Lese- bzw. Rezensionsexemplar aus dem Selbstverlag / imkopfgegenstrom.de / 2026 / 168 Seiten
Kurzmeinung: In den Social Media Kanälen erhält man durch manche Accounts einen Eindruck von einem Leben mit ADHS. Hier steht es schwarz auf weiß (oder weiß auf schwarz, je nachdem) und hat mich sehr beeindruckt.
EINMAL CHAOS FÜR ALLE!
Dies ist ein Buch, bei dem man ziemlich schnell merkt: Hier soll nicht einfach über ADHS geschrieben werden. Hier soll sich das Lesen selbst ein bisschen so anfühlen. Mario Neitzke versucht nicht, Reizüberflutung, Gedankenchaos, Misophonie, Identität, Familie und die Schwierigkeit, im eigenen Kopf nicht die Orientierung zu verlieren, von außen zu erklären. Seine Essays übersetzen dieses Erleben vielmehr in kurze Texte, Bilder, Brüche und vor allem in eine Gestaltung, die sich jeder erwartbaren Buchordnung widersetzt. Die vier Kapitel STOP, DENK, PUNK und RESET führen dabei durch Erleben, Herkunft, Haltung und Loslassen. Die Texte selbst sind knapp, teilweise in freien Versen geschrieben, sprachlich reduziert und gerade deshalb eindringlich. Manchmal braucht es nur wenige Worte, um einen Gedanken laut werden zu lassen.
Besonders überzeugt hat mich die Gestaltung – und das ist bei einem Buch, das vom Chaos im Kopf erzählt, fast schon folgerichtig. Jedem Kapitel ist eine Schwarz-Weiß-Aufnahme einer Musikkassette vorangestellt: Bandsalat inklusive. Ein herrlicher Anachronismus und gleichzeitig ein ziemlich treffendes Bild für das, was hier passiert. Die Tonbänder formen die Kapitelüberschriften, wirken in den ersten beiden Kapiteln sogar wie Augen und visualisieren dieses ständige Durcheinander auf eine Weise, die mich sofort angesprochen hat.
Überhaupt ist kaum eine Seite einfach nur eine Seite. Die Gestaltung ist sprunghaft, verspielt, manchmal geradezu chaotisch. Wörter liegen übereinander, Schriftgrößen wechseln, Gedanken stehen nicht immer dort, wo man sie erwartet. "Ich höre leider zu" oder "Stille mit Kännchen" sind dabei keine einfachen Wortspiele, sondern werden zu kleinen visuellen Übersetzungen dessen, was es bedeutet, Reize nicht filtern oder Gedanken einfach abschalten zu können. Ja, manches davon ist anstrengend zu lesen. Aber vielleicht ist genau das der Punkt: Wenn mich schon die Gestaltung beim Lesen ermüdet, vermittelt sie zumindest eine Ahnung davon, wie erschöpfend ein Kopf sein kann, der permanent alles mitbekommt.
Und dann ist da noch dieses erstaunliche Inhaltsverzeichnis am Ende, das aussieht wie ein Liniennetzplan. Für Menschen wie mich, die vor solchen Plänen stehen und sich fragen, wo zum Teufel sie eigentlich hinmüssen, ist das schon fast eine kleine Frechheit – hier passt es allerdings perfekt. (Und auf der nächsten Doppelseite ist dann auch noch ein "normales" Inhaltsverzeichnis angehängt, was man allerdings erst danach entdeckt).
Die beigelegte "Gebrauchsanweisung" (herrlich auch die Rückseite mit den originellen Abbildungen, die an IKEA-Aufbaupläne erinnern) gestattet es auch, die Reihenfolge nicht zwangsläufig einzuhalten. Ich habe das Buch trotzdem zunächst von vorne nach hinten gelesen, zurückgeblättert, später kreuz und quer darin gelesen und bin ziemlich sicher, noch längst nicht alles entdeckt zu haben. Gerade das macht den Reiz aus und verführt dazu, das Buch auch nach dem Lesen wiederholt zur Hand zu nehmen.
"Orientierungslauf" ist kein Ratgeber und kein Fachbuch, sondern ein sehr eigenwilliger literarischer Versuch, eine Innenwelt nach außen zu bringen. Als Selfpublisher-Projekt beeindruckt mich dabei besonders der Mut, ein Buch nicht glatt und gefällig zu machen, sondern seine Form konsequent dem Inhalt unterzuordnen. Ich hoffe sehr, dass es bald regulär erscheint – denn dieses Buch gehört nicht nur zwischen zwei Buchdeckel, sondern in die Hände von Menschen, die wissen wollen, wie sich ein Kopf anfühlen kann, der selten geradeaus denkt.
Dieses Buch ist nicht glattgebügelt – und genau deshalb bleibt es hängen. Eine Besonderheit!
© Parden
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