der Hauptcharakter blieb mir fremd und oft gleichgültig.


"Nach meinem Diesseits kann mich der Teufel gerne haben und grillen. Wer das Hier und Jetzt wirklich empfangen kann, ist nah dran am Glück." - S. 258


Einige durchaus poetische Passagen versöhnten mich mit dem ansonsten oft rauen und auch vulgären Schreibstil, und auch auf einige detaillierte erotische Szenen muss man hier gefasst sein, die nur selten feinfühlig beschrieben sind. Mich beeindruckte der Stil deutlich weniger als andere Leser, aber Geschmäcker sind nun einmal bekanntlich verschieden...

Alles in allem ein ambitioniertes Debüt, das für mich jedoch klar über das Ziel hinausschießt. Den vom Autor selbst gezogenen Vergleich mit Goethes Werther kann ich jedoch in keiner Weise nachvollziehen - bestenfalls ist dies als Äußerung mit einem deutlichen Augenzwinkern zu verstehen. Von dem Roman jedenfalls hatte ich mir deutlich mehr erhofft...


© Parden








Der Autor Salih Jamal schreibt über sich selbst:

Ich wurde weit entfernt von dort geboren, wo ich hingehörte. So suchte ich zeitlebens meinen Weg nach Hause und gleichzeitig hinfort. Ein langer, ungewisser und wohl unmöglicher Weg, der mich zu Jobs im Fast-Food-Restaurant, in die Herrenabteilung eines Modehauses auf der piekfeinen Düsseldorfer Königsallee, als Rosenverkäufer in Bordellen oder als Kurierfahrer, der das Kanzleramt belieferte, geführt hat.

In einer staubigen Zeit erblickte ich das Licht der Welt. Um zwanzig nach sieben, an einem Sonntag genau in der Minute des Sonnenaufgangs, atmete ich den letzten Hauch der vergangenen Nacht in mein neues Leben ein. Alles stand im Sternzeichen des Skorpions und auch noch im Aszendent Skorpion. Koordinaten für die Weltherrschaft. 

Später erfuhr ich, dass mein Tierzeichen des chinesischen Horoskops das Feuerpferd ist. Feuerpferde sind sehr selten. In der fernöstlichen Astrologie wurden die Eigenschaften von Feuer und Pferd kombiniert: Pferde sind klug, selbstbewusst, egoistisch, unruhig und leidenschaftlich. Dabei sind sie so freiheitsliebend, dass sie die Welt vergessen können, so dass man durchaus niedergerannt werden kann, wenn man ihnen im Weg steht. Menschen, die im Feuer geboren werden sind dominant und brennen vor Hingabe an Dinge. Manchmal so lange, bis alles um sie herum zerstört ist. Der Akt meiner Geburt war als solcher gar nicht vorhanden. Ich flutschte einfach raus! So wie ich auch später durchs Leben flutschen sollte. Ich bin übrigens Frühaufsteher. Ob das etwas damit zu tun hat?


Sonntag, 26. November 2017

Engelmann, Gabriella: Zeit der Apfelrosen


Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – und das Chaos nicht weit … Olivia weiß genau, was sie im Leben erreichen möchte: Karriere machen, ihren Freund heiraten und mit ihm eine Familie gründen. Das kann doch nicht so schwer sein, oder? Man muss sich einfach ein bisschen anstrengen, dann klappt’s schon mit dem großen Glück! So sieht das Olivia. Nur leider hat das Leben manchmal ganz andere Pläne…

(Klappentext dotbooks Verlag)


  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1076.0 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 91 Seiten
  • Verlag: dotbooks Verlag; Auflage: 1 (9. Oktober 2017)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B0769Q2W97









UND ERSTENS KOMMT ES ANDERS UND ZWEITENS ALS MAN DENKT...



Olivia hat die dreißig überschritten und eigentlich klare Vorstellungen von dem, was sie sich vom Leben erhofft. Der Beruf ist ihr sehr wichtig, und sie engagiert sich dort auch sehr. Privat dagegen läuft es irgendwie nicht so richtig rund. Ihr Freund lässt sie plötzlich sitzen, ihr Lebenscoach hilft ihr auch nicht so richtig weiter - nur gut, dass ihre beste Freundin Vera immer für sie da ist. Denn unversehens geht es für Olivia drunter und drüber, und es müssen einige wichtige Entscheidungen getroffen werden.

Zwischendruch lese ich immer wieder einmal gerne einen Roman von Gabriella Engelmann. Diesmal präsentiert sie allerdings mit gerade einmal 91 Seiten einen Kurzroman. Kann das funktionieren?

Es kann. Mit Olivia hat die Autorin einen sympathisch-chaotischen Charakter geschaffen, eine Person, die trotz aller Überraschungen, die das Leben für sie bereit hält, den Kopf nicht verliert. Gefühle gibt es die gesamte Klaviatur rauf und runter, aber meistens nicht zu kitschig, sondern stets verbunden mit humorvollen Szenen und einem Augenzwinkern. Lediglich den Epilog hätte es in der Form für mich nicht geben müssen - da hätte ich diesmal tatsächlich ein offenes Ende bevorzugt.

Insgesamt hat mir der Kurzroman die erhoffte unkomplizierte Entspannung geboten und ein paar kurzweilige Lesestunden beschert. Gerne mehr davon!


© Parden











Der dotbooks Verlag schreibt über die Autorin:

Gabriella Engelmann, geboren 1966 in München, lebt in Hamburg. Sie arbeitete als Buchhändlerin, Lektorin und Verlagsleiterin, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Romanen, Kinder- und Jugendbüchern zu widmen begann.

Bei dotbooks veröffentlichte Gabriella Engelmanns bereits die Romane „Nur Liebe ist schöner“, „Schluss mit lustig“ und „Kuss au chocolat“ sowie die Erzählungen und Kurzromane „Eine Liebe für die Ewigkeit“, „Verträumt, verpeilt und voll verliebt“, „Dafür ist man nie zu alt“, „Te quiero heißt Ich liebe dich“, „Ein Kuss, der nach Lavendel schmeckt“ und „Zeit der Apfelrosen“; weitere eBooks sind in Vorbereitung.

übernommen vom dotbooks Verlag