Freitag, 3. Februar 2023

Anhalt, Uz: Die Bluthochzeit

Gelegentlich fragt man sich, auf welche Art Geschichte denn vermittelt werden könnte. Über Film und Buch im Allgemeinen bracht man dabei nicht zu diskutieren, auch nicht darüber ob Dokumentation oder Spielfilm, Sachbuch oder historischer Roman. Vor Jahren begann ich mich in diesem Zusammenhang mit den Genre graphic novel zu beschäftigen und ja, es eignet sich durchaus, Geschichte zu erzählen.

Das folgende Buch wäre als graphic novel allerdings ein Produkt in schwarzen und roten Tönen und gruseligen Bildern. Doch was schreibe ich, das sehen die geneigten Leserinnen und Leser dieses Blogs selbst hier rechts. Da passt das "düstere" Bild des Autors, Utz Anhalt, ganz gut dazu.

Dieser Utz Anhalt ist Historiker und als solcher sehr umtriebig zum Beispiel auf einer bekannten Social-Media-Plattform.

Das Stichwort BLUTHOCHZEIT führt bei Wikipedia in das Jahr 1552 und gleich zur Bartholomäusnacht. Doch verrate ich nicht zu viel, wenn ich schon hier erkläre, dass das Brautpaar seine Hochzeit überleben wird.

Es heiraten: Marguerite de Valois, Prinzessin von Frankreich, Schwester des französischen Königs Charles IX., Tochter der Catherine de Medici und Henri de Navarre, König von Navarra. Das ungewöhnliche dabei: Katholikin soll einen Protestanten heiraten, damit will die durchtriebene de Medici die dauernden Unruhen zwischen beiden Lagern eindämmen.

Die Bartholomäusnacht, Le massacre de la Saint-Barthélemy, ist eines der schlimmsten Religionsverbrechen des 16. Jahrhunderts, der Beginn der Reformation liegt erst rund 50 Jahre zurück.
"Albtraumvisionen plagen Marguerite. Ihre Amme Juliette berichtet von Gräueltaten auf den Straßen von Paris, und ihre Freundin Amira ahnt ein altes Böses aus der Überlieferung Persiens. Dann explodieren mit Misstrauen und Hass gefüllte Schatten in einem Inferno des Wahnsinns und des Todes. Viele Jahre später sieht Marguerite die Opfer immer wieder in ihrer Erinnerung: mit zerfetzten Bäuchen, ohne Schädeldecke, mit ausgeweideten Leibern und durchlöcherten Brüsten, stinkend, taub, blind, tot oder im Todesschmerz gebrochen. Sie versucht zu ordnen, wie das alles geschehen konnte und landet immer wieder bei einer Person: Azatak. Was hat es mit dem faszinierend-unheimlichen Fremden auf sich, den die Pariser »den Ägypter« nennen, auf dessen Hut Edelsteine funkeln wie flüssige Blitze in einer von einer Feuersbrunst erhellten Finsternis?"

So sieht die Beschreibung des Buches aus dem Redrum-Verlag aus. Und so liest sich das:

"...es war der Irrsinn wie diese absurden Steinfiguren an der Kathedrale von Notre-Dame. Aus dem Wasser kroch etwas, wie es Albträume, die der Teufel einpflanzt, nicht erfinden können. Da war es, dieses Ding mit einem weißlichen Maul wie dem eines Frosches, aus dem dreieckige Sägezähne ragen. Es war ein Wesen ohne Augen, aber mit Fühlern, die an würmer im Kot erinnerten, mit kurzen Beinchen und Schwimmhäuten zwischen den überlangen Zehen, mit viel zu langen Armen und sechs Fingern wie Spinnenbeinen, aus denen Hakenkrallen sprossen. Mit denen zog es eine von den Hunden angefressene Frauenleiche in die Seine und verschwand mit ihr in den Fluten." (Seite 177)



François DuboisLe massacre de la Saint-Barthélemy


Marguerite, genannt die Reine Margot, hat detaillierte Memoiren hinterlassen, durch die auch dieser Pogrom der Hugenottenkriege in Paris am 23. und 24. August 1572 nicht nur eine Chronistin, sondern auch eine Augenzeugin bekam. Sie galt als lasterhaft und sittenlos, war aber den Wissenschaften gegenüber aufgeschlossen, redebegabt und schlagfertig. (Wikipedia) Hier im Buch wird ihr eine Liebschaft mit dem Anführer der Katholiken, Henri, Herzog de Guise, nachgesagt, der hier Truppen befehligt und an dem Massaker persönlich beteiligt ist.

Die Szene, in der sich ein hugenottischer Gardist in "Margots" Schlafzimmer flüchtet und um sein Leben bittet, da selbst im Louvre das Morden stattfindet, ist in ihren Memoiren enthalten und passt damit natürlich gut in diese Geschichte hier.

* * *

Der Historiker Dr. Utz Anhalt hat hier eine Mischung aus Horror und exakter Geschichte vorgelegt, letzteres erkennbar zum Beispiel an den detaillierten Beschreibungen der Bekleidung der auftretenden Personen. Rührt sein Interesse von seiner Beschäftigung mit Werwölfen und Wolfsmenschen?

Sieht man sich alte Kathedralen- und Kirchportale an, dann sind dort oft monsterhafte Gestalten in Stein gehauen wurden, auch die Wasserspeier zum Ableiten von Regenwasser sind eher nicht von dieser Welt. Schon in Der Name der Rose von Umberto Eco erschauert der junge Novize Adson vor diesen Gestalten und Figuren. So lässt der Autor seine Hauptfigur diese auch im obigen Zitat erwähnen.

Die historischen Begebenheiten, das Vergleichen mit dem, was das Netz zu den handelnden Personen hergab, verbunden mit der Erkenntnis, dass die Bartholomäusnacht, ihrer Ursachen und Wirkung tagelange Beschäftigung bieten würde, ließen mich dranbleiben. Diese übermäßig blutigen, surrealen Gewaltszenen, zum Beispiel wenn Henri de Lorraine in ein menschliches Herz beißt, sind nicht mein Ding. Erwartet hatte ich das trotz des Umschlagbildes nicht so sehr. Und so hat auch die im Anschluss mit aufgenommene Liste der Redrum-Veröffentlichungen dazu geführt, den Verlag zukünftig nicht unter den "Meistbegünstigten" zu führen.

Was bleibt? Das viele "Zwischengoogeln" hat Augen geöffnet für die Hugenottenkriege. Und spannend war es durchaus.


  • DNB / Redrum / Berlin 2022 / ISBN: 978-3-959557-975-9 / 227 Seiten

© Bücherjunge



2 Kommentare:

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