Donnerstag, 13. Juli 2023

Asisi, Alexander: Die Dresdnerin / Blutpanzer

Polizei in der Geschichte. So wie es aussieht, gerate ich immer wieder in den letzten Jahren an Bücher, meistens Buchreihen, in denen generations-übergreifend Polizisten oder Kriminalisten die Hauptrollen haben. Diese Ermittlungen finden sich zudem in Kriminalromanen, deren Handlung Jahrzehnte zurückliegt. Zum einen war da bisher ein gewisser Max Heller, den Frank Goldammer von 1944 bis 1961 in Dresden ermitteln lies. Der bekommt in Kürze die Vorgeschichte, in der Hellers Großvater eine (kleine) Rolle spielen wird.

Dann habe ich schon mehrfach über Volker Kutschers Figur Gereon Rath, der bisher in Berlin von 1929 bis 1937 ermittelte. Auch dessen Vater ist ein Kriminaldirektor, in Köln.

Nun kommen mit zwei weiteren Kriminalisten Vater und Sohn Klemmer dazu, bisher in zwei Fällen. Erich Klemmer lernen wir 1945 in DIE DRESDNERIN kennen und seinen Sohn Heinrich drei Jahre später in BLUTPANZER. Die Romane stammen aus der Feder von Alexander „Sascha“ Asisi, den ich im Mai 2023 während einer Lesung im Berliner Mauerpanorama hörte.

Die Dresdnerin

Fangen wir an mit Erich Klemmer, Kriminalrat im Reichskriminalpolizeiamt. Wir befinden uns im Jahr 1945. Doch müssen wir uns zuvor in das Jahr 1942 begeben, im Warschauer Ghetto singt in einem Café eine talentierte Sängerin Arien. Plötzlich unterbricht sie ihren Vortrag und schaut angstvoll auf drei Männer in deutschen Uniformen mit den Insignien der SS, doch diese applaudieren und verschwinden...



Drei Tötungsdelikte muss Erich Klemmer ermitteln, er bekommt den Auftrag von seinem Chef Wehner. Die Familien von drei SS-Rottenführern sind samt der Väter ermordet wurden. Mir der Kriminalkommissaranwärterin Luci Rost stellt er fest, alle drei und noch zwei andere waren einst im „Judenreferat“ in Warschau stationiert und an den Verbrechen an den Menschen im Ghetto (mehr oder weniger) beteiligt. Das Ergebnis interessiert den Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, und so erhalten sie eine weitreichenden Befehl und ermitteln erst mal im zerstörten Magdeburg. 

Diese Bilder kennen der über fünfzigjährige Kriminalrat und die nationalsozialistisch überzeugte Assistentin. Luftangriffe, Luftminen als Gebäudeknacker, Stabbomben zur Entzündung der Dachstühle und weitere Sprengbomben kennen die beiden Berliner. Daher überrascht sie die Innenstadt von Magdeburg nicht, jedoch die (fast) heile Stadt an der Elbe, Dresden, in das sie als nächstes fahren, mit ihrem „Kdf-Wagen“. Dort in Dresden holen sie erst einmal einen KHK i.R. aus dem Polizeigewahrsam und legen los...

Es kommt wie es kommen musste, denn sie erreichen am 12. Februar Dresden. Hanna Berkovicz, die Sängerin, hat da noch einen Onkel, der mit einer Arierin verheiratet ist. Hilft der ihnen auf die Spur? Welche Rolle spielt der Typ, den sie da schützen müssen aber nicht mehr wollen, doch da er Kinder hat...

Am 13. Februar kommen sie der Sache näher und die Bomber kommen ebenso...

Erich Klemmer und Lucie Rost müssen überleben, denn dies war der erste Band. Und warum die SS-Männer im Warschauer Ghetto das Konzert ohne ein Wort wieder verließen, werden wir auch wissen.


* * *

Eindringliche Bilder malt Alexander Asisi uns schreibend, zum Beispiel über die Kunst, aus den kümmerlichen Lebensmittelzuteilungen auf Karten fast schon Festmahle zu richten. Doch wird die Frau des alten Kriminalisten in Dresden dies nie wieder tun, denn die Straße, auf der sie zuletzt gehen, ist siedend heiß. Das Letzte, was Klemmer von diesen zwei aufrecht gebliebenen Menschen sieht, ist, wie sie auf der kochenden Straße sitzen, aneinander gelehnt. 

Gleich zwei mal muss Klemmer im Roman durch einen Luftangriff und wir erleben, nein, wir erlesen nur, was das Wort Feuersturm tatsächlich bedeutet. 

Wir lernen die Extreme kennen: Da sind die SS-Leute, die durch das Ghetto ziehen und aus blanker Mordlust jüdische Menschen töten, mal hier mal da Familien erschießen. Und hier die Älteren, die nach fast 12 Jahren verstehen, was „sie“ da angerichtet haben, so wie der Kriminalrat, der mal dachte, er käme durch in der Kripo, trotz RSHA... Dem seine Frau kurz vor diesem Fall gesteht, dass sie lieber vor Jahren emigriert wäre. 

Dann ist da noch die Kriminalkommissaranwärterin, Nationalsozialistin aus tiefster Überzeugung. In wenigen Tagen muss sie umlernen.

Allerdings irrt Erich Klemmer, oder irrt der Autor (?),  wenn er meint, dass die Gestapo nur Gauner rekrutiert. Die schlampigen Ermittlung eines der Morde kommentiert der Kriminalrat so:

„Warum? Die fehlende Ausbildung? Nein, da ist überhaupt keine Bildung vorhanden bei diesen Herren. Wussten Sie, dass man die Gestapoanwärter allesamt aus den Reihen ehemaliger Gauner rekrutiert hat? Männer ohne die geringste Schulbildung. Sie eignen sich zu Folterknechten, können jedoch nicht eins und eins zusammenzählen... Hier müssen wir unseren Verstand einsetzen. Da bedarf es unpolitischer Professionalität.“  Dann erklärt er der neuen Assistentin noch, die denkt, dass Verbrecher entsprechende Erbanlagen haben, dass sie sich den Mist mit der Rassenbiologie aus dem Kopf schlagen soll. (Seite 74)

Klemmer ist etwas über 50 Jahre alt und damit in etwa so alt wie ein gewisser Max Heller, den Frank Goldammer in Dresden ermitteln lässt. Wir wissen bisher noch nicht, ob Heller mit dieser „unpolitischen Professionalität“ die NS-Zeit überlebte. Gereon Rath jedenfalls, die Romanfigur von Volker Kutscher (Babylon Berlin), auch ungefähr gleich alt, hat genau das nicht gepackt, was bei dem alten Kriminalrat irgendwie funktionierte. Doch Klemmer weiß, dass er sich schuldig gemacht hat.

Kutscher hat in seinen Romanen erzählt, wie die preußische „Politische Polizei“ zur Staatspolizei und zur Geheimen Staatspolizei wurde, warum gestandene Kriminalisten dort eine Karrierechance sahen um endlich Kommissar und Oberkommissar zu werden. Auch lasen wir in diesen Romanen, wie alles in das Reichssicherheitshauptamt gepackt wurde. Das Reichskriminalpolizeiamt war in diesem das Amt V.

Wir können annehmen, dass fehlender Nachwuchs kriminalpolizeiliches Können in allen polizeilichen Zweigen gerade in den Kriegsjahren stark absinken lies. Vermutlich sind die alten erfahrenen Kriminalisten auch eher in der „klassischen Kripo“ verblieben. Da der alternde Polizist, der den Nationalsozialismus hasst, die Polizeientwicklung ebenso, ist der Blick auf die Gestapo verständlich, aber doch nicht professionell.

Die Frage, ob man und wie man als Polizist die gesamte NS-Zeit ohne sich schuldig zu machen überstehen konnte, lässt sich immer noch nicht beantworten

Wir kommen der Sache vielleicht ein Stück näher.

Nachworte können es in sich haben. In diesen schreiben Autoren manchmal, wie sie zu den Ideen gekommenen sind. Hannah Berkowicz finden wir in der Autobiografie von Marcel-Reich Ranicki. Auch für den SS-Mörder gibt es eine reale Entsprechung und der Onkel von Hannah, Ben Berkowicz erinnert an Viktor Klemperer, den berühmten Philologen und Linguisten, der LTI nie geschrieben hätte, wäre er durch die Bombenangriffe nicht von der Deportation verschont geblieben.

Das sind sie, die Dinge die historische Romane ausmachen. Außer Wehner, der Chef des Amtes V (RKPA) ist jede Person fiktiv. Die Hintergrundgeschichten wirken förmlich als Beweis, das es so gewesen sein könnte. 

* * *

BLUTPANZER

Wieder beginnen wir mit einem Prolog. Der führt uns in das Konzentrationslager Ravensbrück und lässt uns wieder Verbrechen an der Menschlichkeit beobachten. Medikamente sollen getestet werden und dafür verletzt man „Schutzhäftlinge“, indem man verseuchtes oder nur dreckiges Material unter die Haut verbringt und – wartet. 

Dabei sind der Kommandant, ein Arzt, eine Assistenzärztin und weiteres „medizinisches Personal“. 

Im Dezember des Jahres 1948 wird im Tiergarten eine übel zugerichtete Frauenleiche gefunden. Die Zeit ist kompliziert. Die Westsektoren sind fast abgeriegelt. Über der Stadt brummen immerwährend die Rosinenbomber der Luftbrücke. Bis vor kurzem gab es noch so etwas wie eine deutsche Polizei in der Stadt, nun sind sie endgültig getrennt. 

Der Fall mit der Frauenleiche übernimmt der frisch ernannte Kriminalkommissar Heinrich Klemmer. Der alte Klemmer wartet noch auf eine Wiederbeschäftigung. Im Laufe der Ermittlungen schießt Heinrich über die Stränge und ermittelt verbotener Weise auch im Ostteil der Stadt. Dort findet sich da, wo sich ursprünglich das Reichskriminalpolizeiamt befand, der Erkennungsdienst und da kann man die alten Verbrecherfotos durchforsten. Wenn man darf. 

Die Ermittlungen führen zu einer Organisation, die vorgibt, Kriegsgefangene aus der Sowjetunion freizubekommen. Es stellt sich heraus, dass die einfachen Landser, eher nicht gemeint sind. Die Tote arbeitete in dieser Organisation und studierte einst Medizin. Doch nicht nur die Sowjets sind auf bestimmte, hoch qualifizierte Deutsche scharf. Erich Klemmer erfährt das, denn er pflegt Kontakte zum britischen Geheimdienst und auch die Amerikaner sind nicht weit weg. Erich wird seinem Sohn helfen müssen. 

Erneut nimmt Alexander „Sascha“ Asisi ein Verbrechen zum Ausgangspunkt, welches diese 12 schlimmsten Jahre innerhalb der letzten 100 besonders kennzeichnet. 

Ravensbrück ist mir vor allem als Frauenlager bekannt gewesen, es lieht gegenüber der Wasserstadt Fürstenberg in Brandenburg. Wieder einmal musste zunächst ein wenig Recherche her. Diese ergab, dass es da eine Ärztin namens Herta Oberheuser gab, die vermutlich das Beispiel für die oben erwähnte Assistenzärztin bildet. Besagte Oberheuser war die einzige Frau, die beim Nürnberger Ärzteprozess angeklagt und verurteilt wurde.



KZ Ravensbrück © Bücherjunge


Wie schon im oben besprochenen Roman Die Dresdnerin, bekommt damit auch der zweite Roman einer Klemmer-Trilogie (der dritte Band steht noch aus) eine beklemmende Authentizität. 

Angesichts des beim Lesen ständig gegenwärtigen Gebrumms der Dakota und Skymaster und des Auftretens eines Polizeimajors (militärische Dienstgrade bekam die Polizei der DDR allerdings erst ab 1957)  der im Schlepptau immer zwei Offiziere der Roten Armee bei sich hat, wird klar, welches Berlin das gute Berlin ist. 

„Ihr Völker der Welt...! Schaut auf diese Stadt...“ (Oberbürgermeister Ernst Reuter, 09.09.1948)

Beide Romane weisen einen eindrucksvollen, bildhaften Stil auf. Zuerst sind es die beschriebenen Luftangriffe, das grauenhafte Bombardement, die in Richtung Elbe flüchtenden Menschen, die es nicht alle schaffen, hier nun die Luftbrücken-Flugzeuge, die im Jahrhundertnebel (?) im Minutentakt landen und starten. 

Die Angst der Sängerin im Ghetto, wie auch die kühle Sachlichkeit im Angesicht der gequälten und misshandelten Häftlinge (Arzt zum Kommandanten: „Schießen Sie in den Oberschenkel, aber so, dass die Kugel stecken bleibt.“), treiben dem Leser Schauer über den Rücken.

Ich bin gespannt, was der dritte Teil bringen wird. Die draufgängerische Art des jungen Kriminalkommissars, der von seinem erfahrenen Vater, welcher wohl wieder in Amt und Würden kommen wird, unterstützt und gelegentlich gebremst wird, ergeben ein tolles Gespann für einen weiteren historischen Kriminalroman. 

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Alexander "Sascha" Asisi wurde 1975 in Berlin (West) geboren. Er lebte in Teheran, Berlin und Zürich, sein Abitur machte er in Frankreich. Anschließend studierte er Germanistik an der Freien Universität Berlin. Später arbeitete er an den Panoramen seines Onkels, Yadegar Asisi, mit. 

Beim Panorama Dresden 1945 entstand dann die Idee zum Buch Die Dresdnerin.


  • Junge mit erhobenen Händen: Von Autor/-in unbekannt (Franz Konrad confessed to taking some of the photographs, the rest was probably taken by photographers from Propaganda Kompanie nr 689.[1][2]) - Image:Warsaw-Ghetto-Josef-Bloesche-HRedit.jpg uploaded by United States Holocaust MuseumDieses Bild wurde digital nachbearbeitet. Folgende Änderungen wurden vorgenommen: Restored version of Image:Stroop Report - Warsaw Ghetto Uprising 06.jpg with artifacts and scratches removed, levels adjusted, and image sharpened.., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=17223940
  • Brücke in das Ghetto: Von Bundesarchiv, Bild 101I-270-0298-14 / Amthor / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 de, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5410657
  • Bekanntmachung: Von German Nazi Governor for district of Warsaw Ludwig Fischer - Archives of Institute of National Remeberance (IPN), Warsaw, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2122417

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Krimi-Reihen: Max Heller ermittelt in der Kripo in Dresden von 1944 - 1961, sein Großvater war ein Kriminaldirektor.  Gereon Rath ermittelt in Berlin der Jahre 1929 bis 1937, sein Vater ist Kriminaldirektor in Köln. Otto Sanftleben ist ein Kriminologe in der Kaiserzeit in Berlin, sein Großneffe Toni in Brandenburg, Potsdam im 21. Jahrhundert. Frank Goldammer hat zudem den Tobias Falck in Rennen geschickt, der beginnt seine Arbeit um die Zeit von 1988/99 im neugeschaffenen Kriminaldauerdienst in Dresden. 


© Der Bücherjunge

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