Dienstag, 5. September 2017

Nolte, Jakob: Schreckliche Gewalten


Eines Nachts verwandelt sich Hilma Honik in einen Werwolf und tötet ihren Mann. Von nun an sind ihre beiden Kinder auf sich selbst gestellt : immer in der Angst, die Bestialität liege in der Familie und könne auch von ihnen Besitz ergreifen. Während sich Iselin dafür entscheidet, in ihrer Heimatstadt Bergen mit ihren Mitbewohnerinnen die Terrorzelle »Mädchen im System« zu gründen, bereist Edvard die Ränder der Sowjetunion auf seinem Weg nach Afghanistan. Es beginnt eine fantastische Sinnsuche durch das 20. Jahrhundert und die Unwägbarkeiten menschlichen Verhaltens. In seinem zweiten Roman zeichnet Jakob Nolte einen schwarzen Regenbogen des Horrors über die Welt und erweist sich dabei als detailverliebter Nihilist und Meister des Wahnwitzes.

(Klappentext Matthes & Seitz Berlin)


  • Gebundene Ausgabe: 340 Seiten
  • Verlag: Matthes & Seitz Berlin; Auflage: 1 (27. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3957574005
  • ISBN-13: 978-3957574008













BESTENFALLS SCHRÄG - IN JEDEM FALL EINE ZUMUTUNG!




So, nun bekomme ich nach der Lektüre dieses ... Buches das debile Grinsen nicht mehr aus dem Gesicht. Leider nicht, weil das Lesen des neuesten Werkes von Jakob Nolte mich so begeistern oder amüsieren konnte, sondern weil ich endlich, endlich auf der letzten Seite angekommen bin. Neugierig wurde ich auf das Buch (Roman mag ich tatsächlich nicht sagen), als es auf der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises auftauchte. Und ähnlich wie bei dem zuvor gelesenen Roman 'Katie' von Christine Wunnicke (ebenfalls von der Longlist) erwartete mich hier eine Überraschung. Diesmal jedoch eher in Richtung Hirnerweichung.


"...setzte sich außerdem für ein Samisdat ein. Sie (...) hatte schon lange an einem Manifest über die Verneinung des Kollektivs gearbeitet, einer Abhandlung über das Okkulte, die Partei und die Masse, über die Theorie des Miasmas, die den üblen Dunst beschreibt. Sie war fasziniert von der Mathematik des Rudels. Wie aus der Gemeinsamkeit eine Gefahr erwächst, der ansteckende Effekt der Zugehörigkeit, deren einziger Zweck es ist, die Krankheit einer Idee zu übertragen."


Doch worum geht es hier eigentlich? Mühsam lässt sich tatsächlich zwischen den gefühlt drei Millionen Einschüben so etwas wie ein Grundgerüst erkennen, das die Geschichte, sofern es denn eine ist, fragil zusammenhält. Eine Mutter aus Bergen (Norwegen) entpuppt sich im Jahre 1973 mit über 50 Jahren plötzlich als Werwolf, tötet ihren Mann, flieht und lässt ihre 20jährigen Zwillinge Edvard und Iselin allein zurück. Während Iselin in Bergen bleibt, im Haus ihrer Eltern eine WG gründet, versuchsweise zur Terroristin wird und schließlich eine lesbische Beziehung aufnimmt, flieht Edvard vor dem erlebten Horror und der großen Angst, dass das Werwolf-Gen auch auf ihn gekommen sein könnte. Über Litauen macht er sich auf den Weg nach Afghanistan und gründet dabei eine nihilistische Straßenbande. Diskutiert wird dabei über Gott und die Welt, vermutlich gerade so, wie es dem Autor gerade quer in den Kopf kam und meist ohne jeglichen Zusammenhang zu dem gerade zuvor Geschriebenen.


"Thomas Mann war ein deutscher Mann der Mann-Familie, der auf Männer stand. Heute ist er niemandem mehr ein Begriff. Dabei galt er als Begründer des höheren Abschreibens, einer Methode des geistigen Diebstahls, die mit den Mitteln der modernen Forensik fast unmöglich nachweisbar ist. Es ist eine der schwierigsten Techniken der Kulturgewinnung."


Anhand der Geschichte der Geschwister laviert sich Jakob Nolte nebenbei durch eine Beleuchtung der Gewalttaten in den 1970er Jahren: das Münchner Olympia-Attentat 1972 ist ebenso Gegenstand  der Erzählung wie die Untaten japanischer oder palästinensischer Terrorgruppen, die RAF, der Stellvertreterkrieg in Angola, der sowjetische Unterdrückungsapparat u.a.m. Eine chronologische Erzählweise, psychologisch motivierte Figuren oder auch nur nachvollziehbares Handeln sucht man hier vergeblich. Der wilde Drang, 'anders' zu erzählen, bricht sich hier Bahn - und dies hat dem Buch vermutlich die begeisterten Stimmen im Feuilleton beschert sowie besagten Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Beim Lesen drängten sich mir abwechselnd zwei Gedanken auf: entweder zu blöd für diese Art 'höherer Kunst' zu sein oder aber als eine der wenigen den 'Hurz-Effekt' (Hape Kerkeling lässt grüßen) zu durchschauen. Ich neige schlussendlich zu Letzterem.


"Eine Stadt zu sein heißt, Ballung zu sein." (...) "Würdest du sagen, dass eine Stadt ein Diamant ist und das Land Kohle?" - "Nein, das finde ich zu ungenau. Die Konzentration in einem Diamanten ist viel größer. Es ist eher so, dass Land Holz ist und eine Stadt Holzkohle (...) Es gibt nichts, was man mit einem Diamanten vergleichen könnte." - "Hund." - "Einen Hund?" - "Der Hund ist der beste Freund des Mannes, während der Diamant der beste Freund der Frau ist. Also muss es doch möglich sein, Hunde mit Diamanten zu vergleichen..."


Das Buch bietet eine unendlich scheinende Verschachtelung von Erzählebenen - ein Einschub in Klammern von über 40 Seiten inbegriffen, bevor der ursprüngliche Satz fortgeführt wird. Vom Hölzchen aufs Stöckchen - ein Stichwort reicht aus, um die Richtung zu wechseln. In kurzen bis kürzesten 'Kapiteln' wird der Leser hier zugeballert mit einer Flut an wikipedialastigen Informationen, schrägen Vergleichen -  "In diesen Stunden schienen die Sterne zu flackern, als wären sie die zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannten Leuchtstoffröhren der Amüsierviertel Bangkoks" -, trivialem Nonsens - "Benedikte war die Tochter ihrer Mutter und ein Kind ihres Vaters" - und teilweise endlosen und ermüdenden Aufzählungen. Neben selbstverliebten Sprachspielereien und teilweise hingerotzter Alltagssprache kommt es auch immer wieder zu eigenwilligen Sex-Szenen und Splatter-Fantasien - Quentin Tarantino geisterte hier mehr als einmal durch meinen Kopf. Dass die Geschichte letztlich kein Ende im üblichen Sinne hat, darf hier dann nicht mehr verwundern.


"Welches ist das gefährlichste Tier auf dem Planeten Erde?" (...) "Schließt man all die unbekannten Monster vom Grund des Meeres aus, lautet die Antwort: die weibliche Anopheles-Mücke. Sie ist jährlich für gut über eine halbe Million Tote verantwortlich, eher mehr. Und zwar überwiegend Kinder." (...) "Bei dem opferreichsten Bombardement in der Geschichte der Kriegsführung, dem Angriff der alliierten Truppen auf Tokio in der Nacht vom 9. auf den 10. März 1945, starben etwa 100000 Menschen (...) Diese Mücken verüben also jährlich fünf Bombardements auf Tokio, bei denen der Großteil der Toten Kinder sind."



Ein Fazit? Angesichts dieser Informationsexplosion, die da hinter mir liegt, lässt sich das schwer auf einen Punkt bringen. Klugscheißerisch, akademisch-überlegen, angeberhaft, blutrünstig, morbid, grausam, einfallsreich, trashlastig, misanthropisch, nihilistisch, erzählfreudig, ironisch-hochtrabend, schwarzhumorig, eigenwillig, durchgeknallt - eben anders. Für mich bestenfalls schräg - in jedem Fall aber eine Zumutung!


© Parden











Matthes & Seitz Berlin schreibt über den Autor:

Jakob Nolte, geboren 1988, wuchs in Barsinghausen am Deister auf. Seine Theaterstücke wurden mehrfach prämiert und an zahlreichen Bühnen Europas gespielt. Sein Debütroman ALFF wurde mit dem Kunstpreis Literatur 2016 ausgezeichnet. Im selben Jahr war er Stipendiat der Villa Kamogawa in Kyoto.

übernommen von Metthes & Seitz Berlin

Montag, 4. September 2017

Friebel, Volker (Hrsg.): Südwind


Das Haiku-Jahrbuch 2016. Eine Auswahl deutschsprachiger Haiku, für das Projekt „Haiku heute“ herausgegeben von Volker Friebel. Aus tausenden Texten ausgewählt 596 Haiku von 115 Autoren sowie 10 Tan-Renga.

„Haiku heute“ ist ein Projekt zur Förderung des deutschsprachigen Kurzgedichts. Die Netzpräsenz www.Haiku-heute.de erstellt aus der Vielzahl an eingereichten Texten jeden Monat eine Auswahl nach literarischen Gesichtspunkten. Die Jahrbücher, von denen hier das vierzehnte vorliegt, versammeln davon die interessantesten Haiku jedes Jahres und geben so einen Überblick zum Stand der deutschsprachigen Haiku-Dichtung. Zusätzlich werden im Jahrbuch auch in anderen Foren veröffentlichte Haiku und nur für das Jahrbuch eingereichte Haiku aufgenommen.



  • Taschenbuch: 104 Seiten
  • Verlag: Edition Blaue Felder (8. Mai 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3960390084
  • ISBN-13: 978-3960390084















HAIKU HEUTE...



"Welches Konzept liegt diesem vierzehnten Jahrbuch des Projekts Haiku heute zu Grunde? Die Verbreitung des Haiku in der deutsch­sprachigen Welt soll beobachtet und dokumentiert werden. Die Vielfalt und die Breite der Ausdrucksformen ist dabei ausdrücklich erwünscht. Literarische Qualität und Inspiration sind die wichtigsten Kriterien. Natürlich stellt sich auch manchmal die Frage, was noch als Haiku gelten kann und was nicht, eine Frage, auf die eine klare Antwort nicht möglich ist. In das Jahrbuch sind 596 Haiku von 115 Autoren und zehn Tan-Renga aufgenommen. " (aus dem Vorwort)

Ein Jahrbuch zur Dokumentation der Weiterentwicklung der Haiku-Dichtung im deutschsprachigen Raum - ein interessates Projekt.  Insgesamt ist das Haiku erstaunlich wenig definiert. Kürze (17 Silben und weniger), Konkretheit (kleine Beobachtungen, keine Interpretationen), Gegenwärtigkeit (Wörter aus dem Hier und Jetzt) und Offenheit werden als charakteristische Merkmale eines Haiku benannt, wobei gerade die Offenheit Raum für Assoziationen beim Leser schafft.

"Es [Das Haiku] hat eher mit Achtsamkeit zu tun als mit Zerstreuung, eher mit Werden und Vergehen als mit Statik, eher mit offener Wahrnehmung und Betrachtung als mit abstrakten Ideen, eher mit dem Kleinen als mit dem Großen." (aus dem Vorwort)

Diesmal bemühe ich ausnahmsweise das Vorwort sehr, weil es viel besser als ich zu erklären vermag, worum es hier eigentlich geht. Das Wesentliche des Buches sind natürlich die Haikus selbst, die hier nicht thematisch sortiert sind, sondern als jeweilige Sammlung eines Autors hintereinander weg erscheinen. Dies empfand ich an manchen Stellen als nicht so gelungen, weil ich dann beispielsweise ein Gedicht sehr ansprechend fand, ein anderes dagegen eher nichtssagend, aber manchmal einfach nur, weil ich emotional noch im ersten festsaß und das nächste womöglich ein ganz anderes Thema behandelte und dann eher störend war.

Interessant finde ich, dass mich Lyrik erst seit einigen Jahren anspricht, so auch die Haikus. Und beim Blick ins Register der Autoren fällt auf, dass bis auf wenige Ausnahmen auch alle schon älter sind. Wie kommt das eigentlich? Ich fände es jedenfalls sehr spannend, auch einmal Haikus einer jüngeren Generation zu lesen. Sicher gäbe es da auch andere Themen, andere Untertöne, andere Emotionen.

Dank der Vielfalt der Beiträge wird hier aber wohl jeder Leser auf Haikus stoßen, die ihn berühren - dass einem alle Kurzgedichte gefallen, wäre bei einer solchen Sammlung eher ungewöhnlich. Ich bin jedenfalls auf einige wundervolle Beiträge gestoßen, und das war letztlich genau das, was ich mir von dem Buch erhofft habe.


© Parden











Über den Herausgeber des Jahrbuchs:

Volker Friebel (*1956) ist promovierter Psychologe und Autor von Veröffentlichungen mit den Spezialgebieten Entspannung, Psychosomatik, Sprache und Musik sowie literarischer Art.

Sonntag, 3. September 2017

Wedding, Alex: Ede und Unku

Hörbücher. Manchmal macht man da einen Fund, den man nicht erwartet hätte. Diesmal ist es ein Kinderbuch aus meiner Kinderzeit. EDE UND UNKU, von Alex Wedding, gelesen von Heike Makatsch. Es ist ein schmales Kinderbuch und nach fast vier Stunden war das Hörvergnügen schon vorbei.

Die Geschichte ist schon ziemlich alt, sie wurde 1931 geschrieben: Der Arbeiterjunge Ede Sperling lebt mit Vater, Mutter und Schwester Lisa in Berlin. Sein bester Kumpel ist Max Klabunde. Edes Vater allerdings hat mit Kommunisten nichts am Hut und so will er, plötzlich arbeitslos geworden, die Freundschaft der Jungs beenden. Herr Sperling hat Verbesserungsvorschläge in der Metallbude gemacht, in Folge dessen er nun wegrationalisiert wurde. Da kann auch der Herr Posthauptsekretär nichts ändern, der Herrn Sperling Arbeit bei der AEG verschaffen will; dass er als Streikbrecher in den Betrieb gelangen soll, sagt er ihm nicht. Vor den Toren der Fabrik steht als Streikposten auch Herr Klabunde...

Samstag, 2. September 2017

Rose-Billert, Brita: Tanz und Geheimnis des Falken



Quelle Hintergrundbild:  commons.wikipedia.org

Was habe ich hier eigentlich gelesen?
Zuerst jedenfalls Band 2, in dem es um das Geheimnis des Falken ging. Im Jahr 2016. Erst jetzt allerdings war nun Band 1, in dem der Falke tanzte.


 * * *

Pferde und schnelle Autos sind die Passion von Ryan Hawk. Seinen Lebensunterhalt verdient sich der Lakota mit Autorennen. An seiner Seite steht dabei Baxter Goodman, ein Mechaniker, den er schon zu Beginn seiner Airforce-Jahre kennen lernte. Baxter ist nicht nur ein Motor-Fuchs und hat eine Statur wie ein Bär, er ist ein echter Freund, der auch von Ryans Familie, allen voran Ryans Nichte Joan gemocht wird.
Rennfahrer sind ehrgeizig und haben noch ehrgeizigere Konkurrenz. Mit der gibt es Ärger. Bei einem Rennen bekommt er Kokain in die Lüftung seines Mustangs, atmet davon zu viel ein und baut einen schlimmen Unfall. Aber der Lakota, der auf Pine Ridge wohnt, rappelt sich auf und bringt auch den Dealer und Schmuggler, der ihm das eingebracht hat, man könnte sagen, zur Strecke.


Doch müssen wir nun ein wenig zurück blicken. Im Band 1 lernt Ryan Spirit Hawk diesen Baxter Goodman kennen. Bei der Airforce. Ryan hat sich zum Dienst verpflichtet, da seine Mutter teuere Medizin und eine Operation braucht. Die Ausbilder merken schnell, dass dieser Lakota ein paar Eigenschaften hat, die über die bloßen Fähigkeiten eines Fahrers hinaus gehen und so erhält er eine Spezialausbildung. als Generalsfahrer macht er auf sich aufmerksam, was aber im Laufe der Geschichte zur unehrenhaften Entlassung führt. Der nächste Job ist Headhunter für einen FBI-Agenten. Kopfgeldjäger. Der bringt im Geld und führt in die eine traurige Katastrophe. Erst danach wird er wieder zu Baxter stoßen, der im Rennstall eines Mr. Haywood arbeitet. Mit den ersten beiden Rennerfolgen schließt Band 1.   


Aber seine eigentliche Passion sind seine Familie und die Pferde. Der Erfolg des Haupthelden bringt einen gewissen Wohlstand in die Familie, sie wissen damit umzugehen. Er träumt davon, Touristen den Urlaub inmitten der Prärie zu ermöglichen und auch etwas über die amerikanischen Ureinwohner zu lehren. Eine Kindergruppe bewundert den Reiter – er wird Reitlehrer. Eine Gruppe von Jugendlichen will Rennfahrer werden – er wird Trainer. Aber die Vergangenheit holt ihn ein. Die Geister der Zeit nach seiner Armeeentlassung tauchen wieder auf. Wird Ryan Hawk seinen Traum erfüllen?

* * *

Zuerst einmal, es war ein gutes Buch, es war ein spannendes Buch. Es war ein Buch über und für die Indianer und vor allem für die Lakota in einer der ärmsten Gegenden der USA, der Reservation Pine Ridge, von der in diesem Blog schon oft die Rede war. Die Charaktere überzeugen. Ob Baxter oder die neunjährige Jo, die Familie oder auch der Alte Rabe, ein alter Geheimnismann, ja, die gibt es immer noch. Es ist ein Buch für die Familie, für deren Zusammenhalt für Freundschaft, Mut und Arbeit. Ein Buch für die Kinder. Und einen „Zwerg“ namens Jame.  Ryan ist ein „Intacan“, so nennen die Lakota ihre Anführer. Das Wort Häuptling kennen sie so gar nicht, erklärt die Autorin in ihren Anmerkungen. Cetan WakanGeheimnisfalke, das ist unser Hauptheld und Geheimnisse hat er durchaus, die vollständig zu lüften wohl nur mit dem ersten Buch gelingen wird.

Brita Rose-Billert, Krankenschwester und Pferdenärrin, hat die Zustände in der Reservation selbst beobachtet und hat sie bestimmt gut wiedergegeben. Zudem hat sie eine spannende, kaum wieder loslassende Geschichte geschrieben. Besonders die letzten dreißig Seiten fand ich sehr schön,  aber hier näheres zu schreiben würde viel zu viel verraten.

Mir war beim Lesen bei aller Spannung aber immer auch so, als würde mir dies alles bekannt vorkommen. Nein, nicht die Geschichte als solche, auch nicht die einzelnen Personen, außer Cetan Wakan. Der erinnert doch stark an Joe Inya-he-Yukan King (Stonehorn). Sturkopf, traditioneller Indianer, kann Schmerzen ertragen, will nicht ins Hospital, rettet „fremde“ Leute, rechnet mit Verbrechern ab und gerät wiederholt in den Fokus der Polizei. Was Ryan mit Autos macht, zeigt Joe im Rodeo. Ich würde ja behaupten, dass Brita Rose-Billert ihre Liselotte Welskopf-Henrich gelesen hat.

* * *

PS: Also Brita Rose Billert hat für ihre Geschichte, die tatsächlich ihr Debüt darstellt, einerseits die Romanfigur der Liselotte Welskopf-Henrich und andererseits einen realen Lakota mit Ambitionen, die denen des Ryan Hawk ähnlich sind, im Visier gehabt. Das kann man in ihrem Kommentar nachlesen. Sie betrachtet ihr Werk doch sehr kritisch, vielleicht hören wir von dieser Geschichte wieder. Nebenbei Brita: Ein Hummer ist ein ziviler Geländewagen auf der Basis eines HMMWV und von GM. Fiat-Crysler baut dagegen Jeeps.

Im übrigen hat sie etwas mit der Autorin von Das Blut des Adlers gemeinsam: Sie schrieb die Vorgeschichte erst nach dem Erstling. Das hat Frau Welskopf-Henrich mit Die Söhne der Großen Bärin genauso gemacht.


weiter lesen auf www.brita-rose-billert.de


Vermutlich ist sie die erste, vielleicht die einzige Autorin, die eine indianische Ärztin zur Heldin einer noch kleinen Reihe gemacht hat. Auf jeden Fall bedanke ich mich bei dir für dieses Buch, welches ich nun endlich verschlungen habe, nachdem ich es bereits im März (Buchmesse) in den Händen hielt.


► Der Tanz des Falken:  DNB / Amicius / 2008 / ISBN: 978-3-939465-42-3 / 307 S.
► Das Geheimnis des Falken:  DNB / Amicius / 2008 / ISBN: 978-3-939465-41-6 / 446 S.


© KaratekaDD
aktualisiert: 02.09.2017


Freitag, 1. September 2017

BlogPost Nr. 103: Unsere Neuerwerbungen im August 2017


Der Sommer klang bunt aus - auch in unseren Regalen. Hier kommt unser Zuwachs:




KaratekaDD




Neben den vier Hörbücher der ersten beiden Teile von Ein Lied von Eis und Feuer, Die Herren von Winterfell und Das Erbe von Winterfell gab es es auch noch die gesamte Fernsehserie The Game of Thrones. Am Montag lief die letzte Folge der siebenten Staffel im TV und nun heißt es warten auf die achte Staffel. Bis dahin, irgendwann im nächsten Jahr sind halt die Hörbücher dran. Da hat mich George R.R. Martin wohl ganz schön eingefangen und wenig Geld war das auch nicht gerade. ;)


Hier schon mal die Besprechung des ersten Hörbuches und hier die von Hörbuch 2.


Die historischen Romane von Ken Follett, das wissen aufmerksame Leser dieses Blogs, haben es mir angetan. In diesem hier kommt ein schottischer Bergarbeiterjunge als Sklave nach Virginia im 18. Jahrhundert. Ja, nicht nur Afrikaner waren Sklaven. Und doch waren für viele Menschen die Schiffe nach Übersee Die Brücken der Freiheit. Wieder führt uns Follett in die Geschichte, diesmal nach Schottland und die Zeit um die Gründung der USA. Ein Auswanderer- Roman.



Aram Mattioli hat mit Verlorene Welten - Eine Geschichte der Indianer Nordamerikas - vorgelegt. Meist geht es in anderen Büchern um bestimmte Teile der American Natives, wie heute der korrekte Name für die amerikanischen Ureinwohner lautet. Im Umschlag wird behauptet, dass dieses brisante Buch eine neues Licht auf die Vergangenheit und die Gegenwart der USA wirft. Das Buch umfasst die Zeit zwischen 1700 und 1900.

"Die Zerstörung der indianischen Welt - umfassend und neu erzählt"





Vereister Sommer ist ein Buch, auf welches ich erst aufmerksam wurde, als ich Annes Rezension zu Grimsey erneut aufrief. Zu dieser Rezension gibt es einen Filmbeitrag, in welchem der Autor Ulrich Schacht davon sprach. Er erzählt in diesem buch von seinem Vater, einem sowjetischen Offizier in den 50ziger Jahren in der DDR, den er nach Jahrzehnten wiederfand. Der Liebe zwischen den Eltern war keine Zukunft beschieden, denn die Idee der Mutter, es im Westen zu probieren endete für sie in Hoheneck. In diesem Frauengefängnis kam der autor des Buchs zur Welt.




Anne Parden


Dieses Hörbuch gewann ich im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks. Ich bin sehr gespannt auf den wohl eher gemächlichen Krimi!

Duneen liegt wirklich am Arsch der Welt, ganz unten im Süden Irlands. Große Dramen finden in dem schmucken, kleinen Ort nicht statt, und trotzdem könnten viele Leute hier ein bisschen glücklicher sein. Sergeant PJ Collins war nicht immer so dick. Brid Riordan hat früher nicht so viel getrunken. Und auch Evelyn Ross glaubte einmal, ihr Leben könnte einen Sinn haben.
Dann bricht der Tag an, als auf dem Grund der Burke-Farm Knochen gefunden werden. Menschliche Knochen. Und es ist vorbei mit der Ruhe, für PJ und einige andere in Duneen. Alte Wunden brechen auf, Lügen kommen ans Licht, neue Konflikte entbrennen. Während PJ zum ersten Mal einen richtigen Fall zu lösen versucht, überrascht er viele, die ihn zu kennen glaubten – am meisten sich selbst.


Und auch dieses Hörbuch gewann ich im Rahmen einer Leserunde bei Lovelybooks. Der neueste Krimi von Leonie Swann - ich freue mich!

Dr. Augustus Huff, Dozent in Cambridge, hat plötzlich einen Vogel – und ein Problem: Einer seiner Studenten ist beim Fassadenklettern in den Tod gestürzt. War es nur ein tragischer Unfall? Oder Mord? Augustus vermutet Letzteres und geht auf Spurensuche – unterstützt von Gray, dem Graupapageien des Verstorbenen. Der sprachbegabte Vogel erweist sich als vorlautes Federvieh, und zuerst stolpert Augustus bei seinen Ermittlungsversuchen von einem Fettnäpfchen in das nächste. Doch schon bald ist es Gray, der im Labyrinth der altehrwürdigen Universität die richtigen Fragen stellt. Augustus begreift: nur gemeinsam können sie es schaffen, diese harte Nuss von einem Fall zu knacken.



Donnerstag, 31. August 2017

BlogPost Nr. 102: Zusammenfassung der Beiträge im August 2017


Der Sommer neigt sich dem Ende zu - und das Herbstprogramm der Verlage steht vor der Tür. Aber uns geht zu keiner Zeit des Jahres der Lesestoff aus, dies ist gewiss... Hier ist zu sehen, was wir im August gelesen haben:






Wie gewohnt gab es zu Beginn des Monats wieder zwei BlogPosts - Nr. 98 zeigte die Zusammenfassung unserer Beiträge im Vormonat, Nr. 99 präsentierte unsere Neuerwerbungen im Juni.



Anne eröffnete den Reigen mit einem aktuellen zeitgenössischen Roman von José Eduardo Agualusa: EINE ALLGEMEINE THEORIE DES VERGESSENS. Eine Allegorie präsentiert der in Angola geborene Autor hier in einem Roman von ungeheurer Erzähldichte - tragisch, komisch, grotesk. Trotz seiner Kürze erfordert das Buch die ungeteilte Aufmerksamkeit des Lesers, da man ansonsten droht, rasch den Faden zu verlieren. Eine Erzählung, die nachhallt und die Annes Meinung nach zu Recht auf der Shortlist des International Man Booker Prize 2016 sowie des Dublin Literary Award 2017 stand.

Den Debütroman von Haroon Gordon hat Anne dann gelesen. PALAST AUS STAUB UND SAND war insgesamt eine zauberhafte Lektüre, die wohl am ehesten dem magischen Realismus in der Tradition südamerikanischer Literatur zuzuordnen ist. Themen wie Freundschaft, Liebe, Loyalität und Verrat werden hier auf spannende Art mit überraschenden Wendungen neu beleuchtet. Für Anne poetisch, berührend und empfehlenswert...



Vor kurzem drückte dem KaratekaDD ein Verwandter ein Taschenbuch in die Hand. Das wäre wohl kein guter Griff gewesen. Aber da es im Mirow auf der Schlossinsel spielt und dazu noch noch was historisches ist, wenn auch kein historischer Roman im klassischen Sinn, habe ich es natürlich gelesen. Und ich fand es gut. Kurz bevor Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz sich aufmacht, die Heimat für immer zu verlassen um den englischen Königsthron zu besteigen, gescheht schnell noch ein Mord. Will da etwa jemand Sand ins Getriebe streuen?

Die Inselkrähe von Mirow, geschrieben von Frank Pergande ► Rezension.


Dem Fieber verfallen ist wohl der KaratekaDD. Ewig hat er postuliert, dass er KEIN Fantasy-Fan ist. Außer, was den Herrn der Ringe betrifft. Und nun hat es ihn erwischt. Nach dem Genuss von fast 70 knapp einstündigen Folgen der Serie Game of Thrones, hat er sich nun über ein neues Hörbuch hergemacht und damit Das Lied von Eis und Feuer von vorn angefangen.Begeben wir uns also auf den Weg des Lords von Winterfell und den seiner Kinder und hören: Die Herren von Winterfell und Das Erbe von Winterfell.

Hier geht es zur Rezension 1.und zur Rezension 2.



Meine Güte, was für ein verstörendes Buch! Traumartig erscheinen die Schilderungen des Geschehens, gefangen in klebrigheißen Sommmertagen, ein Ineinanderfließen der Zeit, überwuchert von einem süßlichen Verwesungsgeruch. Ian McEwan hat es  mit DER ZEMENTGARTEN geschafft, nicht nur glaubhaft darzustellen, dass es Jack - und vielleicht auch den anderen Kindern - so vorkam, als schliefen sie (wenn sie nicht gerade im Keller bei ihrer toten Mutter waren), sondern Anne als Leser gleich ebenfalls Teil dieses Albtraums werden zu lassen. Dabei agiert McEwan gnadenlos und schreckt vor keinen Konsequenzen zurück, alles wird hier ausgelebt ohne eine Korrekturmöglichkeit von außen. Düster und faszinierend, morbide und spannend, tabulos und unfassbar. In jedem Fall ein Roman, der Anne nachhaltig beeindrucken konnte.



Eine halbe Million Klicks auf unserem Blog - das war uns einen Extra-Beitrag wert. Dieser bietet einen kleinen Überblick über das, was bislang war. Keine Verlosung diesmal - die kommt im nächsten Jahr zu unserem fünfjährigen Bestehen...




Den Abschluss einer Trilogie präsentierte Anne dann: BITTERSÜSSE WAHRHEITEN von Jürgen Vogel. Auch der letzte Teil der Trilogie ist wieder ausgesprochen kurz gehalten, doch im Vergleich zu Band 2 empfand Anne es diesmal als nicht ganz so störend. Es war ein Vergnügen, David und den anderen inzwischen bekannten Charakteren wiederzubegegnen und endlich der Auflösung des Geheimnisses entgegenzufiebern. Alles in allem ein runder Abschluss, doch nicht nur aufgrund der Kürze der einzelnen Teile könnte Anne sich gut vorstellen, dass diese dreiteilige Geschichte auch in einem einzigen Roman versammelt würde. Das täte dem Fluss der Erzählung sicherlich gut.



Bildergebnis für deutscher buchpreis 2017
Anne verrät ihre Planungen hinsichtlich der Lektüre einiger Titel von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises. Gleich vier Bücher sollen es werden, und Anne ist sehr gespannt, ob darunter letztlich auch der Siegertitel 2017 sein wird... Am 12. September erscheint bereits die Shortlist.





Die 101. BlogPost geht der Frage nach, wie man effektiv Werbung für den Blog machen kann.






Erwartet hatte Anne bei SCHWARZES GOLD AUS WARNEMÜNDE von Harald Martenstein und Tom Peuckert eine intelligente Satire. Bekommen hat sie jedoch weniger eine Vision von etwas, sondern eher eine lose Anhäufung von Gags, die großteils von ihrem (berühmten) Personal leben à la 'Was wurde aus der und dem in der dieser DDR'? Vereinzelt wären die Artikel ganz unterhaltsam gewesen, aber in der Summe war es einfach too much. Sorry.


KATIE von Christine Wunnicke ist das erste Buch, das Anne von der diesjährigen Longlist des Deutschen Buchpreises gelesen hat. Und gleich ist sie auf eine tolle Überraschung gestoßen! Spiritismus versus Wissenschaft in historischem Gewand - gespickt mit einem herrlichen Panoptikum skurriler Gestalten. Christine Wunnicke hat jeden der Charaktere auf eine Weise angelegt, dass man keinen davon sonderlich mag oder auch nur ernst nimmt.  Obgleich die sorgfältig recherchierten Details der historischen Darstellung allesamt stimmig sind, kann man angesichts der Geschehnisse oft nur kichernd den Kopf schütteln - wohl wissend, dass viele der damaligen 'wissenschaftlichen Erkenntnisse' genauso Humbug waren wie die Gestererscheinungen. Anne hat sich beim Lesen lange nicht mehr so amüsiert!


Albert Einstein hatte einen geschätzten IQ-Wert von 160-180 und war unbestritten eines der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts. William Sidis, der fast zeitgleich zu Einstein lebte, hatte einen geschätzten IQ-Wert von 250-300. Und niemand kennt heute noch seinen Namen. Aber weshalb? Morten Brask widmet sich dieser Frage in seiner einfühlsamen, sorgfältig komponierten und hochliterarischen Biografie dieses längst vergessenen Hochbegabten. DAS PERFEKTE LEBEN DES WILLIAM SIDIS widmet sich auch der Frage, was ein perfektes Leben eigentlich ist. Ist es das Ausschöpfen aller Fähigkeiten, über die man verfügt? William Sidis hat sich für eine andere Art des perfekten Lebens entschieden, und Anne hat diese Biografie überaus beeindruckt.

Sonntag, 27. August 2017

Brask, Morten: Das perfekte Leben des William Sidis


Die Presse feierte ihn als "intelligentesten Menschen aller Zeiten", er galt als Beweis für das unerschöpfliche Potential des menschlichen Gehirns: William Sidis, 1898 bis 1944, war ein Wunderkind und ein Star. Im Alter von 18 Monaten liest er die "New York Times", mit 6 Jahren beherrscht er 10 Sprachen, mit 10 präsentiert er seine Theorie der vierten Dimension. Das sei ganz normal, behauptet sein Vater, für den Intelligenz eine Frage der strikten Erziehung ist. Mit meisterhafter Gestaltungskraft erzählt Morten Brask von einer Zeit, die an den grenzenlosen Fortschritt glaubt, und vom tragischen Schicksal eines unverständlich intelligenten Menschen. Eine unglaubliche wahre Geschichte.

(Klappentext Hanser Literaturverlage)

  • Gebundene Ausgabe: 368 Seiten
  • Verlag: Verlag Nagel & Kimche AG (30. Januar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetuung: Peter Urban-Halle
  • ISBN-10: 3312010136
  • ISBN-13: 978-3312010134













EINE GROSSE BEGABUNG KANN AUCH EIN FLUCH SEIN...



Albert Einstein hatte einen geschätzten IQ-Wert von 160-180 und war unbestritten eines der größten Genies des vergangenen Jahrhunderts. William Sidis, der fast zeitgleich zu Einstein lebte, hatte einen geschätzten IQ-Wert von 250-300. Und niemand kennt heute noch seinen Namen. Aber weshalb? Morten Brask widmet sich dieser Frage in seiner einfühlsamen, sorgfältig komponierten und hochliterarischen Biografie dieses längst vergessenen Hochbegabten.

Nach jahrelanger Recherche und basierend auf Artikeln, Büchern, Tagebüchern, Briefen und Gerichtsprotokollen, erzählt Morten Brask sehr bildlich und szenisch die wahre Geschichte von William Sidis, einem Sohn jüdischer Einwanderer aus der Ukraine. 1898 in New York geboren, wird William gleich nach seiner Geburt zum Studienobjekt seines Vaters. Um seinen Sohn zu befähigen, statt der üblichen 10% des Gehirns auch die übrigen 90% zu nutzen, bemüht sich der Psychologe Boris Sedis, William von klein auf eine fördernde Umgebung zu bieten. Denken und Argumentieren statt Spiel und Sport.


"Die Einschulung kommt viel zu spät, um anzufangen. Wenn die Kinder sechs sind, ist der kritische Punkt längst vorbei, die mentalen Funktionen des Kindes sind dann schlichtweg atrophiert und degeneriert. Und diesen Fehler dürfen wir nicht begehen. Ich finde, wir sollten Billy schon jetzt wie einen Erwachsenen behandeln, so als könnte er alles, was wir auch können."



Und die Erziehung greift: Mit 18 Monaten kann der kleine Billy Zeitung lesen. Mit vier liest er Caesar und Homer im Original. Nicht viel später spricht er fließend Russisch, Französisch, Deutsch, Hebräisch, Türkisch, Armenisch - sowie Vendergood, eine von ihm selbst erfundene Kunstsprache, komplett mit eigener Grammatik und Wörterbuch. Die Grundschule verlässt William nach gerade einmal sieben Monaten, die High School hat er nach drei Monaten hinter sich. Mit acht Jahren hat er Zugangsberechtigungen zum Massachusetts Institute of Technology sowie zum Medizinischen Institut in Harvard in der Tasche. Doch selbst die Eliteuniversitäten wissen nicht, wie sie mit dem Extrembegabten umgehen sollen. Erst nachdem Sidis mit 11 Jahren in Harvard einen Vortrag über seine Gedankengänge zur vierten Dimension hält, darf er dort mit dem Studium beginnen. 


"Minuten vergehen, ehe der Beifall nachlässt, aber dann kommt die Kakophonie der Stimmen jäh wieder, die Professoren diskutieren über den Vortrag und über William. Einer nach dem anderen kommt und schüttelt Williams Hand und redet und redet, sie seien überwältigt, sagen sie, sie hätten nie etwas Derartiges erlebt; 'ein Licht', 'ein Genie' sind die Worte, die sie in Sätze flechten."


Doch mit 11 Jahren studieren? Was macht das mit einem Kind? Intellektuell war William sicher bereit dazu - er, der nicht nur mathematische und sprachliche Begabungen hatte (er sprach letztlich über 40 Sprachen fließend), sondern über ebenso gründliche Kenntnisse der Anatomie, Wirtschaft, Philologie, Jura, Geschichte, Politik und Astronomie verfügte. Aber emotional? Als Kind unter erwachsenen Studenten, ohne seine Eltern oder einen anderen Menschen, der ihn unter seine Fittiche nahm? Und dafür immer im Fokus der Presse, die William als Wunderkind präsentierte und auf immer neue Höchstleistungen wartete?

Morten Brask schildert eindrücklich diese Diskrepanz zwischen dem hohen Intellekt einerseits und dem Mangel an emotionaler Zuwendung andererseits. Als Projekt seiner Eltern hatte William Sidis niemals die Möglichkeit, einfach nur Kind zu sein - Sport wurde als unnütze Zeitverschwendung angesehen, ein gemeinsames Spielen mit anderen Kindern gab es nicht. Durch den stetigen Wechsel der Zeitebenen in der Erzählung zwischen der Kindheit und Jugend, dem Leben als jungem Erwachsenen und schließlich seinem letzten Lebensjahr, erhält der Leser hier einen zunehmenden Einblick in das Werden und Leben des William Sidis. Und Morten Brask schafft es, einem diesen hochintelligenten Menschen nahe zu bringen.


"Die Welt steht dir offen, William.Es kommt nur darauf an, dass du kluge Entscheidungen triffst."


Sidis kognitive Leistung ist sicher ein wesentlicher Teil dieser Geschichte und unstrittig faszinierend. Man bekommt als Leser tatsächlich ein Gefühl dafür, wie es ist, derart schlau zu sein. Diese Art, alles sofort zu berechnen, alles auf Anhieb zu verstehen, Verbindungen zu erkennen, auf die sonst kaum jemand kommt. Bei der Schilderung eines möglichen Zusammenhangs von Sonnenflecken und Revolutionen beispielsweise habe ich zunächst nur kopfschüttelnd gegrinst, bevor ich immer aufmerksamer gelesen und gestaunt habe. Doch manches habe ich auch nicht wirklich verstanden, wie z.B. in William Sidis Unterhaltung mit seinem Freund Scharfman, bei der es um Astronomie und um die Möglichkeit ging, die Kräfte der Natur umzukehren sowie um die mögliche Präsenz schwarzer Löcher im Universum. Mein IQ scheint sich einfach nicht in diese schwindelerregenden Bereiche zu erheben...

Ein ebenso wesentlicher Teil der Erzählung ist aber auch der übrige William Sidis, seine Gefühle, Interessen, Freunde, Liebe, Einsamkeit. Seine Hypersensibilität, die ihn sämtliche Gerüche, Geräusche, Wahrnehmungen um ein Vielfaches stärker und intensiver empfinden lässt als andere. Das ständige Präsentiertwerden als Wunderkind schon in jungem Alter. Seine große und einzige Liebe, die so kurz währt, ihn jedoch ein Leben lang nicht loslässt. Seine erste Stelle als Mathematikdozent, die er aufgibt, weil er von seinen durchweg älteren Studenten ohne Unterlass gehänselt wird, obwohl er für sie eigens ein Lehrbuch verfasst hat (auf Altgriechisch). Auch eine andere Stelle kündigt er, weil er erst später erfährt, dass diese militärischen Zwecken dient - und Sidis ist glühender Pazifist. Seine Verhaftung und seine Anklage vor Gericht aufgrund der Teilnahme an einer ungenehmigten Demonstration der kommunistischen Bewegung. Die darauf folgenden Umerziehungsversuche seiner Eltern durch das Wegsperren in eine Psychiatrie, einschließlich des Verhinderns der Kontaktaufnahme zu Williams Freunden...


"Ich möchte ein perfektes Leben führen. Das perfekte Leben lässt sich nur in Abgeschiedenheit führen. Menschenmengen habe ich immer gehasst."



Auch wenn Morten Brask hier nicht angklagend schreibt, sondern in wohlgesetzten Formulierungen, eher nüchtern und emotionsarm, wird die wachsende Not Williams beim Lesen zunehmend spürbar. Und doch lässt der Autor die aufsteigende Traurigkeit des Lesers kaum einmal wirklich zu. Denn obschon William schlussendlich ein Leben in Einsamkeit verbringt - er kehrt seinen Eltern, sämtlichen ehrgeizigen Ambitionen und nicht zuletzt auch der hartnäckigen Presse rigoros den Rücken und lebt vollkommen anonym von häufig wechselnden Jobs als einfacher Büroangestellter, schreibt nur noch in seiner Freizeit Artikel und Bücher und widmet sich seiner Fahrkartensammlung - lebt er letztlich das Leben, zu dem er sich bewusst entschieden hat. In Sidis Augen: ein perfektes Leben.


"Es gibt wohl kein Leben, das richtiger ist als ein anderes. Man soll danach streben, das Leben zu wählen, das man selber für richtig hält, und wenn man das getan hat, ist das sicher eine Art Lebensperfektion."


Im Alter von 46 Jahren stirbt William Sidis an einer Hirnblutung - so einsam, wie er gelebt hat. Ich muss gestehen, dass ich das Buch mit einem Kloß im Hals schloss, nicht jedoch verbittert. Sondern mit dem Gedanken: Was wohl ist ein perfektes Leben? Ist es das Ausschöpfen aller Fähigkeiten, über die man verfügt? Nun, William Sidis hat sich für ein anderes perfektes Leben entschieden. Und dem zolle ich definitiv Respekt.

Eine beeindruckende Biografie über ein längst vergessenes Genie, die noch lange nachhallt...


© Parden













Die Hanser Literaturverlage schreiben über den Autor:

Morten Brask, 1970 geboren, wuchs in Kopenhagen auf. Er studierte  Filmwissenschaften und Geschichte an der Universität Kopenhagen und schrieb während seines Studiums immer wieder Artikel für verschiedene dänische und norwegische Zeitungen, Magazine und Zeitschriften. Nach Abschluss seines Studiums reiste er sieben Monate durch Indonesien und Australien. Er arbeitete unter anderem als Regisseur für Dokumentarfilme und ist Mitbegründer und Creative Director der Kommunikationsagentur Tabula Rasa. Das perfekte Leben des William Sidis ist sein erster Roman, der ins Deutsche übersetzt wurde.

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