Samstag, 27. Juli 2013

Riccarelli, Ugo: Der vollkommene Schmerz


Ende des 19. Jahrhunderts trifft in dem kleinen Dorf Colle in der südlichen Toskana ein neuer Lehrer ein. Der glühende Anarchist genießt bald im Dorf großes Ansehen. Ugo Riccarellis großartiger Roman bebildert Ungerechtigkeit und Freiheitsliebe, Schönheit und Grausamkeit, die Vergänglichkeit der Träume und die Dauerhaftigkeit der Hoffnung. Einer der Söhne des Maestros, Cafiero, wird Annina heiraten, die resolute Tochter des Schweinezüchters Odysseus Bertorelli, und so entspinnt sich parallel die Geschichte einer zweiten Familie, vermischen sich die Schicksale von Idealisten und Pragmatikern, von Träumern und Geschäftemachern, von Gewinnern und Verlierern, die alle miteinander in große Ereignisse verwickelt werden, von der schrecklichen Grippeepidemie bis zu den Kolonialabenteuern der Faschisten, von der Besetzung durch die Deutschen bis zu den Partisanenkämpfen. 



Der vollkommene Schmerz - ein vollkommener Hörgenuss...  

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  23.12.2010)

 

Um es gleich vorweg zu sagen: Dieses Hörbuch ist eines der besten, die ich in diesem Jahr genießen durfte.

Der Roman beginnt in der Mitte des 19.Jahrhunderts in einem kleinen Dorf in Italien und bietet ein anschaulich entfaltetes historisches Panorama von über einhundert Jahren italienischer Geschichte. Er beschreibt das Leben in Italien während der ganzen Epoche der politischen Wirren von Beginn des 19. Jahrhunderts über den ersten Weltkrieg bis zum Ende des zweiten Weltkriegs. Ein Schauplatz, zwei Familien, mehrere Generationen.
Mittendurch verläuft die Eisenbahnlinie, die der italienischen Kleinstadt anfangs den intellektuellen Sozialrevolutionär, den Maestro, zuführt, ihr aber im weiteren Verlauf immer wieder Menschen entreißt. Die neue Ideen bringt, aber auch Verwerfungen. Ein Haselnussbaum wird zum Lebensretter. Eine Maschine mit ihren Einzelteilen und Verbindungselementen steht sinnbildlich für die handelnden Personen, ihre Lebensabläufe und wechselseitigen Beziehungen.

Alle Kinder und Kindeskinder der beiden Familien erfahren beim Leben, Lieben, Hassen und in Konfrontation mit dem Tod irgendwann einen fast "vollkommenen Schmerz" aber nie nimmt er ihnen die Kraft - im Gegenteil. Er ist für die einen Erlösung, für die anderen Anlass zur Veränderung oder zum Neuanfang.
Ugo Riccarelli lässt eine eigene Welt entstehen, schafft Atmosphäre - im Grundton elegisch und nostalgisch, hier und da mit surrealen Einblendungen. Weit mehr als nur Handlungsträger: die Sprache, bildreich, ungehetzt beschreibend, atmosphärisch dicht, sanft und doch eindringlich, mit verhältnismäßig wenigen Dialogen.

Anders als der Titel und die Cover-Illustration vermuten lassen könnten, ist dieser Roman vielleicht im Ton melancholisch, aber keineswegs voll Trostlosigkeit und Depression und traurig gefärbt. Im Gegenteil: es ist eine geradezu "barocke Hymne" an das Leben. Es ist ein kostbarer Roman, weil er letztlich die Freude am Leben zeigt, trotz des vollkommenen Schmerzes...
Ugo Riccarellis Familienepos ist vielleicht am ehesten mit dem weltbekannten Roman "Hundert Jahre Einsamkeit" von Gabriel García Márquez zu vergleichen.

Gert Heidenreich, der renommierte Sprecher des Hörbuches, verleiht der poetischen und klaren Sprache des Romans eine besondere Eindringlichkeit und lässt die Geschichte noch lange nachhallen.
Unbedingt empfehlenswert - und für mich ist klar, dass ich den Roman selbst auch noch lesen werde, da es sich bei dem Hörbuch um eine gekürzte Fassung handelt.


Ich vergebe für dieses Hörbuch 10 von 10 Punkten und nehme es in den Kreis meiner Favoriten auf!


© Parden  






Ugo Riccarelli

Im Alter von nur 58 Jahren verstarb am vergangenen Sonntag der Autor Ugo Riccarelli. 
Anslässlich dieses Ereignisses gibt es hier einen interessanten Nachruf.

Seine auf Deutsch erschienenen Bücher, von denen "Der vollkommene Schmerz" sicherlich der international bekannteste Roman ist, finden sich in der Deutschen Nationalbibliothek.
 





1 Kommentar:

  1. Irgendwie sind die Italiener im kommen... Sehr informative Rezension, liebe Anne, allerdings kommt das Buch vorerst nicht auf meine Wunschliste.

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