Donnerstag, 2. Februar 2023

McEwan, Ian: Lektionen

Roland wächst als Sohn eines britischen Armeeoffiziers in Libyen auf. Es ist ein Schock, als er mit elf Jahren nach England ins Internat geschickt wird, zweitausend Meilen von seiner Mutter entfernt. Dort macht er, viel zu jung, eine Begegnung, die tiefe Wunden hinterlassen wird. Und die Erinnerung an eine Liebe, die niemals verblasst. Als junger Mann lässt sich Roland durchs Leben treiben, er hat vielfältige Talente, aber keine großen Ambitionen, und hangelt sich von einem Job als Texter und Barpianist zum nächsten, von einer Frau zur nächsten. Bis er beim Deutschunterricht im Goethe-Institut Alissa Eberhart kennenlernt, eine Frau mit einer umwerfenden Sinnlichkeit, deren Willen, etwas zu werden und zu erschaffen, aber stärker ist als er – und sogar stärker als die Familie, die sie zusammen gründen. Von der Kindheit bis zum hohen Alter, von der Suez- über die Kubakrise, den Fall der Berliner Mauer bis hin zu Pandemie und Klimawandel – Ian McEwan erzählt das Auf und Ab eines ganzen Menschenlebens. Eine Meditation über den Einfluss der großen Geschichte auf unser kleines Schicksal, über verpasste Chancen, verschlungene Wege und das, was bleibt. (Klappentext)

DNB / Diogenes / 2022 / ISBN: 978-3257072136 / 720 Seiten
Ian McEwan auf Litterae Artesque: : Der Zementgarten / Nussschale / Maschinen wie ich / Die Kakerlake / Abbitte / Kindeswohl

















EIN WEITSCHWEIFIGES ALTERSWERK...


Die Romane des britischen Romanciers Ian McEwan gehören zweifelsohne zur gehobenen Liga der europäischen Literaturszene. Die bisher von mir gelesenen Romane des Autors (hier im Blog: Der Zementgarten, Nussschale, Maschinen wie ich sowie Die Kakerlake)  konnten mich auch jedesmal beeindrucken. Leider hatte ich dieses Mal mit dem weitschweifigen Alterswerk McEwans so meine Mühe (immerhin 720 Seiten). 

Präsentiert wird hier mit Roland Baines eine Hauptfigur, die zu der Vita McEwans etliche Parallelen aufweist. In Aldershot (Schottland) als Sohn eines hochrangigen Militärs geboren, wuchs Baines ebenso wie der Autor in den Jahren seiner Kindheit in fernen Ländern auf, bis die Eltern beschlossen, den Jungen in ein Internat in England zu geben. Sechzig Jahre lang begleitet der Roman seine Hauptfigur durch sein Leben, einsetzend im 11. Lebensjahr, als Baines als talentierter Klavierschüler im Internat Klavierunterricht erhält. Sexuelle Übergriffe durch seine Musiklehrerin münden in eine Hörigkeit Baines, als er 14 Jahre alt ist. Eine sexuelle Getriebenheit, die sein ganzes weiteres Leben bestimmen wird. Ein zweites einschneidendes Erlebnis ereignet sich zwanzig Jahre später. Baines wird von seiner Ehefrau Alissa verlassen, er bleibt alleine mit seinem sieben Monate alten Sohn in seinem renovierbedürftigen Londoner Haus zurück und wird darüber hinaus zunächst auch noch des Mordes an Alissa verdächtigt, da diese spurlos verschwunden ist.

Damit sind die zwei markanten Lebensereignisse des eher stillen und unauffälligen Roland markiert, der sein Leben vor sich hin lebt, selten die Initiative ergreift, sondern schaut, was da so kommt und dabei damit hadert, welche Chancen ihm genommen wurden. Ein eher alltägliches Leben führt er, obschon seine Gedanken erkennen lassen, dass er der Welt intellektuell zu begegnen vermag. Es gibt diskussionsfreudige Bekanntschaften und Freunde, Liebschaften zuweilen, selten Verbindliches. Aber seine Rolle dem Sohn gegenüber, die füllt er aus so gut er es vermag, nimmt ihm gegenüber auch keine Postition ein gegen die verschwundene Mutter. 

Meilensteine des Weltgeschehens säumen die Erzählung um den eher unscheinbaren Mann, der oft nicht weiß, was er sich vom Leben erhoffen soll. Manches hält nur kurz Einzug, wie zu Beginn die Zeit nach der Tschernobyl-Katastrophe, anderes wird intensiv betrachtet, wie beispielsweise die Geschichte um die Weiße Rose, die nahezu essayhaft seziert wird, oder auch der Fall der Mauer in Berlin, den Roland (wie Ian McEwan seinerzeit auch) live miterlebt. Jede Menge Zeitgeschehen also, häufig gespickt mit McEwans Ansichten dazu. Leider empfand ich dadurch v.a. die ersten zwei Drittel des Romans als überaus langatmig, anstrengend und zäh, v.a. die eher berichthaft gestalteten Passagen, alles plätscherte für mein Empfinden vor sich hin, das Gefühl stellte sich ein, überhaupt nicht voran zu kommen. 

Erst im letzten Drittel versöhnte ich mich allmählich mit dem Roman. Davor liegengelassene Handlungsstränge werden zuletzt wieder aufgenommen, wodurch das Bild runder wird, sich Kreise schließen. Roland Baines wird endlich greifbarer, auch wenn es ihm einfach nicht liegt, Entscheidungen zu treffen, ihm passiert das Leben lediglich, und er hält es aus bzw. arrangiert sich damit. Prägende Erlebnisse lassen sich nicht rückgängig machen - doch Roland erkennt nun immerhin, dass es sich nicht lohnt, in der Vergangenheit festzuhängen. Altersmilde findet er sich schließlich mt seinem Leben ab und hadert nicht länger mit möglicherweise verpassten Chancen.

Letztendlich habe ich lange zwischen 3 und 4 Sternen geschwankt und mich schließlich zum Aufrunden entschlossen. Ein anstrengend zu lesendes und weitschweifiges Alterswerk hat McEwan hier präsentiert, und wie sein Held Roland Baines war ich am Ende milder gestimmt. Aber sein bester Roman ist dies für mich definitiv nicht.


© Parden

















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Ian McEwan, geboren 1948 in Aldershot (Hampshire), lebt bei London. 1998 erhielt er den Booker-Preis und 1999 den Shakespeare-Preis der Alfred-Toepfer-Stiftung. Seit seinem Welterfolg ›Abbitte‹ ist jeder seiner Romane ein Bestseller, viele sind verfilmt, zuletzt kamen ›Am Strand‹ (mit Saoirse Ronan) und ›Kindeswohl‹ (mit Emma Thompson) in die Kinos. Ian McEwan ist Mitglied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts, der American Academy of Arts and Sciences und Träger der Goethe-Medaille. (Quelle: Diogenes)



2 Kommentare:

  1. An diesem Buch habe ich schon des öfteren angehalten. Schön, dass du den Wälzer gelesen hast. Klingt interessant. McEwan hat hier auch schon seinen Platz. Zeit für eine Autorenseite?

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    1. Wenn du magst, kannst du gerne loslegen mit der Autorenseite. Dir liegt das eher als mir. Witzig eigentlich, dass wir bislang keinen seiner Romane beide gelesen haben.

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