Freitag, 23. September 2022

Winnetou - Teil 2 - Das Buch zum Film

Noch einmal und vermutlich zum letzten Mal ein Post zum Thema Kinder-Winnetou. Das Kinderbuch DER JUNGE HÄUPTLING WINNETOU liegt nun vor mir. Nein, ich habe es nicht bei eBay für einen mehr als zehn- bis fünfzehnfachen Preis erworben, ich habe es mir schlicht geborgt. Nach dem Post über den Film gleichen Titels, das Buch wurde als Buch zum Film ausgewiesen, geht es nun um den Text.

Erinnern wir uns: Die Apatschen suchen nach den Büffeln, die von weißen Gaunern in eine Schlucht getrieben wurden um die Apatschen zum Abzug aus dem Landstrich zu bewegen, damit ein Typ namens Todd Crow an das Gold der Apatschen kann. Der Sohn des Häuptlings heißt Winnetou und der muss mit einem kleinen weißen Pferdedieb namens Tom Silver die Situation retten. 

Das Buch folgt hier sehr genau dem Film, es erzählt ihn quasi nach. Was vor mir liegt ist schlicht eine Abenteuergeschichte für Kinder, eine Indianergeschichte. Drei Kinder, denn hinzu gesellt sich Nscho-tschi, die Schwester Winnetous, lösen die Probleme der Erwachsenen. Das lief bei den DREI FREUNDEN, bei DIE DREI???, das läuft bei den Pfefferkörnern und bei dem bekannten Emil und seinen Detektiven und bei vielen anderen Kindergeschichten.


Mit einem Wettlauf beginnt die Geschichte. Zu  dritt tritt das Team Winnetou an. Gemeinsam mit Schwester Nscho-Tschi und Tokala. Die Gegner kommen immer näher. die zehnjährige Schwester hält sich an Winnetous Seite. Doch da rutscht Tokala aus und fällt in einen Tümpel. Winnetou erreicht das Ziel und seine Pfeile treffen immer. Jedoch, sein Team gewinnt diesmal nicht. Ein Team soll halt ein Team sein...

Aufgaben will der künftige Anführer der Apatschen haben. Aufgaben die ihm würdig sind. Der Häuptling Intschu-tschuna gibt ihm welche: Pferdeäpfel auf der Koppel aufsammeln...

Das geht doch, oder? Keine Ahnung ob die Kinder Pferdekoppeln sauber halten mussten. Aber als Beginn für ein fiktives Kinderabenteuer halte ich das für einen guten Beginn. 

Das Winnetou mit einem rhythmischen Klopfgeräusch die Pferde herbeirufen kann, ist doch ebenfalls ganz witzig. Ob Eulenruf oder ein bestimmter Pfiff, das ist keine Aufregung wert. Am Ende wird festzustellen sein, dass des jungen Winnetous kindlicher  Egoismus auf der Strecke bleiben wird.

* * *

Dagegen ist leider auszumachen, dass die Kinder gegen einen Haufen Trottel antreten, was dem Buch einen Hauch von Slapstick verleiht. Aber schon im Filmpost versuchte ich deutlich zu machen, dass Regie und Drehbuch hier nicht auf Karl May setzten, sondern vielmehr auf eine Art „Bully“ Herbig in Anspielung auf DER SCHUH DES MANITU.

Die Literaturwissenschaftlerin Gina Weinkauff hat in einem Beitrag der Frankfurter Rundschau jedoch bemerkt, dass neben Karl May auf ein anderes Kinderbuch zurückgegriffen worden wäre.  

"Aber für die Filmhandlung scheint mir der Rückgriff auf Ursula Wölfels 1959 erschienenen Kinderbuchklassiker „Fliegender Stern“ prägend zu sein. Hier wie dort wird von einem Indianerjungen erzählt, der sich, entgegen den Verboten seiner Eltern, gemeinsam mit einem Freund auf die Suche nach den Büffeln macht, die von den Weißen vertrieben wurden. Ursula Wölfel war nicht nur eine meisterliche Erzählerin. Mit Blick auf die Ernsthaftigkeit der Konfliktgestaltung und die Darstellung des Generationenverhältnisses gelang ihr mit diesem Buch zudem ein eindrucksvoller Vorgriff auf die Kinderliteratur der 1970er Jahre. Der Film, der in so hohem Maße von der nicht erklärten Vorlage profitiert, wirkt dagegen geradezu verstaubt." [1]

Als eine Geschichte, die hauptsächlich von Freundschaft und Hilfsbereitschaft, gegenseitige Anerkennung und Wettbewerb erzählt, geht das an:  rassistische Elemente, Verherrlichung von Kolonialismus, die Verharmlosung von Völkermord wie an einigen Stellen behauptet wird, sind nicht auszumachen. [2]

Eine weitere Behauptung ist die der kulturellen Aneignung. Diese ist, erneut verweise ich auf den Filmpost, erst recht nicht zu erkennen. Während man sich im Film noch auf die Art der Kostüme, der Zelte oder benutzte Gegenstände werfen könnte, nachgemacht, unecht usw., wird das im Kinderbuch überhaupt nicht deutlich, solche Beschreibungen fehlen. Im Übrigen haben die verschiedenen Völker bereits Jahrzehnte vorher Waffen, Kochtöpfe, stählerne Messer und Stahlbeile sowie Stoffe und Bekleidungsstücke erworben, ob letztere immer zweckmäßig waren, ist fraglich, Gewehre und stählerne Messer und Tomahawks waren es sicherlich. Ob ein Häuptlingssohn eine eine solche wertvolle Kriegswaffe schon besaß, möge dabei hinterfragen wer will.

Ravensburger Kinderbücher hat per Instagram erklärt, dass durch das Buch die Gefühle anderer verletzt worden seien. Der Verlag würde Fachberater für sensible Themen, sogenannte Sensitivity Reader, zu Rate ziehen, was im Bezug auf das Winnetou-Buch nicht gelungen wäre. [3]

Monika Osberghaus, die Verlegerin von Klett Kinderbuch, hat die Rücknahme des Buches als „unglücklich“ bezeichnet. Man sollte hinter einem Buch stehen, das man herausbringt und nicht einknicken um (einen Teil) der Leser nicht zu verprellen. [4]

So häuft sich die Kritik gegen die Rücknahme des Buches, während der gleichnamige Film weiter in den Kinos läuft. Mehmet Kurtulus (Intschu-tschuna) und Anatole Taubmann (Todd Crow) haben in einem Interview, erklärt, dass die Botschaft des Films, das gilt auch für das Buch, in der Mongolei, in der Türkei, in der Schweiz oder Peru gezeigt werden könne. Statt der Diskussion um kulturelle Aneignung könnte man mal eine über kulturelle Zugehörigkeit führen. [5]

* * *

Unterschiedliche Auffassungen zusammentragen, Befürworter und Ablehner von Buch und Film könnte man ewig weiter führen. Dann könnte man für den schlimmsten und dümmsten Fall auch noch jenes „Angriff auf unsere Identität als Plan bolschewoker Bilderstürmer“ anführen und das „Winnetou ein zweites Mal, dafür unter der Regenbogenfahne sterben müsste“. Von wem das ist? Ein gewisser Björn Höcke soll das so oder ähnlich bemerkt haben. [6] Vielleicht werden aus diesem Stoff demnächst Masterarbeiten geschrieben, vielleicht promoviert jemand darüber. 

Das bedeutet nicht, dass ich Buch und Film plötzlich befürworten würde. Im vorhergehenden Winnetou-Post schrieb ich schon, dass die Filmlandschaft ohne den Film nicht ärmer wäre, an guter Kinder- und Jugendliteratur gibt es statt des Buchs zum Film hier ein Vielfaches mehr. 

Die Bücher von Liselotte Welskopf-Henrich nenne ich dabei schon aus alter Anhänglichkeit zuerst. Sowohl in den Romanen über Die Söhne der Großen Bärin im 19. Jahrhundert wie auch in der Pentalogie Das Blut des Adlers einhundert Jahre später, stand das Interesse, Geschichte bei hoher Authentizität zu erzählen im Vordergrund. Rund fünfzig Jahre später sehen Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene anders aus. Es geht dabei weiterhin um historische, gegenwärtige und kulturelle Authentizität, inzwischen gehören allerdings sprachliche Klischees eher der Vergangenheit an. („Roter Mann“, „Hau! Ich habe gesprochen!“, übertriebene Bildsprache, pseudoreligiöse Begriffe...) Was die Sprache betrifft, kommt Der junge Häuptling Winnetou dem ziemlich nahe, was indigene Geschichte und Kultur betrifft, herrscht doch mehr Fantasie vor. (Es hat ganz bestimmt kein Indianer Pferdeäpfel aufgesammelt, höchstens Büffelfladen als Brennstoff. Pferde wurden gefesselt, damit sie nur kleine Schritte machen konnten und bewacht, Koppeln, wie heute gab es in der Prärie nicht)

Auch bei Welskopf-Henrich suchte der Gegenspieler des Helden nach Gold in den Black Hills, im jungen Winnetou wird das Bild aus Karl Mays Schatz im Silbersee von Unmengen von Gold im Besitz der Apatschen bemüht, welches auch noch vorhanden ist. Das Gold, welches Tokei-ihto nimmt, um in Kanada eine Existenz für seine Stammesgruppe zu ermöglichen, war von Vorfahren gesammelt, nicht zu vergleichen mit einem Goldbergwerk, das dann die Eroberer on den Bergen der Lakota errichteten. Die Prärieindianer konnten mit Nuggets bezahlen, aber das Metall zu fördern und zu verarbeiten verstanden sie natürlich nicht.

Die Recherchemöglichkeiten, die zum Beispiel einer Kerstin Groeper (Donnergrollen im Land der grünen Wasser) vom Traumfängerverlag, einer Antje Babendererde (Lakota Moon) oder einer Brita Rose-Billert  (Sheloquins Vermächtnis) zu Verfügung stehen, waren einer Liselotte Welskopf-Henrich noch nicht gegeben. Die jüngeren Autorinnen besuchten die Reservationen mehrfach, lernten teilweise indigene Sprachen. Bei Welskopf-Henrich erkennt man die Veränderung in ihren Büchern nach den Besuchen in Kanada und der USA. Aber den Produzenten von Buch und Film stehen diese heute ebenfalls zur Verfügung. Statt dessen nehmen sie die Kunstfigur Winnetou und stricken eine neue Geschichte drumrum, nach alten Bildern und als Abenteuerkomödie. Ob das Karl May ist, oder ob Winnetou nur finanzielles Zugpferd ist, spielt dabei keine Rolle.

Letztlich sind weder Film noch Buch unter dem Titel Der junge Häuptling Winnetou Produkte für die Ewigkeit. Einen Winnetou-Film mit richtigen Apatschen vor Ort sprengt sicher das Budget. Wäre das vielleicht doch möglich? Titel: Winnetou – wie es hätte sein können... Als Buch wäre das sicher möglich, aber es ist nicht erforderlich. 

Als Fazit bleibt: Der Verlag Ravensburger ließ ein Buch zu einem Film drucken. Produzenten dachten jeweils, Winnetou ist ein Zugpferd. Eltern und Großeltern kaufen Buch und Kinokarte für sich und die Kinder, Enkel, Urenkel. Nach diversen, letztlich in der Masse unbegründeten Kritiken zog der Roman das Buch zurück und verursachte damit eine Diskussion, die eher mit dem Buch zu führen wäre. Dies funktioniert nun leider nicht, denn das Buch ist nicht mehr zu erwerben. So geht eine Diskussion weiter, bei der das Urprungsobjekt fehlt.

Das ist schade. Im besten Falle hätten ein paar Kinder nach dem Film mal wieder ein Buch gelesen. Passend zueinander. 

Übrigens ein schönes Buch. Gut lesbare Schrift, Seiten mit indianischen Motiven gestaltet und Fotos von Filmszenen sind auch vorhanden. Die Geschichte war spannend und endete, na, mit was? Mit einer Blutsbrüderschaft. Machen Indianer so etwas? Eher nicht... 


  • DNB / Ravensburger / Bamberg 2022 / ISBN: 978.3-473-49661-7 / 183 Seiten

© Der Bücherjunge


2 Kommentare:

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