Sonntag, 18. Februar 2018

Coelho, Paulo: Der Weg des Bogens

Ein Buch im Design des Diogenes-Verlages. Ein kleines Buch. Darauf ein sparsames, skizzenhaftes Bild. Kyudo – Die Kunst des Bogens. So heißt dann das Büchlein: Der Weg des Bogens. Von Paulo Coelho. Ein Brasilianer schreibt „japanisch“. Ein Meister des Bogens lehrt einen Jungen. Und doch: „Ein Meister ist nicht derjenige, der etwas lehrt, sondern jemand, der seinen Schüler dazu anregt, sein Bestes zu geben, um ein Wissen zu entdecken, das er bereits in seiner Seele trägt.“ (S.25) Im Prolog begegnet der Junge dem Tischler Tsetsuya, den ein Fremder aufsucht um sich durch einen Wettkampf im Kyudo selbst zu beweisen.

Coelho hat den „japanischen“ Weg gewählt, um die Leserinnen und Leser mit seinen Gedanken vorwärts zu bringen. Das Ziel, der Bogen, der Pfeil, die Haltung, der Abschuss, der Flug des Pfeils: So heißen einige der Kapitel, doch ist das erste Kapitel das wichtigste. Die Verbündeten. Dieses handelt von den Menschen. Das man „Menschen erst anhören muss, eh man über sie urteilt“, in heutiger Zeit, eine leider zu oft in Verlust geratene Weisheit. Der Autor, in der Gestalt des Kyudo-Meisters Tetsuya, fordert seinen Schüler auf: „Suche dir Verbündete  – Menschen, die sich für das interessieren, was du tust.“ Er erklärt weiter, dass dies „Menschen sind, die keine Angst davor haben, sich zu irren und es daher auch tun. Aus diesem Grund wird ihre Arbeit nicht immer anerkannt.“ (S.33/35)

Sie scheinen selten geworden zu sein, diese Menschen. Doch wie ist man selbst? Sollte man nicht ähnliche Eigenschaften aufweisen wie seine „Verbündeten“ von denen Tstsuya sagt: „Tu dich mit denen zusammen, die etwas ausprobieren, etwas riskieren, die hinfallen, sich verletzen und dann trotzdem wieder etwas riskieren. Und halte dich von jenen fern... die niemals einen Schritt tun, ohne die Gewissheit zu haben, deswegeb geachtet zu werden, und die Gewissheit dem Zweifel vorziehen.“ (S.37)



Wo gehen wir hin? Welchen Weg verfolgen wir? Warum tun wir etwas? Tsetsuya beschreibt den Bogen als Leben, aus dem die Kraft kommt, den Pfeil als Absicht, welche „kristallkar, geradlinig, gut ausgewogen“ sein muss, denn „Ist der Pfeil erst einmal losgeflogen, kommt er nicht mehr zurück.“ (S.53) 

Das Ziel dagegen wurde vom Schützen ausgewählt, ist weit weg und nie schuld daran, dass es nicht getroffen wurde. Für die Wahl des Zieles ist man selbst verantwortlich.

Der Blogger denkt hierbei an etwas, was ihn beruflich im Besonderen betrifft, das Verhältnis von Lehrer und Schüler. Wir können sie uns meist nicht aussuchen, aber wir verfolgen Ziele mit dem, was wir lehren. Die Frage ist allerdings weniger was wir lehren, sondern wie. Du musst „dem Ziel Respekt bezeugen und es im Geist zu dir heranholen. Erst wenn es sich auf der Spitze des Pfeils befindet, sollte sich die Sehne lösen.“ (S.59)
„Der Pfeil sucht das Ziel, aber das Ziel sucht auch den Pfeil, weil dieser seiner Existenz einen Sinn verleiht.“ (S.63)

Es geht nicht zwingend um das Bogenschießen beim Weg des Bogens. Das Üben hört nie auf. Präzision in der Technik ist sicher wichtig, aber die ständige Vervollkommnung in allem was wir beginnen und fortsetzen, das ist der Weg des Bogens.

Das japanische Budo, die Kampfkunst, sei es Aikido, Judo, Karate, Kyudo oder Iado, lehrt nicht nur Technik und Präzision, es zeigt dem interessierten Schüler auch einen Weg (des Lebens), den er für sich finden kann. Mit und ohne der Kunst des Bogens.

Die Erzählkunst und die Aussagekraft der Worte von Paulo Coelho haben eine große Kraft. Sie haben etwas Philosophisches. Coelho hat sich mit ZEN und mit KYUDO beschäftigt. Der Präsident des Schweizer Kyudo-Verbandes hat „wertvolle Hinweise“ gegeben, wie im Büchlein nachzulesen ist. Selten aber gibt es ein Buch mit solchem Hintergrund, welches völlig ohne Wissen über diesen gelesen werden kann. Wobei gleichzeitig auch kulturelles Wissen vermittelt wird: Uns Europäern sind die asiatischen Kulturen ja eher schwer zugänglich, die Denk- und Handlungsweisen der Menschen unverständlich wie sie gleichermaßen faszinieren und dabei anziehend wirken.




Christoph Niemann hat das Büchlein illustriert. Es sind farblich sparsame Bilder, die die Worte und Sätze sehr schön ergänzen, manchmal mit wenigen Strichen nur. Japanische Stilarten lassen sich wieder erkennen. So ist der Druck des Romans des „japanisch schreibenden“ Brasilianers aus der Schweiz rundum erstklassig gelungen.

Paulo Coelho (wiki)
Paulo Coelho hatte es bisher nicht in unseren Blog geschafft. Der Grund ist schlicht: Der Blogger zumindest hatte kein Buch von ihm gelesen. Seit dem Besuch eines Konzerts „Nine Secrets" des Weltstars Ute Lemper über „Die  Schriften von Accra“ von Paulo Coelho schlich er immer wieder um die Auslagen in diversen Buchhandlungen drumrum. Wie gelegentlich schon geschehen, waren es dann Buchbesprechungen anderer Blogger, die ihn zugreifen ließen. Der 1947 geborene Autor hat eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie in der brasilianischen Militärdiktatur gesammelt, vielleicht kommt daher die Suche nach spirituellen Dingen, die sich in solchen Lebensweisheiten niederschlagen.




DNB / Diogenes Verlag / Zürich 2017 / ISBN: 978-3-257-06948-8 / 149 Seiten
► Paulo Coelho im Diogenes Verlag
► Paulo Coelho in der wikipedia
Webseite von Paulo Coelho


© KaratekaDD


Abb:

  • https://de.wikipedia.org/wiki/Paulo_Coelho
  • (Bogenschützin - Foto) https://matadornetwork.com/bnt/kyudo-the-ancient-art-of-japanese-archery/
  • (jap. Bogenschütze) Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5776466

Sonntag, 11. Februar 2018

BUCHMessePOST 02-2018



Nein, ich habe den Job nicht gewechselt. Vertreten werde ich unseren Blog. "Freier Journalist" erscheint übertrieben. Auf jeden Fall aber ist der Besuch nun gesichert. Momentan in Leipzig arbeitend, sind es bis zur Messe nur wenige Kilometer und ich könnte ja mit dem Rad hinfahren, wenn da nicht das notwendige Equipment wäre, welches da mitgeschleppt werden muss. Von Büchern und anderen "Mitbringseln" auf dem Rückweg ganz zu schweigen.

Nun folgt die Beschäftigung mit dem Programm. Natürlich bleibt auch Zeit für einen Besuch bei alten Bekannten. Da gibt es sicher auch ein paar Bücher, die ich bereits im Fokus habe.  Doch dazu später sicher mehr.

Diverse Blogger-Kollegen treffen ist ganz sicher auch ein Punkt, der wichtig ist. Oder Buchgesichter? Vielleicht meldet sich ja schon diese oder jener auf diesen Post?


(c) Buchmesse Leipzig

© KaratekaDD





Freitag, 9. Februar 2018

Winter, C'rysta: Eine Leiche für Perrot


Achille Perrot, der Enkel des großen Hercule Perrot weilt in Deutschland. Pour les vacances. Eine gute Gelegenheit, seinem Freund Inspektor Jeff einen Besuch in Lower Saxony abzustatten. Doch schon am zweiten Tag seines Aufenthaltes ist es vorbei mit der Soltinger Heidekraut- und Heidschnucken Idylle. Die hinreißend schöne Braut Lady Lucy Atterberry liegt tot am Ufer des Weidenhofsees. Keiner der noblen britischen Hochzeitsgäste will den Mord bemerkt haben. Achille Perrot und Inspektor Jeff fischen buchstäblich im Trüben. Zu allem Überfluss taucht während der Ermittlungen eine Spielkarte auf. Die Karte des Todes. Bald danach verschwinden drei ältere Damen. Wie überaus trefflich, dass Achille Perrot nicht nur das Faible für einen Schnurrbart, sondern auch das exzellente Schnüffelgen seines Vorfahren geerbt hat.

(Klappentext Books on Demand)


  • Taschenbuch: 308 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 2 (28. September 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3744871304
  • ISBN-13: 978-3744871303













ÄHNLICHKEITEN MIT BERÜHMTEN FIGUREN SIND ALLES ANDERE ALS 'REIN ZUFÄLLIG'...



Wer jetzt beim Lesen des Klappentextes schon mehrfach gestutzt hat, ja, der hat recht. Achillle hieß nicht nur der Bruder des berühmten Hercule Poirot, nein, der belgische Detektiv arbeitete seinerzeit auch mit dem britischen Chefinspektor James Japp vom Scotland-Yard zusammen. Die Namensähnlichkeiten drängen sich hier also förmlich auf, und nein, zufällig sind sie ganz sicher nicht... In der Leserunde zu diesem Buch verriet die Autorin, weshalb nur ähnliche Namen gewählt wurden:


"Das Copyright Problem Hercule Poirot vor dem Hintergrund der gewaltigen Agatha Christie Ltd., ihres Zeichens ein feuerspeiender Drache mit riesigen Zähnen, der alles niedermäht was auch nur den Hauch einer Rechteverletzung in sich birgt..."


Ah, ja, alles klar! Aber Ähnlichkeiten hin, Unterschiede her, aus jeder einzelnen Zeile des Buches trieft die Liebe der Autorin zu dieser berühmten Figur aus der Feder von Agatha Christie. Dabei zeigt der Enkel des berühmten Hercule Perrot durchaus Parallelen zu seinem großartigen Vorfahren - er ist stark von sich und seinen Fähigkeiten überzeugt, nutzt zur Lösung eines Falles vor allem seine grauen Zellen, naturellement, ist stolz auf seinen Schnurrbart und kleidet sich stets makellos. Und wie sein Großvater verrät auch Achille erst ganz am Schluss im Kreise aller Verdächtigen, welche Schlussfolgerungen er aus all den Befragungen und Beobachtungen gezogen und welche Schwindeleien er durchschaut hat. Denn sonst würde ihm ja sein großer Auftritt fehlen, n'est-ce pas?

Aber bis zur Auflösung gibt es für Achille Perrot und Inspektor Jeff viel zu tun, denn bei über 100 geladenen Hochzeitsgästen gibt es eine unüberschaubare Menge an Verdächtigen. War es der Ehemann? Die Mutter der Braut? Die Freundin? Oder aber die kleine Gruppe reizender alter Damen, die - ebenfalls nicht zufällig - an 'Arsen und Spitzenhäubchen' erinnern? Und wie überhaupt ist Lady Atterberry ums Leben gekommen? Dumm nur, dass immer wieder Zeugen verschwinden und alles in einem Sumpf aus Lügen und Halbwahrheiten versinkt, was die Sicht auf den Fall einfach nicht klarer werden lässt.

Peter Ustinov als H. Poirot
Vielleicht werden hier ein paar Ermittlungsschleifen zu viel gedreht, im Sinne der Verwirrung ein wenig zu viel Schlamm aufgewirbelt, ein paar Handlungsstränge zu viel gewebt, die teilweise am Schluss als lose Enden hinterherflattern, aber für Fans der Poirot-Krimis ist dieser Cosy-Krimi fast schon ein Muss! Unbedingt attestieren muss man der Autorin C'rysta Winter neben der offensichtlichen Liebe für den berühmten Detektiv auch die Freude am Fabulieren, den Spaß an ihren liebevoll ausgestalteten Figuren, den untergründigen Humor und das Vergnügen an den tausenderlei Anspielungen auf andere lebende und erfundene bekannte Personen. Hier gibt es viel zu entdecken, und ich gestehe, dass ich ohne die Leserunde und die hilfreichen Hinweise der Autorin manches überlesen oder nicht erkannt hätte.

Alles in allem entpuppte sich dieser Krimi jedenfalls als ein augenzwinkernder und durchaus spannender Lesespaß, nicht nur für Fans von Agatha Christie!


© Parden










Bei Lovelybooks erfährt man über die Autorin:

C’rysta Winter ist: … geboren unter einem eisblauen Hamburger Himmel im Januar 1952 … Niedersachsen-Landei … Hercule Poirot Komplizin … Erfinderin des Poirot Enkels, Achille Perrot … C’rysta Winter liebt: … Islandpferde … Die Abgründe der menschlichen Seele … Rätselhafte literarische Morde … Scharfsinnige Ermittler

übernommen von Lovelybooks

Sonntag, 4. Februar 2018

Schalansky, Judith: Atlas der abgelegenen Inseln


Dass es immer noch Orte gibt, die schwer zu erreichen sind, erscheint uns heute nicht mehr vorstellbar. Judith Schalansky aber hat sie gesammelt: fünfzig entlegene Inseln, die in jeder Hinsicht weit entfernt sind, entfernt vom Festland, von Menschen, von Flughäfen und Reisekatalogen. Aus historischen Begebenheiten und naturwissenschaftlichen Berichten spinnt die Autorin zu jeder Insel eine Prosaminiatur, absurd-abgründige Geschichten, wie sie nur die Wirklichkeit sich auszudenken vermag, wenn sie mit wenigen Quadratkilometern im Nirgendwo auskommen muss. Sie handeln von seltenen Tieren und seltsamen Menschen – von gestrandeten Sklaven und einsamen Naturforschern, verirrten Entdeckern und verwirrten Leuchtturmwärtern, meuternden Matrosen und vergessenen Schiffbrüchigen, braven Sträflingen und strafversetzten Beamten, kurzum: von freiwilligen und unfreiwilligen Robinsons. Nicht zuletzt fasziniert dieser außergewöhnliche Atlas durch seine aufwendige und besonders schöne Gestaltung. Kunstvoll illustriert und durchgehend in fünf Sonderfarben gedruckt, zeigt er nach Ozeanen geordnet alle Inseln im jeweils identischen Maßstab. Damit entführt uns Judith Schalansky zu fünfzig entlegenen Orten – von Tristan da Cunha bis zum Clipperton-Atoll, von der Weihnachts- bis zur Osterinsel – und beweist, dass die abenteuerlichsten Reisen immer noch im Kopf stattfinden: mit dem Finger auf der Landkarte.

(Klappentext Mare Verlag)


  • Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
  • Verlag: Mare Verlag; Auflage: 18. (15. September 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3866481179
  • ISBN-13: 978-3866481176







Ich danke dem Mare Verlag ganz herzlich für die Möglichkeit, dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen zu dürfen! 







IRGENDWO IM NIRGENDWO...



Die Einsamkeit liegt im Nordpolarmeer - und Amsterdam mitten im Indischen Ozean, doch weit weg von den farbenblinden Pingelapesen. Wohl verrückt geworden? Aber nein, das sind nur drei der insgesamt fünfzig Inseln, die Judith Schalansky in diesem außergewöhnlichen Atlas vorstellt.

Moment mal: Wer liest denn wohl einen Atlas? "Ich nicht!", hätte ich vor einem Blick in dieses Buch im Brustton der Überzeugung gesagt, und tatsächlich fand ich die schulisch genutzten Diercke-Exemplare meist eher staubig und ziemlich langweilig. Doch Judith Schalansky hat sich den Exoten gewidmet, unzugänglichen Fleckchen Erde, weitab in den Ozeanen der Welt, oft so weit entfernt von ihrem Mutterland, dass sie nicht mehr auf die nationalen Karten passen: "Fünfzig Inseln, auf denen ich nie war und niemals sein werde." Eben.

Dieser Untertitel macht neugierig, und nach einem ersten Durchblättern war mir klar, wie unterschiedlich diese dargestellten Inseln sind. Sei es von der Entstehung her (vulkanischen Ursprungs oder entstanden durch die Abglagerungen von Korallen oder das Ergebnis von Aufwerfungen durch die Verschiebung tektonischer Platten), sei es bezogen auf das Klima (tropische Bedingungen bis hin zur unwirtlichen Eiswüste) oder aber auch hinsichtlich der Entdeckungsgeschichte, der Nutzung, der Bewohnbarkeit... Was sich jetzt vielleicht doch lesen mag wie 'typsich Atlas', wird hier aber eher 'nebenbei' vermittelt.


"Viele abgelegene Inseln erweisen sich als doppelt unerreichbar. Der Weg zu ihnen ist lang und beschwerlich, die Anlandung lebensgefährlich bis unmöglich, und selbst wenn sie gelingt, entpuppt sich das so lang ersehnte Land häufig genug - als hätte man es nicht schon geahnt - als öde und wertlos (...) Nicht selten macht sich bei den wenigen Besuchern vor Ort das blanke Entsetzen breit, und im Angesicht des deutlich begrenzten Raumes schleicht sich wie von selbst der beunruhigende Gedanke an das Risiko ein, zurückgelassen zu werden und bis ans Ende der Tage hier, auf einer einsamen Insel, ein Dasein fristen zu müssen." (S. 15 ff.)


Judith Schalansky versteht den Begriff 'Atlas' eher in seiner ursprünglichen Bedeutung: 'Theatrum orbis terrarum' - 'Theater der Welt' - und versucht diesem in ihren Schilderungen gerecht zu werden. Gerade die Abgeschlossenheit der Inseln und ihre abgelegenen Positionen führen, sofern sie bewohnt sind, oft zu skurrilen Auswüchsen menschlichen Verhaltens. Eine unumgängliche Kindstötung im Sinne einer Geburtenkontrolle findet sich hier ebenso wie Vergewaltigung, Mord und Kannabalismus, selbsternannte Könige und Kaiserinnen genauso wie Völkerrechtsbrüche durch das Initiieren ökologischer Katastrophen oder auch das Zünden von Atombomben.


"Das Paradies mag eine Insel sein. Die Hölle ist es auch." (S. 18)


Dieser außergewöhnliche Atlas fasziniert neben dem ungewöhnlichen Schwerpunkt auch durch seine aufwändige und liebevolle Gestaltung. Kunstvoll illustriert, zeigt er nach Ozeanen geordnet alle Inseln im jeweils identischen Maßstab. Dem jeweiligen Ozean ist auf leuchtendem Orange gedruckt eine Übersichtskarte vorangestellt, so dass die Lage der im Anschluss näher vorgestellten Inseln deutlich wird. Dabei sind die Landmassen der Kontinente nur in schemenhaftem Grau angedeutet, was die Aufmerksamkeit auf die Inseln selbst lenkt.

Der Vorstellung der einzelnen Inseln ist jeweils eine Doppelseite gewidmet: rechts auf blauem Hintergrund die graphische Darstellung des Eilandes (eben wie in einem Atlas), links Wissenswertes zu der Insel. Dabei befinden sich die grundlegenden Informationen wie der Name der Insel in verschiedenen Sprachen, die genaue Lage, die Darstellung auf der Weltkugel, die Entfernungen zu den nächstgelegenen Landmassen sowie ein Zeitstrahl, auf dem die wichtigsten Ereignisse rund um das Eiland festgehalten wurden, im oberen Drittel der Seite. Die anderen zwei Drittel der Seite sind nicht etwa der Nutzung der Insel gewidmet, den klimatischen oder topographischen Gegebenheiten, sondern, zu meiner positiven Überraschung, jeweils einer besonderen Anekdote, die sich auf der jeweiligen Insel zugetragen hat.


"Jedoch sind es gerade die schrecklichen Begebenheiten, die das größte erzählerischen Potenzial haben und für die Inseln der perfekte Handlungsort sind. Während die Absurdität der Wirklichkeit sich in der relativierenden Weite der großen Landmassen verliert, liegt sie hier offen zutage. Die Insel ist ein theatraler Raum: Alles, was hier geschieht, verdichtet sich beinahe zwangsläufig zu Geschichten, zu Kammerspielen im Nirgendwo..." (S. 19)


Diese Anekdoten sind lehrreich und unterhaltsam, stellen historische und naturwissenschaftliche Informationen in den Vordergrund - und vor allem den Menschen selbst. Von gestrandeten Sklaven ist hier ebenso die Rede wie von einsamen Naturforschern, verirrten Entdeckern und verwirrten Leuchtturmwärtern; meuternde Matrosen schaffen sich ebenso ihr Refugium wie vergessene Schiffbrüchige, Sträflinge sind kaum schlechter dran als ihre Bewacher. Hier lässt sich mindestens so viel über die menschliche Natur lernen wie über die sachlichen Fakten zu den Inseln.

Fünfzig entlegene Inseln, die garantiert in keinem Reisekatalog auftauchen, die aber, sorgfältig recherchiert wie hier, in jedem Fall gut sind für eine interessante und lehrreiche Lektüre. Nicht nur das Durchblättern lohnt sich hier, der Atlas will tatsächlich gelesen werden. Und das habe ich gerne und mit wachsendem Vergnügen getan.


© Parden










Der Mare Verlag schreibt über die Autorin:

Judith Schalansky, geboren 1980 in Greifswald, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign, lebt heute als freie Autorin und Gestalterin in Berlin. 2006 veröffentlichte sie ihr typografisches Kompendium Fraktur mon Amour, das mit mehreren Designpreisen ausgezeichnet wurde. Ihr literarisches Debüt Blau steht dir nicht erschien 2008 bei mare. Im Jahr 2009 verbrachte Judith Schalansky drei Monate als Stipendiatin in der Villa Aurora in Los Angeles. Im gleichen Jahr erschien bei mare der Atlas der abgelegenen Inseln. Das Buch erhielt den 1. Preis der Stiftung Buchkunst 2009 und wurde damit zum „schönsten deutschen Buch des Jahres“ gekürt.

übernommen vom Mare Verlag

Samstag, 3. Februar 2018

Giordano, Paolo: Schwarz und Silber (Hörbuch)


Was passiert, wenn plötzlich jemand fehlt, der immer da war?

Nora und ihr Mann leben mit ihrem kleinen Sohn in Turin. Sie ist Architektin, er ist Physiker. Im Alltag werden sie unterstützt von der wunderbaren Babette – sie ist die Frau für alles, sie betreut das Kind, sie kocht, sie schmeißt den Haushalt. Babette gehört zur Familie. Doch eines Tages kann sie nicht mehr kommen, sie ist an Krebs erkrankt. Paolo Giordano zeigt mit der ihm eigenen präzisen Beobachtungsgabe und großen Empathie, wie das Fehlen eines geliebten Menschen alles verändert und wie man gleichzeitig die Erinnerung an diese Person wachhalten kann.


(Klappentext Rowohlt Verlag)

  • Hörbuch-Download
  • Spieldauer: 3 Stunden und 32 Minuten
  • Format: Hörbuch-Download
  • Version: Ungekürzte Ausgabe
  • Verlag: Audiobuch Verlag OHG
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 28. Januar 2016
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Barbara Kleiner 
  • Sprecher: Heikko Deutschmann
  • ASIN: B01B6I20HK
  • Originaltitel: Il nero e l'argento










MELANCHOLIE...



Signora A., genannt Babette, ist das eigentliche Zentrum einer Kleinfamilie. Als Haushälterin sorgt sie für den reibungslosen Ablauf des Haushalts, kümmert sich um den kleinen Sohn und hat auch für die Befindlichkeiten der Eheleute - ein Physiker und eine Architektin - immer ein offenes Ohr. Schon lange verwitwet, scheint Signora A. noch fest in althergebrachten Rollenmustern verankert und von unerschütterlichen Prinzipien durchdrungen zu sein, was für das schwankende moderne Ehepaar eine enorme Entlastung bedeutet und das prekäre emotionale Gleichgewicht zwischen den Familienmitgliedern austariert. Mit ihrer zupackenden Art und ihrer Fürsorglichkeit garantiert sie den stets bedrohten Zusammenhalt der jungen Turiner Familie. Doch plötzlich kündigt Signora A. von einem Tag auf den anderen - und wie sich herausstellt, ist sie schwer krank.

Die Novelle beginnt mit der Nachricht von dem Tod der Signora A., genau am 35. Geburtstag des Ich-Erzählers, und endet am Grab der ehemaligen Haushaltshilfe der kleinen Familie, wo mit dem letzten Wort der wahre Name Babettes verraten wird: Anna.


"An meinem 35. Geburtstag hat Signora A. mit einem Mal die Beharrlichkeit, die sie in meinen Augen vor allem anderen auszeichnete, aufgegeben, und hat in einem Bett, das inzwischen für ihren Körper übermäßig groß erschien, schließlich die uns bekannte Welt verlassen. An jenem Morgen war ich zum Flughafen gefahren und hatte Nora abgeholt, die von einer kurzen Geschäftsreise zurück kam. Obwohl es schon Mitte Dezember war, ließ der Winter auf sich warten, und die eintönigen Flächen zu beiden Seiten der Autobahn waren von einem dünnen Streifen blassen Nebels überzogen, wie um den Schnee nachzuahmen, der nicht fallen wollte."


Dazwischen wird in oft abrupten zeitlichen Sprüngen nicht nur von einer neun Jahre dauernden Symbiose zwischen der Familie und Signora A. erzählt. Beschrieben werden auch das filigrane Gleichgewicht zwischen den Eltern und ihrem Sohn sowie die Lebensumstände der Haushälterin und ihre eigene Geschichte, ihre kurze, glückliche Ehe mit einem ambitionierten, kunstinteressierten Trödler. Doch die Krankheit von Signora A. gewinnt hier zunehmend an Gewicht - und mit ihr die sich zuspitzende Bedrohung des Zusammenhalts der kleinen Familie.


"Auf die Dauer braucht jede Liebe jemanden, der sie sieht und anerkennt, sie beglaubigt, sonst läuft sie Gefahr, für ein Missverständnis gehalten zu werden."



Paolo Giordano hat hier eine leise Novelle geschrieben, die eindeutig autobiografisch geprägt ist, wie man eingangs erfährt: 'Dies ist das Fragment einer wahren und leidvollen Geschichte in literarischer Verarbeitung.' Geschickt arrangiert der Autor in diesem wie ein Kammerspiel anmutenden Roman die Handlungsstränge, arbeitet mit Rückblenden und verwebt kunstvoll die Einblicke in die verschiedenen Leben, splittert die Krankengeschichte der Haushälterin in markante Episoden auf. Einige Szenen sind besonders einprägsam, beispielsweise wie der Erzähler Signora A. in einen Perückenladen begleitet, ihr bei der Prozedur der Anpassung beisteht, anschließend tagelang mit dem Perücken-Holzkopf im Auto durch die Gegend fährt und manchmal sogar das Wort an ihn richtet.


"Zur Anprobe gehe ich mit ihr, was mich ziemlich befremdet, ungefähr so, als müsste ich sie zum Frauenarzt begleiten."


Paolo Giordano lässt seinen Ich-Erzähler auf die antike Vier-Säfte-Lehre des Gelehrten Galenos von Pergamon zurückgreifen, um das Ungleichgewicht in der Beziehung der Eheleute zu verdeutlichen. Der Erzähler selbst zählt sich zu Schwarz aufgrund seiner schwermütigen und verschlossenen Art, aber seine Frau Nora sieht er im Bereich der Farbe Silber, der Überschwänglichkeit und Leichtigkeit. Seine anfängliche Hoffnung zu Beginn seiner Ehe war, dass sich ihrer beiden Säfte wie verschiedenfarbige Lacke vermischen würden, so dass auch er letztlich von einem Glanz überzogen würde, doch es mehrt sich die Erkenntnis, dass sie doch wie Öl und Wasser getrennt bleiben. Ein unglaubliches Bild von der Einsamkeit in der eigentlichen Gemeinsamkeit.


"Auch ein junges Paar kann erkranken, an Unsicherheit, Wiederholung, Einsamkeit. Die Metastasen breiten sich unsichtbar aus, und unsere hatten bald das Bett erreicht. (...) In einem Sicherheitsabstand voneinander liegend, glichen unsere Körper uneinnehmbaren Marmorblöcken."



Einfache, klare Sätze prägen diese Novelle. Kein Wort erscheint hier zu viel, vieles schwebt zwischen den Zeilen mit, die Szenen erscheinen in einer unaufdringlichen Präsenz vor den Augen des Lesers / Hörers. Der Ich-Erzähler beschreibt das Geschehen und die inneren Prozesse beinahe nüchtern und distanziert, und doch ist die Melancholie mit jeder einzelnen Zeile der Erzählung verwoben. Eine unspektakuläre Geschichte, die wohl komponiert dennoch in den Bann zu ziehen vermag.

Heikko Deutschmann liest die ungekürzte Ausgabe (3 Stunden, 32 Minuten) passend in einem ruhigen, getragenen Vortrag. Wenn man sich auf so viel Melancholie einlassen mag, ist dieses Hörbuch eine literarische Empfehlung!


© Parden







Der Rohwohlt Verlag schreibt über den Autor:

Paolo Giordano wurde 1982 in Turin geboren, wo er Physik studierte und mit einer Promotion in Theoretischer Physik abschloss. Sein erster Roman «Die Einsamkeit der Primzahlen» war ein internationaler Bestseller. Er wurde in über vierzig Sprachen übersetzt und verfilmt. Giordano erhielt dafür mehrere Auszeichnungen, darunter den angesehensten italienischen Literaturpreis, den Premio Strega. Paolo Giordano lebt in Turin.

übernommen vom Rowohlt Verlag

Donnerstag, 1. Februar 2018

BUCHMessePOST 01-2018


Fotoservice Buchmesse
Nach einer Pause wird LITTERAE-ARTESQUE mal wieder auf der Buchmesse in Leipzig stöbern gehen. Die Akkreditierung wurde bestätigt. Sehr schön. Noch schöner: Ich kann hin laufen. Fast. Dienstliches und Privates passen manchmal gut zusammen. Das gesparte Geld bleibt vermutlich in Leipzig.

Einen ausführlich kommentierten Messebesuch gab es schon mal. Der ist nun unter Karatekas Bücherblog zu finden.



Fotoservice Buchmesse
Die Blogger-Gemeinde wird immer größer. Was die Buchmesse Leipzig selbst dazu sagt, lest ihr hier.  Und dann gibt es noch die blogger sessions 18. Ein interessantes Programm, welches diesmal Ziel meines Besuches sein wird.

Ich bin sehr gespannt, wen ich dort alles treffen werde.

Uwe (KaratekaDD)



BlogPost Nr. 115: Unsere Neuerwerbungen im Januar 2018


Ziel ist doch immer - gerade als guter Vorsatz zu Beginn eines neuen Jahres - den leidigen SuB ein wenig zu dezimieren, damit neben den Büchern auch noch ein wenig Raum zum Wohnen bleibt... Andererseits locken doch immer so viele neue Bücher. Ob sich Neuzugänge und gelesene Bücher in diesem Monat die Waage gehalten haben? Schaut selbst...


Viel ist diesmal (glücklicherweise) nicht.


Anne Parden


Ende letzten Jahres gabe es bei 'Was liest du?' seit langem mal wieder die Möglichkeit, die gesammelten Punkte gegen Prämien einzutauschen. Ich entschied mich für dieses Buch. Und nun ist es angekommen.

Willkommen in QualityLand, in einer nicht allzu fernen Zukunft: Alles läuft rund - Arbeit, Freizeit und Beziehungen sind von Algorithmen optimiert. Trotzdem beschleicht den Maschinenverschrotter Peter Arbeitsloser immer mehr das Gefühl, dass mit seinem Leben etwas nicht stimmt. Wenn das System wirklich so perfekt ist, warum gibt es dann Drohnen, die an Flugangst leiden, oder Kampfroboter mit posttraumatischer Belastungsstörung? Warum werden die Maschinen immer menschlicher, aber die Menschen immer maschineller? Marc-Uwe Kling hat die Verheißungen und das Unbehagen der digitalen Gegenwart zu einer verblüffenden Zukunftssatire verdichtet, die lange nachwirkt. Visionär, hintergründig – und so komisch wie die Känguru-Trilogie.


Und die Punkte reichten noch für eine weitere Prämie bei 'Was liest du?'. Auf diesen Roman bin ich neugierig, seit er erschienen ist.

Selma, eine alte Westerwälderin, kann den Tod voraussehen. Immer, wenn ihr im Traum ein Okapi erscheint, stirbt am nächsten Tag jemand im Dorf. Unklar ist allerdings, wen es treffen wird. Davon, was die Bewohner in den folgenden Stunden fürchten, was sie blindlings wagen, gestehen oder verschwinden lassen, erzählt Mariana Leky in ihrem Roman. ›Was man von hier aus sehen kann‹ ist das Porträt eines Dorfes, in dem alles auf wundersame Weise zusammenhängt. Aber es ist vor allem ein Buch über die Liebe unter schwierigen Vorzeichen, Liebe, die scheinbar immer die ungünstigsten Bedingungen wählt. Für Luise zum Beispiel, Selmas Enkelin, gilt es viele tausend Kilometer zu überbrücken. Denn der Mann, den sie liebt, ist zum Buddhismus konvertiert und lebt in einem Kloster in Japan …


KaratekaDD




Schon länger geht mit der Autor Paulo Coelho nicht aus dem Kopf. Erstmals begegnete ich ihm auf einem Konzert, welches Ute Lemper, die weltbekannte Sängerin gab. Die Schriften von Accra – 9 Geheimnisse - So hieß das vertonte Programm nach dem gleichnamigen Roman. Um den geht es hier nicht. Aber auf diversen Bloggerseiten fand ich Buchbesprechungen weiterer Romane und diese stehen nun auf dem Programm.




Nachzutragen wäre als "Erwerb" noch dieser Roman von Gregg Hurwitz. Der war in einem großen Paket im letzten Monat. Ich werde "keine voreiligen Schlüsse ziehen", ob der Geschichte um die "tödlichste und geheimste Waffe der US-Regierung". Wieder ein Buch, dass den Stapel ungelesener Bücher erweitert, aber Spannung und große Unterhaltung verspricht.



Uwe könnte ja nun noch die letzten 5 Hörbücher von Game of Thrones oder DAS LIED VON EIS UND FEUER erwähnen. Aber er ist nun bei hören von Band 15. Immer noch toll... So. Das muss reichen, oder lest was Random House dazu schreibt:

"Cersei Lannister versucht mit allen Mitteln, ihre Macht auszubauen und schreckt auch vor ungewöhnlichen Maßnahmen nicht zurück. Doch in den sieben Königslanden wird es immer gefährlicher. Wer ist noch, Freund? Wer wird zum Feind?
Auch Brienne, die Jungfrau von Tarth, erlebt böse Überraschungen bei ihrer Suche nach Sansa Stark, denn sie muss erfahren, dass sie auf der falschen Fährte war..."

(amazon) - Sag ich doch. Können nur eingefleischte Fans was mit anfangen.