Donnerstag, 27. Februar 2020

Zwei Bücher zum Thema Indianer in der Gegenwart

Über Leonhard Peltier – Mitch Walking Elk

Ein Leben für die Freiheit – Michael Koch / Michael Schiffmann
Ich werde mich nie ergeben – Mitch Walking Elk (Autobiografie)

Zu Beginn
Es war während der Buchmesse 2016. Ich hörte in einer Buchvorstellung erstmal von einem Sioux – Indianer namens Leonard Peltier. Michael Koch und Michael Schiffmann stellten ihr Buch EIN LEBEN FÜR DIE FREIHEIT vor. Es handelt von der Rolle eines seit Jahrzehnten inhaftierten Indianers im indianischen Widerstand. Ein dickes Buch...

Im letzten Jahr fällt mir ein weiteres Buch in die Hände, diesmal ist es eine Autobiografie von Mitch Walking Elk, einem Cheyenne / Arapahoe, auch er in Kämpfer für die Rechte der indianischen Völker. Es war nicht auf einer Buchmesse, die Karl-May-Festspiele in Radebeul waren da mein Ziel. 

Bei beiden Veranstaltungen natürlicherweise mit dabei: Kerstin Groeper vom Traumfänger-Verlag, in dem beide Bücher verlegt wurden.



Es sind sehr unterschiedliche Männer, denen wir in diesen Büchern begegnen. Es gibt aber Gemeinsamkeiten. Gemeinsam ist ihnen das American Indian Movement - AIM, die Organisation, die offensiv die Rechte der indianischen Völker vertritt. Bekannte Vertreter sind Dennis Banks, Russel Means, Clyde und Vernon Bellecourt. Erstmals hörte und las ich von diesen AIM – Aktivisten im Zusammenhang mit Liselotte Welskopf-Henrich. Peltier und Marvin Tasso (Mitch) kannten die Aktivisten ebenso. So schließen sich literarische Kreise.




Leonhard Peltier
Michael Koch und Michael Schiffmann haben das Buch über Peltier geschrieben, weil hier nicht nur die Geschichte der Unterdrückung der indianischen Völker, deren Kampf gegen den Rassismus, die Besetzung von Wounded Knee im Jahr 1973 erzählt wird, es ist vor allem die Geschichte eines Justizskandals. Leonard Peltier, geboren 1944, sitzt seit 1977 im Gefängnis. Der Mord an einem FBI-Beamten konnte ihm nie nachgewiesen werden. Die Geschichte des Indizienprozesses weist auf seine Unschuld hin. Auch nach über vierzig Jahren führt kein Weg am Willen des FBI vorbei, selbst Barack Obama stimmte einer Begnadigung nicht zu. Sein Nachfolger lässt kaum Hoffnung aufkommen, dass dies noch einmal geschehen könnte – vielleicht muss er wirklich für die Freiheit im Gefängnis sterben. 
Die Geschichte dieses Skandals ist erschütternd, das Rechtssystem des angeblich freiesten Landes der Erde lässt an dieser Freiheit stark zweifeln, es war ein Indizienprozess. Für mich unverständlich war aber auch, dass die beteiligten Indianer an der Aufklärung des Falls so wenig mitwirkten.

Mitch Walking Elk
Den beiden Männern ist gemeinsam, dass sie eine sogenannte Bording School besuchten. Dieses Schulsystem folgte (oder folgt) zumindest in Teilen immer noch den  Ansichten des Gründers Richard Pratt, der die Auffassung vertrat, dass man „den Indianer töten müsste um den Menschen zu retten.“ Die Anfänge dieser Schulen, die Industrial Bording School in Carlisle wurden in der US-Miniserie INTO THE WEST im Teil WISSEN IST MACHT eindrucksvoll erzählt. Auch Zitkala-Ša erzählt davon und hat als Indianerin dort zeitweilig unterrichtet.

aus Lorenz, Erik: LWH
Die Schulverhältnisse der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts, die Liselotte Welskopf-Henrich in ihrem Romanzyklus DAS BLUT DES ADLERS (Der siebenstufige Berg) beschreibt, führen bei Marvin / Mitch zu ständiger Flucht, immer wieder reißt er aus, wird „eingefangen“ und bestraft. Hier ist eine der Ursachen zu sehen, wenn der Autor beschreibt, wie er in seiner Jugend ganze Serien von Straftaten begeht. Es grenzt an ein Wunder, dass er nicht zu einer vieljährigen Haftstrafe verurteilt wird. Selbst sagt er, dass er vor allem froh ist, dass er keinen anderen Menschen umgebracht hat, es wäre möglich gewesen. Eine Geschichte wie Peltier, dessen Jugend besser verlief, blieb Mitch Walking Elk erspart. 
Statt dessen lernte der musische Typ Gitarre spielen und wurde Musiker, den Tourneen durch Amerika und Europa führten.

Es ist erstaunlich, dass er sich aus diesem Sumpf herausgezogen hat, hilfreich sei hier die erfahrene Spiritualität der verschiedenen Stämme mit Unterstützung von Medizinmännern gewesen. Selbst, als er dies schon begriffen hatte, war es mit Flucht vor Polizei und Justiz noch nicht vorbei. Selbst als Familienvater im reifen Alter kommt er wegen häuslicher Gewalt noch einmal ins Gefängnis. Über das AIM habe er sich erst richtig mit indianischer Kultur und Geschichte beschäftigt.

Die Bücher
Die Autoren beider Bücher erzählen letztlich die gleiche Geschichte. Der Altersunterschied von Peltier (* 1944) und Mitch Walking Elk (1950) beträgt nur sechs Jahre. Sie erzählen davon, dass große Gruppen von Ureinwohnern an alten Traditionen, ihrer Kultur, Sprache, Religion festhalten wollen und dabei nicht nur demonstrieren. Sie beziehen sich auf die 100fach gebrochenen Verträge mit Washington. Das dies im Falle von Wounded Knee nicht ohne Waffengewalt abging, liegt allerdings nicht einfach am Widerstand gegen die Pläne der US-Regierung. Es wa ebenso der Widersatand gegen die Führung der Stammesgeschäfte durch den korrupten Dick Wilson (Stammesältester) auf der Pine Ridge Reservation. Dieser Umstand ist ursächlich für Peltiers Handlungen und die Auseinandersetzungen zwischen den Indianern untereinander und gegen die US-Administration für die lange Zeit im Gefängnis.




Für Mitch Walking Elk scheint die Uneinigkeit von indianischen Gruppen nicht die gleiche Rolle zu spielen, er schreibt über sich selbst. Wounded Knee 1973 erwähnt er und die Absicht, den mehrheitlich beteiligten Lakota zu helfen, er ist aber geneigt, sich vielen Aktionen zu widmen, zum Beispiel den Fischereirechten anderer Stammesgruppen. Im Nachwort geht er noch einmal auf die Bedeutung der Geschichte von Leonard Peltier ein.

Koch und Schiffmann haben ein intensiv recherchiertes Sachbuch geschrieben. Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Peltier, politischen Gefangenen und der Anwendung der Todesstrafe in den USA. Als Informationsquelle für Leserinnen und Leser, die sich vielleicht erstmals mit der Materie befassen etwas dick, aber umfassend und leicht verständlich. Das Buch beinhaltet ein umfangreiches Literaturverzeichnis und auch den Lebenslauf Peltiers. Außerdem liegt dem Buch eine DVD mit umfangreichen Zusatzmaterial bei.

Die Autobiografie von Mitch Walking Elk ist gleichfalls interessant und aufschlussreich, stellenweise schwerer zu lesen, zumal der Autor gelegentlich vor und zurück springt in den Jahren. Er geht auf Spiritualität ein und auf deren Bedeutung, erklärt Inhalte aber nicht. Dies mag dem Umstand geschuldet sein, dass die Art und Weise (Liturgie - Schwitzhütten-Zeremonie und Sonnentanz) wahrscheinlich im Verborgenen bleiben soll. 

Schluss
Peltier hat zu seiner Situation gesagt: „Ich habe keine Gegenwart. Ich habe nur eine Vergangenheit. Und vielleicht eine Zukunft. Die Gegenwart hat man mir genommen.“ Eine hohe Authentizität erreicht das Buch EIN LEBEN FÜR DIE FREIHEIT auch durch Grußwort und Danksagung von Peltier an die Leser selbst. 

Mit der wieder nicht eingetretenen Begnadigung durch die Obama - Administration scheint es keine Zukunft in diesem Sinne mehr zu geben. Eine Zukunft, die sich Walking Elk letztlich selbst erarbeitet hat und den man gelegentlich als indianischen Bob Dylan bezeichnet.



Mein ganz persönlicher Schluss zu beiden Büchern: Mir ist, als würde ich die beiden schon lange kennen. Die Figuren der Pentalogie DAS BLUT DES ADLERS spiegeln Mitch Walking Elk, Leonhard Peltier und die bekannteren AIM – Aktivisten wieder und so ist auch der Romanzyklus der bereits im Jahr 1979 verstorbenen Liselotte Welskopf-Henrich bestens geeignet, die aktuellen Probleme und Lebensumstände nicht nur der dort handelnden Lakota kennen zu lernen. Damit sind ihre Bücher aus meiner Sicht aktueller denn je.

Achtung - WERBUNG: Der Traumfänger-Verlag ist so etwas wie ein Fachverlag für Literatur von und über die verschiedenen indianischen Völker. Die vielen Romane werden durch Sachliteratur breit ergänzt.







© Bücherjunge

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