Montag, 7. September 2026

Thürk, Harry: Taifun - Aufzeichnungen eines Geheimdienstmannes I-III


Zu Beginn eine „Buchgeschichte“ aus den Jahren 1988 und 2009.

Es wird im Jahre 1987 oder 88 gewesen sein. Da bekam ich ein Buch in die Hand gedrückt. Genauer gesagt, ich musste mich anstellen, denn eine Reihe anderer wollte es auch lesen. Dann las ich den ersten Band. Und wollte es kaufen. Also ging ich in das Haus des Buches am Dresdner Postplatz, die damalige Nr. 1 Buchhandlung der Stadt.

Ich: "Tag auch, ich hätte gern den Thürk Roman "Taifun". 
Verkäuferin: "...tut mir leid, Kenn ich nicht."
Ich: "Na so was, hab ich ja bereits gelesen..."
V: "Kann nicht sein..."
Ich: "Doch..."
V: "Sie meinen bestimmt "Der schwarze Monsun"
Ich: "Nee..."

So ging das eine Weile hin und her. Sie schaut ind die Bibliographie und sagt: "Gibt es nicht!!!" (Mit drei Ausrufezeichen) Langsam hielt sie mich wohl für bescheuert.

Raus kam aber später, allerdings kann ich nicht sagen, ob das die volle Wahrheit ist: Der Roman wurde zwar im mitteldeutschen Verlag verlegt, aber zuerst nur in Staatssicherheitskreisen vertrieben. So geheim waren die nun auch nicht, das Buch war dort wohl nicht als "Geheime Kommandosache" eingestuft. Bis 1989 war es nicht mehr weit hin, mein Exemplar ist von 1990, mit ISBN Suche wird auch nur 1990 angegeben. Jedenfalls hab ich es vor dem Erscheinen im Mitteldeutschen Verlag gelesen.

Inhalt:   Der Captain Robbins wird vom OSS (Office Strategic Service) nach China geschickt. Dort ist die Revolution im Gange, in deren Folge die Kuomintang unter Tschiang Kai Shek nach Taiwan ausweicht. Jedenfalls kommt ein gewisser Mao Tse-tung an die Macht. Robbins bekommt Kontakt zur Führung der kommunistischen Partei. (1. Band: Der Weg nach Peking)

Im zweiten Band (Ping Tjiao Hutung) erlebt Robbins, der Sinologie studiert hat, den Aufbau des kommunistischen Systems, die ursprünglich enge Bindung an die Sowjetunion und die Entfremdung von dieser. Regelmäßig trifft er Kang Sheng, den grauen Kardinal des Zentralkomitees. Neben Mao, dessen Frau Jiang Qing und andere Politiker kennen. Die USA hält über Robbins streng geheimen Kontakt zu China.

Im dritten Band (Im Auge des Sturms) dann geht es um die Kulturrevolution. Die Handlung geht bis 1973, dem Jahr, indem Präsident Richard Nixon nach Peking zum Staatsbesuch reist.

Zu Beginn erzählt Thürk, er hätte auf einem Basar eine Aktentasche mit den Tagebuchaufzeichnungen eines Geheimdienstmannes erhalten. Dies aber scheint doch eher fiktiv zu sein. Am Ende, als Robbins China, das zu seiner Heimat geworden ist, verlassen will oder muss, findet man eine Leiche. An der Veröffentlichung der Aufzeichnungen hatte die CIA sicher kein Interesse.

* * *

Das Buch:    Eine Geschichte des kommunistischen Chinas in drei Bänden als Roman. Politik + Geschichte, die fiktive Seite verschwindet fast unter Fakten und tatsächlichen Gegebenheiten. Zwischen Tagebuchseiten und Telegrammen an den Führungsoffizier bei der CIA verstecken sich Zeitungsmeldungen, Notizen Memos, Geheimdienstmeldungen und manches mehr, von dem man auch nicht genau weiß, ob diese echt oder fiktiv sind. Wahrscheinlich wechselt sich das ab. Das fördert die Neugier und hält die Spannung aufrecht.

Robbins und die ihn umgebenen Menschen werden den Leserinnen und Lesern sympathisch, was man von den Politikern nicht gleichermaßen behaupten kann. Man fiebert mit ihren Erfolgen, ihren Misserfolgen, im Arbeitslager...

Irgendwann wedelt auch Robbins opportun mit dem roten Zitatebüchlein des großen Vorsitzenden. Aus diesem Büchlein sollen chinesische Flugbegleiterinnen auf den Flügen fast pausenlos "vorgelesen" haben.

"Wenn man sich mit den Massen verbinden will, muss man den Bedürfnissen und Wünschen der Massen entsprechend handeln." (Mao in "Die Einheitsfront in der Kulturarbeit")
Mmh...

* * *

Hintergrund:   Zu diesem Kang Sheng wusste man nicht viel, allerdings hatten zwei französische Journalisten eine Biografie geschrieben, die Thürks Darstellungen in vielen Dingen bestätigte. Thürk selbst kannte ja Peking und auch diese etwas eigentümliche Gruppe westlicher Kommunisten, die sich dort breitgemacht hatten und Mao anhimmelten. Als Beispiel sei genannt Sidney Rittenberg, ein amerikanischer ehemaliger Soldat, der in China blieb, in Ungnade fiel und im Arbeitslager saß, aber Maos Kampagnen trotzdem unterstützte und mit dem Robbins zusammen trifft.
Diese Kampagnen, die 100-Blumen zum Beispiel oder wie die Chinesen mit Wandzeitungen öffentlich Selbstkritik üben musste, Eisenhütten in jedem Dorf und der Kampf gegen die Getreide wegfressenden Vögel, die zu einem enormen Ungezieferbefall in Peking sorgten. Kulturrevolution nannten die das.

Aber auch die große Politik.

* * *

Harry Thürk (1927-2005) war ein bekannter Autor in der DDR und viele Leserinnen und Leser erinnern sich an seine vielen Titel, Romane, Reportagen und Sachbücher. Sein Werk ist so umfangreich, dass von Hanjo Hamann, Ullrich Völkel und Stefan Wogawa ein extra Buch über „sein Leben, seine Bücher, seine Freunde“ im Jahr 2007 heraus kam. Auch zu „Taifun“ finden sich darin interessante Zusatzinformationen und die Bestätigung meiner Geschichte oben. Übrigens, unter dem Link zur Deutschen Nationalbibliothek findet sich die Buchclub 65 Ausgabe aus dem Jahr 1988. Eine auflage von 30000 Exemplaren für das Ministerium für Staatssicherheit, die den Stoff haben wollte im Gegensatz zur Literatur-Genehmigungsbehörde beim Kulturministerium. 

Thürks Bücher sind, weil ich kürzlich erst davon schrieb, keineswegs "ausradierte" DDR-Literatur, hier kann man gleich eine ganze Reihe bestellen, wenn auch nicht diesen dreibändigen Roman, den ich mit zu den besten zähle, die ich gelesen habe und die immer noch im Bücherschrank stehen.

©️ Bücherjunge

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