Donnerstag, 15. September 2022

Groeper, Kerstin: Taschunka-Gleschka-Win...

 --- geflecktes Pferdmädchen

Ein weißes Kind bei den Lakota

Schon oft nahm ich mir vor, dieses oder jenes Kinder- oder Jugendbuch aus dem Traumfänger Verlag zu lesen. Hier liegt nun die Geschichte von Mary vor mir, deren Lakota-Name Taschunka-Gleschka-Win lautet. Das ich nun zu diesem und demnächst zu weiteren Kinderbüchern der hier schon bekannten Autorin Kerstin Groeper greife, hat nicht vordergründig, jedoch auch nicht zuletzt mit der Diskussion um das Kinderbuch Der junge Häuptling Winnetou zu tun, welches der Ravensburger Kinderbuchverlag kürzlich zurückgezogen hat. Zum Film, auf dem dieses Buch beruht, habe ich hier bereits geschrieben. 

Inhalt. Mary, ein zehnjähriges Mädchen zieht im Jahr 1860 mit ihren Eltern und einem kleinem Bruder in Richtung Westen. Die kleine Farm, die der jähzornige Vater, der auch schnell zum Riemen greift, bewirtschaftete, wirft nicht genügend ab und viele Menschen von der Ostküste entschließen sich, ihr Glück im mittleren oder fernerem Westen zu versuchen. So ziehen sie auf den Oregon-Trail: 3500 Kilometer zu den Rocky Mountains.


Doch eine Krankheit lässt die Familie zurückbleiben und nun sind Vater, Mutter und der Bruder während des Trecks verstorben. Kann Mary, die den Planwagen ja nicht ziehen kann, mit ihrem Pony Tupfen den Wagenzug noch erreichen?

Das Mädchen zieht allein durch die Prärie.

Sie folgt den Wagenspuren, die sehr zahlreich im Staub und Gras verlaufen. Doch während Tupfen, das Pony hat ein geflecktes Fell, natürlich genug Gras findet, ernährt sich das Mädchen von Pflaumen und Wasser. Nach einigen Tagen fehlt ihr die Kraft aufzustehen.

Oregon Trail

Doch plötzlich wird sie aufgehoben. „Ohan, Wintschintschala kin kikta yelo!“ (Das Mädchen ist aufgewacht.) klingt es an ihrem Ohr, als sie erwacht. Indianer. zwei Indianer. „Schunka wakan nitawa ho?“ (Ist das dein Pferd?) fragt der eine. Ein Kind in der Prärie allein, die beiden Lakota nehmen Mary mit. Wambli (Adler) heißt der jüngere, Inyan-ska (Weißer Felsen) der ältere Indianer. 


So kommt Mary zu einer neuen Familie und wegen ihres Ponys wird sie von nun an  Geflecktes Pferdmädchen genannt. Mutter, Vater, eine neue Schwester, ein kleiner und ein älterer Bruder bilden jetzt ihre Familie, die so ganz anders zusammenleben. Mary, oder Taschunka-Gleschka-Win, lebt sich ein, spielt mit den anderen Mädchen, hilft der Mutter, lernt den kalten Winter kennen, das regelmäßige Baden im Fluss, die Feste und Zeremonien. Bewundert wird sie, weil sie so ein kleines eigenes Pferdchen besitzt, welches später auch ein Fohlen dazu bekommt.

Als sie einen Jungen rettet, der abseits des Zeltdorfes vom Pferd gestürzt war, wird die Anerkennung und die Familie noch viel größer.

Doch dann geschieht ein Unglück und das Mädchen wird entführt. Plötzlich ist sie wieder unter Weißen und in einem Waisenhaus. Wird sie zurück zu ihren Lakota-Eltern finden?

* * *

Das Buch. Ganz so neu erscheint mir die Geschichte nicht. Natürlich denkt der Blogger an das erste „Indianerbuch“, welches er las: Blauvogel – Wahlsohn der Irokesen von Anna Jürgen. Darin geht es um einen kleinen weißen blonden Jungen, der mit neuen Eltern in Langhäusern lebt. Hier sind es die Lakota, Plainsindianer, die dem weißen Mädchen eine Heimat geben.

Als Mary auf ihren zukünftigen indianischen Vater Inyan-ska und den älteren Bruder trifft, vernimmt sie Lakota-Worte. Kerstin Groeper hat in diesem Buch eine Vielzahl von Begriffen, Namen und ganze Sätze verwendet. Diese sind im Text oder in einem angehängten Glossar übersetzt. Allein dies macht schon eine gewisse Authentizität aus. Ein Schwerpunkt liegt auf dem Zusammenleben der Familien der Stammesgruppe, der Beziehung unter den Verwandten und Umgangsweisen untereinander. Nicht unbekannt dabei ist, dass Kinder nicht geschlagen wurden. Kerstin Groeper geht auch darauf ein, dass die Erwachsenen darauf vertrauten, dass die Kinder Ermahnungen oder Belehrungen verstanden und wiederholtes Fehlverhalten vermieden. Da es ein Kinderbuch ist, legt die Autorin auch Wert auf das Verhalten zwischen Jungen und Mädchen beziehungsweise Schwestern und Brüdern. Die Arbeitsteilung von Männern und Frauen wird mehr aus Sicht der Frauen erzählt, wie die Büffel gejagt werden ist angedeutet, wie sie verarbeitet werden, wird stärker hervor gehoben. Holzsammeln, kochen und das Herstellen von Kleidern ist die Aufgabe von Frauen und Mädchen. Zu beachten ist dabei sicherlich, dass die Gruppen in der freien Natur lebten, Büffeljagd gefährlich war, Kraft und Behändigkeit erforderte und dies den Männern oblag. Kerstin Groeper zeigt die Gefährlichkeit, als ein Puma die Pferdeherde angreift.


Vor uns liegt ein sehr emphatischer Text, der das Leben der Lakota im Vergleich zum Leben der weißen Einwanderer und Eroberer darstellt, dies aber nicht besonders hervorhebt. Eine lustige Episode hier ist die, als Mary an einem Baum eine Schaukel anbringt und die anderen Kinder diese bestaunen und in Besitz nehmen, während die Erwachsenen eine solche "Nutzlosigkeit" belächeln. Der Einfluss der Siedler beschränkt sich momentan noch auf die Erwähnung von Gewehren und Kochtöpfen, die die „Köchinnen“ zu schätzen wissen, da man sie über ein Feuer hängen kann. Das Indianer auch schlemmen und feiern konnten, wird sehr plastisch  dargestellt.

Es wird zudem zwar angedeutet, dass die Krieger um Taschunka withko gemeinsam mit dem Volk der Cheyenne gegen die weißen Eroberer und Soldaten kämpfen müssen, dies steht aber nicht im Vordergrund der Geschichte um ein weißes Mädchen bei den Lakota.


Wir lesen letztlich eine Episode aus dem Leben der Lakota um die Zeit, da sie noch frei leben, aber inzwischen stark bedrängt werden.

Im Jahr 2011 wurde das Buch verlegt und zu erwähnen ist unbedingt, dass die Illustrationen von der damals 17jährigen Eugenie (Pauline) Pierschalla gestaltet wurden.

Das Buchcover betreffend erzählte mir Kerstin Groeper einmal, dass durch die Buchhändler das oben gezeigte Cover als "ungünsig" empfunden worden wäre und man lieber richtige Fotos hätte. So kam es zu diesem Buchdeckel.



* * *

Die Autorin. Kerstin Groeper hat eine ganze Reihe von Romanen, Jugend- und Kinderbüchern geschrieben. Sie kennt die aktuellen Bedingungen in den Reservationen, spricht Lakota und stellt indianische Musiker und Tänzer auf verschiedenen Veranstaltungen vor, zum Beispiel auch während der Karl-May-Festspiele in Radebeul.

Seit einiger Zeit beklagt sie, bzw. der Verlag, dass realistische moderne Indianerliteratur wenig gefragt wäre. Das läge zum einen daran, dass der konsequent verwendete Begriff „Indianer“ einer „Verwendungsdiskussion“ unterliegt und Buchhandelsketten insgesamt zurückhaltend sind. Zum anderen daran, dass anscheinend realistische Literatur, Romane wie Sachbücher gegenüber Winnetou und Yakari weniger nachgefragt werden. Vielleicht, dies ist eine Hypothese meinerseits, gibt es eine gewisse Flucht aus der Realität in eine Fantasywelt, zu der im weiteren Sinne auch die beiden genannten Figuren gehören, obwohl Karl Mays Winnetou unter jüngeren Lesegenerationen weniger oder gar keine Rolle spielt, Yakari - Geschichten für kleinere Kinder geschrieben wurden.

Für ein den indigenen Völkern vor allem Nordamerikas seit James Fenimore Cooper und Karl May interessiert und positiv gegenüberstehenden Leseland erscheint dies schade. 

Selbst die, die die, inzwischen auch 50 bis 70 Jahre alten Bücher einer Liselotte Welskopf-Henrich  lieben, greifen eher selten zu moderneren und intensiv recherchierten Büchern. 

Wieso eigentlich?

Statt dessen wird über Bezeichnungen wie „Indianer“ diskutiert, Ausdrücke wie Native Americans oder Indigenous eingefordert und für ältere und jüngere Literatur sogar Geschichtsrevisionismus und Verherrlichung von Kolonialismus und Völkermord behauptet. Ganz albern  wird es, wenn man weißen Europäern das Recht abspricht, über die indigenen Völker zu schreiben, weil man ja von deren Lebensumständen (Armut, Drogen, Arbeitslosigkeit) nicht  betroffen wäre.**


Bruno Schmähling (Traumfänger Verlag - Herausgeber) hat im Vorwort zu Wintercount, einem Roman von Dallas Chief Eagle erklärt, dass der Verlag Bücher von, mit und in Kooperation mit Indianern heraus gibt und von nicht indianischen Autoren verlangt, dass diese sich persönlich vor Ort orientieren und sich mit der jeweiligen Sprache beschäftigen. Vor allem werden die Bücher im Bewusstsein herausgegeben, dass ein Großteil der Geschichte der Native Americans oder First Nations (Kanada) von den weißen Eroberern geschrieben wurde. Der Verlag macht sich meiner Auffassung hier durch die Veröffentlichung von Büchern indianischer Autoren besonders verdient.

Ich sehe die Bücher des Traumfängerverlages in der Tradition einer Liselotte Welskopf-Henrich (LWH-Projekt) und von Filmen wie „Der mit dem Wolf tanzt“ und viel mehr noch von In To The West, einer sechsteiligen Miniserie aus den USA.


Mit Büchern wie Taschunka-Gleschka-Win können Kinder an das Thema Eroberung, Unterdrückung aber ebenso Kultur, Bräuche, Glauben und Zusammenleben der verschiedenen indianischen Völker insbesondere heran geführt werden. Die Begeisterung, die einst Oma und Opa mit Chingachgook (J.F. Cooper), Winnetou (Karl May) und Harka – Tokei-ihto (L.Welskopf-Henrich) erwarben, kann durch solche, realistischen Geschichte erzählenden Bücher bestimmt weitergegeben werden.



Interview mit Kerstin Groeper


Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=146973
** vergleiche dazu: Winnetou - Ein Abgesang? -  Teil 1

  • DNB / Traumfänger / Hohenthann 2011 / ISBN: 978-3-941485-30-3 / 217 Seiten

Bücher von Kerstin Groeper auf Litterae-Artesque

Im fahlen Licht des Mondes / Der scharlachrote Pfad / Donnergrollen im Land der grünen Wasser /  Abenteuer in der Lübecker Bucht

weitere ausgewählte Bücher aus dem Traumfänger-Verlag auf Litterae-Artesque© Bücherjunge

3 Kommentare:

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