Samstag, 9. November 2019

Lefteri, Christy: Das Versprechen des Bienenhüters

Es gibt sie, die Romane, die einen nicht mehr loslassen. Nicht während des Lesens und auch lange danach noch nicht. Diese Erzählung gehört zu den besonderen Erfahrungen, die zeigen, wie machtvoll das geschriebene Wort ist - Christy Lefteri pflanzt Bilder in den Kopf und Emotionen ins Herz.

»Nuri und seine Geschichte treffen mitten ins Herz. Wunderbar erzählt, erschütternd und aufrüttelnd.«, steht über dem Klappentext. Und es stimmt zu 100%. Weshalb, könnt Ihr hier nachlesen:







 Inhalt: (Quelle: Limes Verlag) 


Nuri ist Bienenhüter, mit seiner Familie führt er ein einfaches, aber erfülltes Leben im syrischen Aleppo. Bis das Undenkbare passiert und der Krieg ihr Zuhause erreicht. Nuris kleiner Sohn Sami wird bei einem Bombenanschlag getötet, seine Frau Afra erblindet. Sie müssen fliehen, um zumindest ihr eigenes Leben zu retten. Die Trauer um Sami und Erinnerungen an das einst glückliche Leben begleiten sie auf dem langen, gefährlichen Weg durch eine Welt, die nicht auf sie gewartet hat und selbst die Mutigsten in die Knie zwingt. Doch in England wartet Nuris Cousin Mustafa mit einem Bienenstock, der neuen Honig und neues Leben verspricht. Aber die größte Herausforderung liegt noch vor Nuri und Afra: wieder zueinander zu finden und gemeinsam die Hoffnung an ein neues Leben zu bewahren.











EIN LEISER ROMAN VOLL EMOTIONALER WUCHT...


Quelle: Pixabay
Normalerweise schreibe ich die Rezension gleich nach dem Lesen eines Romans, spätestens am Tag darauf. Dies hier ist jedoch eines der Bücher, die noch nacharbeiten, einen so tiefen Eindruck hinterlassen, dass die Worte nicht kommen wollen. Auch jetzt, fast eine Woche nachdem ich die letzte Seite umschlug, bin ich mir nicht sicher, wie ich hier darlegen soll, was für ein Leseerlebnis dies war.

Ein leiser Roman voll emotionaler Wucht - das trifft es tatsächlich am ehesten. Gleich das allererste Kapitel ließ mich in Tränen ausbrechen - da, wo andere Romane noch bei der Einleitung sind. Dabei war ich zu Beginn durchaus skeptisch, hatte die Autorin zwar zwei Jahre lang in Flüchtlingslagern in Athen gearbeitet, war aber immerhin doch nicht selbst betroffen im Sinne von: kein Flüchtling.

Doch Christy Lefteri flicht in die Erzählung gekonnt Episoden ein, die sie während ihrer Zeit im Flüchtlingslager aufgeschnappt oder erzählt bekommen hat. Dadurch wirkt das Geschriebene ausgesprochen authentisch - und die Diskrepanz zwischen dem melancholisch-poetischen, oft auch nahezu leichtfüßigen Schreibstil mit wunderschönen Bildern und den Gräueln, die sich hier immer wieder offenbaren, könnte größer nicht sein.

Nuri und seine Frau Afra stehen im Mittelpunkt des Romans, und mit ihnen erlebt der Leser die Flucht aus Syrien bis nach Großbritannien, wo sie Nuris Cousin Mustafa sehnlichst erwartet. Zu Beginn bleibt die Sicht auf die Charaktere eine oberflächliche, auch wenn gleich deutlich wird, dass die erlittenen Traumata bei Afra scharfe Spuren hinterlassen haben. Doch erst im Laufe der Erzählung wird deutlich, welcher Art diese Traumata waren - und dass diese nicht nur auf Afra Auswirkungen haben.

Sehr schön webt Christy Lefteri hier die Erzählung von zwei Menschen auf der Flucht, immer wieder wechselnd zwischen der Gegenwart in Großbritannien, wartend und hoffend auf die Aufenthaltsgenehmigung, und der Vergangenheit - den Erlebnissen in Syrien vor und nach dem Krieg, den Träumen und ihrer Zerstörung, den Erfahrungen auf der Flucht... Der gelegentliche Briefwechsel oder auch E-Mail-Verkehr zwischen Nuri und seinem Cousin bereichern den Einblick in das Leben vor der Zerstörung ihrer Heimat und zeigen gleichzeitig die tiefe Sehnsucht der beiden danach.

Im TV habe ich Dokumentationen verfolgt, die einzelne Schicksale von Flüchtlingen in Auffanglagern beleuchteten - und auch dies war schlimm. Doch durch diesen Roman, der leise und ohne jegliche aufgebauschte Dramatik daherkommt, wurde ich als Leser in das Gefühl der Verzweiflung hineingezogen, des Schreckens, der Gewalt, der Ohnmacht, der Losgelöstheit, der Heimatlosigkeit. Sehr eindrucksvoll und bedrückend.

Und gleichzeitig vergisst die Autorin das Prinzip Hoffnung nicht, das immer wieder kurz aufblitzt und einen Sonnenstrahl auf das menschliche Grauen lenkt. Sei es eine kleine flügellose Hummel, die Nuri entdeckt und am Leben erhält, sei es ein Flüchtling aus einem anderen Land, der in dunkler Stunde plötzlich den beiden Syrern ungefragt zur Seite steht. Kurze Blitzlichter der Hoffnung, jenseits des bloßen Bestrebens zu überleben.

Was für ein Buch... Mich hat es berührt, beschäftigt, zum Nachdenken gebracht - und auf seine leise, unaufdringliche aber doch tieftraurige Art sensiblisiert für die Situation von Flüchtlingen. Ein sehr feines Buch, das mir noch lange im Gedächtnis bleiben wird und das für ältere Schüler (und für Politiker) zur Pflichtlektüre werden sollte...

Wer eine Ahnung bekommen möchte, was es heißt, auf der Flucht zu sein, der lese dieses Buch! Für mich jedenfalls ein Jahres-Highlight!


© Parden












Produktinformation: (Quelle: Amazon.de)
  • Gebundene Ausgabe: 352 Seiten
  • Verlag: Limes Verlag; Auflage: Deutsche Erstausgabe (2. September 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Bettina Spangler
  • ISBN-10: 3809027154
  • ISBN-13: 978-3809027157
  • Originaltitel: The Beekeeper of Aleppo




Informationen zur Autorin: (Quelle: Randomhouse Verlag)

Christy Lefteri wuchs als Tochter zypriotischer Geflüchteter in London auf. Sie unterrichtet Kreatives Schreiben an der Brunel University. 2016 und 2017 verbrachte sie die Sommermonate als Freiwillige in einem von der Unicef unterstützten Geflüchtetenlager in Athen. Die Geschichten, die die Menschen ihr dort erzählten, inspirierten sie dazu, »Das Versprechen des Bienenhüters« zu schreiben.


Kommentare:

  1. Zwei Rezensionen zurück war von Begeisterung nicht gerade die Rede. Zum Glück ändert sich so etwas.

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    1. Nicht jedes Buch kann ein Highlight sein... Dieser Roman ist eines...

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  2. Ich habe mir nach deiner Rezension dieses Buch geleistet. Das Thema fand ich auch sehr interessant. Vielen Dank Anne :-)

    Regina

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