Mittwoch, 26. Oktober 2022

Henn, Carsten Sebastian: Das Apfelblütenfest (Hörbuch)

Jules war neun Jahre alt, als er eine Stellenanzeige in den größten und schönsten Baum im Apfelhain der Familie ritzte. Er suchte damals eine Haushälterin für seinen Vater, dem nach dem Tod seiner Frau alles über den Kopf wuchs. Seitdem sind zwanzig Jahre vergangen, Jules' Vater ist längst tot, und er selbst hat widerwillig den Hof übernommen, auf dem Calvados und Cidre produziert werden. Und plötzlich bewirbt Lilou sich um die längst vergessene Stelle, eine fröhliche, eigensinnige junge Frau, die in dem kleinen Ort an der normannischen Küste als Heilpraktikerin arbeitet. Nach und nach öffnet sie Jules das Herz, für die Schönheit der Natur und auch für die Liebe. Doch allzu schnell müssen die beiden erkennen, wie zerbrechlich Liebe sein kann, wenn das Schicksal eingreift... (Klappentext)

 

 



Gerade ging der NetGalley Hörbuch-Herbst zu Ende, und dieser Titel gehörte zu denen, die dort kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden. Im Rahmen des Hörbuch-Herbstes gab es auch allerlei Informatives rund ums Thema Hörbuch, was durchaus interessant war. Nun aber zu diesem Hörbuch: Zu Liebesgeschichten neige ich in der Regel ja eher weniger, aber diese hier klang doch irgendwie außergewöhnlich. Ob sie meinen Erwartungen entsprochen hat, könnt Ihr gerne hier nachlesen:

 














LIEBESGESCHICHTE FLANKIERT VON DRAMEN...


Quelle: Pixabay

Die Erzählung spielt in der südlichen Normandie und führt den Hörer / die Hörerin in die wild-herbe Natur des französischen Landstrichs mit der schroffen Atlantikküste und Wiesen voller Apfelbäume. Typisch für einen in Frankreich spielenden Roman, nehmen auch hier die Gaumenfreuden einen großen Stellenwert ein. Das Zubereiten von Speisen und deren Verzehr in Begleitung passender Getränke, sowie Einzelheiten der Herstellung von Calvados und Cidre durchziehen den Roman wie ein roter Faden, was zur stimmigen Atmosphäre beiträgt. 

Dies beschreibt jedoch lediglich das Drumherum - das eigentliche Geschehen dreht sich um die jungen Erwachsenen Jules und Lilou, die ein merkwürdiger Zufall zueinander führt. Jules hatte einst als Neunjähriger nach dem tragischen Tod seiner Mutter eine Stellenanzeige in den ältesten Apfelbaum seiner Familie geritzt, kindlich-naiv hoffend, dadurch eine Haushälterin für seinen Vater zu finden, der nach dem Tod seiner Frau das Lachen verlernt hatte. Dieser Plan ging seinerzeit nicht auf, doch zwanzig Jahre später entdeckt Lilou diese Anzeige und beschließt, sich darauf zu bewerben.

Jules, der mittlerweile den Apfelhof seines vestorbenen Vaters übernommen hat und mit der Herstellung von Cidre und Calvados beschäftigt ist, sucht keineswegs mehr nach einer Hasuhälterin. Doch Lilous lebendige und spontane Art kann Jules überzeugen, und so tritt sie die Stelle an. Rasch kommen sich die beiden näher, doch meint es das Schicksal nicht nur gut mit ihnen. Und auch wenn Lilou Jules verkrustetes Selbst zusehens auflockert und ihm zeigt, wie schön es ist, im Hier und Jetzt zu leben und zu genießen, was das Leben für einen bereit hält, müssen sie lernen, ihr Päckchen zu tragen. Und manchmal gerät ein solches Paket einfach zu schwer...

Ich bin ehrlich: ich habe etwas gebraucht, um mit den Figuren warm zu werden. Jules mit seiner anfangs doch recht stoischen, pflichtbewussten aber eher freudlosen Art, und Lilou, die zwar lebensfroh und offen, dabei aber sehr dominant und überstülpend sein konnte, mochte ich einfach nicht auf Anhieb. Aber Figuren entwickeln sich ja im Verlaufe eines Romans, und so wuchs meine Sympathie allmählich. Die Nebencharaktere trugen dazu bei und bereicherten auf ihre (positive wie negative) Art die Handlung.

Über einen Mangel an Emotionen kann man sich hier nicht beklagen. Eine Liebesgeschichte ist es, ganz klar, und erzählt wird hier auch von jahrzehntelangen Freundschaften und Zusammenhalt. Jedoch alles flankiert von Dramen, mit deren Anhäufung ich doch etwas gehadert habe. Die Konzentration auf einen einzelnen Schicksalsschlag hätte mir persönlich gereicht. Doch der Autor wollte offensichtlich eine Mischung aus stimmiger Atmosphäre, Liebe, Sorge, Trauer und Spannung und hat dafür große Geschütze aufgefahren. Hierauf kann ich nicht näher eingehen ohne zu spoilern, aber von dem, was Jules und Lilou hier widerfährt, ist einiges dazu geeignet, einem den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Gefallen hat mir das Plädoyer für ein Leben im Hier und Jetzt, was v.a. Lilou so perfekt beherrscht. Gefallen hat mir auch, dass Carsten S. Henn hier keine eindimensionale Liebesgeschichte erzählt, sondern ein Paket präsentiert, in dem die Gefühle des Hörers / der Hörerin Achterbahn fahren. Lächeln, Staunen, Wut, Berührtsein, Trauer - alles dabei. Und die Erfahrung, dass auch ein nicht-happily-ever-after Ende letztlich ein tröstliches sein kann. 

Richard Barenberg führt mit seiner warmen Stimme gekonnt durch die Geschichte und liest die ungekürzte Hörbuchfassung (10 Stunden und 17 Minuten) souverän und nuanciert. Eine Liebesgeschichte mit französischem Flair, flankiert von dramatischen Elementen. Bis auf die genannten Abstriche ein angenehmes Hörerlebnis.


© Parden















  • Spieldauer: 10 Stunden und 17 Minuten
  • ISBN: 978-3869525730
  • ASIN: B0BG83P5GK
  • Herausgeber: OSTERWOLDaudio; Ungekürzte Edition (13. Oktober 2022)
  • Sprache: Deutsch
  • Sprecherin: Richard Barenberg





Carsten Henn, geboren 1973 in Köln, besitzt einen Weinberg an der Terrassen-Mosel, hält Hühner und Bienen und teilt sein Leben mit Katzen. Er arbeitete nach seinem Studium als Radiomoderator und ist heute als freier Weinjournalist und Restaurantkritiker tätig. Er veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Kriminalromane und Liebeskomödien. Sein Roman »Der Buchspazierer« stand über ein Jahr ununterbrochen auf der SPIEGEL-Bestsellerliste, wurde in 25 Länder verkauft, eroberte die Herzen der Leserinnen und Leser und erhielt begeisterte Besprechungen. Auch sein nächster Roman »Der Geschichtenbäcker« eroberte auf Anhieb die Top 10 der SPIEGEL-Bestsellerliste, blieb viele Monate darauf und wurde vielfach ins Ausland verkauft. (Quelle: Hörbuch Hamburg)



Richard Barenberg studierte Schauspiel an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig. Anschließend führten ihn Engagements u. a. an das Nationaltheater Weimar, das Maxim Gorki Theater Berlin, das Theater Oberhausen und die Komödie am Ku‘damm in Berlin. In den letzten Jahren arbeitet er vermehrt auch als Sprecher. Er las Romane von Andreas Brandhorst, Guillaume Musso und Margaret Atwood. (Quelle: Hörbuch Hamburg)



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