Donnerstag, 20. Dezember 2018

Eschbach, Andreas: nsa

Nein, unbekannt war mir Andreas Eschbach natürlich nicht. Die Romane über die Erbschaft einer BILLION DOLLAR oder wie es einen KÖNIG VON DEUTSCHLAND geben sollte, hatte ich vor Jahren gelesen. Unterdessen aber wurde ich, fast zwanghaft, auf einen Titel aufmerksam, der verschiedene Dinge zu verbinden schien. Die National Security Agency in einem knallroten Einband mit schwarzem Rand, irgendwie verbunden mit dem Dritten Reich. Ja: „nsa“ heißt bei Andreas Eschbach plötzlich Nationales Sicherheitsamt und die Ähnlichkeiten scheinen auf der Hand zu liegen.




Man stelle sich vor, die Entwicklung der „Computerbranche“ wäre nach Charles Babbage und seiner Difference Engine (1822) und der folgenden Analytic Engine sowie der von Ada Lovelace entwickelten ersten „Computersprache“ schneller und anders verlaufen. Das ist der Ansatz des Autors und so gibt es seit dem ersten Weltkrieg ein sogenanntes NSA in Deutschland mit Sitz in Weimar. Der Autor erzählt von dieser Entwicklung, schon das ist sehr interessant. Inzwischen, wir schreiben das Jahr 1942, ist die „Rechenwelt“ aufgeteilt: Männer stellen die Fragen, entwickeln Probleme und suchen nach Lösungen – Frauen programmieren die entsprechenden Abfragen mittels der SAS, der „Strukturierten Abfragesprache“, heute bekannt in Gestalt der SQL. Im übrigen gibt es das Weltnetz, die nationalen Foren, Mobiltelefone, Elektropost, bargeldlose Zahlungen per Geldkarte oder Telefon. Nichts bleibt mehr geheim oder privat. Eine schiere Unmenge an Daten wird in riesigen Datensilos aufbewahrt.




Die programmierenden Damen nennt man "Programmstrickerinnen" und die Abfragen zwangsläufig Strickmuster, die Herren sind sich dazu zu fein. Besonders gut im „Stricken“ ist Helene, die einst einen Wettbewerb gewann und dann ein Angebot des NSA erhielt. Ihre erstellten Abfragen sind hervorragend und so trägt sie zur zukünftigen totalen Überwachung der Reichsbürger bei.

Eines Tages entdeckt sie die „Weiße Rose“. Doch kommen Hans und Sophie Scholl nicht unter das Fallbeil, sie werden „gerettet“, denn sie werden kurz nach dem ersten Flugblatt aufgespürt, was "nur" Gefängnis bedeutet. Doch eines Tages sagt sich Reichsleiter SS Himmler an. Das Programm, welches ihn interessiert, „entdeckt“, beruhend auf der Abfrage nach verbrauchten Kalorien durch Lebensmitteleinkauf zusätzliches Esser: In Amsterdam, eine Familie Frank. Die Abfragen stammen von Helene.

So wird das Buch immer ernster, die Geschichte immer gnadenloser, die Überwachung perfekter. Helenes erste große Liebe, ein Deserteur, versteckt im Hof einer Freundin, wäre schnell entdeckt, wenn Helene nicht anfangen würde, Fragen und Tabellen zu manipulieren. Sie „besorgt“ sich Zugangsberechtigungen für die höheren SS-Daten und das Unheil nimmt seinen Lauf...

* * *

Einerseits passiert letztlich alles folgerichtig, auch wenn das Ende absurd erscheint. Es erscheint aber auch deshalb absurd, weil die unermesslichen Datenmengen, die verarbeitet werden müssten, mit Tabellenabfagen (SQL / SAS) kaum zu bewältigen sein sollten. Eschbach spricht dies sogar an, wenn er Helene darüber sinnieren lässt, dass manche Tabellen für gleiche Daten unterschiedliche Spaltennamen verwenden. Wer sich ein klein wenig damit auskennt, weiß um das Problem der entstehenden Redundanzen; allumfassende Abfragen sind schwierig und irgendwo müsste es eine Zentralstelle zur Bereinigung geben. Als die SS das NSA übernimmt, scheint sich dies (unerwähnt) zu bestätigen. Etwas naiv erscheint einem dann unsere sympathische „Programmstrickerin“, wenn sie nicht begreift, dass trotz ständiger Löschung ihrer verbotenen Abfragen alles an irgendeinem Ort eine Spur hinterlässt.

Womit wir wieder bei der Gegenwart wären...

* * *

Das erschütternde Ende habe ich so nicht erwartet. Es ist in vielerlei Hinsicht extrem und unvorstellbar. Oder eben auch nicht, denn die Konsequenzen unseres Handelns im Netz sind uns letztlich kaum bewusst. Ober der (nervende) Datenschutz da hilft?

Nehmen wir die spannende Geschichte von Andreas Eschbach als Warnung an. Nicht mehr unvorstellbar, was das Dritte Reich aus dieser Datenfülle gemacht hätte, möge es auch heute (noch) utopisch erscheinen. Oder doch?




Der Herr oben rechts ist Konrad Zuse. Der hatte 1942 den ersten digitalen Rechner gebaut. Die ZUSE Einen Nachbau kann man im Deutschen Museum in München bewundern, einen weiteren im Technischen Museum Berlin. Der geniale Ingenieur Zuse hat allerdings, das zeigt eine Notiz, die im Deutschen Museum ausgestellt ist, bei den Rechenmöglichkeiten an so etwas wie "Verwandtschaftsbeziehungen" gedacht. Das war durchaus in Hinblick auf die Rasseforschung, Ahnenforschung und Vererbungslehre überlegt. Hierfür sei die „Registrierung von bestimmten charakteristischen, eindeutig bestimmbaren Eigenschaften, z. B. Erbkrankheiten (Bluter)“, für „Verwandtschaftsverhältnisse ist eine eindeutige Kurzschrift [?] erforderlich.“ (wikipedia)

Damit war eine solche Speicherflut noch nicht möglich. Heute sind wir näher dran.

Das Dritte Reich überstand statt 1000 nur 12 Jahre und die waren schlimm genug.




* * *

25.01.2019:

Mit Stella von Takis Würger und der Spielfimdokumentation Die Unsichtbaren - Wir wollen Leben, komme ich fast zwingend auf NSA zurück. Der Gedanke, dass  Menschen, auch selbst von den Rassegesetzen der Nazis betroffene Menschen, nach untergetauchten Juden suchten und diese dann auslieferten, lässt an das schauderhafte Projekt der Helene und ihres Abteilungsleiters denken: Zusätzliche Esser durch die Auswertung des Kalorienverbrauchs aufzuspüren. Fast ein "Beweis" dafür, dass Eschbach mit seiner fantastisch anmutender Geschichte sehr dicht an der Wirklichkeit dran war. Hätten die Nazis es gekonnt, hätten sie es so gemacht wie hier. Und trotzdem hätten sie die Stellas & Co gebraucht, denke ich.






Foto: © 2004 P. Fleissner.
Es war ein sehr spannendes Hörerlebnis. Laura Maire hat die 800 Seiten der Printversion wirklich gut gelesen. 

Andreas Eschbach studierte Luft- und Raumfahrttechnik, bevor er in die EDV-Branche wechselte. Daher stammen also seine Kenntnisse. Er hat wirklich sehr viel geschrieben und zwar seit seinem zwölften Lebensjahr.


© Bücherjunge



Quellen Collage 1

  • Zuse Computer - Nachbau im Deutschen Museum: Von Venusianer, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3632073
  • Z1 im Deutschen Technikmuseum Berlin: Von ComputerGeek - de.wikipedia.org: 22:33, 27. Dez 2005 . . ComputerGeek (Diskussion) . . 1037 x 778 (91664 Byte), CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=735841
  • Seite „Konrad Zuse“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 24. Januar 2019, 21:17 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Konrad_Zuse&oldid=185042148 (Abgerufen: 26. Januar 2019, 11:57 UTC)


Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.