Sonntag, 10. Februar 2019

De Saint-Exupéry, Antoine: Nachtflug

Die letzte große Urlaubsreise führte nach Argentinien. Im letzten Herbst kamen wir dadurch nach Peninsula Valdez und stießen dort auf einen alten Bekannten. Die Reiseleiterin zeigte uns ein Bild und dann eine Insel. Seit dem stoße ich andauernd auf Antoine de Saint-Exupéry. Über diese Geschichte habe ich schon geschrieben. 

Peninsula Valdez liegt in Patagonien. Patagonien ist riesig. Ursprünglich dachte ich mal, dass Patagonien nur die südliche Spitze des Kontinents umfasst, damit lag ich aber falsch. Der Flughafen in Trelew liegt ja schon zwei Flugstunden von Buenos Aires entfernt. 

Einen Eindruck von der Größe Patagoniens vermittelt auch de Saint-Exupéry in seinem Buch NACHTFLUG

Von überallher bringen Flieger in offenen Maschinen zu Beginn der dreißiger Jahre die Post aus ganz Südamerika nach Buenos Aires. Teilweise wird diese dann nach Europa geflogen oder per Schiff weiter transportiert.
Das sind schon Abenteurer, diese Piloten, die sich über weite unbewohnte Strecken, über die Anden und bis nach Feuerland wagen. Der Autor gehörte zu denen, die ab 1929 nach Argentinien gingen, um dort Flugpost- und Luftfrachtlinien einzurichten. Dabei war er für die ersten Nachtflüge mit verantwortlich. Davon handelt dieses Buch, in dem der Pilot Fabien in der Nacht auf Buenos Aires zufliegt und der der Einsatzleiter Rivière auf ihn wartet.




Fabien fliegt aus dem tiefsten Süden (Punta Arenas vielleicht) in Richtung Norden 

„Ins abendliche Gold dort unter ihm zogen die Bergrücken schon ihre Schattenfurchen: Das Tafelland begann zu leuchten, doch dieses Licht schien sich nie zu verzehren. Auf diesen schier endlos weiten Flächen ging der Goldvorrat nie endgültig zur Neige, genau so wenig wie nach dem Winter der Schnee. Und an diesem Zeichen, an dieser Stille, an diesem von friedfertigen Wölkchen kaum wahrnehmbar gefältelten Himmel erkannte Fabien, der Pilot, der aus tiefstem Süden, aus Patagonien, die Post nach Buenos Aires zu befördern hatte, dass der Abend allmählich nahte: Das waren die ruhigen Gewässer eines Hafens, dessen riesige Reede ihm unbeschwert Einlass verhieß. In dieser Stille hätte er sich ebenso gut auf einer gemächlichen Wanderung wähnen können, fast wie ein Hirte. Denn in Patagonien wandern die Hirten ohne Hast von Herde zu Herde. Auch er zog so dahin, von Ort zu Ort. Er war der Hirte der kleinen Ansiedlungen. Alle zwei Stunden traf er auf solche, denen die Flüsse als Tränke oder diese Ebenen als Futtertrog dienten. Es kam auch vor, dass er nach hundert Kilometern Steppe, so unbewohnt wie das Meer, ein isoliertes Gehöft entdeckte, das, einem Schiff gleich, durch wogende Weiden hindurch seine Fracht Menschenleben in sicheren Hort zu bringen schien. Dann winkte er ihm mit den Tragflächen seinen Gruß zu. „San Julian ist in Sicht, in zehn Minuten werden wir landen...«“ (Seite 9)




In St. Julian landet Fabien noch einmal zwischen. Doch es entwickelt sich ein Unwetter, welches sich ausbreitet über hunderte Kilometer. Die Zwischenstationen, Commodore Rivadavia, Trelew, San Antonio, Bahia Blanca hören gelegentlich Funkfetzen.




„Nur ein Kopf und reglose Schultern ragten aus diesem schwachen Lichtschein empor. Der Körper war nur eine dunkle Masse, leicht nach links geneigt, während das Gesicht, wohl von jedem Aufleuchten, wie ausgewaschen, dem Gewitter trotzig die Stirn bot. Aber er, der Funker, sah nichts von diesem Gesicht, nichts von all der inneren Anspannung, die nötig war, um einem Sturm Paroli zu bieten: Malmende Kiefer, Durchsetzungswille, Wut - alles, was für das Duell zwischen diesem blassen Gesicht und den kurzen Leuchtfeuern dort vorne entscheidend war, blieb ihm verborgen. Dennoch erriet er, wie viel Kraft da zusammengeballt war in der Reglosigkeit dieses Schattenrisses. Die schätzte er sehr, denn obgleich sie ihn vermutlich dem Gewitter entgegen trug, gab sie ihm doch auch Deckung. Diese ums Steuer geschlossenen Hände drückten den Sturm ja wohl jetzt schon nieder wie den Nacken eines Tiers, während die kraftvollen Schultern noch keinerlei Bewegung zeigten und einen spüren ließen, dass da noch viele Reserven lagerten.“ (Seite 35) 

Die tragische Geschichte wird aus zwei Blickwinkeln erzählt, der des Fliegers und seines (namenlosen) Bordfunkers und des Einsatzleiters. Beide Funktionen kannte de Saint-Exupéry genau. Im Warten auf Meldungen aus dem Süden sinnt Rivière über seine Rolle als Chef nach, darüber, inwieweit man gegenüber Untergebenen unnahbar und streng sein muss, bei Unpünktlichkeit Strafen aussprechen sollte. Die Unnahbarkeit und Strenge sind etwas, das der Autor sehr gut nachvollziehen kann, war er doch selbst ebenso in solcher Lage. Der Höhepunkt in dieser Hinsicht tritt ein, als sich Fabiens Frau nach der ausgebliebenen Maschine erkundigt.

Die letzte zusammenhängende Meldung, empfangen über Rivadavia:
„Sind auf dreitausendachthundert über der Gewitterfront blockiert. Steuern voll nach Westen, aufs Inland zu, da übers Meer abgetrieben. Unter uns ist alles dicht. Wissen nicht, ob wir immer noch über Meer fliegen. Teilt uns mit, ob auch im Landesinneren Gewitter und Sturm.« (Seite 74)

Das nur 94seitige Buch zeichnet sich aus durch eine sehr poesievolle und bildhafte Sprache. Man hält manchmal beim Lesen inne, liest manchen Satz noch einmal. Es ist, als ob der fliegende Schriftsteller den kleinen Prinzen schon im Hinterkopf hat, auch wenn die Episode, die ihn zu diesem bringt, eine Havarie in der Sahara, noch ein paar Jahre auf sich warten lässt. Auf jeden Fall brachte dieses Buch, welches ausgezeichnet wurde, seinen Durchbruch als Autor. 

„Fabien treibt dahin auf einem prachtvollen nächtlichen Wolkenmeer, aber unter ihm liegt die Ewigkeit. Er ist der einzige Bewohner dieses bestirnten Gewölbes, aber er ist verloren. Noch hält er die Welt in seinen Händen und waagerecht vor seiner Brust. Noch umklammert er an seinem Steuerknüppel das Gewicht all der menschlichen Reichtümer und befördert verzweifelt von Stern zu Stern den nutzlosen Schatz, den er doch wird aus der Hand geben müssen ...“ (Seite 76)





Antoine de Saint-Exupéry hat einen Blick für Landschaften und das Geschick, diese mit den momentanen Geschehnissen zu verbinden. Auch bei den schönsten Beschreibungen bleibt man im eigentlichen Geschehen. Ein schönes Beispiel dafür ist die Ankunft eines anderen Fliegers aus Paraquay:

„Von Landeplatz zu Landeplatz glitt das Flugzeug, aus Paraguay ,wie aus einem wunderschönen Garten voller Blumen, niedriger Häuser und langsam fließender Gewässer kommend, am Rande eines Zyklons dahin, der ihm keinen einzigen Stern verhüllte. Neun Passagiere, in Reiseplaids gewickelt, pressten die Stirn gegen die Scheiben wie gegen ein Schaufenster voller Juwelen, da die kleinen Städte Argentiniens, obwohl noch Nacht war, unter dem Blassgold der Sternenstädte bereits reihenweise all ihr Gold auffädelten. Mit weit geöffneten Augen wie ein Ziegenhirte, der dem Mondschein vertraut, hütete der Pilot dort vorne die seinen Händen anvertraute kostbare Fracht Menschenleben. Schon erfüllte Buenos Aires mit seiner Morgenröte den Horizont, und bald schon würde es glitzern und funkeln wie ein Märchenschatz. Die Finger des Bordfunkers gaben die letzten Telegramme frei wie die Schlussakkorde einer Sonate, die er frohgemut im Himmel geklimpert hatte und deren Tonfolge Rivière erkennen würde. Dann spulte er die Antenne auf, streckte und reckte sich ein wenig, gähnte und lächelte: man war ja gleich da. 
Nach geglücktem Landemanöver ging der Pilot auf den Kollegen zu, der, die Hände in den Taschen, an der Europamaschine lehnte:
„Du übernimmst jetzt?“
„Ja“
„Ist Patagonien da?“ (Seite 88)

Die Landschaft auf der Flugroute des Fliegers Fabien ist sehr schön und sehr flach. Eigentlich konnte er entlang der Küste fliegen. Hervorragende Orientierung, aber so dünn besiedelt wie das Land ist, sind die Lichtpunkte der Orte, der Fica´s, der Estancias spärlich gesät. Wenn man dann nur noch Blitze sieht und dicke Wolken und darüber nur Sterne... 

Argentinien war damals das reichste Land in Südamerika, Buenos Aires eine gewaltige Metropole. Heute sieht die Stadt beim Landeanflug so aus:




Das Buch NACHTFLUG wurde auch verfilmt. In der USA und mit Starbesetzung im Jahr 1933.





Antoine de Saint-Exupéry (1900 – 1944), war ein begeisterter Flieger und ein wunderbarer Autor. Ihn auf sein erfolgreichstes Buch, Der kleine Prinz, zu reduzieren würde ihm ganz und gar nicht gerecht werden. Seine Flieger-Bücher spiegeln seine vielfältigen zivilen und militärischen Flugerfahrungen wieder. Dies gilt besonders für SÜDKURIER und NACHTFLUG. In seinem Buch WIND, SAND UND STERNE geht es um die Schönheit der Fliegerei, um das Kennenlernen von Menschen und Ländern. Der Absturz im Jahr 1935 ist in diesem Buch erwähnt, das soll die Geburtsstunde des kleinen Prinzen gewesen sein. Darauf spielen auch die Episoden im DEFA-Film von 1966 an.

DNB / Karl Rauch Verlag / Düsseldorf 2015 / ISBN: 978-3-7920-0197-4 / 94 Seiten
Biografie A. de Saint-Exupéry

© Der Bücherjunge





Kommentare:

  1. Ein schöner Einblick in die Thematik - Patagonien scheint Dich selbst sehr beeindruckt zu haben... Und ich freue mich, dass Du hier auch ein anderes Buch im Hintergrund zu Bild kommen lässt... ☺

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    1. Die Zielrichtung von PATAGONIEN passt nicht ganz zur Reise. Aber ARGENTINIEN, da kommt noch was.

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