Montag, 31. Juli 2023

Demirtaş, Selahattin: Kaltfront

Wenn ein Vater das Gesetz schützen soll, doch stattdessen das größte Unrecht geschehen lässt. Wenn sich ein Mann bei dem Versuch, sein Leben zu bestreiten, durch sein Schweigen schuldig macht. Wenn ein Kind in einer Gesellschaft aufwächst, in der Mitgefühl bestraft wird.

Die beinahe märchenhaft anmutenden Kurzgeschichten in »Kaltfront« blicken tief in die Seele der Türkei. Mitfühlend und liebevoll erzählt Demirtaş von den Ärmsten der Gesellschaft: den Hilfsarbeitern, den Busfahrern, den Straßendieben – sie alle eint der Wunsch nach einem glücklichen Leben und die schiere Ausweglosigkeit ihrer Situation.

(Verlagsbeschreibung)

 

DNB / Penguin Verlag / 2023 / ISBN: 978-3328601579  / 160 Seiten



An dieser Stelle möchte ich mich zunächst bei Whatchareadin und dem Penguin Verlag bedanken für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Kurzgeschichten im Rahmen einer Leserunde zu lesen, ist noch einmal eine ganz andere Herausforderung - aber sie wurde gemeistert. Teilweise wurde wieder sehr kontrovers diskutiert, manchmal gab es aber auch Denkanstöße, die das eigene Erleben der Geschichten etwas veränderten. Literatur aus der Türkei - hier im Blog eher eine Seltenheit. Mein letzter Beitrag dazu datiert wohl aus dem Jahr 2015: Der halbe Mond von Hasan Cevat Cobanli. Bei diesem Buch nun sorgte bereits die Widmung bei mir für Gänsehaut. Wie es mir ansonsten mit den Erzählungen erging, könnt Ihr hier nachlesen:









GESCHICHTEN AUS DEM GEFÄNGNIS...



Quelle
Geschichten aus dem Gefängnis. Nein, die 14 Kurzgeschichten handeln nicht vom Gefängnis, der Autor schrieb sie als Inhaftierter - er befindet sich seit November 2016 in Haft. Selahattin Demirtaş hat sich politisch sehr engagiert in einer prokurdischen Partei, ist Mitglied bei Amnesty International, war Direktor einer Menschenrechtsvereinigung, war Erdogan als Gegenkandidat bei den türkischen Parlamentswahlen ein Dorn im Auge und wurde daraufhin wegen "Mitgliedschaft in einer Terrororganisation" zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Der amtierende Präsident der Türkei ist ja für seinen Umgang mit Oppositionellen berüchtigt. Selahattin Demirtaş wurde im Frühjahr 2019 für den Friedensnobelpreis nominiert.  

"Kaltfront" ist bereits der zweite auf Deutsch erschienene Band mit Kurzgeschichten von Selahattin Demirtaş, die er im Hochsicherheitsgefängnis von Edirne verfasst hat. Jede der Geschichten befasst sich mit den teilweise brutalen Gegebenheiten in der Türkei - die Ausweglosigkeit der Armut, die fehlende Bildung v.a. in den kleinen Bergdörfern, die Skrupellosigkeit von Regierung, Justiz und Wirtschaft, die oftmals fehlende Mitmenschlichkeit, das Zerschlagen von Hoffnung, wenn die Realität die Menschen einholt, das Trauma eines Menschen, der einen (totgeschwiegenen) Angriff auf ein kurdisches Dorf überlebt hat. Aber die Geschichten weisen auch auf Möglichkeiten hin - stiller oder lauter Protest, um die Ohnmacht zu überwinden, Zivilcourage, der Glaube. 

Quelle: Pixabay
Bedrückend sind die Erzählungen häufig, der leise Humor, der hier und da aufblitzt, bleibt einem dann gleich wieder im Halse stecken. Selahattin Demirtaş macht die Ohnmacht der Armen, Verfolgten, Unterdrückten spürbar, und doch ist da der unbedingte Lebenswille der vorgestellten Charaktere und ihr Versuch, die eigene Geschichte zum Guten zu wenden. 14 Kurzgeschichten, die nichts beschönigen.

Mich haben die Erzählungen größtenteils nicht unberührt gelassen. Wohl dosiert gelesen, verschaffen sie einen intensiven Einblick in die Türkei jenseits der Urlaubs-Prospekte. Unbequeme Lektüre - aber wichtig.


© Parden


1 Kommentar:

  1. Das ist doch verrückt: Da wird der Autor als „Mitglied einer terroristischen Organisation“ eingesperrt unter fadenscheinigen Gründen und kann aus einem Hochsicherheitsgefängnis heraus „subversive“ Geschichten im „antitürkischem“ Ausland veröffentlichen.
    „Unbequeme Literatur“: Nicht nur für einen Präsidenten…
    (Willkommen zurück)

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