Donnerstag, 3. Oktober 2013

Sprachliches




Nee, nee ich gann gor geen Laddein. Ich schbreche nur säggsch.
Wenn ich jemanden zuhören muss, der über die schöne sächsische Sprache lästert, fallen mir nur zwei Ausrufe ein:










 Mir Saggsn wir schbrechn den ► dhüringsch - obersäggsischn Dialeggd. Das steht so bei wikipedia. Ebenfalls bei wikipedia steht, und DAS HABEN GEFÄLLIGST ALLE NICHTSACHSEN ZUR KENNTNIS ZU NEHMEN, ein eigener (!) Artikel zur ► Sächsischen Kanzleisprache, welche die Voraussetzung für das Standarddeutsch ist, welches Martin Luther für seine Bibelübersetzung von 1522 benutzte.[1] So da habt ihrs. Immer wenn der Pastor am Sonntag von der Kanzel aus der Bibel berichtet, dann spricht er sächsisch. Nur hat das außer in Sachsen noch keiner bemerkt. Darum muss das doch mal gesagt werden.
 Gekennzeichnet ist das Thüringisch-Obersächsische zur eine Konsonantenschwächung. Auf deutsch heißt das, wir machen aus einem "hardn D ein babsches D". Glor?
Ansonsten behaupten die Sprachwissenschaftler wir würden "meißenisch" sprechen. 

"Der Dialekt, eigentlich Obersächsisch und Osterländisch, findet gelegentlich Anwendung im Kabarett sowie bei Comedians. Es wird eingesetzt, um die nicht wenigen kulturell-mentalen, meist politisch-historisch bedingten Differenzen zwischen dem ehemaligen Preußen (im Sinne von Berlin und Brandenburg) und Kursachsen (mit den kulturellen Zentren Dresden, Leipzig und Chemnitz) oder zwischen dem Osten und dem Westen Deutschlands sketchhaft zu skizzieren. Nicht selten sind die Sprecher jedoch keine gebürtigen Sachsen und imitieren das Meißenische oder Osterländische in unterschiedlicher Qualität, dadurch wird ein falsches Bild dieses Sprachgebietes auf der Bühne und in den Medien gezeigt. Dabei galt das Thüringisch-Obersächsische – insbesondere das Anhaltische, Nordthüringische und Eichsfeldische – in den vergangenen Jahrhunderten lange Zeit als vorbildlich für die hochdeutsche Aussprache." (wikipedia)

IST DENN DAS DER GIPFEL? Wir werden ständig verarscht. Jeder macht uns nach. Dabei haben wir tolle Dichter hervorgebracht. Die ► Lene Voigt zum Beispiel. die hat sich mit folgenden Worten gegen den Vorwurf des Kulturbolschewismus gewehrt:

Lene Voigt (1891 - 1962)
"Ne Mundart lässt sich nich verbieten,

weil blutsgebunden bis ins Mark,

dr Volksmund selwer weeß zu hieten
sei Vätererbe drei un stark.
Ich mußte neie Mundartlieder
Landsleiten uff e Zettel schreim,
denn meine Schwestern,
meine Brieder
wolln fest mit mir verbunden bleim."
Lene Voigt[2]








Gedenktafel am Akademixerkeller Leipzig
Noch een Gedicht:
Wo de Bleiße bläddscherd durchs Gelände
und der Gnoblauch duftet ohne Ende,
dort bei Leibzich in den sumbfchen Aun
schbugn nächtlich sächsche Wasserfraun.

Wo de wilden Schrudel gorcheln, wärbeln,
sieht bei Mondschein mr de Nixen schärbeln.
Manche wedeln midn lilan Schleier,
daß mr schbierd, hier isses nich geheier.
...
Darum wenner wolld, daß eire Ehe
bis zur goldchen Hochzeit hibsch beschdehe.
Un daß niemals eier Gligg zerreiße -
dann gehd ja nich nächtlich an de Bleiße.[3]

Heute finden wir bei SZ-Online, dass das beliebteste Wort 2013 das Wort "Hitsche" ist. (Fußbank). Das schönste Wort ist "Forhohnebibeln". Das macht er nur über sich. Wenn andre ihn verarschen, dann wird er itzsch (zornig).

"Zum Lieblingswort ist in diesem Jahr die Hitsche gewählt worden. Die Begründung: Die Hitsche ist eine Fußbank für den täglichen Gebrauch im Haushalt. Mit der Hitsche kann sich der Sachse selbst erhöhen, um die Oberlichter von Fenstern zu reinigen, hoch gelegene Regalbretter zu erreichen oder von Schränken Koffer zu zerren. Für Kinder bietet die Fußbank beste Aufstiegsmöglichkeiten und die Chance, sich über das Waschbecken zu beugen oder endlich mal im Spiegel zu betrachten. Auch bei Fußballspielen im Stadion haben vorzugsweise kleinere Männer Hitschen dabei, um mit ihrer Hilfe über die Köpfe der Vordermänner schauen zu können. Aber die Bank dient nicht nur dazu, sich darauf zu stellen, sie bietet zudem einen hervorragenden Sitzplatz. Immer in der ersten Reihe. Die Sächsin oder der Sachse hockt sich auf die Hitsche, um Beeren abzubäbeln, Schuhe zu putzen oder die Füße in eine Schüssel mit waren Wasser zu stecken. Gesprochen wird je nach Region Hitsche, Hitsch, Hitschl, Hutsche oder Hütsche. Das Wort kommt ursprünglich vom Hocken oder vom Rutschen. Denn die Fußbank wurde und wird ja ständig hin und her geschoben. Eine alte Hitsche kann aber auch ein klappriges Auto oder ein uralter Kinderwagen sein. Und eine Käsehitsche ist ein aus schmalen Stahlrohren gebauter Schlitten mit Holzsitz. Mit dem kann man wunderbar rutschen. 

 Forhohnebibeln lässt sich der Sachse nicht, das macht er schon alleene. Denn er lacht nicht über die anderen, er lacht über sich. Jeder Sachse lacht sich selbst am nächsten. Nur wenn andere über ihn lachen, wenn sie ihn veralbern, wenn sie ihn forgageiern wollen, dann wird er itzsch, also zornig. Forhohnebibeln oder auch verhohnepipeln oder verhohnipeln heißt jemanden verschmähen, verfluchen, verachten, verspotten, veralbern, veräppeln, verhöhnen. Das Verb kommt vom Hohn und ist ein Witz, den der Sachse stets auf sich bezieht. So wird er schnell zum Lachopfer, weil er sich selbst opfert. Er macht sich lächerlich, um mit vorgetäuschter Schwäche durchzukommen. Sein Humor ist sein Überlebensmittel. Schlitzohrig, doppelbödig, defensiv und fatalistisch. Es geht um ironische Selbstschau. Schon immer. Der Sachse hat Witz und ist ein Witz und forhohnebiebln hilft ihm."[4]

Ich finde das alles "bomforzionös".[5]
Eines der bekanntesten Säk´schen Balladen ist die Lorelei. Es gibt auch noch die Säk´schen Glassigger. Da werden die GROSSEN forhohnebibeld. Auch durch ► Lene.


De Säk´sche Lorelei 
Ich weeß nich, mir isses so gomisch 
Un ärchendwas macht mich verschtimmt. 
Sís meechlich, das is anadomisch, 
Wie das ähmd beim Mänschen oft gimmt. 
 
De Älwe, die bläddschert so friedlich, 
Ä Fischgahn gommt aus dr Tschechei. 
Drin sitzt ´ne Familche gemiedlich, 
Nu sinse schon an dr Bastei. 
 
Un ohm uffn Bärche, nu gugge, 
Da gämmt sich ä Freilein ihrn Zobb. 
Se schtriecheltn glatt hibbsch mit Schbugge, 
Dann schtäcktsn als Gauz uffn Gobb. 
 
Dr Vader da unten im Gahne 
Glotzt nuff bei das Weib gans entzickt. 
De Mudder meent draurich: „Ich ahne, 
Die macht unsern Babbah verrickt."
 
Nu fängt die da ohm uffn Fälsen 
Zu sing ooch noch an ä Gubbleh. 
Dr Vader im Gahn dud sich wälsen 
Vor Lachen un jodelt: „Juchheh!"
 
„Bis schtille", schreit ängstlich Ottilche.
Schon gibbelt gans forchtbar dr Gahn, 
Un blätzlich versinkt de Familche... 
Nee, Freilein, was hamse gedan!"



Nun werden sich alle fragen, was hat der denn nun mit Latein? Na nischt. Naja nicht ganz. Okay, ich wiederhole mich: Ich kann kein Latein. Der Umberto Eco ist schuld. Von dem las ich, vermutlich im Jahr 1989 den Roman DER NAME DER ROSE. Und der war mit Latein nur so gespickt. Da waren tolle Sachen drunter. Am besten gefiel mir der Spruch:

"Habeat librarius et registrum omnium liborum oedinatum secundum facultates et autores, reponatque eos separatim et ordinate cum signatoris per scripturam applikatis."

(Der Bibliothekar habe ein Verzeichnis aller Bücher, geordnet nach Themen und Autoren, und er bewahre sie einzeln auf und wohlgeordnet mit schriftlich aufgebrachten Signatoren.)


Oder für Brille: Oculi de vitro cum capsula : Augen aus Glas mit Einfassung. Da fällt einem doch gleich das nichtlateinische Wort REPARO! ein, für den Fall, dass die Brille mal kaputt gegangen ist. Obwohl es diese Sprache 1989 noch gar nicht gab. Außerdem geht noch vitrei ab oculos ad legendum für Augengläser zum lesen.

Sogar Erotisches gab es:

Pulchra enim sunt ubera quae paulum supereminent et tument modice, nec fluitantia licenter, sed leniter restricta, repressa non depressa.
(Denn schön sind die Brüste, die ein wenig hervorstehen und maßvoll schwellen, nicht zügellos (über)fließend, sondern sanft zurückgebunden, zurückgedrängt, aber nicht eingedrückt.)

Da kann man wirklich nur sagen: Superimenent!

Noch eines?

O sidus clarum puellarum, o porta clausa, fons hortorum, cella custos unguentorum, cella pigmentaria!

(Oh reiner Stern der Mädchen, oh verschlossene Pforte, Quelle der Gärten, versiegelter Born wohlriechender Salben, duftende Zelle!"

Wen stört es da, das es Mönche sind die solches sprechen. Sie sind ja auch der Auffassung dass jedes Lebewesen nach dem Koitus traurig wäre: Omne animal triste post coitum! Naja, trist ist das ja meist doch nicht.

Jedenfalls fand ich mal ein Buch welches Latein für Angeber heißt. Da ich es gelegentlich mit Schülern zu tun habe, welche viel Recht lernen müssen, gibt’s auch mal was lateinisches. Nicht von mir aber von den Rechtslehrern. Jeder kennt doch wohl das Pacta sunt servanda, nachdem Verträge gefälligst eingehalten werden müssen. Oder dass In dubio pro reo gilt. Immer alles zu Gunsten des Angeklagten. Zumindest im Zweifelsfalle. Einmal hab ich auch eine Geschichte geschrieben in der es um den Philosophen Descartes ging. Die hänge ich unten dran.
 Jedenfalls suchte ich das Buch Latein für Angeber und meinte, wenn es einer der Schüler finden würde, soll er es in meine Richtung schmeißen. Das haben sie anlässlich meines Geburtstages getan mit der Bitte, den Inhalt nicht allzu oft im Unterricht zu verwenden. Das hab ich getan. Und nun hat mich die ► Sächsische Zeitung mit ihrerm Artikel über DIE WAHL DES WORTES zu diesem text hier animiert. Wohl bekomms…

Post scriptum: Ich finde, dass es durchaus ein Casus belli ist, wenn mich einer wegen meiner Mundart beleidigt. Allerdings werde ich wohl nicht auf die ultima ratio zurück greifen. Schließlich bedeutet KaratekaDD Die lehre Hand aus Dresden. Und die reicht!


[1] Das das sächsische oder Meißner Kanzleideutsch nicht mit der sächsischen Sprache verwechselt werden soll, steht da dummerweise auch.
[2] http://www.mdr.de/damals/archiv/8161888.html
[3] http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=164
[4] http://www.sz-online.de/sachsen/hitsche-ist-das-beliebteste-saechsische-wort-2676859.html
[5] Schau doch selber mal den Link zur SZ-online.

Zwischenruf am 03. Oktober 2013

Anne postet auf der Facebookseite für die Autoren dieses Blogs:

(Nein, dort können nur wir drei mitlesen)

Da hat sie wohl recht. Wir hätten uns ja kaum gefunden wir drei. Neben der mittelbaren Schuld der Deutschen Einheit an diesem Blog ist da noch eine ► Community unmittelbar schuld, welche im März 2009 augemacht wurde. Buchgesichter.de. Da fand sich relativ schnell eine Reihe von Leuten und Bücherliebhabern zusammen. Korrekterweise muss ich Liebhaberinnen schreiben, denn die Herren waren und sind auch heute noch eher spärlich vertreten. Nun, in den ersten beiden Jahren machte das Ganze etwas mehr Spaß als heute, wir waren ein paar weniger und das war etwas familiärer, wenn ich das sagen darf. KaratekaDD, Parden und Tinsoldier wurden da in dieser Reihenfolge Mitglied und fanden dann in diesem Jahr, dass sich ihre Literatur- und andere Interessen am besten in einem eigenen Blog unterbringen lassen.

Nun haben wir also einen Blog und in den Wochen seit Gründung im Mai haben wir insgesamt 164mal gepostet, wie man neudeutsch so sagt. Mit diesem Post sind es 165. Nimmt man den Entwurf eines noch wartenden Beitrages dazu, dann sind es 166. Allerdings sollten wir ca. 25 reine Autorenseiten zur Recherche rausnehmen. Ergo kommen wir auf 141 verschiedene Beiträge, die ich hier nicht weiter aufschlüsseln möchte. In der ganz großen Menge geht es um Bücher. Aber auch Lyrik und Fotos und anderes, z.B. die Schreibversuche und Gedankenspiele finden ihren Platz... 

Blogger sind ein spezielles Völkchen, wie ich immer wieder feststelle. Es gibt unzählige Blogs. Gute und weniger gute. Aber einen gibt es, den mag ich ganz besonders und den möchte ich hier wärmstens empfehlen:

 Blog: Silvae
Blog: Silvae
Soeben las ich in ihm eine Geschichte über ein Lieblingsbuch. Der Blogger ► JAY erzählt in seinem neuesten ► Beitrag über Alain - Fournier, einen ► Schriftsteller, der wohl nicht so sehr viel geschrieben hat, weil er im ersten Weltkrieg als französischer Leutnant sein Leben lies. Jay erzählt dass er dessen Buch, eine ausgabe des ► Rowohlt - Verlages der Klassenbibliothek spendete. Der Roman DER GROSSE KAMERAD von besagtem Alain-Fournier war der erste Roman mit dem der Verlag nach dem 2. Weltkrieg wieder begann. Dazu brachte der Verlag einen Aufruf heraus. Diesen kopiere ich aus Jays Blog einfach mal hier rein:

"Die Entwicklung der deutschen Literatur wurde im Jahre 1933 jäh unterbrochen. Was seitdem erschien, hat kaum Bestand. Dem Dichter und Schriftsteller, im Jahre 1945 plötzlich der Fesseln entledigt, fehlen noch neue Worte zu neuer Zeit. Es gibt eine ganze Generation von jungen Leuten, die nichts wissen von der Literatur vor 1933, auch nichts vernommen haben von den Stimmen des Auslandes, die spärlich nur - und auch nur in den ersten Jahren des nationalsozialistischen Regimes - zu uns drangen. Die Bibliotheken sind zerstört, die Bücher vernichtet oder einst auf Scheiterhaufen verbrannt. Deshalb machen, wir den Versuch, einen Teil der wesentlichen Werke der in- und ausländischen Literatur, die zu kennen notwendig ist, um wieder in europäischem Zusammenhang denken zu lernen, in einer hohen Auflage und zu billigem Preis an den Leser zu bringen. Dieses Unternehmen aber kann nur Erfolg haben, wenn Sie uns helfen. Wir brauchen Ihre Wünsche, wir brauchen Ihre Anregung, wir, brauchen Kritik. Was wünschen Sie zu lesen? Von welchen Büchern glauben Sie, daß es notwendig sei, sie erneut vorzulegen? Was ist Ihre Meinung zu dem vorliegenden Werk? Was halten Sie von dem Autor? - Schreiben Sie uns! Stimmen Sie unserem Plan zu? In welcher Weise, glauben Sie, ließe er sich verbessern? Wünschen Sie die Form der Rotations-Romane nur als Notlösung betrachtet zu wissen, geboren aus der Armut unserer Tage, oder sehen Sie in ihr auch Möglichkeiten für die Zukunft? - Schreiben Sie uns auch dies! Haben Sie, falls Ihnen dies Buch gefallen hat, den Wunsch, es auch für später aufzubewahren, es in haltbarerem Gewande zu besitzen? Dann sprechen Sie mit dem Buchhändler, bei dem Sie diesen Rotations-Roman erwarben! Der Plan, den wir uns vorgenommen haben, kann nur gelingen, wenn Sie uns unterstützen mit Ihrem Rat und Ihrer Kritik. Scheuen Sie nicht das offene Wort! Wir werden mit Dankbarkeit auf Sie hören!"

50 Pfennig pro Buch und eine Auflage von 100.000 Stück...

Solche Aufrufe würde ich mir wieder einmal wünschen. Und Verlage, die die Wünsche ihrer Leser nicht nur durch Verkaufstatistiken erraten wollen. Aber es gibt auch welche, die ein gutes zum Beispiel historisches Verlagsprogramm aufweisen.

Der Aufruf der Rowohlt-Verlages aus dem Jahr 1946 wurde veröffentlicht in der Zeit, als Deutschlands Teilung bevorstand. Manch einer wollte nicht dran glauben, andere arbeiteten genau daran. Wieder andere propagierten unterschiedlich gesellschaftliche Ordnungen. Aber auf beiden Seiten einer zwischen den alten deutschen Ländern gezogenen Demarkationslinie bemühten sich Verlage Bücher herauszubringen, die eine alte und neue deutsche und internationale Literatur ohne nationalsozialistisches Gedankengut wiederspiegelten.
Stellvertretend möchte ich hier den ► Altberliner Verlag Luzie Großer nennen. Einen der wenigen Privatverlage in der DDR. Mit wenig Papierkontingent hat Luzie Großer im Jahr 1951 den Roman ► DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRIN von ► Liselotte Welskopf - Henrich verlegt. Eine Pioniertat für die Indianerliteratur denke ich. Übrigens ganz im sinne des vorherigen Absatzes. Ich glaube, ich triffte gerade etwas ab...
Noch interessanter in diesem Zusammenhang ist die ► Inselbücherei. Einen sehr interessanten Beitrag hat die Bundeszentrale für politische Bildung ► hier zum gesamtdeutschen Literaturaustausch veröffentlicht. Die Geschichte der Inselbücherei liest sich fast wie ein Literaturkrimi. Besonders während der Teilung. Zukünftig werde ich mir die kleinen Bändchen genauer besehen, wenn ich sie entdecke. 

Nun, seit 2006 gibt es die ►Deutsche Nationalbibliothek in Leipzig (► DNB)


Nun wäre es vielleicht an der Zeit, mal über eine "gesamtdeutsche Bibliothek" (Eine Reihe in charakteristischer Aufmachung, sie muss ja nicht schwarz rot gold sein) nachzudenken und hierbei der Nachkriegszeit in Ost und West eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken. sicher ist der Gedanke so neu nicht. Er kommt mir beim Lesen von Annes Facebookbeitrages und des Blogs dieses pensionierten Hochschullehrers aus Hamburg.

Anne hat geschrieben, ohne die Deutsche Einheit gäbe es uns nicht. Sie meint uns drei von LITTERAE ARTESQUE. Zumindest hätten wir nicht zusammengefunden, denn geboren sind wir mitten in der deutschen Teilung. Einmal östlicherseits, zweimal westlicherseits. Ohne diese Einheit könnte ich mich auch nicht in die Beiträge eines gewissen Jay aus Hambug vertiefen, welcher ebenfalls einen lateinisch klingenden Blog namens SILVAE betreibt. Dem danke ich besonders für diesen Beitrag und bitte um Entschuldigung für den ungenehmigten Nachdruck.

Da ich nun nicht noch vorhabe dem 3. Oktober speziell zu huldigen, gebe ich noch was von Jay zum besten.Ich meine, ► hier gibt es seine Post zum Tag der deutschen Einheit zu lesen.

© KaratekaDD am Tag der Deutschen Einheit.

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Gaarder, J.: 2084 - Noras Welt



2012 Plus 72 = 2084.
Meine Rezension zu Jostein Gaarders  "2084 - Noras Welt"
veröffentlicht unter buchgesichter.de und lovelybooks.de
 
In diesem Jahr lebt die nunmehr 88jährige Nora. Wir lernen sie als fast 16jährige (morgen hat sie Geburtstag) im Jahr 2012 kennen. Ihr Geschenk zum Geburtstag ist ein uralter Ring einer uralten Tante. Ob dieser wohl magische Kräfte hat?
Nora jedenfalls hat Fantasie. Diese ist so stark, dass das Mädchen sogar einen Psychiater aufsucht. Doch der Dr. Benjamin meint, sie sei kerngesund. Nora kann in die Zukunft "sehen". Sie lernt ihre Urenkelin namens Nova kennen. Bereits im Jahr 2012.
Um Jahr 2084 ist nichts mehr so wie 2012. der Meeresspiegel ist um wesentlich höher, das Eis der Polkappen wesentlich weniger. In Afrika und Saudi Arabien kann keiner mehr leben aber in Norwegen ist alles fruchtbarer und WÄRMER geworden. Daher gibt es dort jetzt auch Dromedar-Karawanen und Nova lernt einen arabischen Jungen kennen. Außerdem interessiert sie sich für die Flora und Fauna, die bereits nicht mehr existiert. sie hat ein Terminal, so eine Art iPad würden wir sagen, auf dem zeigt eine App im Minutentakt an, welche Tier- oder Pflanzenart soeben aufgehört hat zu existieren. Nora träumt von Novas Erlebnissen. Daher beschließt sie zum einen mit ihrem Freund Jonas eine Umweltgruppe zur Rettung von 1001 Tier- oder Pflanzenart zu gründen. Warum es gerade 1000und1 Art ist, muss der Leser oder die Leserin heraus finden. Nora schreibt Nova einen Brief…

* * *
Hansen Verlag (Plakat)
In den verschiedenen Literaturkritiken und in den verschiedensten Blogs wird dargestellt, dass dieses Jugendbuch an ► Sofies Welt  anknüpfen und außerdem an ►1984 von ► George Orwell erinnern soll. Ob Jostein Gaarder das wirklich gewollt hat oder ob er mit dem Titel nur spielte, damit Nora im Jahr 2084 achtundachtzig Jahre sein kann, kann ich nicht sagen. Für mich hat das Jugendbuch keineswegs die Dimension des Big Brother. Auch die Behauptung einer Anknüpfung an "Sofies Welt" kann ich nicht teilen. Sofie fragte: "Wer bin ich?" und reiste in die Vergangenheit zu den Philosophen, die sich diese Frage in vergangenen Jahrhunderten und auch in aktueller Zeit stellten. Nora "schaut" ausgehend von drohender Klimaerwärmung und unabsehbaren Folgen in die Zukunft um zu erkennen, dass der CO2 Ausstoß und die Abschmelzung der Polkappen die Welt irreversibel verändern. Sofie fragt sicherlich nach der Bedeutung nicht nur ihrer Existenz, Nora fragt allerdings von vornherein nach der Bedeutung des sich verändernden Klimas für die ganze Welt und danach, was man denn tun kann, um sie zu erhalten. Mit ihrem Freund Jonas sinniert sie über die Möglichkeiten dazu. Wie wäre es zum Beispiel mit einer Lotterie?

* * *
Gaarders Angebot zeigt weniger Möglichkeiten zum Klimaengagement auf, als vielmehr die Notwendigkeit, sich mit dem Thema zuerst ernsthaft auseinanderzusetzen. Genau das ist seine Botschaft an Jugendliche, die 2084 vermutlich noch erleben werden. Folgerichtig zeigt er am Schluss eine Vielzahl von Webadressen auf, die sich mit der Thematik befassen. Auf der Letzten Seite wird das "Angebot" real: Bäume pflanzen. Denn wenn alle Menschen je 150 Bäume Pflanzen, dann werden diese 1000 Milliarden Bäume ein Viertel des CO2 Ausstoßes binden. Das hört sich doch ziemlich real an. Oder?
Ich finde, das Buch ist unbedingt lesenswert trotz einiger Holprigkeiten. Außerdem ist es empfehlenswert. Ich würde es sogar als Schulliteratur empfehlen.

* * * 
Für Buchgesichter gibt es noch eine ganz besondere Empfehlung: Nora will mit Jonas in die Welt ziehen und kämpfen. Dazu will sie ihn auf die Probe stellen und mit ihm zusammen in die Welt der großen Literatur eintauchen. Sie wollen zusammen lesen. Nicht vorlesen, sondern, immer gemeinsam ein Buch lesen. "… dass wir zur selben Zeit dieselben Bücher lesen. Und uns zusammen in andere Welten begeben. In denselben Fantasielandschaften aus und ein gehen. So könnten wir uns nach und nach einen riesigen virtuellen Bekanntenkreis zulegen. Wir könnten in den Bergen wandern gehen und einen ganzen Schwarm von unsichtbaren Freunden bei uns haben…"

 * * *
 Der ► Hanser Verlag Kinder- und Jugendbuch hat wohl alle (?) auf jeden Fall aber die meißten der Bücher von Jostein Gaarder in Deutschland verlegt. Aber auch in der Erwachsenenabteilung wurden einige seiner Bücher verlegt. Neben Sofies Welt  ► DNB - seinen beispielhaft genannt:

  • Das Kartengeheimnis ► DNB -
  • Das Weihnachtsgeheimnis ► DNB -
  • Maya oder das Wunder des Lebens ► DNB -
  • Das Orangenmädchen ► DNB -
Diese habe ich auch gelesen. als nächstes sollte ich vielleicht Bibi Bokkens magische Bibliothek  ► DNB - lesen. Das ist ein Kinderbuch und wird an vielen Stellen empfohlen.


 * * *
Jostein Gaarder wurde 1952 geboren. Er lebt als freier Schriftsteller in Oslo. Nach dem Studium der Philosophie, der Theologie und der Literaturwissenschaft war er nunächst als Leher tätig. 

Im Jahr 1994 wurde sein Roman SOFIES WELT mit dem deutschen
Jugendbuchpreis ausgezeichnet. Der Erfolg war immens. Immer wieder beschäftige er sich mit den großen Fragen der Menschheit. Durch seine kritische Haltung zur Politik Israeil geriet Gaarder 2006 in die Schlagzeilen. Ihm wurde vorgeworfen, ein Antisemit zu sein. Gaarder hatte sich gegen die Idee von "Gottes auserwähltem Volk" gewandt und die Politik Israels kritisiert. Für den Interessenten hier in einem ► Blog der Text von Jostein Gaarder nebst einigen Kommentaren.

Deutsche Nationalbibliothek
► Jostein Gaarder in der DNB

© KaratekaDD
 

Dienstag, 1. Oktober 2013

LWH: Der Weg in die Verbannung

Ausgestoßen oder aus der Prärie in den Zirkus der weißen Männer

Meine Rezension zum 2. Band der sechsbändigen Ausgabe von

DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRINErstausgabe
Liselotte Welskopf-Henrich

Band 1: Harka - Der Sohn des Häuptlings
Band 2: Der Weg in die Verbannung
Band 3: Die Höhle in den schwarzen Bergen
Band 4: Heimkehr zu den Dakota
Band 5: Der junge Häuptling
Band 6: Über den Missouri 


Der ►Eulenspiegelverlag hat die sechs Bände wohlwollend als Rezensionsexemplare zur Verfügung gestellt. Links ist das Cover der schönen Hardcoverausgabe zu sehen. Schön ist auch, dass auf dem Buchdeckel der Gesamttitel genannt wird, denn um die BÄRENSÖHNE handelt es sich ja.



 Auf dem Weg in die Verbannung befinden sich der 12jährige Harka und sein Vater Mattotaupa. Jäh endet plötzlich die Kindheit des Jungen, der seinem Vater heimlich gefolgt ist in den Kleidern seiner jüngeren Schwester Uinonah.
Eben noch waren beide Helden. Der Kriegshäuptling der Bärenbande hatte einen Grizzly mit seinen Händen und dem Messer bezwungen. Der Junge hatte den Bären, welcher zuvor einige Pferde gerissen und  Mattotaupas Bruder getötet hatte, mit Steinwürfen gereizt und damit dem Vater die Gelegenheit gegeben. Bärentöter nannten ihn seit dem die Knaben.

Auf dem Rückweg von der erfolgreichen Jagd treffen sie auf einen jungen rothaarigen Weißen, den roten Jim. Der ist auf die Bärenbande aufmerksam geworden als deren Geheimnismann Hawandschita den Vater eines Negerjungen mit einem Goldkorn auslösen wollte. Nun meint Jim über diese Dakotagruppe kommt er an Gold in den Black Hills.
Was hat er mitgebracht? Zwei doppelläufige Büchsen für die erfolgreichen Jäger. Damit überzeugt er durchaus außer den zu Gast weilenden obersten Geheimnismann Tatanka Yotanka. Das Unheil nimmt seinen Lauf denn Feuerwasser hat er auch dabei. Damit macht er eine Reihe Krieger zum Gespött. Hat er das auch mit Mattotaupa getan?
Am nächsten Morgen erhebt Hawandschita schlimme Anklage. Der Weiße ist schon über alle Berge. Die Ratsversammlung schließt sich der Meinung ihres ältesten Mitgliedes an und auch Tatanka Yotanka meint, dass der Häuptling sein Geheimnis verraten hat.
Hat er dies wirklich?

Harka folgt seinem Vater in Richtung des Felsengebirges. Sie haben zwei Pferde und zwei Messer. Sie richten sich ein und gehen auf die Jagd. Der Junge wird von einem angreifenden Adler sehr verletzt doch die beiden werden Freunde.[1] Der Vater ist vom Gedanken beseelt, die Männer der Bärenbande von seiner Unschuld zu überzeugen. Da greifen die Pani (Pawnee) an. Harka schleicht sich in das Dorf und warnt über Uinonah die Oglalagruppe.
Mattotaupa übernimmt die Führung des Kampfes und die Krieger sind froh, auf diese vertraute Stimme zu hören. Sie siegen unter Verlusten in diesem Kampf. Aber dies hilft Mattotaupa am Ende nicht. Die Verbannung wird aufrecht erhalten. Der ehemalige Häuptling tötet noch einen der ihn schmähenden Krieger, welcher selbst unter Feuerwasser zum Gespött wurde und muss danach mit seinem Sohn wieder hinaus in die Prärie.

Der Weg führt sie in die Städte der weißen Männer. Sie treffen den Maler Morris und auch den Roten Jim wieder und sie verdingen sich in einem Zirkus in der Gruppe eines gewissen Buffalo Bill. Harka erarbeitet mit dem Clown[2] des Zirkus eine Kindernummer, sein Vater reitet in der Indianer- und Cowboygruppe des Buffalo Bill mit. Beide lernen englisch, der Junge zudem auch lesen und schreiben. Der Zirkus ist in chronischen Geldsorgen. In seiner letzten Vorstellung übernimmt Mattotaupa die Führung der Dakotagruppe aus Minnesota, die anschließend vor der Polizei fliehen muss.[3] Den sadistischen Inspizienten Ellis trifft am Schluss die Kugel aus Mattotaupas Büchse.

Vater und Sohn wollen nun zu den Feinden der Dakota, den Siksikau (Blackfeet). Die indianische Lebensweise ist, so finden sie, der der Weißen in deren Städten unbedingt vorzuziehen.
* * *
Damit endet der zweite Band der sechsteiligen Ausgabe von DIE SÖHNE DER GROSSEN BÄRIN, bzw. der erste Band HARKA – DER SOHN DES HÄUTLINGS der dreibändigen Ausgabe.
Hatten die ► Oglala, welche zu den Teton ► Lakota gehören, um die beiden Hauptfiguren bisher noch keine Weißen zu Gesicht bekommen[4], so tauchen Mattotaupa und Harka nun direkt in die Welt der Weißen ein. Durch die Zirkusreisen lernen sie sehr viel und vor allem auch, was die in Richtung Westen dringenden Menschenmassen alles herstellen können und wie viele es vor allem sind. Nicht alle sind Verbrecher. Der Maler Morris, der Clown Bob und der Raubtierdomteur Roland spiegeln wieder, dass es durchaus vermögende (Der Maler) und weniger gut verdienende weiße Männer gibt, die auch versuchen, die indianischen Stämme zu verstehen. Der Junge Harka erlebt das sehr intensiv, als er bemerkt, dass weiße Männer ihre verletzten Kameraden nach einem Sandsturm in der Prärie einfach zurücklassen, aber das Versprechen Mattotaupas, die Gruppe an einen Fluss zu bringen trotzdem gilt.[5]
* * *
An dieser Stelle müssen wir über eine Person reden, die in Nordamerika aber auch in Europa sehr berühmt geworden ist. Das ist Frederick William Frederick Cody, genannt ► Buffalo Bill. (1846 – 1917) Den Namen bekam er, weil er als Jäger und Scout für die Eisenbahnbauer Fleisch beschaffte und dabei eine Unmenge Büffel erlegte. Er ist damit maßgeblich, natürlich mit anderen, an der Dezimierung riesiger Bisonherden beteiligt gewesen in deren Folge diese Tiere fast ausgestorben wären. Den von den Bisonherden lebenden Prärieindianern wurde so auch ihre Lebensgrundlage genommen.

Quelle
William Cody war ein Abenteurer, der in den Jahren nach dem amerikanischen Bürgerkrieg eine Zirkustruppe aufbaute und unter dem die USA bereiste. Frühzeitig hatte er auch Indianergruppen dabei. Die Show wurde später auch VÖLKERSHOW (?) genannt. Ab 1883 führte er diese Show als BUFFALO BILL´s WILD WEST SHOW auch nach Europa. Wohl prominentestes Mitglied der Show war zu Beginn auch Tatanka Yotanka, welcher meinte, so auf die inzwischen notleidenden Indianer in den Reservationen und auf die Verbrechen an ihnen aufmerksam machen zu können. Da er des Englischen aber wenig mächtig und so die Dolmetscher nicht kontrollieren konnte, merkte er erst spät, dass die Show seinen Zielen nichts nutzen konnte. Es ist schon verblüffend, dass sich der Oberhäuptling und Geheimnismann der Lakota dem Mann anvertraute, der sich als Scout und Jäger für einen Rachfeldzug nach der Schlacht am Little Bighorn der US Army zur Verfügung stellte. Das Bild zeigt Buffalo Bill und ► Sitting Bull (Sitting Bull = Sitzendender Bisonbulle = Tatanka Yotanka)

Die Show folgte den damals gängigen Klischees die über die sogenannten Wilden verbreitet wurden. Das sie berühmt gewesen ist, zeigen Ehrenbezeugungen von Präsident Wilson, Kaiser Wilhem II. und auch König Georg V. nach seinem Tod. Das ist das Eine. Das Andere und in meinen Augen damit das Erstaunlichere ist dass ebenso die Angehörigen der ► Pine Ridge Reservation einen Nachruf sendeten:

"Ihr sollt wissen, dass das Volk der Sioux in Buffalo Bill einen guten und treuen Freund gefunden hatte. Unser Herz ist schwer von Trauer über seinen Verlust. Nur ein Trost bleibt uns; der Gedanke, dass wir uns eines Tages vor Wakatanka, vor unserem Schöpfer in den Ewigen Jagdgründen, wiedersehen." 

Sie sollen mit ihm einen ihrer engagiertesten  Führsprecher verloren haben.[6]
 
Dies ist mir völlig neu und es lässt den Büffelschlächter und Indianervorführer in einem etwas anderem Licht erscheinen. Zumindest in den letzten Jahren vor seinem Tode. Der Buffalo Bill auf den Harka und sein Vater Mattotaupa im Zirkus in Omaha treffen, also ungefähr 1865, war ganz bestimmt noch kein Führsprecher der Indianer. Ansonsten ist es vielleicht nicht uninteressant zu erwähnen, dass Cody auch ► Freimaurer gewesen ist. Im Disneyland wird zwangsläufig eine Bufallo Bills Wild West Show gezeigt.

Es lohnt sich aber noch einen Artisten zu benennen, der für das Indianerbild der Deutschen durchaus etwas geleistet hat. Im Jahre 1876, das Geburtsjahr wird bezeichnend sein, wird in Wien ein Junge mit dem Namen Ernst Tobis geboren. Die Familie lebte später in Frankfurt am Main und eines Tages gastierte im Jahr 1890 dort die BUFFALO BILL´s WILD WEST SHOW. Der 14jährige Ernst riss aus und wurde Stallbursche. Die Mutter hat ihn schnell wieder eingesammelt, aber er hatte das erste Exponat einer Sammlung ergattert, ein Paar originale Mokassins, die später weltberühmt werden sollte. Ernst wurde Artist bzw. Akrobat und nannte sich dann ► PATTY FRANK. Als Artist gastierte er auch in den USA, Südafrika und Australien. Warum ist der nun so wichtig für unsere Geschichte?
Zum ► Karl May Verlag bestanden bereits seit 1914 Beziehungen. Patty Frank hatte seit 1890 eine enorme Sammlung mit indianische Ethnografica angelegt, welche er sogar wissenschaftlich bearbeiten lies.[7] Diese Sammlung erhielt im Jahr 1926 eine gewisse Klara May für ihr geplantes Museum. Dafür bekam der nun fünfzigjährige Weltenbummler lebenslanges Logis. Wo? In der Villa Bärenfett

(Quelle)
In Radebeul. Im Jahr 1928 wurde das ► Karl May Museum eröffnet und Ernst Tobis wurde dessen Verwalter. In den kommenden dreißig Jahren, er starb im Jahr 1959, erklärte der immer mal wieder in Wienerische fallende Patty Frank über 300.000 Gästen pro Jahr das Leben der nordamerikanischen Indianer. Im Jahr 1957 erschien aus seiner Feder DIE INDIANERSCHLACHT AM LITTLE BIGHORN ► (DNB).  Aber natürlich, wenn man 1876 geboren ist, in dem Jahr, in dem dieser letzte große Sieg der Sioux geschah als diese unter Führung von ► Tashunka-Witko und anderen Häuptlingen die ☺7. Kavallarie des Oberstleutnants Custer am ► Little Bighorn River vernichtend schlugen.  

Patty Frank in der Villa Bärenfett (Quelle)
* * *
Damit schließt sich ein wenig der Kreis.

"Oh herrlicher sächsischer Lügenbold. Gepriesen sei Dein vielgeschmähter Name. Dank Dir, Du genialer Spinner aus Hohenstein-Ernstthal."[8] 

(wikipedia)
Karl May verbreitete abenteuerliche wenn auch wenig wahrhaftige Indianergeschichten über ganz Deutschland. Der Amerikaner Cody brachte echte Indianer im Zirkus nach Europa und ein Frankfurter Teenager legte dadurch eine indianische Sammlung an, welche ganz sicher durch die von Indianern begeisterte Liselotte Welskopf-Henrich besucht wurde. In Radebeul bei Dresden. Im Karl-May-Museum. Unbedingt einen Besuch wert. Auch und vor allem, wenn man Liselotte Welskopf-Henrich wesentlich mehr mag als diesen Geschichtenerzähler aus Hohnstein Ernsttal. Aber natürlich auch für Karl May Freunde, von manchen weiß ich, dass sie auch die Bärensöhne mehrfach verschlungen haben.


[1] Auf diese Geschichte spielt Liselotte Welskopf –Henrich in ►LICHT ÜBER WEISSEN FELSEN an, als Joe King, Nachfahre von Harka mit seinen beiden Wahlsöhnen um einen geschossenen Adler kämpft, der in den Sumpf gefallen ist. Beim Versuch den Adler zu bergen verletzt sich Stonehorn schwer an der Wirbelsäule. IN: LWH: Licht über weißen Felsen, Palisander, Chemnitz 2013
[2] Inya-he-yukan der Alte erzählt 100 Jahre später seinem Nachfahren Inya-he-yukan dem Jüngeren, dass er Lesen und Schreiben von einem Zirkusclown gelernt hat.  IN: LWH: ►NACHT ÜBER DER PRÄRIE, Palisander, Chemnitz 2013)
[3] Die Gruppe war an einem Aufstand beteiligt. Major Smith, der später wieder eine Rolle spielen wird, befragt diese und sie geben zu, dass zwei von ihnen beim Niederbrennen der Farm von Smith Mutter beteiligt waren. Außerdem lernen wir Kate Smith kennen, die später einmal einen gewissen Adam Adamson heiaten wird und auch den Indianerartisten Harka wieder begegnen wird.
[4] Eine Ausnahme bildet der Geheimnismann Hawandschita. Er ist um die neunzig Jahre alt und hat unter Tecumseh gekämpft. Er kennt also die Weißen. Sein Wissen aber gebraucht er vor allem auch zur Durchsetzung eigener Interessen.
[5] In dieser Episode tritt zum ersten Mal der indianische Scout Tobias aus dem Stamm der Delawaren auf. Er wird viele Jahre später gemeinsam mit der Bärenbande ÜBER DEN MISSOURI ziehen
[6] ↑ Aus: Buffalo Bill im Wilden Westen, Arte-Geie Dokumentation, France Television, Equidia, Ere Produktion-2012. IN: http://de.wikipedia.org/wiki/Buffalo_Bill   20.09.2013; 16:10 Uhr.
[8] Vgl. Kant, Herrmann: Die Aula, Aufbau Verlag, 1968

© KaratekaDD

Beckerhoff, Florian: Frau Ella


Der dreißigjährige Sascha ist wenig begeistert, als er nach einer Augen-OP kurzfristig sein Krankenzimmer mit einer schnarchenden Oma teilen muss: Frau Ella. Als die aber gegen ihren Willen operiert werden soll, bringt Sascha sie bei Nacht und Nebel in seine Wohnung. 
Saschas Freunde Klaus und Ute sind von dessen neuer Mitbewohnerin begeistert: Total schräg, so eine WG! Tatsächlich wird der lethargische Sascha die lebendige, aber einsame Frau Ella so schnell nicht wieder los. Klaus und Sascha nehmen sich der alten Dame an, kleiden sie neu ein, führen sie zum Essen aus und machen Ausflüge in die Sommerfrische. Alles läuft bestens - bis Saschas Freundin Lina braungebrannt aus Spanien zurückkehrt. 


Ein humorvoller und warmherziger Roman über eine ungewöhnliche Freundschaft. 






Kaffee mit Macchiato...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  01.10.2013)



Szene aus dem gleichnamigen Film - Frau Ella und Sascha
Ella Freitag will wirklich niemandem zur Last fallen. Aber als das Wasser in ihrem Krankenzimmer allmählich immer höher steigt, drückt die 87Jährige doch auf die Klingel. Und so wird die rüstige alte Frau kurzerhand zum 30jährigen Sascha aufs Zimmer gelegt, der nach einer Augen-OP eigentlich nur seine Ruhe haben will.
Anfangs ist er recht genervt von der Belegung seines Nachbarbettes, aber als Frau Ella, wie er die alte Dame kurzerhand nennt, dazu gezwungen werden soll, ihre Einwilligung zu einer OP unter Vollnarkose zu geben - völlig unnötig, wie sie beide befinden - flieht er mit ihr in einer Nacht und Nebel Aktion aus dem Krankenhaus. Kurzerhand quartiert er Frau Ella erst einmal bei sich zu Hause ein. Nur für eine Nacht. So der Plan...

 

Was als spontaner Einfall beginnt, krempelt bald schon Saschas Leben um. Frau Ella und er nähern sich allmählich einander an - kopfschüttelnd zunächst, dann aber zunehmend wohlwollender. Vielleicht ist es eben doch schön, morgens von frischer Luft und Kaffeeduft geweckt zu werden - und vielleicht kann man auch unkonventionelle Methoden wie das Eierkochen nach Musik tolerieren, wenn das Ei dabei doch "exzellent" wird. So wie es verschiedene
Frau Ellas Kaffee mit Macchiato
Methoden des Eierkochens gibt, gibt es auch unterschiedliche Arten der Kaffeezubereitung, was Frau Ella anfangs sehr verblüfft. Schließlich fragt sie aber jeden, ob er oder sie den Kaffee mit Macchiato haben möchte, was nach anfänglicher Verwirrung jeden verzückt.
Nicht nur Sascha ist zunehmend begeistert von den Folgen seiner verrückten Entführung, auch seine Freunde verlieben sich in Frau Ella, die dadurch gehörig aus ihrer fast 90jährigen Routine gerissen wird - und wieder mehr am Leben teilzunehmen beginnt. "Was war da noch normal? Was gab es da zu verstehen? Die Welt war einfach verrückt geworden, und es war gar nicht nötig, dass sie alles und jeden verstand." (S. 269 f.)

 

Ein Buch über eine ungewöhnliche aber anrührende Freundschaft, die Annäherung verschiedener Generationen, Toleranz und Akeptanz, dabei humorvoll, tiefsinnig und voller Wärme. Witzig und klug geschrieben, verführt das Buch gleichzeitig zum Nachdenken über das eigene alltägliche Miteinander und lässt einen ahnen: Frau Ella täte jedem von uns gut.
"Wo soll das nur enden, Frau Ella?" "Na, irgendwann auf dem Kirchhof. Bis dahin könnten wir aber noch ein bisschen Spaß haben, oder?" (S. 80)

 

Ein Buch, das mich oft lachen ließ, das mich berührte - und das mir ein neues Lieblingswort präsentierte: "Staubschäfchen" (klingt doch viel netter als die ollen Wollmäuse...).
Und nun trinke ich noch einen Kaffee mit Macchiato und versuche mir etwas von der Wärme und dem Lächeln, mit dem das Buch mich zurückließ, zu bewahren.

 

Und ich freue mich auf den Film, Kinostart ist am 17. Oktober 2013.

Filmstart 17.10.2013



Und hier ist auch der Filmtrailer...






© Parden 





Florian Beckerhoff
Florian Beckerhoff, geboren in Zürich, aufgewachsen in Bonn. Er studierte Literaturwissenschaften bis zur Promotion, um dann doch lieber als Sprachlehrer, Museumswärter und Werbetexter zu arbeiten. Heute lebt er als freier Schriftsteller in Berlin.




 

Sonntag, 29. September 2013

LEWIS-JONES, HUW: Abenteurer im Eis - Portraits 1845 bis heute



Abenteurer im Eis...

ist ein atemberaubender Bildband, der uns mit dem Antlitz des Abenteuers Polarforschung konfrontiert. 
Dieses Buch ist Zeugnis unvorstellbarer menschlicher Leistungen und  Strapazen, die sich tief wie Gletscherspalten in die Gesichter der Forscher gegraben haben. 
So ist das Buch ein Kompendium und ein "who is who" der Polarforschung von den Anfängen bis zur Gegenwart und ein wunderbares Zeugnis der Fotografie im Dienste der Wissenschaft.



Auf mehr als 285 Seiten gewährt das Buch dem Leser Einblick in eine bizarre, eisige Welt, die so fremd und lebensfeindlich ist, wie eine Welt nur sein kann. 
Und mehr noch: Wir sehen auf jeweils 50 historischen und aktuellen Aufnahmen in die vom Wetter gegerbten Gesichter jener Männer und Frauen, welche sich seit 1845 als Polarforscher einen Namen gemacht haben. 
Einige von ihnen bezahlten ihre Passion und ihren Wagemut mit ihrem Leben.


Begeben Sie sich auf eine spannende und zugleich lehrreiche Reise auf den Spuren Amundsens, Franklins, Scotts und Co.  


    Inhalt:

        • Das Bild der Polarforschung im Wandel (Vorwort)
        • Fotografie damals (Essay)
        • Polar Portraits von 1845 bis heute (Galerie)
        • Fotografie heute (Diskussion)
        • Die Grenzen des Lichts (Nachwort)
        • Literaturhinweise
        • Stichwortverzeichnis



Bereits für die Pioniere der Polarforschung war die Fotografie nicht nur ein Werkzeug für die wissenschaftliche Erforschung von Arktis und Antarktis, sondern ein unverzichtbares Medium für die spätere Vermarktung ihrer Expeditionen: Denn die Fotos, die sie von ihren Reisen mitbrachten, garantierten ihnen volle Säle bei ihren Vortragsreisen und ließen sich gut verkaufen. Indem sie so das Interesse der Gesellschaft auf die Fotografie lenkten, waren sie auch Pioniere des heraufziehenden Informationszeitalters. So gründete sich bereits 1847 in London der erste Fotoclub!
Dabei ist die Leistung dieser Pioniere nicht zu unterschätzen, denn die Fotografie von damals ist nicht zu vergleichen mit dem, was wir heute darunter verstehen: Ihre Ausrüstung und ihre Kameras waren schwer und sperrig, und das Anfertigen einer Aufnahme verlangte bei Belichtungszeiten, die manchmal in Minuten zu messen waren, erhebliche Geduld und Disziplin. Dabei ist zu berücksichtigen, dass die Aufnahmen bei erheblichen Minusgraden und bei Wind und Wetter entstanden. Daneben waren sämtliche Chemikalien und Glasplatten, welche damals die noch nicht erfundenen Filme ersetzten, zu transportieren... eine Menge Aufwand also. Um so größer muss unsere Hochachtung vor jenen Männern sein, die mit oft einfachsten Mitteln unter widrigsten Umständen herrliche Aufnahmen zustande brachten!

Für alle Freunde der Fotografie ist das Buch eine Fundgrube historischer Aufnahmen aus der Polarforschung und zugleich ein Kompendium der Portraitfotografie.


Huw Lewis-Jones:

ABENTEURER IM EIS

PORTRAITS 1845 - HEUTE

Verlag Frederking & Thaler




© TinSoldier