Alex Capus bei Litterae Artesque: Der Fälscher, die Spionin und der Bombenbauer I Léon und Louise I Königskinder
Kurzmeinung: Capus lässt Zeitgeschichte in den Alltag seiner Charaktere einfließen und das Geschehen dadurch sehr authentisch wirken. Gemächliche Autorenlesung...
GRENZGESCHICHTE(N)...
Alex Capus erzählt in seinem neuesten Roman zunächst vor allem von dem jungen Schweizer Arnold, einem Mann, der sich nicht lange an Arbeitsstellen binden kann und erst mit dem Bau seines Gasthofs "Zur Moskau" an der Grenze zu Deutschland sesshaft wird. Arnold ist dabei eine Figur, die nicht durch große Gesten auffällt, sondern durch ihre Eigenheiten: pragmatisch, eigenwillig, ein wenig verschroben und sehr genügsam. Dann kommt Betty zu Pferd durch den Schnee geritten und wirbelt sein Leben durcheinander. Sie ist selbstbewusst, freiheitsliebend und keineswegs die Frau, die sich einfach in die Rolle der braven Gastwirtin fügt. Doch die Liebe hält, und die beiden bekommen acht Kinder. Besonders Clara, die älteste Tochter, trägt später einen großen Teil der Geschichte. Sie hat den Freiheitsdrang ihrer Mutter geerbt, ist oftmals recht tollpatschig, aber zugleich eigenständig und lebensklug. Als eines Tages wie aus dem Nichts Hermann auftaucht, der kräftige, unerschrockene Schmuggler, ist schnell klar, dass er ihr Leben verändern wird. Gerade diese Figuren machen den Roman interessant – auch wenn Capus sie konsequent aus einer gewissen Distanz betrachtet und nur sehr selten tiefere Einblicke gewährt.
Capus erzählt trocken, lakonisch und mit einem verschmitzten Blick auf seine Figuren und die kleinen Merkwürdigkeiten des Dorflebens. Vieles wird beiläufig erzählt, manches mit feinem Humor, ohne dass der Autor seine Figuren ausstellt oder bewertet. Das hat mir gefallen. In der Hörbuchversion (ungekürzte Ausgabe: 7 Stunden und 9 Minuten) war die Erzählung für mich allerdings nicht ganz so leicht zugänglich. Capus liest selbst, und sein gemütlicher Schweizer Dialekt verleiht der Geschichte zwar eine eigene Atmosphäre, bremst den Erzählfluss allerdings zusätzlich aus. Gerade bei der überwiegend ohnehin ruhigen Handlung musste ich mich deshalb stellenweise regelrecht zwingen, gedanklich nicht abzuschweifen.
Spannender wird es, sobald Hermann und damit die politische Realität der 1930er-Jahre stärker ins Zentrum rücken. Aus der Familien- und Dorfgeschichte wird plötzlich eine Geschichte über Grenzen, Schmuggel, Nationalsozialismus und den Zusammenhalt einer Gemeinschaft. Capus inszeniert den historischen Stoff nicht einfach als großes Drama, sondern entwickelt ihn aus dem Alltag seiner Figuren heraus. Das offene Ende passt einerseits, da auch die historischen Ereignisse nicht lückenlos überliefert sind. Andererseits fällt dadurch der emotionale Abschied von der Geschichte recht abrupt aus.
Insgesamt bleibt ein charakterstarker, eigenwillig erzählter Roman mit interessanten Figuren und einer besonderen Art, historische Begebenheiten mit Fiktion und skurrilen Dorfbewohnern zu verweben. Gelungen, auch wenn mir das Erzähltempo stellenweise zu gemächlich war.
© Parden


Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen
Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.
Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.