Kurzmeinung: Knapp, klug komponiert und voller Fragen über Wahrheit, Schuld und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen...
VOM LÜGEN...
Dror Mishani beweist mit "Nicht" einmal mehr, dass Spannung nicht aus Verbrechen entstehen muss, sondern aus den moralischen Entscheidungen ganz gewöhnlicher Menschen. Was zunächst wie die Geschichte einer zweiten Chance beginnt – ein verwitweter Mann findet unerwartet noch einmal die Liebe –, entwickelt sich zu einer ebenso beklemmenden wie klugen Erzählung über Schuld, Selbsttäuschung und den Preis des Lügens...
Im Mittelpunkt des kurzen Romans steht Eli, ein verwitweter Übersetzer Anfang fünfzig, der glaubt, dass mit dem Tod seiner Frau das Wichtigste in seinem Leben vorbei ist. Als er dann einer Cellistin begegnet und sich ganz vorsichtig eine neue Liebe entwickelt, scheint plötzlich wieder Zukunft möglich zu sein. Doch ein unerwartetes Ereignis bringt Eli dazu, der Cellistin eine Unwahrheit zu präsentieren. Eli lügt nicht, um sich zu bereichern oder jemandem bewusst zu schaden. Er lügt aus Angst, das gerade erst wiedergefundene Glück zu verlieren. Gerade deshalb wird der Roman unangenehm nahbar.
Immer wieder drängt sich beim Lesen die Frage auf: Ab wann dient eine Lüge wirklich dem Schutz eines anderen – und ab wann nur noch dem eigenen? Kann Verschweigen barmherzig sein oder ist jede weitere Unwahrheit lediglich der Versuch, die Kontrolle über eine Situation zurückzugewinnen, die längst außer Kontrolle geraten ist? Wo verläuft eigentlich die Grenze zwischen einer Notlüge, einem Verschweigen und einem Betrug? Gibt es überhaupt den richtigen Moment, ein Geständnis nachzuholen? Oder wird jede weitere Lüge irgendwann unausweichlich, weil man die Konsequenzen der Wahrheit immer mehr fürchtet? Und ab welchem Punkt erzählt man die Lügen eigentlich nicht mehr den anderen, sondern sich selbst? Mishani beantwortet diese Fragen nicht. Stattdessen zeigt er eindrucksvoll, wie jede noch so gut gemeinte Lüge zwangsläufig neue hervorbringt und wie sich Wahrheit dadurch nicht verdrängen, sondern lediglich aufschieben lässt.
Obwohl "Nicht" kein Krimi ist, merkt man Mishani seine Erfahrung als Krimiautor an. Es gibt keine spektakulären Wendungen, aber eine unterschwellige Spannung, die mit jeder Seite wächst. Man ahnt, dass etwas zerbrechen wird – nur nicht wann und auf welche Weise. Gerade diese leise Spannung hat mich durch das Buch getragen.
Elis Geschichte wird konsequent in der Du-Form erzählt. Anfangs wirkt diese ungewöhnliche Wahl befremdlich. Wer spricht hier? Wer ist dieses "Du"? Doch gerade diese Irritation entfaltet ihre Wirkung mit jeder Seite mehr. Die Distanz, die das erzählende Du zunächst schafft, verwandelte sich beim Lesen allmählich in das Gegenteil: Ich habe begonnen, mich selbst an Elis Stelle zu setzen. So habe ich Eli nicht nur beobachtet, sondern wurde immer wieder in seine Gedanken hineingezogen, habe seine Entscheidungen beinahe mit vollzogen, was stellenweise durchaus beklemmend war. Gerade auch weil Mishani nie erklärt, wer dieses "Du" eigentlich ist, hat mich diese Erzählweise bis zum Schluss beschäftigt.
Das mehrdeutige, offene Ende verwirrt und lässt einen mit Fragen zurück - und sorgt dafür, dass das Nachdenken über den Roman auch nach dem Zuschlagen des Buches weitergeht. Vielleicht ist das, was am Schluss passiert, tatsächlich so geschehen. Vielleicht ist es aber auch eher Ausdruck von Elis Schuldgefühl oder seiner Sehnsucht nach einer Wahrheit, die sich längst nicht mehr herstellen lässt. Sogar die Frage, wer dieses erzählende "Du" eigentlich ist, scheint am Ende noch einmal in einem anderen Licht zu stehen. Ich mag solche offenen Schlüsse, weil sie einen zwingen, das Buch im Kopf weiterzulesen.
Ein außergewöhnlicher Roman: knapp, klug komponiert und voller Fragen über Wahrheit, Schuld und die Geschichten, die wir uns selbst erzählen. Ein Buch, das weniger durch seine Handlung als durch seine moralischen Grauzonen lange nachhallt.
© Parden


Ich könnte mir vorstellen, "DU" ist die Leserin, der Leser, ALLE. Gibt es Leute die nie schwindeln?
AntwortenLöschen"Geschichten, die wir uns selbst erzählen" - sind nie wirklich wahr.