Donnerstag, 13. Oktober 2016

Berg, Alex: Dein totes Mädchen


Caroline kann es immer noch nicht glauben, dass ihre Tochter Lianne tot ist. Ein tödlicher Verkehrsunfall hat die 26-Jährige aus dem Leben gerissen. Tage später stirbt auch der schuldige Autofahrer. Zerrissen von Trauer und Wut, flieht Caroline aus Hamburg in die Einsamkeit der schwedischen Wälder. Als sie das Haus ihrer Familie am See erreicht, wird sie von Erinnerungen überwältigt. Achtundzwanzig Jahre liegt ihr letzter Besuch zurück, doch es ist, als wäre sie nie fort gewesen. Und schnell wird klar, dass Caroline Schuldgefühle plagen, die über die Trauer weit hinausgehen. Umgeben von der tiefen Ruhe der schneebedeckten Wälder, entzieht sie sich immer mehr der Realität. Bis Kriminalkommissar Ulf Svensson, auftaucht, mit einem entsetzlichen Verdacht…

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)

  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. Mai 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426513455
  • ISBN-13: 978-3426513453












Die Schatten der Vergangenheit...




Ulf Svensson, der bei der Mordkommission in Stockholm arbeitet, traut seinen Augen nicht, als er zufällig das Radarfoto einer Autofahrerin in die Hände bekommt. Eindeutig ist dies Caroline, das Mädchen, das vor 30 Jahren spurlos aus seinem Leben verschwand und ihn mit gebrochenem Herzen zurückließ. Ohne zu zögern lässt er alles stehen und liegen und macht sich auf den Weg in sein altes Heimatdorf, denn er ist sich sicher, dass dies auch Carolines Ziel war.
Fast kopflos ist Caroline tatsächlich in das Dorf in den Bergen Schwedens geflüchtet, mit der Hoffnung, dort ein wenig Geborgenheit und das Gefühl von Zuhause zu finden. Vor einigen Wochen ist ihre Tochter Lianne, gerade mal 26 Jahre alt, bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen, etwas, das Caroline den Boden unter den Füßen weggezogen hat. In dem Dorf ihrer Kindheit will sie wieder zu sich kommen und ihre Gedanken sortieren.


Das Aufeinandertreffen von Caroline und ihren alten Freunden - Björn, Maybrit und Ulf - verläuft mit gemischten Gefühlen. Niemand weiß, weshalb Caroline vor 30 Jahren einfach so verschwand, die Freundschaften sind dabei auf eine harte Probe gestellt worden, alle waren ratlos und verzweifelt und unsagbar traurig. Und nun ist sie ebenso plötzlich wieder da und erklärt zunächst einmal gar nichts. Unverständnis und Enttäuschung gemischt mit großer Wiedersehensfreude beherrschen die anfänglichen Tage der Wiederkehr.
Doch allmählich kristallisiert sich heraus, dass Caroline nicht einfach so in ihrer Mitte aufgetaucht ist. Die Freunde erfahren von dem Tod ihrer Tochter - und nach und nach noch einiges mehr, das sie erneut auf eine ausweglos scheinende Situation zuschliddern lässt...




Bislang habe ich von Alex Berg zwei politische Thriller gelesen, die mir gut gefallen haben. Dass dieses Buch anders ist, hatte ich vorher schon gelesen - kein Thriller, sondern fast schon ein dramatisches Kammerspiel, zentriert im Wesentlichen um die vier Freunde.
Alex Berg vermag mit ihrem Stil, Landschaften und Örtlichkeiten nahezu plastisch vor den Augen des Lesers erscheinen zu lassen. Hinzu kommt noch eine glaubwürdige und detaillierte Ausarbeitung der Charaktere, die mir ebenfalls gut gefallen hat. Die Charaktere sind verschieden: der besonnene Björn, die direkte Maybrit, die impulsive aber zerbrechliche Caroline und Ulf, der um seine aggressiven Anteile weiß. Einige Male nimmt die Geschichte eine überraschende Wendung und steuert schließlich auf ein Ende zu, mit dem ich so überhaupt nicht gerechnet hatte. Selten hat mich etwas derart berührt. Letztlich fand ich es aber stimmig und glaubhaft, so dass es keine Irritation hinterließ.

 
Auch dieses Buch von Alex Berg hat mich wieder überzeugen können, es hat mich über weite Strecken mit einer ganz eigenen Art von Spannung bannen können - und sicherlich ist es nicht mein letztes Buch dieser Autorin gewesen...


Von mir gibt´s wirklich eine Empfehlung.


© Parden








 
 
 
 
 
Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:


Alex Berg hat viele Jahre als freie Journalistin gearbeitet, bevor sie ihre ersten Spannungsromane verfasste. Ihre politisch brisanten Thriller "Machtlos" und "Die Marionette" sowie ihr Roman "Dein totes Mädchen" haben die Leser im Sturm erobert. Hinter dem Pseudonym Alex Berg verbirgt sich die Autorin Stefanie Baumm.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Mittwoch, 12. Oktober 2016

Lorne, Mac P.: Der Pirat

Abenteuer! Piraten! 
Francis Drake! 


Irgendwann in der Kinder- und Teenagerzeit gab es mal eine Fernsehserie. Francis Drake, ausgerüstet mit einem Kaperbrief der englischen Königin segelt furchtlos über die Meere. Unzählig vermutlich die Bücher, die ihn mindestens erwähnen. Die Abenteuer des Jan Kuna – genannt Marten. Das war auch so ein Abenteuerbuch. Geschrieben von dem Polen Janusz Meissner. Dem polnischen Piraten begegnet die Golden Hind, das Schiff des Engländers. Marten hilft dem Engländer aus einer Bedrängnis gegen spanische und portugiesische Karavellen. Das Buch, ich habe gerade nachgesehen, stammt aus dem Militärverlag der DDR. Und Jan Kuna, genannt Marten, wird es am Ende gehen wie Klaus Störtebeker.

Ungefährlich war es nicht, das Leben auf See im 16. Jahrhundert. Auch dem zum Sir erhobenen Francis Drake wird der Tod in Form von schwerer Krankheit auf See ereilen.




Büchertrio

Ich glaube eher nicht, dass ich zum Buch Der Pirat von Mac P. Lorne gegriffen hätte. Aber da hat so ein bekannter Blogger von geschwärmt. Er erwähnte dummerweise das Buch Der Meister des siebten Siegels von Johannes K. Soyener und Wolfram zu Mondfeld. Da wurde ich hellhörig. Wie war das doch gleich? Das Geheimnis Löfflerscher Bronzekanonen bringt dem Königreich der angeblich jungfräulichen Königin den militärischen Vorteil gegenüber dem Reich ihres Schwagers Philipp. Die sieben Siegel öffnet ein entfernter Verwandter des Gießereibesitzers Löffler und flieht mit diesem Wissen um die Welt um dann in England auf Matthew Baker und Francis Drake zu stoßen, denn die Kanonen brauchen auch innovative Schiffe. Und Baker kann das. Da kommt ihm der Adam Dryling gerade recht. Aber war es der Dreyling? Adam Dryling hatte wirklich familiäre Verbindung zum besten Geschützgießer dieser Zeit in Schwaz. Und ein Hans Dreyling der Ältere († 1573) war ein Bergbaufachman aus Böhmen mit politischen Kontakten, der etwa 1530 nach Schwaz (Tirol) kam. [1]
 
* * *

Der Roman von Soyener und Mondfeld scheint gut recherchiert zu sein. Auf jeden Fall hat man sich, wohl auf Grund des Romans, sehr um Adam Dreyling „gekümmert“ – Auch eine Dokumentation kann man dazu ansehen. [2]

Oder war es ein Jude namens Joachim Gans? Ein Bergbauexperte aus Prag? Konnte ein Jude im 16. Jahrhundert solches Wissen erlangen? Keine Ahnung. Außerdem widersprechen sich die Autoren. In der deutschen Wikipedia ist Gans zwar als vermutlich erster Jude in Amerika aufgeführt (mit Sir Walther Raleigh nach Virginia) Nun glaube ich allerdings nicht, dass ein jüdischer Meister ausgerechnet im habsburgischen Reich bei dem berühmten Gregor Löffler dessen Gießergeheimnisse erlangen konnte.

Seltsam, dass Mac P. Lorne die Dryling-Geschichte direkt ablehnend erwähnt. Lorne hat im sehr informativen Nachwort erklärt, dass nur die Zurückholung des Gans aus Amerika durch Drake nachgewiesen ist, trotzdem bedient er sich der abenteuerlichen Geschichte um die Fahrt nach Venedig im Auftrag eines gewissen Sir Francis Walsingham.

* * *

Nun, es geht ja aber gar nicht um den Schwazer Adam Dryling, es geht ja um den von Elisabeth I. zum Sir erhobenen Francis Drake. Schließlich handelt der Roman von ihm. Maßgeblich zum späteren Erfolg trugen sicherlich die Schiffe Matthew Bakers bei, auch die Änderung und Vereinheitlichung der Schiffsartillerie waren Grundlage dafür. Jedoch aber erwarb sich der älteste Sohn eines Bauern und Pastoren in früheren Jahren die Kenntnisse und Fähigkeiten, die ihn dann berühmt machten. Letztlich wurde er bekannt durch die Aufbringung einer Reihe von portugiesischen und spanischen „Schatzschiffen“, die aus der Neuen Welt nach Europa zurückwollten. Die Freibeuterei hätte ihn auch den Kopf kosten können, wenn sich Elisabeths langjähriger Berater Lord Burghley durchgesetzt hätte – immer in Angst, die Übermacht der Spanier würde zur Invasion Englands führen.


Doch vor dem Erfolg kommt der Schweiß. Und so macht uns der Autor im Prolog mit dem jugendlichem Francis Drake bekannt, der an Europas Küsten lernt zu schmuggeln. Sodann allerdings kommt er von großer Fahrt zurück, während der er einen der adeligen Begleiter hat hinrichten lassen, wegen Insubordination. Nun, im Roman kann man dann schon mal behaupten, dass der Delinquent sich des Kapitäns angetrauter Ehefrau unziemlich genähert habe. Der Karriere Drakes tut dies keinen Abbruch, schließlich hat er noch seine große Mission zu erfüllen, die Große Armada an der Invasion Englands zu hindern.

* * *

Ich muss auch sagen, dass es schon spannend war und ein Genuss, hinter den Bau der neuen Flotte, maßgeblich vom Roman (und historischen) Helden beeinflusst, zu blicken. Eine Reihe Romane aus dieser Zeit, die ich bereits las, erzählen von den handelnden Personen, trotzdem war auch dieser hier ein gutes Ding. Hat mir sehr gefallen.



  1. * * *
Abenteuerlich auch das Leben des Autors. Er hat eben nicht Geschichte, sondern Veterinärmedizin studiert. Er floh 1988 in die Bundesrepublik. Mit Das Herz des Löwen (2011) schrieb er sein erstes Buch (Trilogie) um Robin von Loxley und Richard Löwenherz. (Wenn man so will die "Vorgeschichte" zum Film mit Kevin Kostner.)



  • DNB / Droemer Knaur /  ISBN: 978-3-426-51748-2 / 656 S.
  • aktualisiert am 28.11.2019


© Bücherjunge


Sonntag, 9. Oktober 2016

Berg, Alex: Die Marionette



Valerie Weymann soll einen deutschen Rüstungskonzern, der des illegalen Waffenhandels beschuldigt wird, aus den Schlagzeilen bringen. Kein Geringerer als BND-Agent Eric Mayer führt die offiziellen Untersuchungen von Regierungsseite. Auf ein Wiedersehen mit dem Agenten, der Valerie einst verhaften ließ, ist die toughe Anwältin nicht vorbereitet. Zur selben Zeit kehrt die junge Soldatin Katja Rittmer schwer traumatisiert von ihrem Einsatz in Afghanistan zurück. Ihr Konvoi war in einen Hinterhalt geraten, und ihre Kameraden wurden mit deutscher Munition erschossen. Wie konnte das passieren? Doch in der Heimat will niemand ihre brisanten Fragen beantworten. Ein unerträglicher Zustand, der Katja Rittmer in eine tickende Zeitbombe verwandelt und weitere Menschenleben kostet...

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (2. November 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426508990
  • ISBN-13: 978-3426508992
  • Reihe: Valerie Weymann, Eric Mayer Bd. 2












BEDRÜCKEND...



Auch in ihren zweiten Thriller greift Alex Berg ein politisches Tabuthema auf und verarbeitet es zu einem spannenden Sachverhalt. Die Traumatisierung von Soldaten durch Kriegserlebnisse bzw. Einsätze in Krisenherden ist ein trauriges, hierzulande totgeschwiegenes Thema. Als Aufhänger für den Thriller macht es diesen recht anspruchsvoll, doch wird einem die politische Botschaft dankenswerterweise nicht ständig eingebläut, sondern ergibt sich einfach aus der Handlung selbst. Das allein ist schon bedrückend genug...

Ohne dirket anzuprangern oder sich in Klischees zu verwickeln, erzählt Alex Berg geschickt von Interessen, die gewahrt werden wollen, egal ob es sich nun um hochrangige Regierungsmitglieder handelt oder um mächtige Großkonzerne, die mit ihren Kontakten und Geschäften ein nicht ungefährliches Spiel inszenieren. Dabei kennen politische Interessen einzelner Länder nur wenig bis gar keine Grenzen, und so spielen auch die Geheimdienste eine ernstzunehmende und wesentliche Rolle in dem vorliegenden Roman.

Darüber hinaus gibt es ein Wiedersehen mit Valerie Weymann und Eric Mayer, die sich hier zwar näher kommen, dabei aber zu keiner Zeit ihre Rolle(n) aus den Augen verlieren. Beide sind sehr glaubhaft dargestellt, und der Zwiespalt, in dem mal der eine, mal der andere steckt, ist fast körperlich spürbar.

Doch auch die Autorin selbst verriet in einem Interview, dass sie in einem solchen Zwiespalt steckt: "Mich mit den brisanten und aktuellen Themen des Weltgeschehens auseinanderzusetzen und sie in Form eines Thrillers spannend literarisch zu verpacken, macht einen großen Teil meines Lebens aus, auf den ich nicht verzichten möchte. Ich liebe meinen Beruf. Dennoch wünsche ich mir, dass Romane zu diesen Themen nicht nötig wären."

Ein topaktueller Thriller, der zweite aus der Feder der Autorin, und sicherlich nicht mein letzter!

Empfehlenswert...


© Parden















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:


Alex Berg hat viele Jahre als freie Journalistin gearbeitet, bevor sie ihre ersten Spannungsromane verfasste. Ihre politisch brisanten Thriller "Machtlos" und "Die Marionette" sowie ihr Roman "Dein totes Mädchen" haben die Leser im Sturm erobert. Hinter dem Pseudonym Alex Berg verbirgt sich die Autorin Stefanie Baumm.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Samstag, 8. Oktober 2016

Sigurðardóttir, Yrsa: Geisterfjord


Drei junge Leute aus Reykjavík planen, ein heruntergekommenes Haus in einem verlassenen Dorf in den kargen Westfjorden Islands wieder aufzubauen; sie ahnen nicht, welch gewaltige Ereignisse sie damit in Gang setzen. In einer Kleinstadt am anderen Ende des Fjords ermittelt zur selben Zeit Polizistin Dagný gemeinsam mit Freyr, einem Psychologen, in einer Reihe von unnatürlichen Todesfällen. Welche Geheimnisse bergen die staubigen Polizeiakten aus dem vorigen Jahrhundert? Und warum hat Freyr auf einmal das Gefühl, dass sein verschollener Sohn noch am Leben sein könnte? Erst als die Verbindung zwischen diesen rätselhaften Geschehnissen sichtbar wird, enthüllt sich die grausige Wahrheit.

Dieser unheimliche und furchteinflößende Roman der internationalen Bestseller-Autorin Yrsa Sigurðardóttir ist, neben diversen Kinderbüchern, ihr sechstes Buch für Erwachsene und beruht zum Teil auf Tatsachen.

(Klappentext S. Fischer Verlage)

  • Taschenbuch: 368 Seiten
  • Verlag: FISCHER Taschenbuch; Auflage: 6 (9. September 2011)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Tina Flecken
  • ISBN-10: 3596192730
  • ISBN-13: 978-3596192731
  • Originaltitel: Ég man ðig













GÄNSEHAUT GARANTIERT...



Ein junges Paar und seine Freundin quartieren sich in einem verlassenen Dorf in den kargen Westfjorden Islands ein, um dort ein verfallenes Haus wieder aufzubauen. Einsam und menschenleer gelegen, lehrt dieser Ort sie bald das Grauen. Seltsame Geräusche und Erscheinungen versetzen sie in Angst und Schrecken.
Viele Kilometer entfernt ermittelt die Polizistin Dagny gemeinsam mit dem Psychiater Freyr in einem ungewöhnlichen Fall von Selbstmord. Immer weiter tauchen sie ein in die Vergangenheit, forschen in staubigen Polizeiakten aus dem vorigen Jahrhundert. Und Freyr gerät plötzlich sehr persönlich in die mysteriösen Geschehnisse, denn er hört unvermutet die Stimme seines verschwunden geglaubten Sohnes...

Sigurðardóttir baut von Anfang an eine konsequent düstere und unheimliche Atmosphäre auf, die sich durch das gesamte Buch zieht. Karge Landschaften, einsam gelegen, düsteres Licht, winterliche Kälte, unerklärliche Geräusche und Gerüche sorgen dafür, dass sowohl bei den Charakteren im Roman als auch beim Leser selbst die Fantasie angekurbelt wird und sich von Beginn an eine begleitende Gänsehaut einstellt, die sich auch nicht mehr verlieren soll.
In zwei offensichtlich vollkommen unzusammenhängenden Erzählsträngen kriecht das Unheil immer näher heran, und jede Antwort, die sich ergibt, hinterlässt noch größere Fragezeichen. Obwohl die mysteriösen Ereignisse zunehmen, lässt Sigurðardóttir genügend Spielraum für die Fantasie des Lesers - was es nicht weniger gruselig macht. Der Psychiater Freyr sorgt mit seiner wissenschaftlich-analytischen Denkweise dafür, dass der Roman nicht frühzeitig ins Übernatürliche abgleitet. Doch als die unerklärlichen Phänomene sich häufen und massiver werden, fallen auch Freyr die logischen Erklärungen zunehmend schwerer. Wenn sich die Handlungsstränge schließlich doch einander annähern, fällt ein Puzzlesteinchen nach dem anderen an seinen Platz und lassen das Ganze noch einmal eine erschreckende Wendung nehmen...

Dieses Buch war - einfach gruselig. Die Gänsehaut auf meinem Körper habe ich mir nicht eingebildet, genausowenig wie die Tatsache, dass ich nur bei hellem Licht und nicht etwa abends im Bett lesen wollte, um nachts nicht wachzuliegen und plötzlich Geräusche zu vernehmen, die mir das Herz in die Hose hätten rutschen lassen können.
Die Cliffhanger am Ende der meist kurzen Kapitel verführten dazu, immer weiterzulesen. Einmal von der Überraschung erholt, dass es sich nicht wie angekündigt um einen reinen Thriller handelt (der Titel hätte da schon ein Hinweis sein können), hat mir der meist subtile Horror wirklich gut gefallen. Selten habe ich mich beim Lesen eines Buches so gegruselt wie bei diesem und war dennoch begeistert. Sicher nicht mein letztes Buch dieser Autorin!


© Parden













Yrsa SigurdardóttirDie S. Fischer Verlage schreiben über die Autorin:

Yrsa Sigurðardóttir studierte Bauingenieurwesen in Reykjavík und Montreal. Seit 1998 schreibt sie Kinderbücher, im Jahre 2005 erschien ihr erster Kriminalroman »Das letzte Ritual«. Ihre Bücher sind mittlerweile in 30 Sprachen übersetzt. Neben dem Schreiben arbeitet sie als Ingenieurin in Reykjavík.

Literaturpreise:
2000 IBBY Honour List (International Board on Books for Young People) für "Við viljum jólin í júlí" - 2011 Blóðdropinn (nationaler isländischer Preis für Kriminalliteratur) für Ég man þig (dt. Geisterfjord. Fischer, Frankfurt/M. 2011)


übernommen von den S. Fischer Verlagen

Freitag, 7. Oktober 2016

Pietschmann, Claudia: Hamburg Rain 2084: V2


Eine Stadt im ewigen Regen. Eine Stadt mit hierarchisch gegliederten Ebenen. Eine Welt voller Geheimnisse, Träume und Verbrechen: Hamburg Rain 2084 - Die größte dystopische Science Fiction eBook-Serie des 21. Jahrhunderts von Herausgeber Rainer Wekwerth!

Ruiz ist eine menschliche Spielfigur, die durch einen Chip im Kopf kontrolliert wird. Er liebt Helena, die beiden sind unzertrennlich. Bis Ruiz unter Zwang in der Arena einen Mord begeht und fliehen muss. Helena ist fest entschlossen, ihre große Liebe zu retten und lässt sich dafür auf einen Handel mit dem Schönheitschirurgen und Ruiz Besitzer Dr. Golding ein. Er will nichts weniger als zehn Jahre ihrer Jugend und Schönheit für seine Frau, was Helena ihm in ihrer Verzweiflung verkauft.


(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)

  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 976 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 174 Seiten
  • Verlag: Knaur eBook; Auflage: 1 (8. Oktober 2015)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B0106SP4BK













JUGENDWAHN...


Hamburg ist im Jahr 2084 im ewigen Regen nach einer Klimakatastrophe zum Moloch mit 22 Millionen Einwohnern herangewachsen. Bauwerke früherer Epochen sind zu einem einzigen Gebäude verschmolzen, das sich über eine gigantische Fläche erstreckt und weit in den Himmel ragt. Wie ein surreales Gebilde aus dem Traum eines Wahnsinnigen reckt es seinen Körper aus Stein, Glas und Stahl in die Wolken und unablässig fließt der Regen an seinen Milliarden Ecken und Kanten herab. Dieser gigantische Koloss ist in Ebenen unterteilt, die weit in die Höhe und tief unter die Oberfläche reichen. Das Leben ist streng hierarchsich organisiert: Je reicher, desto weiter oben; je ärmer, desto weiter unten. Während sich oben im wenigen Sonnenlicht die Reichen und Schönen vergnügen, leben die Armen in Dunkelheit und Müll. Nur die Mittelschicht bildet da mit ihren Träumen von einer besseren Wetl die Ausnahme. Und manchmal geschieht es, dass jemand den zugewiesenenLebensraum verlässt. Mit unvorhersehbaren Folgen. Davon handeln die Storys der dystopischen Science Fiction eBook-Serie 'Hamburg Rain 2084'.

'V2' ist nach dem Prequel der erste Band der ersten Staffel des spannenden Future Fiction eSerials.  Die Bände in der Reihenfolge ihres Erscheinens sind:
  1. V2
  2. Sundown
  3. Rehab
  4. Zerfall
  5. Risse im Fundament
  6. Die Seuche
Alle Bände sind unabhängig voneinander und in beliebiger Reihenfolge lesbar.


* * *


Der Unterschied zwischen arm und reich ist im Jahr 2084 in der Tat eklatant. Doch als ob es nicht reichen würde, dass Tausende von Menschen im und vom Müll leben, gibt es Menschen, die noch eine Stufe niedriger leben. Der Juggernaut Ruiz ist einer von ihnen - ein willenloser Sklave, der per Chip ferngesteuert wird und sich in der Arena tödlichen Kämpfen stellen muss. Als er versehentlich eines Tages seinen Kontrahenden vorzeitig tötet, fällt Ruiz in Ungnade und muss fliehen. Doch wenn er es nicht schafft, den Chip loszuwerden, ist er verloren - zu stark sind die Impulse von außen, zu energieraubend der Kampf gegen die Fremdsteuerung.


Verbrecher nannten sie seinesgleichen und Krüppel und Freak und Abschaum. Die Kinder aus den oberen Ebenen machten sich einen Spaß daraus, sie zu verhöhnen, wenn man sie in die Arena trieb. Leute wie ihn, die sich verkauft hatten und deren Job es war, Figuren zu sein. Menschliche Spielfiguren zur Unterhaltung der Massen. Juggernauten - die über unglaubliche Kraft verfügten und dennoch ihr Leben lang Sklaven blieben. Menschen, die alles niederrollen könnten und es doch nicht taten. Weil die Chips in ihren Köpfen es nicht zuließen...


Helena heißt seine schöne Freundin, die alles daransetzt, um Ruiz zu retten. Geld braucht sie, um einen Quacksalber bezahlen zu können, der ihrem Freund den Chip aus dem Kopf operiert. Aber als mittellose Bewohnerin Hamburgs hat sie nicht viele Möglichkeiten, um an die notwendigen Mittel zu kommen. Ihr bleibt offensichtlich nur ein Weg: sie muss sich in die Hände des Schönheitschirurgen Dr. Golding begeben, der eine Möglichkeit gefunden hat, durch die Transplantation von Chromosonenden, sogenannte Telomere, Lebenszeit von einer Person auf eine andere zu übertragen. Werden diese Telomere einem Menschen entnommen, so verliert dieser Jahre seines Lebens und altert um ein Vielfaches schneller. Doch für Helena ist kein Preis zu hoch - sie ist zu allem bereit, um ihren Ruiz zu retten und ihm und sich ein Leben in Freiheit zu verschaffen. Leider läuft wie so oft im Leben dann alles anders als geplant...

Ehrlich gesagt lässt mich diese dystopische Geschichte um ein Hamburg in einer ungewissen Zukunft etwas zwiegespalten zurück. Die Idee dahinter fand ich durchaus ansprechend: Gesellschaftskritik (Kluft zwischen Arm und Reich, Ausbeutung der rechtlosen Armen, Schönheits- und Jugendwahn), gepaart mit ethischen Fragestellungen (Grenzen von wissenschaftlichen Allmachtsfantasien) und philosophischen Standpunkten (Hegel und Kant). Die Umsetzung jedoch konnte mich trotz des weitestgehend flüssigen Schreibstils nur wenig überzeugen. Unerwartete Sprünge in der Handlung sind hier ebenso als Kritikpunkt zu nennen wie die wenig greifbare dystopische Atmosphäre. Vor allem aber die Charaktere, die hier durchweg blass und eindimensional bleiben, verhinderten, dass ich am Geschehen emotional teilhaben konnte. Eine Weiterentwicklung selbst der Hauptfiguren konnte ich nicht erkennen, die Handlungen wurden v.a. durch äußere Ereignisse determiniert und weniger durch bewusste Entscheidungen der Charaktere.

Die Grundidee verbunden mit einem angenehm überraschenden Ende gewährleisten dennoch eine mittelmäßige Wertung von meiner Seite. Eine durchaus interessante Geschichte, die trotz der genannten Kritikpunkte Lust macht auf die weiteren Geschichten der Staffel des Future Fiction eSerials.


© Parden








 Vorab erschien das (kostenlose) Prequel zur Reihe:



  HIER geht es zur Rezension






Die sechs Bände der ersten Staffel gibt es entweder in einem Sammelband (ab März 2016)


9783426437629


oder aber einzeln, wobei diese nacheinander alle paar Wochen bis Dezember 2015 erschienen. Hier mal die Reihenfolge des Erscheinens...


http://ecx.images-amazon.com/images/I/51MBGQwyWVL._AC_UL160_SR101,160_.jpg

















Claudia Pietschmann wurde 1969 in der Mark Brandenburg geboren und verbrachte dort ihre Kindheit und Jugend inmitten zahlloser Bücher. Sie studierte in Berlin Betriebswirtschaftslehre und ging anschließend ganz in Marketingkonzeptionen und Werbetexten auf. Ihr Debütroman erscheint im Herbst 2015.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knuar

Donnerstag, 6. Oktober 2016

Goldammer, Frank: Der Angstmann

Schon einmal hat der Dresdner Frank Goldammer seine Heimatstadt als zerstörte Stadt beschrieben. Während aber FELDWEBEL sich durch eine (fast) menschenleere Stadt bewegte, und der Blogger hier den Weg ohne Stadtplan mitverfolgte, atemlos, stellt er nun fest, atemlos ist etwas Anderes. FELDWEBEL war Sience Fiction, war Fantasy, ein Genre, was Frank gern bediente…

DER ANGSTMANN. Ich gebe zu, da war ein klein wenig Skepsis. Was habe ich hier in den Händen? Wirklich „nur“ einen Kriminalroman, oder ist da noch etwas, etwas, das nicht von dieser Welt ist, vorhanden? Wer oder was mordet sich da durch das von Flüchtlingen überfüllte Dresden Ende 1944, Anfang 1945?
Wer mich kennt weiß, dass ich dem fantastischen Genre nicht übermäßig zugeneigt bin. Dem schreibenden Maler- und Lackiermeister dagegen schon. Wenige Seiten nach Beginn hatte ich die Befürchtung vergessen. Sie kam kurz wieder, verschwand aber auch schnell.



„Wie viel ist ein Menschenleben wert, wenn die Welt in Trümmern liegt?
Der erste Fall für Kriminalinspektor Max Heller.“ (dtv)


Mittwoch, 5. Oktober 2016

Baumm, Stefanie: Am Anfang war der Tod


Im idyllischen Dorf Moorbek liegt Pastor Eckhard Falkner mit zertrümmertem Schädel auf dem kalten Boden seiner Kirche und sieht zum ersten Mal seit fünfundzwanzig Jahren wieder in die Augen seines einzigen Sohnes. Wenige Atemzüge später ist der Pastor tot. Als die Kieler Kommissare Armin Stahl und Birger Harms an den Tatort kommen, erwartet sie zu ihrer großen Überraschung ein ehemaliger Kollege, der BKA-Beamte Leif Falkner, der ihnen die Nachricht vom Tod seines Vaters überbringt. Die Dorfbewohner hüllen sich in Schweigen. Es wird kein Wort verloren über die fehlenden Spendengelder, die unheilvolle Rückkehr des Pastorensohnes und den Vorfall, der vor vielen Jahren alles veränderte. Ein brisanter Fall für die Kieler Kommissare!

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)

  • Taschenbuch: 352 Seiten
  • Verlag: Droemer TB (1. Dezember 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426304872
  • ISBN-13: 978-3426304877
  • Reihe: Armin Stahl und Birger Harms (Bd. 3)












DORFLEBEN...


Leif Falkner, der BKA-Beamte, mit denen es die Kommissare Armin Stahl und Birger Harms bereits im vorherigen Fall zu tun bekamen, kehrt nach 25 Jahren in sein Heimantdorf in Norddeutschland zurück. Sein Vater, der langjährige Pastor der Gemeinde, hatte ihn darum gebeten, doch nun liegt dieser sterbend in seiner eigenen Kirche - erschlagen. Auch die Spendengelder fehlen, und so geht die Polizei von einem Raubmord aus. Doch so rasch wie anfangs vermutet, gelingt die Auflösung des Falls nicht.


"Er würde den Menschen finden, der den Schädel seines Vaters mit brachialer Gewalt zertrümmert hatte. Nicht um der Gerechtigkeit willen. Nein. Er wollte lediglich wissen, warum sein Vater hatte sterben müssen und wer den Mut gehabt hatte, das zu tun, wozu er selbst nicht fähig gewesen war."


Denn das Dorf schweigt. Ein Geflecht aus Schuld und Geheimnissen begegnet den Ermittlern hier, und statt auf Antworten stoßen sie auf immer neue Gräueltaten - und Leichen. Ein Sumpf aus Verbrechen und skrupellosen Abartigkeiten steigt hier aus der vermeintlichen Idylle empor, und manch einer muss aufpassen, hierin nicht zu versinken.


"In diesem Dorf sagt keiner die Wahrheit. Wenn sie überhaupt etwas sagen. Vermutlich ist Unehrlichkeit die Grundvoraussetzung, um hier leben zu dürfen." Uta lachte auf, aber sie hörte die Bitterkeit darin. "Sie haben alle Angst." - "Und wovor?" - "Wenn wir das herausgefunden haben, haben wir auch den Mord aufgeklärt."

Einen spannend gestrickten, ungewöhnlichen und atmosphärisch dichten Krimi präsentiert Stefanie Baumm in der dritten Folge der Reihe um die Ermittler Armin Stahl und Birger Harms. Die Erzählweise ist überaus beschaulich, passend zum sonst ebenso beschaulichen Dorfleben - und Thrillerfans, die actionmäßige Handlungsstränge bevorzugen, könnten hier aufkommende Langeweile vermuten. Ich empfand diese Erzählweise jedoch als ungemein passend, kann sich so doch das Grausen langsam an den Leser heranschleichen. Denn mit den Ermittlern taucht auch der Leser zunehmend ein in die Verflechtungen der Dorfgemeinschaft, in die Vergangenheit und in Geheimnisse, die lange unter den Teppich gekehrt waren. Eine solche Vielzahl an Straftaten ist mir kaum je in einem Krimi oder Thriller begegnet, und doch wirkt das Geschehen dadurch zu keinem Zeitpunkt überfrachtet.

Stefanie Baumm gelingt es hier, einige überaus interessante Charaktere zu zeichnen, und fast nebenher und wie selbstverständlich eine ungemein düstere Atmosphäre zu kreieren - auch die Naturbeschreibungen fügen sich bildhaft und passend in diese Szenerie ein. Immer wieder unterbrechen kleine Ausschnitte von Gedichten von Emily Dickinson den Text, was mir persönlich außerordentlich gut gefallen hat, denn die Zeilen unterstreichen durchaus passend die jeweilige Atmosphäre.

Mangelnde Zivilcourage, Korruption, die Tendenz der Menschen, lieber wegzuschauen - zahlreiche Themen ziehen sich durch diesen Krimi und werfen so auch moralische Fragen auf, legen einen Finger in die Wunden unserer heutigen Gesellschaft. Gekonnt hat Stefanie Baumm hier einen unglaublich verwobenen Krimi kreiert, und ich hoffe wirklich sehr, dass weitere Folgen dieser Reihe nicht mehr lange auf sich warten lassen! Für mich: gerne mehr davon!


© Parden














Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:

Stefanie Baumm arbeitete viele Jahre als freie Journalistin, bevor sie mit dem Schreiben von Romanen begann. Ihre politisch brisanten Thriller „Machtlos“ und „Die Marionette“ sowie die Romane „Dein totes Mädchen“ und „Tochter der Angst“ erschienen unter dem Pseudonym Alex Berg.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Dienstag, 4. Oktober 2016

Berg, Alex: Machtlos


In Hamburg laufen die Vorbereitungen für den internationalen Krisengipfel auf Hochtouren. Erste Terrorwarnungen sind bereits bei den Geheimdiensten eingegangen. Zur selben Zeit wird die Anwältin Valerie Weymann am Flughafen verhaftet. In endlosen Verhören unterstellen ihr Agenten von BKA und CIA Kontakte zu Terrormitgliedern von al-Qaida. Die Anwältin ist fassungslos und verweigert die Aussage. Doch ihr juristisches Wissen nützt ihr nichts, als am Hamburger Hauptbahnhof eine Bombe explodiert. Der mutmaßliche Täter ist ein Bekannter von ihr. Noch in derselben Nacht wird Valerie in ein geheimes Gefängnis nach Osteuropa gebracht, und eine rasante Jagd auf Leben und Tod beginnt …

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)

  • Taschenbuch: 384 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (1. Juli 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426506491
  • ISBN-13: 978-3426506493
  • Reihe: Valerie Weymann, Eric Mayer Bd. 1













MACHTLOS, HILFLOS, RECHTLOS...


Ein globaler Klimagipfel ist es, der in Hamburg stattfinden soll. Und die Geheimdienste sind rund um die Uhr mit den Sicherheitsvorkehrungen beschäftigt, denn hochrangige Politiker werden in Hamburg erwartet - u.a. der amerikanische Präsident Obama.  Die Hamburger Rechtsanwältin Valerie Weymann ist zu einem geschäftlichen Termin unterwegs, der sie nach London führt. Am Flughafen wird sie jedoch bei der Passkontrolle festgenommen und dem auswärtigen Amt überstellt. Ihr wird vorgeworfen, einer terroristischen Vereinigung anzugehören, die einen Anschlag in Kopenhagen verübt haben soll.Tatsächlich werden der Anwältin Fotos vorgelegt, die bekannte Gesichter tragen. Syrische Freunde von ihr sollen mit dem Anschlag zu tun haben. Als während der Vernehmung auch noch in Hamburg ein Anschlag auf den Bahnhof verübt wird, greift der amerikanische Agent ein, der während der Vernehmung Weymanns anwesend war. Ohne die deutschen Kollegen zu informieren, sachafft er Valerie in ein rumänisches Lager, um ein Geständnis zu erzwingen. Die Anwältin wird zum Spielball der Mächte...

Machtlos und atemlos folgt auch der Leser dieser Geschichte, nicht in der Lage, in die haarsträubenden Geschehnisse einzugreifen. Den drei Buchteilen ist jeweils eine Charta der Menschenrechte vorangestellt, was verdeutlicht, was der zentrale Punkt in diesem Thriller ist. Was für ein Albtraum muss es sein, wenn man unschuldig unter Terrorverdacht gerät und einem niemand helfen kann, das kann man sich wohl kaum vorstellen...  Guantanamo lässt grüßen, kann man da nur sagen - bei Terrorverdacht gibt es für die Betroffenen weder Menschenrechte noch eine Rechtsstaatlichkeit mehr.

Dabei wirkt die Geschichte kein bisschen konstruiert, sondern im Gegenteil erschreckend glaubwürdig und gut recherchiert. Die Bezüge zu aktuellen Lagen in der Weltpolitik sind unverkennbar. Dieser Thriller hat viele Gefühle bei mir hervorgerufen: Angst, Schrecken, Sprachlosigkeit, Verständnislosigkeit und auch Wut, denn die fiktive Geschichte dieses Thrillers ist durchaus vorstellbar, auch in einem "Rechtsstaat" wie dem unseren.

Mit dem Thriller "Machtlos" ist der Autorin Alex Berg ein spannender und brisanter Auftakt zu der geplanten Reihe um die Rechtsanwältin Valerie Weymann und den BND-Agenten Eric Mayer gelungen.


© Parden













Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:


Alex Berg hat viele Jahre als freie Journalistin gearbeitet, bevor sie ihre ersten Spannungsromane verfasste. Ihre politisch brisanten Thriller "Machtlos" und "Die Marionette" sowie ihr Roman "Dein totes Mädchen" haben die Leser im Sturm erobert. Hinter dem Pseudonym Alex Berg verbirgt sich die Autorin Stefanie Baumm.
übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Montag, 3. Oktober 2016

Zeh, Juli: Unterleuten


Manchmal kann die Idylle auch die Hölle sein. Wie das Dorf "Unterleuten" irgendwo in Brandenburg. Wer nur einen flüchtigen Blick auf das Dorf wirft, ist bezaubert von den altertümlichen Namen der Nachbargemeinden, von den schrulligen Originalen, die den Ort nach der Wende prägen, von der unberührten Natur mit den seltenen Vogelarten, von den kleinen Häusern, die sich Stadtflüchtlinge aus Berlin gerne kaufen, um sich den Traum von einem unschuldigen und unverdorbenen Leben außerhalb der Hauptstadthektik zu erfüllen. Doch als eine Investmentfirma einen Windpark in unmittelbarer Nähe der Ortschaft errichten will, brechen Streitigkeiten wieder auf, die lange Zeit unterdrückt wurden. Denn da ist nicht nur der Gegensatz zwischen den neu zugezogenen Berliner Aussteigern, die mit großstädtischer Selbstgerechtigkeit und Arroganz und wenig Sensibilität in sämtliche Fettnäpfchen der Provinz treten. Da ist auch der nach wie vor untergründig schwelende Konflikt zwischen Wendegewinnern und Wendeverlierern. Kein Wunder, dass im Dorf schon bald die Hölle los ist…

(Klappentext Luchterhand Literaturverlag)

  • Gebundene Ausgabe: 640 Seiten
  • Verlag: Luchterhand Literaturverlag (8. März 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3630874878
  • ISBN-13: 978-3630874876












DORFFUNK...




Unterleuten - ein kleines Dorf in Brandenburg, unweit der Hauptstadt, verströmt das träumerische Flair ländlicher Idylle. Hier scheint die Welt noch in Ordnung, weshalb sich zu den alteingesessenen Bewohnern, die schon die DDR-Zeiten überstanden haben, auch Neuzugezogene gesellt haben, die dem Rummel der Großstadt entfliehen wollen. Ausgedehnte Flächen von Feldern und Wiesen sowie große Flecken Kiefernwälder haben auch den Naturschutz auf den Plan gerufen, denn die selten gewordenen Kampfläufer, 'fleckige Vögel von Größe und Statur einer Mülltüte', haben dort eine Heimstatt gefunden, was es zu erhalten gilt.

Dass das Gleichgewicht im Dorf ein empfindliches ist, stellt sich rasch heraus, als eine Investmentfirma dort einen Windpark errichten will. Alte Konflikte brechen auf, neue gesellen sich hinzu, vom Widerstand gegen die Windräder bis hin zu heimlicher Vorteilnahme fiinden sich hier alle Motive. Und unmerklich wandelt sich die dörfliche Idylle in eine Hölle...


"Wenn ich in Unterleuten eins gelernt habe, dann dass jeder Mensch ein eigenes Universum bewohnt, in dem er von morgens bis abends recht hat."


Da es hier um die Darstellung der Dynamik in der Dorfgemeinschaft Unterleutens geht, hat sich Juli Zeh nicht mit einem einzelnen Hauptcharakter begnügt. Derer gibt es hier viele, und jeder von ihnen wird im ersten Drittel des Buches ausgiebig vorgestellt, so dass sich der Leser tatsächlich ein Bild der verschiedenen Personen machen kann. Die Haltung der Dorfbewohner untereinander im Allgemeinen und der einzelnen Personen im Besonderen wird so plausibel und nachvollziehbar, und bei jedem Perspektivwechsel kann man das Empfindes des einzelnen nachvollziehen, mit seiner persönlichen Sichtweise im Recht zu sein. Juli Zeh selbst vergleicht dies mit einem Kaleidoskop: mit jedem Dreh ergibt sich ein ganz anderes Bild.

Dass die unterschiedlichen Sichtweisen und das Verhältnis der einzelnen Bewohner zueinander zwangsläufig zu Konflikten führen müssen, versteht man als Leser nach der eingehenden und detaillierten Einführung der Personen - zumal hier wenig miteinander geredet wird, sondern vielmehr übereinander. 'Dorffunk' nennt Juli Zeh dieses Phänomen, und sie gibt dem Funktionieren der Gerüchteküche hier einen großen Raum. Gerüchte, Legenden, Verleumdungen bilden regelrecht die Grundlage für den neuesten Konflikt und beeinflussen die Handlungen und Entscheidungen der Menschen - und so viel sei hier vorweggenommen: danach ist nichts mehr, wie es vorher war.


"Wir wollen alle das Beste für Unterleuten. Jeder auf seine Weise."


Auf 640 Seiten lässt sich Juli Zeh viel Zeit beim Erzählen. Gerade im zweiten Drittel des Buches hatte ich tatsächlich das Gefühl, eine Straffung hätte der Erzählung gut getan. Die erzählten Episoden zogen sich für mein Empfinden teilweise arg in die Länge, die Dynamik zog noch nicht an, und so hatte ich in dieser Phase nach jeweils einigen Seiten bereits das Gefühl, das Buch erst einmal wieder zur Seite legen zu wollen. Dabei erweist sich die Autorin als eine genaue Beobachterin, und sie seziert nachgerade minutiös die Motive der einzelnen Personen heraus: altes und neues Unrecht, Untreue, Eifersucht, verpasstes Glück - oder aber Träume vom zukünftigen Glück. Das letzte Drittel von 'Unterleuten' gestaltete sich dann glücklicherweise zunehmend spannend, da sich die Geschehnisse hier zuspitzen. Einige Überraschungen ergeben noch einmal erstaunliche Wendungen, und am Ende erwartet den Leser noch ein Knalleffekt. Dieser hat mir persönlich ein besonderes Vergnügen bereitet.

Ein eher distanzierter, fast analytischer Schreibstil, der dennoch flüssig zu lesen ist, charakterisiert für mich hier die Erzählweise Juli Zehs. Obschon die Charaktere dem Leser nahezu plakativ vor Augen geführt werden, hatte ich zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, hier Sympathien oder Antipathien vergeben zu müssen oder zu wollen. Dazu trug die eher distanzierte Betrachtungsweise der Autorin sicherlich bei.


"Die Unterleutner lösen Probleme auf ihre Weise. Sie lösen sie unter sich."



Ein letztlich faszinierender Roman über ein zutiefst menschliches Phänomen: niemand will etwas Böses, und trotzdem geschieht es. Und daher trotz der empfundenen Langatmigkeit in einigen Passagen durchaus lesenswert und unterhaltsam...



© Parden













Unterleuten gibt es zwar nicht wirklich - aber Juli Zeh hat es so anschaulich beschrieben, dass man es nahezu vor sich sieht. Und so gibt es auch tatsächlich eine eigene Website des Dorfes - Flurkarte und die Vorstellung der einzelnen Dorfbewohner inbegriffen, die dort teilweise sogar mit ihrem Facebook-Account verlinkt sind...


Auch die ortsansässige Gastronomie, der Märkische Landmann in Unterleuten, hat eine eigene Seite im Web erhalten - einschließlich der aktuellen Speisekarte.


Und selbst das Buch, auf das sich eine Person in dem Roman immer wieder bezieht: 'Dein Erfolg' von Manfred Gortz, ist nach 'Unterleuten' ebenfalls erschienen und soll Gerüchten zufolge von Juli Zeh selbst verfasst worden sein. Eine rundherum überzeugende Angelegenheit also.





Der Luchterhand Literaturverlag schreibt über die Autorin:

Juli ZehJuli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau. Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt. Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).

übernommen vom Luchterhand Literaturverlag