Dienstag, 3. Januar 2023

Yeoh, Jo-Ann: Zweckfreie Kuchenanwendungen

Sukhin, 35, Single, führt ein geregeltes Leben zwischen Lesen, Arbeiten und Besuchen bei den Eltern, um deren Kartonsammlung zu hegen und zu pflegen. Er hat nur einen Freund, einen Lehrerkollegen, der ihn durch schiere Hartnäckigkeit zu einer Freundschaft gezwungen hat. Als er eines Nachmittags in Chinatown Besorgungen macht, stolpert er über eine Obdachlose, die ihn wiedererkennt. Sukhin wird durch die zufällige Begegnung völlig aus der Bahn geworfen. Als er tiefer gräbt, bricht Chaos aus, flankiert von Kuchen und Tee und stapelweise Karton.

Ein wunderbar einfühlsames Porträt zweier zutiefst einsamer Individuen auf der Suche nach dem Mut, die Komfortzone zu verlassen und ihr Leben zu leben – und gleichzeitig Singapurs, wie es leibt und lebt, schmeckt und riecht, auch in Gefilden, die normalerweise im Verborgenen bleiben. (Klappentext)

 

DNB / Alfred Kröner Verlag / 2022 / ISBN-13: 978-3520625014 / 320 Seiten

 










INDIVIDUALITÄT IN SINGAPUR...


Singapur (Quelle: Pixabay)

Der 35jährige Sukhin arbeitet an einer Schule als Lehrer für englische Literatur, meidet gleichzeitig aber weitesgehend soziale Kontakte. Lediglich ein Freund und Kollege lässt sich durch seine abweisende Art nicht abschrecken und erweist sich als hartnäckig und nicht abzuwimmeln. Sukhin ist jemand, der am liebsten unsichtbar wäre, der seine Tage vor sich hin lebt, sich den Zwängen des Alltags unterwirft, ohne jemals Vergnügen daran zu finden. Sukhin besucht z.B. regelmäßig seine Eltern und pflegt dabei deren Kartonsammlung, die mittlerweile das komplette Wohnzimmer erobert hat und nur für den Fall existiert, falls irgendwann einmal ein Umzug anstehen sollte. Bei jedem Besuch werden die Eltern nicht müde, ihn darauf hinzuweisen, dass es allmählich Zeit wird, dass er sich endlich eine Frau sucht.

Als Sukhin nach einem Einkauf in einer abgelegenen Gasse in ein Wohngebilde aus Pappkartons stolpert, stößt er dabei auf eine obdachlose Frau. Erst auf den zweiten Blick erkennt er, dass er diese Frau von früher kennt. Es handelt sich um Jinn, eine ehemalige Schulfreundin, mit der er eine Zeitlang sogar liiert war. Weshalb lebt sie nun auf der Straße? Sukhin lässt diese Frage keine Ruhe und versucht ihr auf den Grund zu gehen. Allmählich nähert er sich Jinn und ihrem Geheimnis an, und Kuchen, Tee und Kartons spielen dabei eine große Rolle.

Der Roman spielt in Singapur - ein Insel- und Stadtstaat in Südostasien, über den ich bisher so gut wie gar nichts wusste. Wenn man ein wenig nachforscht, erfährt man, dass es sich hierbei um ein mittlerweile erfolgreiches Industrieland handelt - tatsächlich gilt es als eines der reichsten, saubersten und sichersten Länder der Welt mit einer extrem hohen Lebensqualität -, dessen Regierung und Gesetzeslage die Bevölkerung jedoch in einem engen Korsett hält.  Wo bereits vermeintliche kleine Ordnungswidrigkeiten wie Kaugummibesitz, Spucken, Müll auf die Straße werfen oder in der Stadt einen Drachen steigen lassen hohe Strafen nach sich ziehen, Lügen mit Prügelstrafe beantwortet werden und auch die Todesstrafe noch existiert, da bleibt für individuelle Ausbrüche kaum Spielraum. Obdachlosigkeit beispielsweise existiert (offiziell) gar nicht, der Staat stellt ausreichend erschwinglichen Wohnraum zur Verfügung. Lebt jemand auf der Straße, wird auch das bestraft.

Hinzu kommt der intensive Einfluss der Elterngeneration auf die Kinder. Klare Erwartungshaltungen sollen erfüllt, vorgegebene berufliche Karrieren eingeschlagen, eine Familie gegründet werden. Sukhin erträgt das fremdbestimmte Leben kaum und versucht dem in seinem Rahmen auszuweichen. Von einer Ehefrau ist nichts zu sehen, und Lehrer war jedenfalls nicht der Traumberuf seines Vaters. Trotzdem fühlt sich Sukhin von den ständigen Erwartungen anderer stark eingeengt, weiß aber nicht, was er dem erfolgreich entgegensetzen kann. Jinn dagegen hat sich aus diesem Zwangskorsett gelöst, lässt auch Sukhin nur sehr allmählich wieder in ihr Leben. Die Begegnung der beiden reißt Sukhin jedenfalls aus seinem Alltagstrott. Wohin das führt, sollte man unbedingt selbst lesen! Und nein, das ist alles, aber mit Sicherheit keine 0-8-15-Liebesgeschichte.

Die Autorin spielt in ihrem Debüt demonstrativ mit den Tabus des Landes. Obdachlosigkeit, Homosexualität, Leben nach eigenen Vorstellungen - alles nicht denkbar. Eigentlich. Hier aber eben schon. Hier geht es u.a. um Individualität vs. Konformität. Aber eben sehr unterhaltsam eingebettet in eine soghafte Erzählung mit interessanten und schrägen Charakteren, ein wenig Sightseeing und einem oftmals trockenen Humor, der fast unfreiwillig erscheint und deshalb um so besser wirkt. "...selbst, wenn er einer wäre, der sich von einem Keks ungrammatische Ratschläge erteilen lässt." (S. 22) Noch dazu ist der Roman außergewöhnlich konzipiert. Die eigentliche Handlung wird immer wieder von kursiv geschriebenen Passagen unterbrochen, die lange Zeit Fragezeichen aufwerfen hinsichlich des Zusammenhangs, letztlich aber für ein absolut rundes Bild sorgen. Es ist in jedem Fall spannend zu verfolgen, wie sich Sukhin ganz allmählich verändert.

Definitiv 5 Sterne von mir, für mich ist der Roman ein Jahreshighligt. Ich würde sogar noch einen Stern drauflegen, wenn es ginge. Für mich stimmte hier alles. Ein wirklich starker, ungewöhnlicher, mutiger Roman. 


© Parden 

 

 

 

 


 

 

 

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Yeoh Jo-Ann isst kein Gemüse, trinkt viel zu viel Kaffee und macht viel zu wenig Sport. Als sie klein war, träumte sie davon, eine Katze zu werden – oder Rockstar. Stattdessen arbeitete sie acht Jahre lang in einem Verlag und wurde schließlich Herausgeberin von SPH-Magazines, eines singapurischen Zeitschriftenverbandes, bevor sie ihre Karriere aufgab und eine neue im Digital Marketing begann. Vor ihrem ersten Roman ›Impractical Uses of Cake‹, für den sie aus dem Stand mit dem Epigram Books Fiction Prize ausgezeichnet wurde, hat sie zahlreiche Kurzgeschichten veröffentlicht. Momentan arbeitet Yeoh Jo-Ann an ihrem zweiten Roman. (Quelle: Alfred Kröner Verlag)

 

2 Kommentare:

  1. Es geht gleich etwas politisch weiter. Wieder kein Vover mit einer Heldenbrust, an die die sich eine Schönheit schmiegt… ;) Der Bücherjunge

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