Samstag, 13. Februar 2021

Bergel, Hans: Wenn die Adler kommen

Etwas finster und ernst schaut Hans Bergel uns von seiner Webseite an. Viel erlebt hat der fünfundneunzigjährige Siebenbürgener Sachse, der 1925 in   Rosenau / Râșnov geboren wurde, das liegt in der Nähe von Kronstadt / Brașov, gegründet vom deutschen Ritterorden. Beide finden wir im Burzenland – rumänisch Țara Bârsei, ungarisch Barcaság. Einst blieben Siebenbürgener Sachsen und Neusiedler aus Deutschland auf sogenanntem Königsboden, nur dem ungarischen König untertan. Eine besondere Rechtsstellung hatte dieses Gebiet bis 1867, im Jahr 1920 fiel es nach dem großen Krieg an Rumänien. [1]

Doch nein, hier geht es nicht um die Historie von Siebenbürgen, es geht um einen Roman, den Hans Bergel mit autobiografischen Bezügen schrieb: Europa zwischen den Kriegen – die Gewitterwolken des sogenannten Dritten Reiches sind für die Siebenbürgener Sachsen schon zu sehen am Horizont. [2]


Am Stand der Edition Noack & Block, es war tatsächlich eine kleine feine Buchmesse – Dresden (er)lesen – im Jahr 2020, fiel mir des Buch mit dem Adler auf, ein interessantes Gespräch mit Frau Matthes zum Thema ließ mich neugierig werden und so tauche ich ein in eine mir völlig unbekannte Welt. In die Welt des Peter Hennerth in Mitten einer wilden Karpatenlandschaft inmitten von Deutschen, Rumänen, Ungarn, Szeklern und Zigeunern. [3]

Zum Inhalt des Romans. Peter Hennerth erzählt zu Beginn vom „Zwergvater, seinen sieben Goliathsöhnen, dem Hirtensommer in den wilden Südkarpaten“. Von diesen wird gleich noch zu reden sein; wichtiger ist für den Jungen sein Großvater, der Hardt-Großvater, Besitzer von anderthalbtausend Karakul- und Merinoschafen, für deren Obhut er jenen zwergenhaften Vater und dessen riesigen bärenstarken  Söhne engagiert hat. Bade LicuOnkel Licu – heißt der Hirt und das ist er auch für den Peter: Ein Onkel, von dem er Dinge lernt, die einem städtischen Jungen auch im Burzenland verborgen bleiben.

Mit Vater Rick Hennerth und dem Hardt-Großvater zieht es den Jungen ins Gebirge, auf die Pirsch und zu den Hirten, Geschichten hörend von Bären, Gemsen beobachtend, sich anschließend an Gordan, den Freund unter den Licu Brüdern. Der Junge bleibt bei den Hirten, nachdem Großvater seine Geschäfte abgeschlossen hat.

„Ich aber blieb bei den Hirten und Herden, bei den Hunden und Hütten im Hochgebirgstal zurück. Die Gebirgswände des Bukschoi auf der einen, die des Ziganescht auf der anderen Seite, überall der Felsgeruch und die Aromen der Krüppelkiefern und Hochgebirgsgräser, das Blöken der Lämmer und Schafe ringsum, die großen Hütehunde – für die Dauer eines herrlichen Sommers war dies meine Welt. Schon am zweiten Tag meinte ich, seit jeher hier gelebt zu haben.“ (Seite 23)

 

Siebenbürgen (Bild von Lucian Pavel auf Pixabay) 


Hans Bergel erzählt durch den Jungen von sich und einer Heimat, der er in seinem langen Leben verbunden bleibt. Davon wird noch zu sprechen sein, doch lassen wir hier den Jungen in das Land hinein blicken: 

„Ich stand ins glashelle Goldlicht des Spätnachmittags hinausgehoben, keuchend auf dem Kamm des Höhenzugs, hoch über den Abstürzen, die bis in die Ebene hinabfallen.

Das Gebirge bricht dort aus über zweitausend Meter Höhe zuerst in Fels-, dann in Waldstufen steil nach Norden hin ins Hochland ab. Aus den Tannenwäldern unten steigt ein Laut empor, wie von Brandung im Erdinnern. Unfaßbar weitunter mir die sich nordostwärts erstreckende Fläche des Burzenlands. Wiesen, Äcker, Straßen und Ortschaften waren im Vergrößerungsglas der durchs Unwetter vpm Dunst gereinigten Luft in allen Einzelheiten erkennbar; jede Weide an den Ufern der im Westen aus den Königssteinschluchten tosenden ‚Brsa‘, ‚der Reißenden‘, erschien zum Greifen nahe. Gleich Fata Morgane waren die weißen Mauern Zidens unter dem schattenhaft aufgewölbten Waldberg und das grauflimmernde Gemäuer Marienburgs nördlich davon zu sehen. Ja, sogar die Eschenkronen auf dem eisernen Berg zwischen Rosenau und Neustadt, die kantigen Schatten auf dem Schulergebirge über Kronstadt und das Grün der Senken auf dem Sansteinrücken des behäbigen Hohensteins dahinter erkannte ich ebenso deutlich die übereinandergestaffelten Ostkarpatenstämme, die sich gegen den Sereth und den Pruth hin in der Ferne verloren. Die rings um die Hochfläche stehenden Bergklötze hatten die genauen und geschmeidigen Konturen, die schräg einfallendes spätes Sonnenlicht jeder Landschaft verleiht; ihre Farben waren so nackt ins kalte Blau des Himmes getaucht, daß sie mir dadurch noch näher erschienen.“ (Seite 37)

Es ist eine gebildete, eine musische Familie, eine sehr harmonische Familie, in der Peter aufwächst. Die Schwester des Vaters, Tante Leonore, übt unentwegt für ihre Laufbahn als Konzertpianistin, sie lehrt Holger, den jüngeren Bruder Peters, ebenfalls das Klavier [4]  der Vater spielt auch verschiedene Instrumente. Der Zigeuner Midi Bubu „versorgt“ ihn mit alten "stinkenden" Geigen, er soll ein Nachfahre des Scharfrichters Roman Bubu gewesen sein, der einen Urahn Peters in Kronstadt noch enthauptet hat und dessen Geschichte, die des Henkers und des Urururgroßvaters,  Hans Bergel ziemlich ausführlich erzählt.


Kronstadt / Brasov (Bild von marianboricean auf Pixabay)


Sowohl der Vater wie auch der Hardt-Großvater waren im 1. Weltkrieg
, der Vater erzählt eine Geschichte, in der er in einer kleinen Kampfpause mit einem italienischen Offizier eine Zigarette rauchte. Mit der Einschätzung von Kriegen sind sich Großvater und Schwiegersohn einig, damit, dass der Versailler Vertrag nach dem Ende des Krieges ein Schandvertrag sei auch, mit der Entwicklung, die sich in den dreißiger Jahren in Deutschland breitmacht allerdings nicht...

Letztlich sind es drei Episoden, die dann dem Familienidyll in den malerischen Karpaten gegenüberstehen: 

„Das bedeutet Krieg.“

„Nein“, entgegnete Vater, „den Krieg will doch keiner. Schon gar nicht einer, der ihn kennenlernte. Überleg doch, der Mann hat vier Jahre lang im Schützengraben gehockt. Er hat Artillerie, Hunger, Gas und Angst mitgemacht. So wie wir. Nein, es ist ganz unmöglich, daß einer den Krieg will, der den Krieg kennt.“

„Das gilt nicht für diesen Mann. Dieser Mann schreckt vor nichts zurück“, sagte Großvater, „im Kampf um Versailles hatte er die Wahrheit der Geschichte noch auf seiner Seite. Im Ausbau seiner Macht hat er sie aber an die Maßlosigkeit verloren... Schon gegen Röhm und dessen Leute, die ja seine Mitstreiter waren, fiel im nichts anderes ein als Mord. Der Mord steht an der Tür seiner Macht. Das ist alles, was er zur Lösung der Probleme bereithält und künftig bereithalten wird. Mord! Mord! Mord!“

Der Großvater redet weiter auf den Vater ein: „Ist das, was die Raufbolde vorführen, in deinen Augen eine Revolution?... Ihre Bücherverbrennungen? Ihre hysterischen Erstickungsanfälle, die sie ‚Reden‘ nennen? Ihre Menschenausweisungen? Ihr Gebrüll über Kultur, mit dem sie die geistige Elite aus dem Land jagen?“ (Seite 170 ff)

Der Vater kontert mit Hinweisen auf den Bolschewismus, Polen, Tschechen und die Deutschen, Tirol und Österreich und die ganzen politischen Auseinandersetzungen nach dem großen Krieg. Doch der Großvater, der seinen Schwiegersohn mag,  entgegnet:

„Hör mir, bitte, genau zu, Rick... Das ist alles richtig. Aber die Antwort, die der Mann darauf gibt, die Antwort ist falsch! Sie wird uns zum Verhängnis werden! Jedes politische System bringt seinen Menschentypus an die Macht. Und sieh dir nun, bitte, einmal die geistigen Grundlagen des Systems dieser Leute um Hitler an – sie sind primitiv, brutal, rückwärtsgewandt. Es besagt nichts, daß sich andere Staaten und Völker dabei dumm, größenwahnsinnig und arrogant verhalten... Es geht hier für uns alle um Leben und Tod. Und es ist höchste Zeit, daß ihr alle das begreift.“ (Seite 173)

Das Schicksal seiner Tante Leonore wird das zweite Ereignis sein, was deutlich zeigt, welche Zeit da angebrochen ist, die auch an den Deutschen, die man Siebenbürgener Sachsen, und an den Schwaben im Banat, nicht vorüber geht. Tante Leonore, die bei einem jüdischen Musikprofessor in Wien studierte, wird diesen nicht aufgeben, woran ihre Karriere zerbricht. 


Karpatenschafe (von Iulian Arion auf Pixabay)


Die Kindheit geht vorüber, als die Adler kommen. Die Adler, die auf die vom Felsen abgestürzten Schafherden niederstoßen, ein Unglück dass Bade Licu und seine Söhne nicht verhindern können. Doch auch die Soldaten, die jetzt in die Welt hinaus geschickt werden, tragen Adler auf der Brust. Adler mit einem Kreuz in den Fängen, dem Hakenkreuz.

Das Buch. Ich glaube nicht, dass es dem dreizehn Jahre alten Hans Bergel möglich gewesen wäre, die Gespräche im Elternhaus mit dieser Tragweite so genau wiederzugeben. Daher denke ich, dass er durch den Großvater einen Großteil der seiner Gedanken vermittelt. Es ist ein Antikriegsbuch, ein menschliches, was an den Beschreibungen der Menschen außerhalb der Familie (Hirten, Zigeuner, Szekler, Rumänen, Juden) erkennbar ist. Die Familiensage, die sich hier abzeichnet, zeigt hier „nur“ kleinere, aber eindringliche Hinweise auf den vergangenen und den kommenden Krieg, dies wird in Die Wiederkehr der Wölfe sicherlich vordergründiger.

Schon die Kapitelnamen haben etwas Poetisches. Das erste habe ich schon erwähnt, das dritte heißt zum Beispiel „ Die historisch fruchtbaren Brüste der Semiramida Cariowanda, der blonde Bär und der Tod im Wald der ewigen Schöpfung “ Oder Kapitel 12 „Die Scharfrichter, die christliche Henkerei und Goethes souveräner Geist“. Das einzige übrigens, was ich etwas ausschweifend empfand, denn die Geschichte der Scharfrichterfamilie Bubu, deren Vorfahr auch mit einem Hennerth zu tun bekam, erscheint mir als nicht zwingend notwendig und war doch interessant. 

Ähnlich lässt er Hermann Oberth auftreten, den Raketenforscher, der aber ebenfalls aus Siebenbürgen kam.

Ich empfand den Roman vor allem auch als sprachgewaltig. Dass der Autor konsequent nach "alter" Schreibung schreibt, tut dem natürlich keinen Abbruch. Gelegentlich stutzt der jüngere Leser bei der Verwendung von Wörtern wie zum Beispiel „Zigeuner“, aber es sei gleich gesagt, wie soll er Gruppen der Sinti oder Roma anders benennen, wenn er als dreizehnjähriger Peter Henner in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre erzählt? 

Der Autor. Liest man die Einführung auf der Homepage des Autors, erfährt man so einiges über seine Art des Schreibens, wie er sie selber sieht. Hans Bergel bevorzugt Erzählungen und Essays und Autobiografisches spielt oft eine Rolle.

„Autobiografisches spielt in meinen Schriften eine Rolle. Erklärung: Das relativ breite Spektrum meiner Wissbegierde, die mich auch zu Reisen veranlasste; körperliche Bewegungsfreude, die mich in jungen Jahren zum Leistungssport trieb; mein Lebensverlauf auf mehreren Ebenen – vom Bleiminen-Häftling bis zum Berufsmusiker, vom Bauarbeiter bis zu dem von einem östlichen Geheimdienst als „außerordentlich gefährlich für die Sicherheit des Staates“ eingestuften Journalisten. Autobiografie als Themendepot.“

Dieses Themendepot breitet er ab 1996 mit dem ersten Band für eine Trologie „seiner“ Familiensaga aus, lässt zehn Jahr später Die Wiederkehr der Wölfe folgen um jetzt, im April 2021, den dritten Band herauszubringen, sollte er wirklich FINALE heißen, oder ist das eine „Arbeitstitel“?

Über das, was den Autor ausmacht, seine Ansichten zu den Deutschen und der Bundesrepublik, wird im Zusammenhang mit dem zweiten Band noch zu reden sein.

Gelungen ist ihm schon mal, dass ich mich durch „Siebenbürgen“ zappte, eine Gegend, die bisher nicht zu den bevorzugten Urlaubszielen gehörte. Aber wer weiß... Man muss ja nicht auf Graf Draculas Spuren wandeln, der, sowie Bram Stoker kurz erwähnt werden, aber es gab da eine Szene, in der Vater und Sohn zum rumänischen König Carol II. auf Schloss Peles eingeladen werden. So sieht es aus...


Bild von Iulia Radu auf Pixabay 



Bis demnächst also...


Festveranstaltung zum 95. Geburtstag


Geschichten zum Schmunzeln - Hans Bergel

© Bücherjunge

Kommentare:

  1. Was für eine detailreiche und umfassende Buchbesprechung mal wieder - gerade auch durch die Ergänzung mit den Fotos sehr schön!

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    1. Diesmal sind es aber keine Bilder von mir. Der Autor fasziniert mich. Beim nächsten Band wird es vermutlich etwas kritischer, aber nicht wegen des Buches.
      Gruß zum Sonntag
      Uwe

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