Sonntag, 23. Dezember 2018

Yanagihara, Hanya: Ein wenig Leben - Hörbuch

Es gibt sie, die Bücher, die einen reizen von dem Moment an, in dem man sie wahrnimmt. Doch manchmal gibt es Gründe zu zögern, abzuwägen, die Entscheidung hinauszuschieben, auch wenn man genau weiß, eines Tages wird man sich dem Buch stellen. 
 
Dieser Roman ist solch ein Buch. Ein Roman, der die Leserschaft polarisiert, der seine Leser absolut euphorisch zurücklässt - oder aber ernüchtert und enttäuscht. Insofern war ich gespannt, was dieses Mammutwerk mit mir machen würde. Hier kommt mein Eindruck:


Ein unvergleichlich mutiger und erschütternder Roman über Freundschaft als wahre Liebe - und die Frage, ob sie uns retten kann.

Ein wenig Leben handelt von der lebenslangen Freundschaft zwischen vier Männern in New York, die sich am College kennengelernt haben. Jude St. Francis, brillant und enigmatisch, ist die charismatische Figur im Zentrum der Gruppe – ein aufopfernd liebender und zugleich innerlich zerbrochener Mensch. Wie in ein schwarzes Loch werden die Freunde in Judes dunkle, schmerzhafte Welt hineingesogen, deren Ungeheuer nach und nach hervortreten. Ein wenig Leben ist zugleich realistischer Roman und Märchen – ein rauschhaftes, mit kaum fasslicher Dringlichkeit erzähltes Epos über Trauma, menschliche Güte und Erlösung. Es begibt sich an die dunkelsten Orte, an die Literatur sich wagen kann, und bricht dabei immer wieder zum hellen Licht durch.

(Klappentext: Hörbuch Hamburg)

  • Hörbuch-Download (ungekürzte Ausgabe: 35 Stunden und 54 Minuten)
  • Verlag: HörbucHHamburg HHV GmbH
  • Audible.de Erscheinungsdatum: 30. Januar 2017
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Stephan Kleiner
  • Sprecher: Torben Kessler
  • ASIN: B01MQV8R0C









EINE LEISE ERZÄHLUNG VON EINER EMOTIONALEN WUCHT, DIE STELLENWEISE KAUM ZU ERTRAGEN IST...


Quelle: Pixabay

Ich habe lange gezögert, bevor ich zu diesem Buch griff, denn allein der Umfang (das gebundene Buch hat 960 Seiten, die Lesung des ungekürzten Hörbuchs dauert 35 Stunden und 54 Minuten) ist derart imposant, dass ich deutlichen Respekt davor hatte. Aber auch der Klappentext und etliche Rezensionen zu dem Buch ließen mich zögern, deuteten diese doch darauf hin, dass der Roman an menschliche Abgründe führt - und darüber hinaus.

Nichts aber konnte mich auf das vorbereiten, was mich da schließlich erwartete. Auf diese enorme Intensität des Erlebens - denn das war es: dieser leisen Erzählung kann man sich emotional nicht entziehen. Mit präziser Klarheit und einer gleichzeitig wundervoll geschliffenen Sprache voller Poesie seziert Hanya Yanagihara das Menschsein bis auf die Knochen, legt die Schönheiten des Geistes und der Seele frei, aber auch die Dämonen und die schwarzbefleckten Wucherungen des eigenen Selbst, verursacht durch weit zurückliegende Ereignisse.

Freundschaft, Liebe in all ihren Facetten, grundlegende Fragen des Menschseins - 'Wer bin ich und wer will ich sein?' - Kunst, Architektur, Literatur, Filme, Kultur: all dies wird hier thematisiert, ebenso wie grenzensloses Leid, Selbsthass, Selbstzweifel, Gewalt in unterschiedlichsten Formen... Ein Buch voller Poesie und Brutalität, schrecklich-schön, eine Reise in die Dunkelheit, aber auch das Fassen winziger Momente des Glücks, die alles überstrahlen.

Tatsächlich ertrug ich es nicht, das Hörbuch an einem Stück zu hören. Immer wieder musste ich Pausen einlegen, weil mich die emotionale Wucht stellenweise derart traf, dass ich mich der Situation erst einmal eine Zeitlang entziehen musste. Wenn ich dann aber wieder einstieg, war es von der ersten Zeile an, als würde ich 'nach Hause' kommen, nur einen Atemzug vom Schluchzen entfernt. Dies lag sicher nicht zuletzt an Torben Kessler, dessen warme, charismatische Stimme hervorragend zu dem leisen, eindringlichen, poetischen Schreibstil passt.

Ja, es gibt auch langatmige Stellen, und ja, es wird nur von gesellschaftlich priviligierten Menschen erzählt, aber all dies erscheint mir in der Gesamtheit des im wahrsten Sinne des Wortes überwältigenden Buches nebensächlich. Selten hat mich ein Roman derart berührt, habe ich einem fiktiven Charakter so sehr alles Glück der Welt gewünscht und mich mit ihm über die Momente gefreut, in denen er es fand, so sehr mit ihm gelitten...

Wenn ich eines wählen müsste, so wäre dieses Buch zweifelsohne mein Buch des Jahres. Sprachgewaltig, berührend und von einer emotionalen Intensität, die ihresgleichen sucht. Absolut lesenswert!


© Parden












Der Hanser Verlag schreibt über die Autorin:

Hanya Yanagihara, 1974 geboren, ist eine US-amerikanische Schriftstellerin und Journalistin. Mit ihrem Roman " Ein wenig Leben" gewann sie den Kirkus Award und stand auf der Shortlist des Man Booker Prize, des National Book Award und des Baileys Prize. "Ein wenig Leben" ist eines der bestverkauften und meistdiskutierten literarischen Werke der vergangenen Jahre. Eine TV-Serie, produziert von Scott Rudin (The Social Network, No Country for Old Men, Frances Ha, Grand Budapest Hotel), ist in Vorbereitung. Yanagihara ist Chefredakteurin des "T Magazine" der "New York Times".

übernommen vom Hanser Verlag



HörbucHHamburg schreibt über den Sprecher:

Torben Kessler, geboren 1975, studierte Schauspiel, Gesang und Tanz an der Folkwang Hochschule Essen. Es folgten Engagements in Düsseldorf, Freiburg und Leipzig. Er war festes Ensemblemitglied am Schauspiel Frankfurt und spielt derzeit in Düsseldorf. Daneben war er in Fernsehserien wie Tatort, SOKO Leipzig und Polizeiruf 110 sowie im Kinofilm Der Baader Meinhof Komplex zu sehen. Als Hörbuchsprecher konnte sich Torben Kessler mit Lesungen von Joël Dickers Romanen sowie mit Dave Eggers Der Circle und Hanya Yanagiharas Ein wenig Leben einen Namen machen.

  übernommen von HörbucHHamburg


Kommentare:

  1. Seh schöne Rezi, liebe Anne. Ich muss gestehen, dieses ist eines der wenigen Bücher, die ich nach ein paar Seiten aus der Hand gelegt habe. Vielleicht war es nicht die richtige Zeit für das Buch. Ich hatte es aus der Bücherei, da wartet es im Zweifel noch auf mich.
    LG Walli :-)

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    1. Ich habe das dumme Gefühl, dass es mir ebenso gehen würde. Das ist schade und in Ordnung zugleich, denn hier hat es Anne ja nun hervorragend besprochen.

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    2. Wenn man erst einmal drin ist, lässt es einen nicht mehr los. Ein paar Seiten reichen da vielleicht nicht... ;) LG Anne

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  2. Das scheint ein enormes Buch zu sein, wenn du so davon schreibst. Für solche Bücher allerdings bist du ständig. ;)

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