Samstag, 3. Juni 2017

Günther, Ralf: Die Badende von Moritzburg

Novelle – Novella – Novelette. Kürzere Erzählung. Kurzepik in Prosaform. Sie hat „eine mittlere Länge, was sich daran zeige, dass sie in einem Zug zu lesen sei.“ (wikipedia)

Aha. Aber eigentlich will ich mich gerade nicht in „literaturwissenschaftlichen Betrachtungen“ ergehen, obige zwei Zeilen habe ich außerdem soeben in der bekannten Online-Enzyklopädie nachgeschlagen. Aber es passt. In einem Zug zu lesen, zumindest, wenn man rechtzeitig am Tage damit anfängt. 

Eine Sommernovelle namens DIE BADENDE VON MORITZBURG. Wir begeben uns zurück in das Jahr 1910 und begleiten die Bürgerstochter Clara Schimmelpfenninck auf den Dresdner Weißen Hirsch, wo das Lahmann-Sanatorium zu finden ist. Die junge Frau leidet an hysterischen  Anfällen und soll sich beruhigen. Dazu gehört viel frische Luft beim sogenannten Luft- und Sonnenbaden. Dazu tragen die Damen das sogenannte Luftbadehemd.

„Darin fühlte sie sich kaum weniger als nakt. Es musste ohne Unterwäsche getragen werden, der Baumwollstoff fiel locker um den Leib, damit möglichst viel Luft auf die Haut ventiliert wurde. Weich schmiegte er sich an ihren Körper und verwies dezent auf ihre Formen. Über die Schulter floss das rötlich blonde Haar, offen, wie sie es auf der Straße niemals zu tragen wagen würde.“ (Seite 9)
Der junge Dr. Maximilian Brandstetter vertritt den behandelnden Arzt und ist ein Anhänger
Sigmund Freuds. Daher landet Clara auf der Couch, muss Fragen beantworten und nicht nur das. Brandstetter lädt sie ein, die Kur an einem Wochenende in Moritzburg fortzusetzen. Nach etwas Gezeter und Ziererei, der Max ist durchaus auch attraktiv, willigt Clara ein.

Freitag, 2. Juni 2017

BlogPost Nr. 95: Zusammenfassung der Beiträge im Mai 2017


Im Wonnemonat Mai gab es für einige der Blogbetreiber ein paar Wochen Urlaub. Während der eine dadurch viel Zeit zum Lesen und Schreiben von Rezensionen fand, hatte die andere sogar ungewohnterweise Urlaub vom Lesen. Doch insgesamt gab es auch in diesem Monat wieder bunt Gemischtes - und ein paar Ideen für zukünftige gemeinsame Projekte. Wir freuen uns darauf!



Wie gewohnt gab es zu Beginn des Monats wieder zwei BlogPosts - Nr. 92 zeigte unsere Neuerwerbungen im April, Nr. 93 bot die Zusammenfassung unserer Beiträge im Vormonat.





Das erste Rezensionsexemplar war diesmal der bitterböse Schulroman GYMNASIUM von Susanne Giebeler. Ein bürgerliches Gymnasium in mitten einer an sich gut begüterten Gegend mitten im Ruhrgebiet. Bitterböse, weil so ziemlich alle handelnden Personen seltsame Handlungsmuster zeigen, die, näher betrachtet, so seltsam vielleicht gar nicht sind. Ein Roman, der Eltern, Schüler und Lehrer zum Nachdenken anregen sollte. Na ja, Schüler, vielleicht noch nicht. Hier könnt ihr die Rezension lesen.


Inspiriert vom vorhergehenden Buch, nahm ich ein Büchlein aus dem Regal, welches ebenfalls die Schule und das Lehren zum Gegenstand hat. Allerdings ist diese Rezension eine etwas ältere, sie stammt aus der Buchgesichterzeit im Jahr 2011. DER HALS DER GIRAFFE ist von Judith Schalansky. Hauptfigur ist eine Biologielehrerin und der Streit um die Genetik, Wissenschaft in Ost und West. Ein Buch, welches mich nicht zu überzeugen wusste. Hier findet ihr die Rezension.


Wenn man schon einmal beim Stöbern in den alten Beiträgen bei den Buchgesichtern ist, kann man schon mal etwas Älteres herbei zaubern. So zum Beispiel dieses schöne Kinderbuch über die drei Weisen aus dem Morgenland, Der Titel sagt schon, hier sind es Kinder. Eins ist, wie es sich gehört, schwarz, ein anderes aber ist ein Mädchen. Aber das Buch DREI  KINDER UND EIN STERN stammt ja auch von Luise Rinser. Sehr zu empfehlen, die Rezension findet ihr unter diesem Link.



Das ist nun bereits der dritte Band, indem die Geschichte des Cheruskerfürsten Armin einerseits korrekt , andererseits allerdings mit einem fantastischem Hintergrund, nämlich einer Zeitreise erzählt. wird. Der dritte Band von RUNENZEIT beinhaltet dann auch den AUFSTIEG DES ARMINIUS, der eigentlich aus dem 20. Jahrhundert stammt, genau wie sein Neffe / Sohn Leon. Eine interessante Art Geschichte zu erzählen,. eigentlich nicht meins, aber sicher eine gute Art, Geschichte gerade unter der Jugend zu verbreiten. Dies ist Mark Bredemeyer gut gelungen.Hier die Rezension, die Verweise auf Band 1 und 2 sind enthalten.



Nach ihrem Kurzurlaub begann auch Anne wieder zu lesen... DAS SIAMESISCHE KLAVIER von Christiane Neudecker war das erste Buch, das Anne von dieser Autorin gelesen hat - aber sicher nicht das letzte. Sieben unheimliche Geschichten gibt es hier. Nicht jede der außergewöhnlichen Geschichten konnte gleichermaßen begeistern, aber in allen zeigt sich das sprachliche und stilistische Feingefühl der Autorin. Die Erzählungen sind keine Gruselschocker, keine Horrorstorys - und doch verstören sie durch die dunkle Atmospähre und die Verzerrung der Realität. Anne jedenfalls war angetan.



Ein Kinderbuch hat Anne mal wieder gelesen - ein ganz besonderes und empfehlenswertes noch dazu. ENNO ANDERS - LÖWENZAHN IM ASPHALT von Astrid Frank ist ein starkes Buch über ein hypersensibles Kind und seine Welt - auch für Eltern empfehlenswert! Positiv, berührend, ermutigend...


Der Frühling bietet wirklich viele schöne Fotomotive - und Uwe und Anne haben hier Fotos aus dem Norden präsentiert: aus Mecklenburg-Vorpommern der eine, aus Noordholland die andere. Und herausgekommen sind zwei vollkommen verschiedene Serien, die aber allemal herllich anzuschauen sind. Finden wir...


Nachdem Anne vor fast genau einem Jahr die Rezension zu diesem Buch hier im Blog vorgestellt hatte, hat nun auch Uwe endlich DIE DENKWÜRDIGE GESCHICHTE DER KIRSCHKERNSPUCKERBANDE von Gernot Gricksch gelesen.


Und wo wir gerade bei gemeinsam gelesenen Büchern sind: vor etlichen Jahren stellten erst Anne, dann Uwe eine Rezension zu MIRJAM von Luise Rinser vor, damals noch bei den Buchgesichtern. Wir staunen selbst, wie anders und kurz wir damals noch die Rezensionen verfasst haben. Aber in einem sind wir uns auch heute noch einig: dieses Buch ist unbedingt lesenswert...


Kein ganz so großes Highlight war zumindest in Annes Augen dann dieser Debütroman von Sven Amtsberger.
Es mag Leser geben, die das Verwirrspiel in trüber, alkohollastiger Stimmung mögen, wo Tristesse groß geschrieben wird und der Blick auf das Leben ein resignierter ist. Anne gehört leider nicht dazu, und auch nicht zu denjenigen, die es reizvoll finden, wenn ausschließlich negative Aspekte präsentiert werden, egal wer oder was da gerade geschildert wird. Das offene Ende passt hervorragend, doch dieser Aspekt sowie einige Ansätze von Humor reichten letztlich nicht aus, um Anne von SUPERBUHEI überzeugen zu können.


COX ODER DER LAUF DER ZEIT war Annes erste Begegnung mit einem Buch von Christoph Ransmayr. Ein farbenprächtiger Roman ist dies, über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann. Ein entschleunigtes Lesen bescherte Anne dieser Roman, der eine ungebrochene Konzentration erfordert, um die sprachgewaltigen Sätze nachvollziehen zu können. Doch genossen hat sie die Lektüre allemal....



SIEBEN MINUTEN NACH MITTERNACHT von Patrick Ness und Siobhan Dowd fand netterweise als Rezensionsexemplar den Weg zu Anne. Die 4 h 36 min. dauernde, vollständige Lesung war angenehm zu hören dank Maria Furtwänglers gekonntem Vortrag. Auf die Verfilmung des Buches ist Anne schon sehr gespannt - allerdings geht es dabei wohl nicht ohne Taschentücher!


Etwas zwiegespalten war für Anne die Lektüre des Buches von Sybille A. Schmadalla, wo allein schon der sperrige Titel eine eher anstrengende Lektüre verhieß. VON NOTBURGA, MARIA, CÄCILIE, MALIN UND PIA bot tatsächlich unglaublich viele Kritikpunkte, so dass Anne sich durch das Buch (eher die 'Rohfassung' eines Romans) wirklich hindurchquälen musste. Allerdings erkannte Anne auch das Potential und die Bedeutung des Inhaltes, so dass sie das Buch letztlich auch beendete. Die Leserunde zum Buch war dann sehr von konstruktiver Kritik geprägt, aber, wie die Autorin es selbst formulierte: 'hart aber fair'. Tatsächlich hat Sybille A. Schmadalla gleich reagiert und sich ein neues, hoffentlich effektiveres Lektorat gesucht. Dem Buch ist es zu wünschen, dass es in eine Form gebracht wird, die potentielle Leser deutlich mehr anspricht. Anne ist gespannt...

Donnerstag, 1. Juni 2017

BlogPost Nr. 94: Unsere Neuerwerbungen im Mai 2017


Der Wonnemonat Mai - ob die Wonne auch bei uns im Regal eingezogen ist, kann hier nachgeprüft werden...




KaratekaDD

Wenn ich mich richtig erinnere, habe ich letztlich "nur" drei Bücher erworben, Eines davon ist etwas ungewöhnlich. Vor vielen Jahren las ich die damals neue Stalin-Biografie von Dmitri Wolkogonow. Nun hat er eine weitere Biografie heraus gebracht: LENIN - UTOPIE UND TERROR. Die Sicht eines Russen, der zudem noch "Armeehistoriker" und General im Politischen Hauptstab der Roten Armee war, dürfte eine spezielle Darstellung ergeben. Bei STALIN - TRIUMPH UND TRAGÖDIE war das jedenfalls so. Aber wann ich das angehe, steht wohl noch in den Sternen.






Ein schmales Bändchen flatterte ins Haus: Ralf Günthers DIE BADENDE VON MORITZBURG. Eine wunderbare Novelle, die mir vom Autor über eine Dresdner Bloggerfreundin "zugespielt" wurde. Es geht um Liebe, Erotik, Malerei und ein ganz klein wenig Sigmund Freud im Jahre 1910.

Zwangsläufig musste nach dem ersten Band der KIRSCHKERNSPUCKERBANDE der zweite her. Der wartet nun auf die Rezension.







Anne Parden

Der letzte Teil der Trilogie erreichte mich bei Lovelybooks netterweise über den Autor als Rezensionsexemplar, und ich bin gespannt, ob dies ein angemessener Abschluss der Geschichte ist...

Cassius, der Sohn von Philippe und Silvia, will die bislang geltende Tatsache nicht hinnehmen, dass keinerlei Verwandtschaft zwischen seinem verstorbenen Vater und dessen Doppelgänger David besteht. Recherchen, die der junge Mann auf eigene Faust betreibt, lassen ihn glauben, dass sogar die Möglichkeit besteht, dass David und Philippe Zwillingsbrüder sein könnten. Kurz entschlossen besucht er David in Köln und konfrontiert ihn mit seinen Vermutungen. Gemeinsam begeben sich die beiden auf die Suche nach neuen Wahrheiten.


Über das Bloggerportal erreichte mich dann noch ein Hörbuch aus dem Hörverlag als Rezensionsexemplar. Das wird sicherlich bald gehört!

Conor ist wach, als es kommt. Genau sieben Minuten nach Mitternacht, Conor hatte einen Albtraum. Den Albtraum. Den einen, der ihn jede Nacht quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Das Bild von den Händen, die ihm entglitten, versucht Conor zu verdrängen, es soll ihm nicht wieder in die Wachwelt folgen. Doch da klopft etwas an sein Fenster und ruft seinen Namen: ein Wesen, das uralt ist und wild und weise – und das wie niemand sonst Conors Seele und seine geheimsten Ängste kennt.


Da ich zwischendurch immer gerne auch etwas Leichteres lese, habe ich mich sehr über die Anfrage der Autorin gefreut, ob ich Lust hätte, ihr neuestes Werk als Rezensionsexemplar zu lesen. Vielen Dank schon einmal an dieser Stelle!

Exil-Italienerin Laura hat sich ganz passabel eingerichtet in ihrem deutschen Leben: mit fester Beziehung, Kind und einem manchmal nervigen Job in der Pharmaindustrie. Doch dann gründet sie mit ihren Freundinnen „Frag mich nach Sonnenschein“, eine Agentur für italienischen Lifestyle. Und kaum geht es beruflich rasant bergauf, geht es privat rasant bergab: Freund Martin zeigt sich plötzlich von seiner deutschesten, seiner penibelsten Seite. Laura flüchtet sich zu Freundin Ilaria – und lernt endlich den perfekten Mann kennen, natürlich ein Italiener. Ist das das Ende aller kulturellen Missverständnisse? Bis es soweit ist, muss Laura jedoch auf vielen Hochzeiten tanzen – natürlich auf deutsch-italienischen.


Und dann erreichte mich von 'Was liest du?' ein tolles Überraschungspaket. Bei einer Abstimmung hatte ich gewonnen und es gar nicht mitbekommen. Da machte das Auspacken Spaß! Das erste der vier Bücher war die Hardcover-Version von dem siebten Fall für das Sonderdezernat Q.

Vizepolizeikommissar Carl Mørck wird zur Aufklärung eines brutalen Todesfalls von der Mordkommission in Kopenhagen hinzugezogen. Wie sich herausstellt, gibt es eine Verbindung zu einem mehrere Jahre zurückliegenden und ausgesprochen brisanten cold case, aus dem sich schwerwiegende Konsequenzen für die aktuellen Ermittlungen ergeben. Ausgerechnet jetzt geht es Carls Assistentin Rose sehr schlecht. Sie wird von grauenhaften Erinnerungen aus ihrer Vergangenheit heimgesucht. Rose kämpft mit aller Macht dagegen an – und gegen das Dunkel, in dem sie zu ertrinken droht. Welche Rolle spielen die jungen Frauen Michelle, Jasmin und Denise, die sich zu einem starken und hochexplosiven Kleeblatt verbündet haben?


Das zweite Buch in o.g. Paket war der erste Band der neuen Trilogie von Erik Axl Sund.

Eine Welle bizarrer Selbstmorde erschüttert Schweden. An den unterschiedlichsten Orten im Land nehmen sich Jugendliche auf ungewöhnliche, grausame Weise das Leben, und sie alle haben eines gemeinsam: Sie hören die düstere Musik eines Interpreten namens "Hunger" auf alten Musikkassetten, während sie sich umbringen. Zur gleichen Zeit wird in Stockholm der erste von mehreren einflussreichen Männern ermordet. Als Kommissar Jens Hurtig ihn mit den Selbstmorden in Verbindung bringt, zeigt sich das ganze schreckliche Ausmaß des Falls ...


Das dritte Buch in dem Paket ist zwar nicht ganz nach meinem Geschmack, vielleicht aber doch etwas Nettes für zwischendurch...

Wer hat schon Lust, einen Gemüsegarten umzugraben? Lilian jedenfalls nicht. Sie hat mit ihrem Job, den beiden kleinen Töchtern und dem Kummer um ihren verstorbenen Mann genug zu tun. Danach fragt ihre Chefin jedoch nicht und meldet sie beim Gärtnerkurs eines wichtigen Kunden an. Der ist gar nicht mal so unsympathisch. Und Lilian ist verblüfft, was sie da auf dem Acker alles ausgräbt: Würmer, Lebensfreude, Baumwurzeln, Plastikfeen, Unkraut, Freunde, Radieschen, einen ziemlich großartigen Mann, und den Mut, sich neu zu verlieben


Das vierte Buch aus dem Paket ist etwas ganz Besonderes, das hier nicht verraten werden soll - denn damit habe ich noch etwas vor...


Aber ein Rezensionsexemplar vom btb erreichte mich noch über das Bloggerportal, und darauf bin ich wirklich schon sehr neugierig!

Es gibt Wörter, die wir nicht kennen. Deren Bedeutung wir aber erahnen. Als wären sie immer schon hier gewesen. Als hätten sie schon immer in uns gewohnt. Und manchmal wollen sie endlich ausgesprochen werden. Als ihre Großmutter stirbt, diese eigenwillige Frau, die stets einen unpassenden Witz auf den Lippen hatte, beschließt Mona, ein letztes Mal in den Iran zu fliegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter wagt sie die Reise in die trügerische Heimat. Der Rückflug in ihr Kölner Leben zwischen Coworking und Clubszene ist schon gebucht. Doch dann überredet sie ihr iranischer Langzeitliebhaber Ramin zu einem Abschiedstrip nach Bam, in jene Stadt, die fünf Jahre zuvor von einem Erdbeben komplett zerstört wurde. Und Monas Mutter schließt sich den beiden an. Die Fahrt wird für Mona zu einer Konfrontation mit ihrer eigenen Identität und ihrer Herkunft, über die so vieles im Ungewissen ist. Aber manchmal wird uns das Fremde zum heimlichen Vertrauten. Und über das, was uns vertraut schien, wissen wir so gut wie nichts.





TinSoldier


Riente niente?

Mittwoch, 31. Mai 2017

Schmadalla, Sybille A: Von Notburga, Maria, Cäcilie, Malin und Pia


Als Pia zufällig einen TV Bericht über die Befreiung Rosstals im April 1945 durch die Amerikaner sieht, beginnt sie sich Fragen zustellen nach der Geschichte ihrer Familie und inwieweit dies Einfluss auf ihre eigene Biografie hatte.
Sie stößt auf die Tagebücher und andere Dokumente ihrer Ahninnen. Es spannt sich ein Bogen von 1850 von Notburga, der Ururgroßmutter über deren Tochter Maria, die eine Suffragette war, hin zur Oma Cäcilie, die nach Paris ging, zurück kehrte, heiratete und Pias Mutter gebar. Pia reist durch den Wandel der Zeiten, Aufbruch und Niedergang, Beginn des Technologiezeitalters. Sie erfährt, die allmählich veränderte Stellung der Frau von einer rechtlosen, dem unmündigen Kindern gleichgestellten Frau hin zur emanzipierten Frau der heutigen Gesellschaft einerseits. Andererseits gibt es die individuellen Antworten der Protagonistinnen auf ihre persönliche Lage.
Dieses Buch führt den Leser vom beschaulichen Franken, nach Frankreich, Norwegen und Afrika. Im Spiegel der Biografien und Lebenswege der Ahninnen klärt sich für Pia ihr eigenes Leben.
Am Ende versteht Pia ihr eigenes Leben besser, basierend auf den Erfahrungen ihrer Ahninnen trifft sie eine Entscheidung
Ein Buch über die Irrungen, Wirrungen, Hoffnungen, Wünsche und Träume der Menschen. Ein Buch über verstehen, verzeihen und versöhnen. 165 Jahre lebendige deutsche Zeitgeschichte.


(Klappentext epubli)

  • Taschenbuch: 488 Seiten
  • Verlag: epubli; Auflage: 15 (30. Januar 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3741888028
  • ISBN-13: 978-3741888021














VOM WANDEL DER FRAUENROLLE IN DEN LETZTEN 165 JAHREN...



Als Pia zufällig einen TV Bericht über die Befreiung Rosstals im April 1945 durch die Amerikaner sieht, beginnt sie sich Fragen zustellen nach der Geschichte ihrer Familie und inwieweit dies Einfluss auf ihre eigene Biografie hatte. Sie stößt auf die Tagebücher und andere Dokumente ihrer Ahninnen. Es spannt sich ein Bogen von 1850 von Notburga, der Ururgroßmutter über deren Tochter Maria, die eine Suffragette war, hin zur Oma Cäcilie, die nach Paris ging, zurück kehrte, heiratete und Pias Mutter gebar. Pia reist durch den Wandel der Zeiten, Aufbruch und Niedergang, Beginn des Technologiezeitalters. Sie erfährt, die allmählich veränderte Stellung der Frau von einer rechtlosen, dem unmündigen Kindern gleichgestellten Frau hin zur emanzipierten Frau der heutigen Gesellschaft einerseits. Andererseits gibt es die individuellen Antworten der Protagonistinnen auf ihre persönliche Lage. Dieses Buch führt den Leser vom beschaulichen Franken, nach Frankreich, Norwegen und Afrika. Im Spiegel der Biografien und Lebenswege der Ahninnen klärt sich für Pia ihr eigenes Leben. Am Ende versteht Pia ihr eigenes Leben besser, basierend auf den Erfahrungen ihrer Ahninnen trifft sie eine Entscheidung Ein Buch über die Irrungen, Wirrungen, Hoffnungen, Wünsche und Träume der Menschen. Ein Buch über verstehen, verzeihen und versöhnen. 165 Jahre lebendige deutsche Zeitgeschichte.

Ganz bewusst setze ich den ausführlichen Klappentext als Kopie hier voran, weil daran bereits deutlich wird, weshalb ich mit diesem Buch solche Schwierigkeiten hatte: ausschweifend, absatzlos, voller Fehler.  Dabei könnte ich es belassen, denn tatsächlich war dieses Leseerlebnis - schwierig.

Aber ich täte der Autorin Unrecht, denn in jeder Zeile dieses eng beschriebenen, fast 500 Seiten starken Buches ist zu spüren, wie wichtig ihr die geschilderte Thematik ist. Deshalb möchte ich hier doch etwas differenzierter auf das Buch eingehen. Ich sage bewusst nicht 'Roman', denn in meinen Augen stellt dies eher eine 'Rohfassung' dar, einen 'Entwurf', der in Form, Inhalt und Struktur sowie hinsichtlich einer gründlichen Fehlersuche und eines eingängigeren Titels noch durch ein gekonntes Lektorat in eine leserliche Façon gebracht werden muss. Das Buch in der jetztigen Ausgabe stellt einfach eine Überforderung für den Leser dar.

Trotz meiner geballten Kritik glaube ich aber an das Potential des Buches sowie an die nicht zu unterschätzende Bedeutung der Thematik an sich. Die Rolle der Frau im Wandel der Zeiten - so nüchtern dies auch klingt, macht das Buch anhand der Schicksale von Frauen einer Familie in einer Folge von fünf Generationen deutlich, dass der heutige Status quo der Stellung der Frau in unserer Gesellschaft zum einen nicht selbstverständlich und zum anderen auch durchaus noch ausbauwürdig ist. Darüber hinaus wird ebenso deutlich, dass das, was man ist, (mal abgesehen von der genetischen Determination) nicht unabhängig von der Geschichte einer Familie im Laufe der Generationen zu sehen ist, ebenso wie man sich den gesellschaftlichen Bedingungen nur z.T. entziehen kann. Das klingt jetzt eher nach einer sozialwissenschaftlichen Abhandlung, ist tatsächlich aber nicht so gemeint.

Neben meinem ganzen Ärger über das Buch gab es hier eben auch viele Passagen, die mich nachdenklich stimmten, teilweise Parallelen zu meinem eigenen Leben oder dem meiner Familie aufwiesen. Abgesehen also von wirklich interessanten Informationen - z.B. welche historischen Ereignisse auf welche Art dazu beitrugen, die Rolle der Frau (und des Mannes) allmählich zu verändern - kann hier auch eine persönliche Reflexion bezüglich der eigenen Situation angeregt werden. Das waren für mich wirklich positive Aspekte des Buches.

Der Austausch mit der Autorin in der Leserunde gestaltete sich sehr intensiv und, ja, auch konstruktiv. Natürlich ist es nicht nett für den Schreibenden, wenn sein Werk, in dem so offensichtlich viel Herzblut steckt, von allen Seiten viel Kritik erfährt. Doch Sybille A. Schmadalla will die im Rahmen der Leserunde geäußerten Anregungen überdenken und einiges an Änderungen in Angriff nehmen. Ich wünsche ihr ein engagiertes Lektorat, das sie in der Umsetzung der Verbesserungen unterstützt, damit das Buch zukünftige Leser einfach mehr anspricht. Denn wie gesagt: das Buch hat Potential...

Wenn ich für mich persönlich ein Fazit ziehen soll: Ich bin nicht traurig, dass ich mich seinerzeit entschlossen habe, das Buch zu lesen - aber letztlich bin ich doch froh, dass ich es jetzt 'geschafft' habe. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Neufassung!


© Parden












Sybille A. SchmadallaBei epubli schreibt Sybille A. Schmadalla über sich selbst:

Ich wurde 1958 in Bayern geboren und wuchs auf dem Land auf.
Ich schloss zwei Studien in München erfolgreich ab und erwarb die akademischen Grade Dipl. Betriebswirtin (FH) und Diplom Designerin (FH). Nach einer klassischen Industriekarriere mit Positionen in deutschen Konzernen bis hin zur Geschäftsführung, arbeite ich heute als Business Coach und freie Autorin. Parallel zur Berufstätigkeit studierte ich noch 2 Semster Philosophie und 2 Semester Soziologie. Ich engagiere mich für Frauenrechte weltweit und unterstütze u.a. Terre des Femmes in Nürnberg. Ich bin seit mehr als 33 Jahren überaus glücklich verheiratet und Mutter zweier erwachsener Söhne. Derzeit lebe ich in Erlangen und pendle zwischen Deutschland und Finnland.

übernommen von epubli

Freitag, 26. Mai 2017

Ness, Patrick & Dowd, Siobhan: Sieben Minuten nach Mitternacht - Hörbuch



Conor ist wach, als es kommt. Genau sieben Minuten nach Mitternacht, Conor hatte einen Albtraum. Den Albtraum. Den einen, der ihn jede Nacht quält, seit seine Mutter unheilbar an Krebs erkrankt ist. Das Bild von den Händen, die ihm entglitten, versucht Conor zu verdrängen, es soll ihm nicht wieder in die Wachwelt folgen. Doch da klopft etwas an sein Fenster und ruft seinen Namen: ein Wesen, das uralt ist und wild und weise – und das wie niemand sonst Conors Seele und seine geheimsten Ängste kennt.

(Klappentext der Hörverlag)

  • Audio CD (4 CD, 4 h 36 min)
  • Verlag: der Hörverlag; Auflage: Ungekürzte Lesung (10. April 2017)
  • Sprecher: Maria Furtwängler
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Bettina Abarbanell
  • ISBN-10: 3844523111
  • ISBN-13: 978-3844523119
  • Altersempfehlung: ab 12 Jahren









Herzlichen Dank an den Hörverlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars!
der Hörverlag









VON DER MACHT DER GESCHICHTEN...



Conor ist 13 Jahre alt, und das Leben meint es zur Zeit nicht gut mit ihm. Seine Mutter ist an Krebs erkrankt, und auch wenn Conor nicht alles erfährt, so weiß er doch, dass es ihr nicht gut geht. Sein Vater hat die Familie vor Jahren verlassen und lebt jetzt mit seiner neuen Familie in Amerika. Conor möchte den Beteuerungen seiner Mutter glauben, dass es noch Hoffnung gibt, doch als sie ihm mitteilt, dass seine Großmutter für eine Weile bei ihnen wohnen wird, schwindet seine Hoffnung. Mit seiner Großmutter versteht er sich nicht, aber auch sonst hat Conor niemanden, mit dem er sich über seine Ängste austauschen kann. Und so versucht er stark zu sein und seine Mutter zu unterstützen, so sehr er es vermag.

Und als ob die Sorge um seine Mutter nicht ausreicht, um ihn zu quälen, träumt Conor auch noch schlecht. Fast jede Nacht hat er denselben Alptraum, der ihn nicht nur verstört und jedesmal schreiend hochfahren lässt, sondern ihm auch Schuldgefühle macht. Und eines Nachts um sieben Minuten nach Mitternacht klopft zu Conors großem Schreck jemand ans Fenster und ruft seinen Namen - mit eigentümlicher Stimme, einem monsterartigen Ton, wild und ungezähmt. Als der Junge vorsichtig nachschaut, wer da etwas von ihm will, erkennt er - tatsächlich ein Monster.


"Ich habe so viele Namen, wie die Zeit Jahre hat."


Doch dies ist kein Monster, vor dem Conor Angst hat - die Ängste seines Lebens sind viel größer. Uralt ist das Wesen, wild und weise, und allmählich begreift Conor, das es ihm tatsächlich nichts antun will. Aber es lässt sich auch nicht abschütteln - denn Conor hat es gerufen. Auch wenn Conor nicht versteht, was das bedeuten soll, spürt er, dass ihm das Wesen helfen will. Aber es verwirrt ihn auch. Denn was soll an dem Vorschlag hilfreich sein, dass das Monster ihm nach und nach drei Geschichten erzählen wird? Und am Ende soll Conor ihm seinerseits eine Geschichte erzählen: "Und es wird die Wahrheit sein...", fügt das Monster noch hinzu.


Conor hat genug Probleme - auch ohne das Monster. Doch es taucht auf, wann es will und besteht auf den Geschichten. Auch wenn Conor sie eigentlich nicht hören will, gerät er über die Geschichten ins Grübeln. Denn hier ist nicht die enfachste und fast unausweichlich scheinende Variante die wahrhaftigste, sondern die Erzählungen nehmen einen verwirrenden und unerwarteten Verlauf. Nichts ist, wie es scheint - und dies bereitet Conor auf seine eigene Geschichte vor, die er erzählen, von der er sich befreien soll, die ihm solche Schmerzen bereitet...

Siobhan Dowd hatte dieses Buch geplant - es gab bereits den Anfang der Geschichte, einige Protagonisten und eine grobe Vorstellung von der Handlung. Doch dann starb die Autorin an Brustkrebs, viel früher als befürchtet. Die Lektorin wollte die Idee des Buches jedoch nicht sterben lassen, und so bat sie einen anderen Autor, Patrick Ness, es zu vollenden. Und dieses gemeinsame Projekt ist gelungen.

Behutsam und einfühlsam nähert sich die Erzählung einem hochemotionalen Thema, glaubhaft sind die Gedanken und Emotionen des 13jährigen Conor, nachvollziehbar seine Reaktionen. Durch die oftmals ruppigen Auftritte des Monsters gerät die Geschichte nie in den Verdacht der Kitschigkeit oder Rührseligkeit, sondern lässt die Vorstellung zu, wie es ist, in einer solchen Situation zu stecken. Gut für Conor, dass sich das Monster als ein verlässlicher Freund entpuppt, der ihn nicht im Stich lässt - bis zum Ende. Ihn aber auch nicht schont. Neben emotionalen Momenten bietet die Erzählung auch unerwartet humorvolle Stellen, auch wenn einem das Lachen gleich darauf wieder im Halse stecken bleibt.

Maria Furtwängler liest die vollständige Lesung (4 h 36 min) auf eine angenehme und angemessene Weise, unaufgeregt aber behutsam, wirklich gekonnt. Mir hat die Lesung ausgesprochen gut gefallen.

Geeignet ist das Hörbuch ab 12 Jahren, aber auch für Erwachsene ist dies ein eindrucksvolles Hörerlebnis. In jedem Fall empfehlenswert! (Und im Mai kommt die Verfilmung ins Kino...)


 © Parden  
















Der Hörverlag schreibt über die Autoren:



Patrick NessPatrick Ness wuchs in den Vereinigten Staaten und auf Hawaii auf. Seit Ende der 90er-Jahre lebt er in London und ist dort als Literaturkritiker für die Tageszeitung The Guardian tätig. Für seine Kinder- und Jugendbücher wurde er mehrfach ausgezeichnet, er gewann unter anderem den renommierten Costa Children's Book Award und war auf der Auswahlliste für die Carnegie Medal.

Für »Sieben Minuten nach Mitternacht« erhielt er als erster Autor gleichzeitig die Carnegie Medal und den Kate Greenaway Award sowie neben unzähligen anderen Auszeichnungen den Deutschen Jugendliteraturpreis 2012.



Siobhan DowdSiobhan Dowd, in London geboren, stammte aus County Waterford, Irland, und verbrachte dort einen großen Teil ihrer Kindheit. Nach der Schulzeit in London studierte sie in Oxford und begann dort als Redakteurin für PEN International und als freischaffende Autorin zu arbeiten. Bereits ihr Debutroman kam auf die Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises, für ihr drittes Jugendbuch wurde sie mit der Carnegie Medal ausgezeichnet. Nach schwerer Krankheit erlag Siobhan Dowd 2007 ihrem Krebsleiden.


Hier geht es zum Special zu 'Sieben Minuten nach Mitternacht'!

Donnerstag, 25. Mai 2017

Ransmayr, Christoph: Cox oder Der Lauf der Zeit



Ein farbenprächtiger Roman über einen maßlosen Kaiser von China und einen englischen Uhrmacher, über die Vergänglichkeit und das Geheimnis, dass nur das Erzählen über die Zeit triumphieren kann.

Der mächtigste Mann der Welt, Qiánlóng, Kaiser von China, lädt den englischen Automatenbauer und Uhrmacher Alister Cox an seinen Hof. Der Meister aus London soll in der Verbotenen Stadt Uhren bauen, an denen die unterschiedlichen Geschwindigkeiten der Zeiten des Glücks, der Kindheit, der Liebe, auch von Krankheit und Sterben abzulesen sind. Schließlich verlangt Qiánlóng, der gemäß einem seiner zahllosen Titel auch alleiniger Herr über die Zeit ist, eine Uhr zur Messung der Ewigkeit. Cox weiß, dass er diesen ungeheuerlichen Auftrag nicht erfüllen kann, aber verweigert er sich dem Willen des Gottkaisers, droht ihm der Tod. Also macht er sich an die Arbeit.


(Klappentext S. Fischer Verlage)

  • Gebundene Ausgabe: 304 Seiten
  • Verlag: S. FISCHER; Auflage: 8 (27. Oktober 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3100829514
  • ISBN-13: 978-3100829511















DIE MESSUNG DER EWIGKEIT...




Der englische Uhrmacher Alister Cox folgt mit drei Gefährten einer Einladung des Kaisers von China, um in der Verbotenen Stadt Uhren nach den Vortellungen und Träumen eines allmächtigen Gottmenschen zu bauen. An einem Hof, der von Maßloisgkeit, zeremonieller Pracht und Angst beherrscht wird, soll der Meister aus London Uhren erschaffen, die das Verfliegen des menschlichen Lebens anzeigen - von den scheinbar endlosen Tagen eines Kindes bis zu denen eines zum Tode Verurteilten. Und schließlich fordert der Kasier ein Uhrwerk, das die Dauer der Ewigkeit messen soll...


"Ein Mann, der sich Herr der Welt, Der Erhabene, Der Allerhöchste und Herr der zehntausend Jahre und mit so vielen, unzähligen, anderen Titeln und Namen himmelhoch über den Rest der Menschheit hinausheben ließ, würde ihm einen Wunsch vortragen, den er entweder erfüllen oder an dem er scheitern - und vielleicht sterben konnte. Denn was ein Herr der Welt und Herr der Horizonte wünschte, konnte nur ein Befehl sein, der weder Zögern noch Scheitern duldete." (S. 71)


Für Alister Cox, einen der berühmtesten Uhrmacher des 18. Jahrhunderts, bedeutet die Einladung des Kaisers von China eine willkommene Gelegenheit, seinem traurigen Alltag zu entkommen. Seit dem Tod seiner kleinen, über alles geliebten Tochter Abigail und dem Verstummen seiner seither unnahbaren Frau entkommt Alister Cox den Schatten der Traurigkeit nicht mehr. Fremde, ferne Länder, dazu bislang noch unbekannte Aufträge des mächtigsten Mannes der Welt, die ihn in eine neue Arbeitswut stürzen würden, erscheinen dem Uhrmacher verlockend genug, um die Einladung anzunehmen.

Doch bereits die Ankunft nach sieben Monaten einer von Stürmen zerrissenen Seereise macht deutlich, dass in diesem Land nicht nur Milch und Honig fließen. Als Alister Cox mit seinen Gehilfen von Bord geht, werden gerade siebenundzwanzig Steuerbeamten und Wertpapierhändlern auf Befehl des Kaisers die Nasen abgeschnitten. Und die Schiffsladung voller kostbarer Geschenke lehnt Qiánlóng ab - er wolle kein Spielzeug. Nein, der Kaiser wolle ihren Kopf.


"Unseren Kopf?, hatte Cox entgeistert gefragt und gespürt, wie ein kalter Schauer über seinen Rücken lief. (...) Ja, Ihren Kopf, hatte Kiang wiederholt und sich vor dem englischen Gast verbeugt: Ihren Kopf. Ihre Erfindungsgabe, Ihr Vorstellungsvermögen, Ihre Kunst, Mühlen für den Lauf der Zeit zu erschaffen. Mühlen?, hatte Cox gefragt. Uhren, hatte der Übersetzer seinen Fehler korrigiert und beide Hände zu einer entschuldigenden Geste gehoben, Uhren, Automaten, Meßgeräte, Maschinen..." (S. 32 f.)


Běijīng ist das Ziel der Reise, und, fast unerhört, der Einzug der Europäer, dieser fremdländischen Langnasen, in die Verbotene Stadt. Dort werden die vier Uhrmacher mit den strengen Ritualen und Gesetzen der chinesischen Kultur bekannt gemacht. Eindringlich werden  die Gäste beschworen, sich an die Prämisse zu halten, nichts zu sehen oder zu hören, was nicht für ihre Augen und Ohren bestimmt ist und sich an die Gepflogenheiten des Landes zu halten. Als schließlich der Kaiser nach Alister Cox verlangt, beginnt dieser erneut zu frösteln. Was mag dieser allmächtige Herrscher von ihm wollen?

'Wie schnell die Zeit vergeht' - mit diesem Satz empfängt Qiánlóng den brühmten Uhrmacher. Profane Worte, und doch wird Cox rasch klar, welcher Wunsch sich dahinter verbirgt. Der Kaiser will, dass Cox eine Uhr fertigt, die das wechselnde Tempo der Zeit anzeigt - die Stunden, die im Liebesglück so rasch verstreichen, die mühselig in Sekunden tropfende Zeit, wenn etwas sehnlichst erwartet wird, die einschläfernde Langeweile im zähen Zeitenbrei, die Beschleunigung der Zeit mit jedem verstrichenen Jahr des Lebens. Alles vereint in einem kunsvoll arrangierten Werk. Cox meistert diese Aufgabe scheinbar mühelos, und auch der nächste Wunsch des Kaisers versetzt ihn nicht in Erschrecken: eine Uhr für Todgeweihte, für alle, die das Datum ihres Todes kennen, das Ende ihres Lebens unabweisbar kommen sehen.


"Meister Alister Cox, sagte Kiang, solle das Privileg genießen, Anschauungsmaterial für sein neues Werk im Vorhof des Todes zu sammeln, in jenem Gefängnis, in dem die verantwortungslosen Ärzte ihre Henker erwarteten. (...) Er brauche solche Besuche nicht, sagte Cox, schließlich würden auch in London Menschen gehängt, geköpft, verbrannt und ertränkt und müßten erdulden, wie die Zeit bis zu ihrer letzten Qual zerrann. (...) Cox habe etwas mißverstanden, sagte Kiang, und Mißverständnisse könnten zu jeder Lebenszeit gefährlich werden, dieser Besuch, das sei kein Vorschlag des Erhabenen gewesen, kein bloßer Wunsch, sondern sein Wille." (S. 107)


Doch der letzte Wunsch des Kaisers versetzt Cox gleichzeitig in Ekstase und in Angst. Eine Zeitlose Uhr solle der Engländer entwickeln, ein Uhrwerk, das die Ewigkeit misst, das über alle Menschenleben hinweg weiterschlägt. Schon lange träumen Cox und seine Gehilfen von solch einem Werk, dem unmöglich scheinenden Perpetuum mobile. Und nun ist es der Kaiser von China, der eben diesen Gedanken gefasst hat. Und die Uhrmacher begeben sich erneut an die Arbeit, experimentieren, verwerfen, konstruieren. Doch kann dieses Vorhaben gelingen? Und wenn - was kann daraus resultieren?


"Selbstmord! Es war Selbstmord, eine Uhr für die Ewigkeit zu bauen, eine Uhr, die ihre Stunden aus dem Inneren der Zeit in die Zeitlosigkeit schlug. Wußten die Engländer denn nicht, daß der Herr der zehntausend Jahre nicht nur über die Zeit gebot, sondern die Zeit w a r (...)? Und eine Uhr, wie die Engländer sie (...) erschaffen wollten, eine Uhr, die diesen Kaiser überragen sollte, sich über seine Tage hinaus drehte, und auch ihn am Ende als bloßen Statisten eines übergeordneten Zeitenlaufs erscheinen ließ, mußte doch wohl mit dem Anspruch verbunden sein, dauerhafter, größer zu sein als er selbst. Dauerhafter als der Herr über die Zeit, der dadurch zu einem Menschen, einem von vielen, schrumpfte. (...) Glaubten die englischen Gäste im Ernst, daß der Erhabene oder sein Hof eine solche Erniedrigung, einen solchen Frevel zulassen würden?" (S. 241 f.)


Zwei Kulturen begegnen sich hier, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Ein feiner Balanceakt zwischen Gnade und Untergang beginnt mit dem Betreten des Landes, die Abhängigkeit vom Wohlwollen des Kaisers wird mit jeder Zeile deutlicher. Frappant das Erleben der Gleichzeitigkeit der Schöngeistigkeit des Kaisers, der Gedichte schreibt, sich mit hübschen Frauen umgibt, die Natur liebt und Uhren sammelt, und der barbarischen Willkürlichkeit, der Grausamkeit auf einen einzelnen Wink hin, der Allgegenwärtigkeit von Folter und eines grausemen Todes.

Das Phänomen von Zeit und Ewigkeit schwebt durch die Zeilen des Romans, wird in allen Facetten wort- und bilderreich betrachtet. Die Personen haben historische Vorbilder, wie das Nachwort verrät (so gab es beispielsweise tatsächlich einen Uhrmacher namens Cox, dessen Werke bis heute in den Pavillons der Verbotenen Stadt in Běijīng zu sehen sind, der aber selbst nie in China war), die Handlung jedoch ist frei erfunden. Von den Uhren, die in dem Roman facettenreich und bis ins kleinste Detail beschrieben werden, hat der wahrhaftige Cox eine einzige tatsächlich erbaut - die anderen scheinen dem Geist des Autors entsprungen zu sein, und allein dafür zolle ich ihm meine Hochachtung.

Die sorgfältige Recherche Ransmayrs hinsichtlich des Hofzeremoniells und der Darstellung der Hofgesellschaft sowie der Lebensrealität der Bevölkerung ist dem Roman anzumerken. Episch ist die Erzählung angelegt, detailverliebt, minutiös, bildhaft, manchmal ein wenig langatmig. Doch wenn man sich einmal eingelassen hat auf den Schreibstil, tragen einen die geschliffenen, langverschachtelten Sätze wie im Traum durch die Geschichte. Da fallen die Handlungsarmut im Mittelteil des Romans sowie einige Wiederholungen von Gedanken über das Wesen der Zeit nicht großartig ins Gewicht.

Ein entschleunigtes Lesen bescherte mir dieser Roman, der eine ungebrochene Konzentration erfordert, um die sprachgewaltigen Sätze nachvollziehen zu können. Mehr als ein Kapitel am Stück habe ich daher nie gelesen, so dass das Werk mich einige Wochen lang begleitet hat. Doch genossen habe ich die Lektüre allemal.


© Parden















Christoph RansmayrDie S. Fischer Verlage schreiben über den Autor:

Christoph Ransmayr, wurde 1954 in Wels/Oberösterreich geboren und lebt nach Jahren in Irland und auf Reisen wieder in Wien. Neben seinen Romanen ›Die Schrecken des Eises und der Finsternis‹, ›Die letzte Welt‹, ›Morbus Kitahara‹, ›Der fliegende Berg‹ und dem ›Atlas eines ängstlichen Mannes‹ erschienen bisher zehn Spielformen des Erzählens, darunter ›Damen & Herren unter Wasser‹, ›Geständnisse eines Touristen‹, ›Der Wolfsjäger‹ und ›Gerede‹. Zum Werk Christoph Ransmayrs erschien der Band ›Bericht am Feuer‹. Fu¨r seine Bu¨cher, die in mehr als dreißig Sprachen u¨bersetzt wurden, erhielt er zahlreiche literarische Auszeichnungen, unter anderem die nach Friedrich Hölderlin, Franz Kafka und Bert Brecht benannten Literaturpreise, den Premio Mondello und, gemeinsam mit Salman Rushdie, den Prix Aristeion der Europäischen Union, den Prix du meilleur livre étranger und den Prix Jean Monnet de Littérature Européenne. Zuletzt erschien der Roman ›Cox oder Der Lauf der Zeit‹.

übernommen von den S. Fischer Verlagen

Mittwoch, 24. Mai 2017

Amtsberg, Sven: Superbuhei



Dass Hannover-Langenhagen der Platz sein würde, den das Leben ihm zugedacht hat, hätte Jesse Bronske nicht geglaubt. Und dass die Sitzschönheit Mona die Frau an seiner Seite sein würde, ebenso wenig. Mona ist Kassiererin im »SUPERBUHEI«, wo Jesse auch die Kneipe »Klaus Meine« betreibt. Tag für Tag schenkt er trostlosen Gestalten Drinks aus, die er nach Scorpions- Songs Gin of Change oder Grog you like a hurricane genannt hat. Doch der Wunsch nach Einzigartigkeit wurde ihm zeitlebens von seinem Zwillingsbruder Aaron auf gemeine Art vereitelt. Aaron, der ihm so sehr gleicht, dass noch nicht einmal ihr Vater, Imbissbudenbesitzer und Elvis-Imitator in Hamburg-Rahlstedt, sie auseinanderhalten kann. Jesse war vor Aaron geflohen, doch als er eines Nachts vor seinem Haus eine dunkle Gestalt im Maisfeld sieht, ist er sich plötzlich sicher: Aaron ist zurückgekehrt, um ihn zu ersetzen.

(Klappentext Frankfurter Verlagsanstalt)

  • Gebundene Ausgabe: 360 Seiten
  • Verlag: Frankfurter Verlagsanstalt; Auflage: 1 (7. März 2017)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3627002342
  • ISBN-13: 978-3627002343








Ich danke der Frankfurter Verlagsanstalt ganz herzlich, dass ich dieses Buch als Rezensionsexemplar lesen durfte!







TRISTESSE IN LANGENHAGEN...



Als Sohn eines Elvis-Imitators wächst Jesse, benannt nach dem totgeboren Bruder des King, im Schatten seines Zwilligsbruders Aaron in Hamburg-Rahlstedt auf. Jesse flieht nach Langenhagen, betreibt dort die trostloseste aller Kneipen, das 'Klaus Meine', und wähnt sich in Sicherheit - bis ihn die furchtbare Ahnung beschleicht: Aaron ist in sein Leben zurückgekehrt, mit dem teuflischen Plan, ihn zu ersetzen.

Jesse und Mona. Jesse und Klaus Meine und seine Scorpions. Jesse und seine Kneipe und der Alkohol. Jesse und Kafka. Das fasst das Buch im Wesentlichen zusammen, auch wenn deswegen sicher noch niemand versteht, worum es hier eigentlich geht. Aber es deutet meine Unlust an bei dem Gedanken, zu diesem Buch noch allzu viele Worte zu verschwenden.

Selten habe ich mich nämlich derart durch ein Buch gequält. Beschreibe den Roman in drei Worten? Tristesse, Paranoia, Kafka. Und Jesse? Mittelmäßigkeit, Selbstmitleid, Alkoholsucht. Eine Mischung, die mir jedenfalls nicht sonderlich zusagte und in der ich nicht wie manch anderer Leser etwas Erfrischendes entdecken konnte. Aber nun gut. Ein paar Worte mehr sollen es noch sein...

Erzählt wird aus der Ich-Perspektive Jesses, wodurch der Leser 1:1 an den Gedanken des Hauptcharakters teilhaben und dadurch knietief die beklagenswerte Gewöhnlichkeit seines Lebens durchwaten kann.

Jesse lebt mit Mona zusammen, einer Verkäuferin im Superbuhei, in einem kleinen schmuddeligen Haus am Rande eines Maisfeldes. Jesse betreibt außerdem eine kleine schmierige Kneipe, die an das Superbuhei nachträglich rangeklatscht wurde und trinkt dort mit seinen Stammkunden um die Wette, immer auf der Suche nach dem hilfreichen Pegel, der das Leben irgendwie erträglicher macht - bis zum nächsten Morgen. Jesse ist zudem ein großer Fan der Scorpions, vor allem von Klaus Meine. Und so führt er mit dem Frontman der Hardrock-Band nicht nur einen regen Briefwechsel, sondern sorgt auch dafür, dass in seiner Kneipe ausschließlich Lieder der Scorpions laufen.

Jesse ist das Kind zweier gewöhnlicher Eltern, die immer etwas Besonderes sein wollten - vor allem sein Vater. Der lief schließlich in Hamburg-Rahlstedt in seinem glitzernden Elviskostüm herum, die spärlichen Haare mit Haarspray zu einer gewagten Tolle betoniert. Die Mutter ertrug die Gewöhnlichkeit irgendwann nicht länger und verließ die Familie - genau am 16. Geburtstag der Zwillinge. Nach dem Tod des Vaters flüchtete Jesse schließlich aus dem Ort seiner Kindheit, zumal sein Bruder Aaron ihm unheimlich zu werden begann.

Doch nun scheint es, dass die Vergangenheit Jesse wieder einzuholen beginnt. Er glaubt, Aaron gesehen und Spuren seines Daseins entdeckt zu haben. Doch Alkohol und Paranoia lassen ihn und den Leser zweifeln: was ist hier eigentlich wahr? Kafkaeske Sequenzen am Rande des Maisfeldes, in dem sich so viel verstecken kann...

Es mag Leser geben, die das Verwirrspiel in trüber, alkohollastiger Stimmung mögen, wo Tristesse groß geschrieben wird und der Blick auf das Leben ein resignierter ist. Ich gehöre leider nicht dazu, und auch nicht zu denjenigen, die es reizvoll finden, wenn ausschließlich negative Aspekte präsentiert werden, egal wer oder was da gerade geschildert wird. Das offene Ende passt hervorragend, doch dieser Aspekt sowie einige Ansätze von Humor reichten letztlich nicht aus, um mich von dem Buch überzeugen zu können.

Mich konnte das Buch letztlich weder begeistern noch in den Bann ziehen, so dass ich schließlich froh war, als ich es endlich zuklappen konnte... Schade.


© Parden



















Die Frankfurter Verlagsanstalt schreibt über den Autor:

Sven Amtsberg, geboren 1972 in Hannover, lebt in Hamburg und ist Autor, Veranstalter und Moderator diverser Entertainmentformate. Er betreibt das Autorendock, eine private Autorenschule, an der Dozenten wie Juli Zeh, Clemens Meyer oder Tilman Rammstedt Seminare geben. Für das Hamburger Abendblatt schrieb er die wöchentliche Kolumne "Amtsbergs Ansichten". Zuletzt erschien sein Erzählband Paranormale Phänomene. Fast wahre Geschichten. SUPERBUHEI ist sein Romandebüt.

übernommen von der Frankfurter Verlagsanstalt