Samstag, 18. Juni 2016

Lorenz, Erik: Die Geschichte des Sitting Bull



Abb 1

Tatanka-Yotanka. Mit diesem Namen kam ich ungefähr im Jahre 1971 in Berührung. Der Große Geheimnismann der Dakota verbannte Mattotaupa, Kriegshäuptling der Bärenbande, einer Oglala Abteilung der Teton-Dakota und Vater von Harka Steinhart Nachtauge aus den Jagdgründen der Dakota. Ich glaube, ich habe den Geheimnismann gehasst – so als Achtjähriger…
Dass der weitläufig eher unter seinem englischen Namen Sitting Bull bekannte Tȟatȟáŋka Íyotake ein Häuptling und Medizinmann der Hunkpapa Lakota war, das war völlig uninteressant. Viel wichtiger war, dass er Jahre später dem Harka Steinhart Nachtauge Wolfstöter Büffelpfeilversender Bärenjäger, als Krieger genannt Stein mit Hörnern, seinen neuen Namen Tokei-ihto gab und ihn wieder in den Stammesverband der Dakota aufnahm. 


Doch dies ist die Handlung eines Romans, indem die beiden Großen, der Oglala Lakota Tȟašúŋke Witkó (Tashunka Witko oder Crazy Horse) und der Hunkpapa Lakota Tȟatȟáŋka Íyotake natürlich nicht fehlen durften. 


Abb 2 - Die Söhne der Großen Bärin und ihre Oberhäuptlinge

Der Romanzyklus Die Söhne der Großen Bärin [1] stammt von Liselotte Welskopf-Henrich und mit diesem Namen komme ich zu Erik Lorenz, durch den ich auf den Palisander Verlag aufmerksam wurde, denn Eric Lorenz schrieb mit Liselotte Welskopf-Henrich und die Indianer eine Biografie, die den Titel Hommage verdient hätte.

Doch nun genug der Schwärmerei, das Thema lautet ja Sitting Bull.

* * *

Die Geschichte des Sitting Bull hat Erik Lorenz das Buch genannt, welches von der Illustratorin Claudia Lieb wirklich eindrucksvoll gestaltet wurde. Da Biografien nur jemand liest, der sich „echt“ historisch für eine Person der Geschichte oder auch der Gegenwart interessiert, hat Erik Lorenz hier eine Erzählung vorgelegt, die sich an den tatsächlichen Überlieferungen der Nachkommen des großen Häuptlings Tatanka Iyotake orientiert. 

In dieser Erzählung erfährt der zehnjährige David von seinem Großvater die wahre Geschichte dessen, den der Junge bisher nur als mythische Figur kannte. Der Großvater erzählt vom Jungen Springender Dachs, vom Krieger, Sonnentänzer und Geheimnismann, vom Kriegshäuptling und Angehörigen einer Zirkus-Showgruppe. 

Springender Dachs war schon als Knabe ein nachdenklicher und überlegter Angehöriger der Hunkpapa. Der Großvater erzählt von dem Jungen, der vermeintlich langsam ist du gelegentlich verspottet wird:

„Springender Dachs begutachtet inzwischen einen Pfeil, den er aus seinem Köcher gezogen hat, fährt mit den Fingern über das Holz, sucht nach Unebenheiten und überprüft, ob der Schaft auch wirklich gerade ist. Er streicht über die Federn und wiegt den Pfeil in der Hand. Blaustern lacht und klopft ihm auf den Rücken. ‚Wenn du so weitermachst, wird man dich noch Langsam nennen, wenn du ein alter Mann bist.‘ Springender Dachs lächelt. Immer wieder zögert er in Situationen, in denen die anderen Jungen in seinem Alter ohne nachzudenken einfach handeln. Weil er erst alles sorgfältig in Gedanken abwägt, wurde er schon oft verspottet, denn viele halten seine Umsicht für Unvermögen oder gar Ängstlichkeit.“ [2]



Abb 3 - Bison oder Büffel
Der Junge darf sehr zeitig auf seine erste Büffeljagd mitreiten, den erlegten Bison schenkt er bedürftigen Familien, die das Jagdglück verlassen hatte oder deren Ernährer bei einem Kriegszug ums Leben kam. So eine Haltung ist hoch anerkannt.
Bereits mit vierzehn Jahren wird er auf einen Kriegszug mitgenommen und landet einen Coup.[3] Dies ist etwas, was man sich kaum vorstellen kann, wenn man kein Lakota im 19. Jahrhundert ist. Der Krieger der Krähenindianer, dem dies passiert, folgt dem Knaben wütend, reitet in die Lakotagruppe und stirbt durch den Pfeil eines anderen Kriegers.
Infolge dieser Begebenheit überträgt der Vater seinen eigenen Namen auf den Sohn. Dieser heißt nun Tatanka Iyotake. Selbst heißt der Vater nun Springender Bulle. So wird, was eher selten ist, ein vierzehnjähriger Bursche zum Krieger, der außerdem in den Bund der Starken Herzen aufgenommen wird. Dies zeigt jetzt, ungefähr im Jahr 1845 an, das dieser Indianer einmal ein bekannter Führer seines Volkes werden kann.[4] / [5]

Eric Lorenz zitiert Frances Densmore, Ethnologin und Verfasserin von Die Lieder der alten Lakota [6]

„Wenn von einem Manne bekannt war, dass er der Ehre der Mitgliedschaft im Bund der Starken Herzen vollkommen gerecht sein würde, musste dieser sich keinerlei Prüfungen mehr unterziehen. Er musste lediglich das Versprechen abgeben, tapfer zu sein bei der Verteidigung des Stammes, für die Armen und Bedürftigen zu sorgen und seinen guten tugendhaften Charakter weiterhin zu wahren.“ [7]

Mal abgesehen davon, dass diese im „europäischen“ Sinne an die Schwertleite bzw. den Ritterschlag erinnert: Wann je haben wir von armen und bedürftigen Stammesangehörigen gelesen? Für Familien, deren Ernährer durch Kriegszüge oder auf der Bisonjagd umgekommen waren, wurde im Stammesverband gesorgt und dies geschah durchaus auch indem ein Mann eine zweite Frau nahm und deren Kinder sinngemäß adoptierte. Auch Tatanka Iyotake hatte mehrere Frauen. Erzählt wird im Buch die Geschichte der Adoption eines jungen Assiniboine-Kriegers, Tatanka Iyotake nahm den tapferen Krieger nach einem Kampf mit dem feindlichen Stamm als jüngeren Bruder an. [8] Auch diese Handlung gibt ein Bild von der Kultur und dem Zusammenleben der Indianer, der Vergleich mit „Ritterlichkeit“ hätte den weißen Zuwanderern besser angestanden als der mit „Barbaren“.


Abb 4 - Der Sonnentanz
Natürlich ist dem Sonnentanz ein Kapitel gewidmet. Die Zeremonie war ein jährlich wiederkehrendes Ereignis. Oft traten mehrere Krieger zu dieser Ehrung, zu dieser Probe an, die auch religiöse Bestandteile hat. Die Reinigung im Schwitzzelt, die Besinnung auf sich selbst gehört dazu. Die bekannte Form, in der dann dem Sonnentänzer die Brust links und rechts durchstochen wird und er beim Tanz mit dem Blick in die Sonne an Stäben mit Lederriemen hängt, ist wohl die schwerere Art des Tanzes, bei der „einfacheren“ tanzt der Krieger vom Morgen bis in den nächsten Tag, bis er zusammenbricht. Bei der schwereren Art ist der Tanz noch nicht beendet, wenn die Stäbe das Brustfleisch zerreißen. Tatanka Iyotake tanzt danach noch weiter bis zum Mittag des nächsten Tages.[9] / [10] Es ist die härteste Prüfung, der sich ein Lakota stellen kann, manchmal geschah dies auch mehrere Male.

Den neuen Häuptling „umgibt eine Aura von Autorität, die aus seiner inneren Ruhe und seinem grüblerischen Charakter erwächst. Er ist stark und hat eine kräftige Brust, die die ehrenvollen Narben des Sonnentanzes zieren. Die Stammesmitglieder begegnen ihm mit Respekt.

Seine unergründlichen Augen sehen Dinge, die anderen entgehen. Ihm ist bewusst, dass sich alle Dinge, tot oder lebendig, in einem ewigen Kreislauf befinden und miteinander in Verbindung stehen. Der Büffel und der Adler, der Baum und der Busch, der Bach und das Gras, die Erde und der Fels, die Gestirne am nächtlichen Himmel, die Sonne, die Wolken, die vier Winde, sie alle sind eine Einheit, und sie alle sprechen zu ihm mit leiser Flüsterstimme. Und er hört genau hin, lauscht ihrem Wispern am Tage und in der Nacht, in seinen hellsichtigen Träumen, denn er will den Lauf der Dinge begreifen, will verstehen, was sie ihm sagen, will wissen, wie er seinem Stamm am besten dienen kann.“ [11]

In dieser Beschreibung spiegelt sich wieder, was echte Indianerfreunde an diesen Menschen fasziniert, eben nicht der „edle Wilde“, die „kriegerische Rothaut“, nicht nur der sattellose Reiter, der die lebensgefährliche Büffeljagd betreibt. In dieser Beschreibung zeigt sich auch, dass bestimmte Menschen dann zum Führer ihrer Völker werden, wenn sie eben solche Eigenschaften aufweisen. Tatanka Iyotake gehört zu diesen. Er ist nicht der strahlende Held, er ist der mutige, nachdenkliche, auch von Zweifeln geplagte Anführer von Tausenden, deren Zeit langsam zu Ende gehen wird. 

Hier endet auch der Teil 1 der Geschichte von Eric Lorenz, der Teil 2 leitet das Ende der freien Stämme der Prärieindianer ein.

* * *

Während eines großen Treffens mit anderen Stämmen melden Kundschafter eine große Schar der Langmesser, wie die Soldaten wegen ihrer Säbel genannt werden. Noch hat Tatanka Iyotake keine Ahnung, was die eigentlich wollen. Aber er erfährt von anderen Häuptlingen, dass diese wohl eine Strafexpedition unternehmen: Rache für einen Indianeraufstand weiter im Osten. Dies ist der Anfang. Vom Platz eines ersten Kampfes mit den Truppen General Sullys müssen sie fliehen. Der treibt sie in die Badlands, die sprichwörtlich werden für die Lakota und andere, die auf kargem, unfruchtbarem Land später ihr Dasein fristen werden. Kaum zu glauben, dass diese Gegend heute ein Nationalpark ist. In der Nähe bzw. darauf wird einmal die Pine Ridge Reservation liegen.

Der Vertrag von Fort Laramie, unterschrieben von bekannten Häuptlingen, nicht jedoch von Tatanka Iyotake, sichert „für alles Ewigkeit“ ein großes Gebiet zu. Auch Tatanka Iyotake hofft, dass dies stimmt. Aber seine Skepsis wird sich bewahrheiten. Ein weiterer Häuptling der Lakota hat den Vertrag nicht unterzeichnet: Tatanka Iyotake trifft auf Tashunka Witko. Die Lakota wählen sich erstmals einen Oberhäuptling. Tatanka Iyotakes Stellvertreter wird der jüngere Krieger, der als Crazy Horse bekannt werden wird.


Abb 5
Einige wenige ruhige Jahre folgen. Die Lakota jagen Büffel, überwintern in den heiligen Schwarzen Bergen. Doch dann kommen die Goldsucher. Der Strom der Wasichu [12] wird immer stärker. TatankaIyotake lehnt den Verkauf der Schwarzen Berge ab. Die Geschichte von den jungen Kriegern, die vor einem Lager, in dem sich die weißen Gegner verschanzt haben, ihren Mut beweisend, vor den Schüssen auf und abreiten, erzählt auch Ernie La Pointe in der Biografie über seinen Urgroßvater. Die Krieger fragen ihn, ob er denn mutlos wäre und Tatanka setzt sich in Gewehrschussweite seelenruhig hin. Nein, die Krieger sollen ihr kostbares Leben nicht sinnlos aufs Spiel setzen. 

Im Jahr 1975 erhalten die Lakota – Indianer und andere Stämme von der US-Regierung ein Ultimatum: Sie sollen bis zum 31. Januar 1876 auf den eingerichteten Reservationen erscheinen. Ein blutiger Sommer steht bevor. Erneut wird Tatanka Iyotake das Sonnentanzopfer bringen. Er setzt sich vor den Pfahl, 50 kleine Fleischstücke schneidet ihm sein Adoptivbruder, aus dem Körper. Danach tritt der Häuptling in die Sonne, er tanz durch die Nacht bis zum darauffolgenden Mittag.

Tatanka Iyotake spricht: „Eine Stimme sprach zu mir: ‚Blick unter die Sonne!‘. Und ich blickte unter die Sonne und sah Langmesser in großer Zahl auf ein Lager herabfallen. Sie glichen Heuschrecken, mit den Beinen in der Luft und ohne Ohren. Unter ihnen sah ich einige unseres Volkes, die ebenfalls mit den Beinen in der Luft herabfielen und keine Ohren hatten. Dann vernahm ich wieder die Stimme: ‚Ich gebe euch diese Langmesser, da sie keine Ohren haben, um zu hören. Sie werden sterben, aber ihr dürft nicht nehmen, was ihnen gehört.‘“[13]

Den Höhepunkt der folgenden Kämpfe ist die Schlacht am Little Bighorn. Es ist der 25. Juni 1876. Die vereinten Stämme vernichten die Truppen der 7th. Cavalry unter Lieutenant Colonel J.A. Custer. 

„Der Häuptling empfindet tiefe Genugtuung über den gewaltigen Sieg. Aber denkt auch an seine Vision, in der ihm der Triumpf über die Feinde vorhergesagt wurde, in der er aber auch gewarnt wurde, dass seine Leute die getöteten Wasichu nicht anrühren sollen. Dennoch haben sie es getan. Wird das Große Geheimnis sie bestrafen?“ [14]  Vielleicht nicht Wakan Tanka, aber die Wasichu selbst werden es tun. Bis in die heutige Zeit gibt es Amerikaner die Custers Zug für eine Heldentat halten. 

* * *

Abb 6 - Auf der Flucht
Eine neue Welt: So nennt Erik Lorenz den dritten Teil seines Buches. Es ist ein schmerzlicher Teil, denn in den nächste knapp 20 Jahren werden nicht nur Tatanka Iyotakes Hunkpapa sondern auch viele andere Stämme in die Reservationen getrieben werden.
Der Oberhäuptling trifft auf einen General namens Miles. Es ist Winter. Der General verlangt von ihm, sich auf die Reservation zu begeben. Doch Tatanka Iyotake lehnt ab: „Das Große Geheimnis hat mich als einen freien Indianer erschaffen, nicht als einen Reservationsindianer… Geht fort aus diesem Land. Was habt ihr hier zu suchen? ...“ [15]


 Es kommt zum Kampf. Auf der Flucht müssen die Hunkpapa Zelte, Pferde und Vorräte zurücklassen. Noch einmal treffen der „Sitzende Bulle“ und das „Verrückte Pferd“ aufeinander. [16] Hier erklärt Tatanka Iyotake seinem jüngeren Freund, dass er „in das Land der Großen Mutter“ – nach Kanada ziehen will. [17] Tashunka Witko will Bisonherden suchen. Er wird sich später zuerst auf einer Reservation einfinden und bei einem Handgemenge den Tod finden. Beim Übergang über den Missouri verliert die große Gruppe  von Tatanka Iyotake noch einmal eine Teil ihrer Habe. [18]



Abb 7 - Ein Freund in Kanada
Eine in meinen Augen sehr schöne Geschichte ist die der Freundschaft mit dem Major der Mounties, James Walsh, der versucht, Tatanka Iyotake und den Resten seines Stammes beim sesshaft werden zu helfen. Der Häuptling beschreibt den Major als „ganzen Mann, als vernünftigen Mann“… Er ließ mich begreifen, dass ich es bisher nur mit dem niedrigsten Abschaum seiner Rasse zu tun gehabt hatte.“ [19]  Im Gegenzug beschreibt Walsh so: „Er ist der klügste lebende Indianer, hat den Ehrgeiz Napoleons und ist tapferer, als für ihn gut ist. Von jedem Indianer auf der Prärie wird er respektiert und gefürchtet.  Im Kampfe nimmt es keiner mit ihm auf. Im Rat ist er allen überlegen. Jedes Wort, das er spricht, ist von Gewicht, wird zitiert und von Lager zu Lager weitergegeben.“ [20]

Doch kann ihm der Major letztlich nicht helfen: Für die große Stammesgruppe ist es nicht möglich, sich alleine durch die Jagd zu ernähren. Die großen Bisonherden gibt es nicht mehr und beim Umherstreifen geraten sie gelegentlich in Konflikt mit anderen Indianergruppen in deren Jagdgründen. Schweren Herzens kehren sie in die USA zurück.

Diese letzten zehn Jahre sind sehr schwierig für den Häuptling. Man führt Tatanka Iyotake und seine Familie durch das Land. Bismarck ist die erste Stadt, die er sieht. Auf einem Dampfschiff fahren sie den Missouri hinunter. Die Amerikaner interessieren sich durchaus für den Mann und empfangen ihn durchaus auch zuvorkommend. Er bekommt gezeigt, wie man das „eiserne Ross“ – eine Lokomotive – fährt, möchte aber nicht mitfahren, er hat es als „Feind“ erlebt und bekämpft. [21]

Die Freundlichkeit seitens der Blauröcke ist verlogen. Nicht in das Standing Rock Reservat bringen sie ihn, er wird als Kriegsgefangener nach Fort Randall gebracht. Zwei Jahre später beginnt der letzte Kampf mit nur noch einem weißen Mann: James McLaughlin ist der Vorsteher der Reservationsagentur. Bis zu Tatankas Tod, für den McLoughlin durchaus mitverantwortlich gemacht werden kann, werden sie gegen einander stehen, denn der Freiheitswille und die Traditionsbewusstheit des ehemaligen Oberhäuptlings sind weiterhin ungebrochen. Leider trifft die Einschätzung des kanadischen weißen Freundes nicht mehr umfassend zu. Andere Häuptlinge wenden sich von ihm ab, haben sich auch gelegentlich mit den Weißen auf den Reservationen arrangiert. 

Still ist es geworden, kaum noch Lieder, keine Geschichten mehr am Zeltfeuer. Heimlich jagen die Männer. Kinder wurden in ferne Schulen gebracht. So sieht es aus, das Leben in der Reservation, da kommt ein weißer Mann in die Hütte des Häuptlings: Buffalo Bill. Cowboy, Jäger, Scout. Hat im Bürgerkrieg gekämpft und beim Eisnbahnbau mitgemacht. Nun ist er Schausteller. Im Zirkus. Tatanka Iyotake geht mit ihm. Interessant: Erst der Bürgerkriegsgeneral Sherman muss sich für den Häuptling verwenden, damit er die Reservation verlassen kann. [22]

Es hält sich das Gerücht, dass der berühmteste Lakota auch in Europa an den Wild-West-Shows der Gruppe von William Cody (Buffalo Bill) teilgenommen hat, dies ist aber nicht wahr.[23] Tatanka Iyotake wird immer bekannter, verdient wohl auch eine Menge Geld, aber seine Ansprachen, mit denen er um Verständnis für die Indianer wirbt und Verbesserungen ihres elenden Reservationslebens erwirken will, kommen nicht an. Der „Custer Mörder“ will zurück zu seiner Familie. Cody bedauert dies. Ist er selbst ein Freund des Lakota? Vielleicht. [24]


 

Abb 8 - Indianergebiete
Tatanka Iyotake reist zurück in die Reservation. Die Feindschaft mit McLaughlin wird größer, denn des Häutlings Einfluss wächst wieder. Er reist auch noch einmal, nun doch mit dem Eisernen Pferd nach Washington, trifft mit anderen Häuptlingen den Präsidenten der USA, Cleveland, und verhandelt auch mit dessen Innenminister. Es ist die Tragik der indianischen Völker: Inzwischen haben einflussreiche Führer sich arrangiert und sind bereit, „ungenutztes“ Land zu verkaufen, zu „verrammschen“. 

„Es ist unser Land. Das letzte, das wir noch haben. Es gehört uns und unseren Kindern.“ [25] So versucht der Hunkpapa Lakota die anderen Häuptlinge noch einmal zu überzeugen. Doch viele haben aufgegeben. So beginnt das letzte Kapitel in der Geschichte der Lakota, zumindest das letzte Kapitel des Buches über Tatanka Iyotake. Das Christentum und die Hoffnung auf ein Leben nach dem Tode, so unähnlich sind sich die Religionen nicht, sieht man vom Sohn Gottes ab. Die Toten und die Bisons, sie werden wiederkommen. Ein falscher indianischer Prophet wird zum Auslöser der Geistertanzbewegung. Tatanka Iyotake, der ja auch viele Geheimnisse kennt, ist skeptisch, gestattet aber seinen Getreuen auch vor seiner Hütte zu tanzen. Selbst macht er nicht mit. Er ist beeindruckt von der Macht dieses Propheten Wowoka, der predigt, dass das Geistertanzhemd vor Gewehrkugeln schützt. [26] 

Die Lakota vor Tatankas Hütte werden immer mehr. Der weißhaarige McLaughlin bekommt Angst. Er will die Geistertanzbewegung beenden. Doch Tatanka Iyotake sagt zu ihm:
„Der neue Glaube gibt den Lakota neue Hoffnung… Warum willst du ihn verbieten?... Du hast mir vor langer Zeit gesagt: Ich bin ein Indianer wie jeder andere. Du erkennst nicht an, dass ich ein Häuptling bin. Dann kannst du nicht erwarten, dass ich mein Volk in deinem Sinne führe. Aber fürchte dich nicht. Wir tun nichts, wir schaden niemandem, wir greifen niemanden an und erheben keine Waffen.“ [27]







Doch die Indianer sind letztlich uneins. Die Wiesenlerche erklärt ihm, es ist seine letzte Vision: „Dein eigenes Volk wird dich ermorden.“ [28]

* * *

„ ‚Das ist das letzte Bild, dass ich von Sitting Bull habe‘. Sagt Davids Großvater und streicht vorsichtig darüber. Es zeigt einen Mann mit einer überdimensional großen buntgefiederten Wiesenlerche.“ [29]



Abb 10 - Zitate


Der Großvater erzählt die Geschichte von Verrat und Mord zu Ende. Dem Jungen eröffnen sich bisher nicht bekannte Räume und er versteht vieles. So beendet Erik Lorenz sein Buch. Er beendet es typisch indianisch möchte man meinen. Die erzählten Geschichten gilt es zu bewahren. Jahrhunderte haben die indianischen Stämme die Märchen und Mythen weitergegeben.

 * * *

Abb 11
Erik Lorenz hat ein Geschichtenbuch, ein biografisches, geschrieben. Er bettet die Lebensgeschichte des bekannten Sitting Bull in eine Rahmenhandlung ein, die wiederum eine Geschichte ist. Die einzelnen Teile bestehen aus kurzen Geschichten, die nicht nur das Leben des Helden darstellen, sie vermitteln auch viel von der Kultur der nordamerikanischen Prärieindianer. Selbstverständlich bediente er sich entsprechender Literatur.  Besonders erwähnt sei hier noch einmal die Biografie, die Urenkel Ernie LaPointe im Jahr 2009 veröffentlichte und die der Traumfängerverlag im Jahr 2011 in Deutschland herausbrachte. Vieles findet sich hier wieder und der aufmerksame Leser wird feststellen, dass die Wirkung von Erik Lorenz Buch ebenso eine authentische ist. Nicht nur dies, auch die Geschichten, Mythen und Erzählungen von Zitkala-Ša (Roter Vogel erzählt) oder John Okute Sica (Das Wunder vom Little Bighorn), kann man wiedererkennen. 


Trotzdem ist das Buch keineswegs einfach „abgeschrieben“, es ist schlichtweg hervorragend neu erzählt. Eingangs sagte ich schon einmal, es ist nicht einfach eine weitere Biografie, als solche hätte die von LaPointe vollkommen genügt, einmal abgesehen davon, dass es in den USA eine unüberschaubare Menge von Büchern und Veröffentlichungen über Sitting Bull gibt. 

Es ist sehr gut lesbar, es lädt ein zum weiter schmökern. Es ist informativ, auch wegen der kleinen Einschübe, Erklärungen und Zitate, die die einzelnen Geschichten ergänzen. Und es ist wunderschön bebildert. Mit fortschreitendem Lesen haben mir die Illustrationen von Claudia Lieb immer besser gefallen; zugegebener Maßen fand ich sie zu Beginn gewöhnungsbedürftig. Diesen Eindruck kann ich heute keineswegs mehr aufrechterhalten. Mal sind sie eher stilistisch, an indianische Malereien erinnernd, mal detailreich, nie überladen und meist nur mit den Grundfarben auskommend.

Es gibt eine Menge von sogenannter Indianerliteratur. Weder der Palisander-Verlag noch dessen Autor Erik Lorenz sind die einzigen in Deutschland, die indianische Geschichte so erzählen. Aber sie erzählen sie auf eine besondere Art und Weise. Der Verlag hat sich dem Werk von Liselotte Welskopf-Henrich verschrieben. Dem folgend, kam auch die bereits erwähnte Biografie in Chemnitz heraus. Die Palette wird ergänzt durch ganz hervorragende Sachbücher und authentischer Erzählungen. Einige wurden schon genannt. Das Gesamtverzeichnis des Verlages führt diese gleich zu Beginn alle auf.

Die Begeisterung, mit der Verlagsleiter Dr. Frank Elstner und der noch recht junge Autor Erik Lorenz das hier besprochene Buch auf der Buchmesse in Leipzig im März 2016 vorstellten, lässt da im Laufe der Zeit noch mehr erhoffen.

Abb 12 - Buchmesse Leipzig - Buchvorstellung - Erik Lorenz und Frank Elstner


Da bleibt mir nun nur noch, erst einmal Danke zu sagen dafür, dass ich das Buch als Rezensionsexemplar erhielt und die Freude hatte, der Präsentation in Leipzig beiwohnen zu können. Auch waren die Gespräche mit Herrn Dr. Elstner und mit Erik Lorenz sehr interessant. Schön, Erik, dass wir uns kennenlernen konnten. 


* * *

Erik Lorenz. Geboren 1988 in Berlin publiziert auch Reiseliteratur. Er hat über Hongkong, Kambodscha, Laos geschrieben. Der asiatische Kontinent hat es ihm angetan.

Claudia Lieb, deren Webseite „nur“ ihr Werk, aber nichts über sie selbst erzählt, wurde 1976 in Erlenbach am Main geboren. Studiert hat die Angewandte Wissenschaften und Kommunikationsdesign. Sie lebt und arbeitet in München.[30]
Übrigens haben ihre Zeichnungen und Grafiken maßgeblich dazu beigetragen, dass dieses hier besprochene Buch überhaupt in Angriff genommen wurde. [31]

DNB / Palisander Verlag / Chemnitz 2016 / ISBN: 978-3-938305-95-9 / 224 Seiten
► Erik Lorenz Webseite
► Claudia Liebs Webseite

© KaratekaDD

Abbildungen und Quellen:

Dienstag, 14. Juni 2016

Adam Zamoyski: 1815 - Napoleons Sturz und der Wiener Kongress

Eine Rezension von TinSoldier


Was will man mehr?

Erzählende Geschichte ist faszinierend, weil unterhaltsam wie ein Roman und lehrreich wie ein Geschichtsbuch.


Foto: Umschlagcover

Adam Zamoyski versteht es, uns nach seinem hervorragenden Buch "1812 - Napoleons Feldzug in Russland" ein weiteres Mal auf eine spannende und faszinierende Reise in die Vergangenheit mitzunehmen. Seine Art der Darstellung ist weder trocken noch schulmeisterlich, sondern lebendig, spannend und (wie immer) hervorragend recherchiert.
Wer also zu jenen gehört, denen in der Schule die Freude an geschichtsträchtigen Themen genommen wurde, der sollte es einmal mit einem (diesem?) Buch von Zamoyski versuchen, und wird dabei mit hoher Wahrscheinlichkeit die Erfahrung machen, dass Geschichte lebendig, spannend, lehrreich und unterhaltsam  sein kann!
Genug der Vorschusslorbeeren - was erwartet uns?




Ein Beispiel:


Von dem Fürsten von Metternich, einer der führenden Politiker seiner Zeit, dürfte wohl jeder von uns zumindest dem Namen nach schon einmal gehört haben. Bei Zamoyski wird er ( wie viele andere Größen jener Zeit) so plastisch und und mit seinen persönlichen Eigenarten beschrieben, dass man glauben könnte, es handele sich um die Beschreibung lebendiger Personen aus unserer Gegenwart:

"Im Laufe seines Lebens fand er Zutritt in die Schlafzimmer einiger der bemerkenswertesten Schönheiten seiner Zeit. Hatte er Erfolg gehabt, wurde er oft von

Caroline Murat
Bildquelle: Wikimedia Commons
sentimentaler Verliebtheit überwältigt. Er ergoß dann seine Gefühle in rührselige Briefe oder stellte sie auf merkwürdige Art zur Schau - 1810, während einer Affäre mit Napoleons Schwester Caroline Murat, trug er ostentativ ein aus ihrem Haar geflochtenes Armband."

Das erinnert uns doch irgendwie an den jungen Thomas Anders mit seinem NORA-Kettchen, oder?

Wie auch immer, jedenfalls sind es diese und andere
Details, die Zamoyskis Schilderung der historischen Ereignisse und der beteiligten Protagonisten bereichern und uns unter der Patina der seither vergangenen 200 Jahre ein lebendiges Bild erkennen lassen.

Der Wiener Kongress begann im September des Jahres 1814 und hatte die politische Neuordnung Europas nach dem Sieg über Napoleon zum Ziel.
Heute würde man so etwas als "Gipfeltreffen" der europäischen Staatsoberhäupter bezeichnen, an dem die alliierten Siegermächte über Frankreich teilnahmen.



Der Kongress tanzt
Ufa-Film 1931
Quelle: Youtube





Allerdings war es ein sehr langwieriges Gipfeltreffen, denn es dauerte bis zum 09. Juni 1815, also an die zehn Monate, in denen nicht nur verhandelt, sondern auch viel getanzt wurde.







Der Kongress tanzt
Quelle: Youtube

Der Kongress tanzt entwickelte sich dann auch zu einer treffenden Beschreibung dessen, was neben der politischen Arbeit diese zehn Monate in der Wiener Hofburg, in den Salons der Oberschicht und in den Wiener Ballsälen geschah.
Es war ein riesiges, politisch wie gesellschaftlich bedeutsames Ereignis in jener Zeit, an dem ca. 200!! Staaten mit ihren Diplomaten und Staatsoberhäuptern beteiligt waren und das bis in die heutige Zeit nachwirkt.

Der Ufa-Film von 1931 mit dem Titel: Der Kongress tanzt zeichnet sicher eine eine rührselige verbrämte Sicht der Ereignisse. Aber auch das war Zeitgeist , wenn auch nicht jener von 1815, sondern der von 1931.





Fürst Klemens Wenzel Lothar von Metternich
um 1835/40
Portrait eines unbekannten Meisters
Bildquelle: Wikimedia Commons
Der Wiener Kongress war aber mehr als ein 10 Monate andauerndes Ballvergnügen, er setzte den Grundstein für die Neuordnung Europas nach dem unrühmlichen Ende der napoleonischen Aera.
Neuordnung??
Nun, Neuordnung bedeutete in diesem Falle allerdings auch, wenn nicht überwiegend, Restauration, also die Wiederherstellung dessen, was mit Napoleons Herrschaft über Europa beendet worden war. Dies bezog sich natürlich auch und vor allem auf territoriale Fragen.
Gleichzeitig war man bestrebt, eine politische Ordnung für Europa zu finden, die das europäische Gleichgewicht wieder herstellte, um den Frieden langfristig, um Freiheit und Wohlstand zu sichern.
Und siehe da: Klingt das nicht überaus aktuell nach genau jenen Themen, mit denen wir uns heute wieder mehr denn je in Europa beschäftigen?
Mit einem Unterschied:


Zar Alexander I. war der mächtigste
Gegenspieler Napoleons
Quelle: Wikimedia Commons
1815 wollte man noch keine europäische Einheit, sondern eine politische Ordnung, die auf den überkommenen Monarchien und Staatsgebilden beruhte und die den damaligen Herrscherhäusern ihre Machtansprüche sicherte. Denn hatte man nicht gerade erst Napoleons Herrschaft über Europa beendet und dafür einen hohen Blutzoll gezahlt?
An dieser Stelle wird deutlich, dass das politische Europa von 1815 noch nicht bereit war für ein geeinigtes Europa. Wie denn auch?
Die Ordnung, die aus dem Kongress hervorging, erwies sich nicht allzu lange als stabil.
Erwähnt sei, dass Preußen umfangreiche territoriale Zugeständnisse gemacht wurden als Entschädigung der unter Napoleon erlittenen Gebietsverluste. Preußen wurde also wieder stark und diese Feststellung ist bedeutsam für die Entwicklungen in den Jahrzehnten nach 1815.




Napoleon Bonaparte
starb am 05. Mai 1821 auf der Insel
St. Helena im Südatlantik
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Historische Entwicklungen müssen über lange Zeiträume betrachtet werden, denn fast nie laufen sie geradlinig und ohne Umwege auf ein Ziel oder Ergebnis zu. So auch hier.
Auch Napoleon Bonaparte war nicht motiviert gewesen von dem europäischen Gedanken, sondern vielmehr davon, Frankreich die Vorherrschaft in Europa und in der Welt zu sichern.
Die Demütigungen, die er den Europäern, insbesondere den deutschen Staaten, namentlich Preußen, zufügte, wirkten lange nach und begründeten die deutsch-französische "Erbfeindschaft", welche auch eine der Triebfedern war, die 1871 erneut zur militärischen Auseinandersetzung zwischen Preußen und Frankreich führte. Diesmal endete es mit einem deutschen Sieg und der Reichsgründung von 1871. 
So war Deutschland als letzte Nation in Europas Mitte zum Nationalstaat geworden. Die nächsten 40 Jahre waren geprägt vom Bestreben der bereits 1815 maßgeblichen Mächte Frankreich, Österreich, Russland und dem preußisch dominierten Deutschen Kaiserreich, teils unter Säbelrasseln die eigenen Machtsphären auszudehnen oder zu erhalten. Der Deutsche Kaiser begab sich zudem in ein unsinniges Wettrüsten mit England, das durch die deutschen Bestrebungen zur Aufrüstung der Marine seine traditionelle Vormachtstellung auf den Weltmeeren gefährdet sah. 
Die zunehmende Instabilität der von nationalistischen Bestrebungen auf dem Balkan geschüttelten österreichischen Donaumonarchie erwies sich dann als Zünder, der das Pulverfass Europa 1914 zur Explosion brachte.
Der verheerende erste Weltkrieg führte zu einem Desaster für das Deutsche Kaiserreich, das bereits den Samen für den Weltkrieg II in sich trug.
1945 lag Europa erneut in Trümmern. Es folgten lange Jahre des kalten Kriegs und der deutschen Teilung.
Glasnost und die deutsche Wiedervereinigung sind nach dem Fall des "eisernen Vorhangs" bedeutsame Ereignisse der jüngeren Gegenwartsgeschichte. Und ausgerechnet Deutschland, das Land, das Europa sowie Ost und West über lange Zeit entzweite, ist heute zu einem Vorreiter der europäischen Einigung geworden. 
So zieht sich gleichsam ein roter Faden vom Wiener Kongress bis in die Gegenwart!

Noch während der Wiener Kongress tagte, geschah in Frankreich erneut Bemerkenswertes:

Napoleon floh aus der Verbannung:
Am 26. Februar 1815 verließ er seine Verbannungsinsel Elba und betrat für kurze Zeit erneut die politische Bühne. Die Nachricht schlug in Wien und anderswo ein wie eine Bombe.
Was folgte, nannte man später "die Herrschaft der hundert Tage".
Die Konsolidierung seiner Macht aber erforderte Zeit. Und eine Armee, an deren Aufstellung und Ausbildung er denn auch sofort ging.
In Wien ging unterdessen der Kongress weiter und endete am 09. Juni mit der Unterzeichnung der Schlussakte durch die europäischen Mächte.
Ich verzichte darauf, die Ergebnisse der Konferenz und die "neue" Ordnung Europas hier im Detail darzustellen, denn ich könnte es nicht annähernd so gut wie Zamoyski.
Wen dies interessiert, der lese das Buch. Es lohnt sich.

Aber es gab noch etwas zu erledigen.



Und so folgte nach der Schlussakte der finale Schlussakt: 

Die Schlacht bei Belle Alliance
(heute besser bekannt als "die Schlacht bei Waterloo")




Die Schlacht bei Waterloo
Bildquelle: Wikimedia Commons


Neben Napoleon waren die Hauptprotagonisten ein Engländer und ein Preuße:



General Duke of Wellington
Seine Armee bestand zu einem großen Teil
aus Holländern und Deutschen
Bildquelle: Wikimedia Commons

Als am späten Nachmittag die Schlacht für Wellingtons Truppen auf "Messer´s Schneide" stand, soll er gerufen haben:


"Ich wollte, es wäre Nacht oder die Preußen kämen!"



Aber wo waren die Preußen?


Die waren noch auf dem Anmarsch und mussten sich, 2 Tage vor der Schlacht bei Waterloo, zunächst bei Ligny der kräftemäßig überlegenen französichen Armee stellen. Hierbei wurde der 72-jährige Blücher fast getötet, als ihn bei einem Angriff, den er persönlich anführte, sein tödlich getroffenes Pferd unter sich begrub.

"Marschall Vorwärts":
Generalfeldmarschall 
Gebhard Leberecht von Blücher.
Bildquelle: Wikimedia Commons

Nach harten Kämpfen wurden die Preußen geschlagen, aber ihnen gelang der geordnete Rückzug. Das war der Anfang vom Ende Napoleons:

Blüchers Truppen marschierten nun in Eilmärschen gen Waterloo und trafen dort im rechten Moment ein, um die Schlacht zu entscheiden.

Mit den vereinten Kräften der Engländer und Preußen wurde Napoleon bei Waterloo vernichtend und endgültig geschlagen.

Er beendete sein Leben in der Verbannung auf der kleinen Atlantikinsel St. Helena.





« la vieille garde meurt, mais elle ne se rend pas » (deutsch: „Die (alte) Garde stirbt, aber sie ergibt sich nicht“) !



General Pierre Cambronne
Bildquelle: Wikimedia Commons
Dieser Ausspruch wird dem Befehlshaber der "Alten Garde", jener berühmten Elitetruppe Napoleons, dem französischen General Cambronne zugeschrieben, als er nach verlorener Schlacht zur Übergabe aufgefordert wurde.

In manchen Quellen wird allerdings behauptet, Cambronne habe angesichts des drohenden Todes durch eine in unmittelbarer Nähe aufgefahrene britische Batterie lediglich « Merde » („Scheiße“, danach auch « le mot de Cambronne » genannt) gebrüllt.
Er leugnete aber sein ganzes Leben, diesen Ausspruch von sich gegeben zu haben. Auch die Quellenlage darüber ist uneins. So bezeichnet Meyers Konversations-Lexikon den Ausspruch als "patriotische Erfindung".
(Quelle: Wikipedia).




Waterloo: Teil I

Waterloo: Teil II


Waterloo: Teil III
Waterloo, Teil IV
Quelle der Videos: Youtube

Soweit zu den dramatischen Ereignissen von Waterloo.
Diese nehmen im Buch Zamoyskis allerdings weniger als 2 Seiten ein und sind im Zusammenhang mit dem Wiener Kongress denn eher als Randnotiz zu betrachten.



Dieses Buch hat mir (wieder einmal) klar gemacht:

Was wir (die wir keine studierten Historiker sind) über geschichtliche Ereignisse heute wissen, ist in aller Regel nur die Spitze des Eisberges.
Das ist schade, weil wir vieles mangels tiefer gehender Kenntnisse über Hintergründe, politische und gesellschaftliche Zusammenhänge, Entwicklungen, die beteiligten Persönlichkeiten (und ihre persönlichen Befindlichkeiten) nicht mehr so recht nachvollziehen und verstehen können. Die Lebensumstände der damaligen Menschen, ihre Erziehung, ihre Motive und Absichten, sind uns nicht klar. Geschichte bleibt für uns deshalb meistens abstrakt und in vielen Fällen sind uns Ereignisse von damals schlichtweg nicht mehr nachvollziehbar, weil wir Geschichte im Normalfall überwiegend nur als chronologisch geordnete Einzelereignisse betrachten, die wir aber nicht in einen ganzheitlichen Kontext stellen.
Genau dies aber wäre notwendig, wenn wir historische Zusammenhänge und Kausalitäten erkennen und verstehen wollen, anstatt bloße Geschichtsdaten und die mit ihnen verknüpften Jahreszahlen auswendig zu kennen.  
Denn darauf beschränken wir uns leider im Normalfall:
Ein paar Namen und Jahreszahlen auswendig zu lernen, weil es zur Allgemeinbildung gehört.
Es ist aber ein großer Irrtum, anzunehmen, dass uns historische Ereignisse, die lange zurückliegen, heute nicht mehr interessieren müssen. Dies nicht nur, weil Manches von damals bis heute fortwirkt,
sondern weil wir aus den Erfahrungen der Geschichte manches lernen können für die Entscheidungen, die unsere Gegenwart und unsere Zukunft beeinflussen!

Adam Zamoyski versteht es, in seinen Büchern die Geschichte zum Leben zu erwecken. Er zeigt uns Kausalzusammenhänge auf und beleuchtet die Ereignisse auch von Seiten, die sich unserem Blick bisher entzogen haben. Und er macht uns klar: Wir müssen Geschichte immer aus ihrer Zeit heraus betrachten, um zu verstehen, warum die Dinge sich so und nicht anders entwickelten.   


Wer Geschichte lebendig erleben möchte, der sitzt bei Zamoyski in der ersten Reihe!





Zum Schluss noch ein Literaturhinweis:


Wer sich für tolle Geschichtsdarstellungen interessiert, dem empfehle ich die tollen Bücher "Preußen - Aufstieg und Niedergang 1600 - 1947" von Christopher Clark 

sowie


"Die Schlafwandler - Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog" vom gleichen Autor.
Beide Bücher werde ich demnächst hier eingehender vorstellen. 




Anmerkung: Die verwendeten Bilder sind gemäß Wikimedia Commons sämtlich Gemeinfrei

Adam Zamoyski:
1815 - Napoleons Sturz und der Wiener Kongress
aus dem Englischen von Ruth Keen und Erhard Stölting
704 Seiten
Verlag C.H.Beck









Montag, 13. Juni 2016

Zum Geburtstag




Anne Parden zum nachträglichen Geburtstagsgruß

(frei nach Friedrich v. Schiller)




Mach auf Frau Parden! Ich bin da
Und klopf an Deine Türe.
Mich schickt Papa und die Mama,
Daß ich Dir gratuliere.

Ich bringe nichts als ein Gedicht
Zu deines Tages Feier;
Denn alles, was die Mutter spricht,
Ist so entsetzlich teuer.

Sag selbst, was ich dir wünschen soll;
Ich weiß nichts zu erdenken.
Du hast ja Küch und Keller voll,
Nichts fehlt in deinen Schränken.

Es wachsen fast dir auf den Tisch
Die Spargel und die Schoten,
Die Stachelbeeren blühen frisch,
Und so die Reineclauden.

Viel fette Schweine mästest du
Und gibst den Hühnern Futter;
Die Kuh im Stalle ruft muh! muh!
Und gibt dir Milch und Butter.

Es haben alle dich so gern,
Die Alten und die Jungen,
Und deinem lieben, braven Herrn
Ist alles wohlgelungen.

Du bist wohlauf; Gott Lob und Dank!
Mußt's auch fein immer bleiben;
Ja, höre, werde ja nicht krank,
Daß sie dir nichts verschreiben!

Bei Stachelbeeren fällt mir ein:
Die schmecken gar zu süße;
Und wenn sie werden zeitig sein,
So sorge, daß ich's wisse.



Nun lebe wohl! Ich sag ade.
Gelt, ich war heut bescheiden?
Doch könntest du mir, eh ich geh,
'ne Butterbemme schneiden.

Donnerstag, 9. Juni 2016

Niven, John: Old School (Hörbuch)



Eine wilde Satire über Freundschaft, das Altern, die englische Mittelschicht und Gruppensex

Susan und Julie sind gerade 60 Jahre alt geworden. Sie leben in einem kleinen Dorf in Südengland und sind seit der Schulzeit miteinander befreundet. Susan führt ein bürgerliches Hausfrauendasein, Julie lebt in einer Sozialwohnung und arbeitet als Aushilfe in einem Pflegeheim. Als Susans Ehemann Barry tot aufgefunden wird, offenbart sich, dass er ein surreales Doppelleben als Swinger führte und Susan einen finanziellen Scherbenhaufen hinterlassen hat. Um nicht in Altersarmut abzurutschen, greifen sie zu einer radikalen Lösung: einem Banküberfall.

Gerd Köster liest Nivens kluge, aber auch verrückte Satire mit seiner Charakterstimme gewohnt lässig und mit viel rauem Charme.


(Klappentext Random House Audio)



  • MP3 CD (2 mp3-CDs, Laufzeit: 10h 17)
  • Verlag: Random House Audio; Auflage: ungekürzte Lesung (23. November 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Stephan Glietsch 
  • Sprecher: Gerd Köster
  • ISBN-10: 3837130347
  • ISBN-13: 978-3837130348
  • Originaltitel: Reservoir Oaps (Heineman)









Ich danke dem Verlag Random House Audio ganz herzlich für die Möglichkeit, dieses Hörbuch als Rezensionsexemplar hören zu dürfen!
Random House Audio








SCHRÄG, CHAOTISCH, LIEBENSWERT...





Frauenpower! Frauenpower? Nun, zunächst ist davon ehrlich gesagt nicht viel  zu bemerken. Denn eigentlich leben die vier Frauen, die hier eine wesentliche Rolle spielen, ein ganz normales Leben, woran John Niven den Leser bzw. Hörer zu Beginn auch ausgiebig teilhaben lässt.

  • Da wäre zum einen Susan, eine bodenständige Frau, die zeitlebens Hausfrau und Mutter war und sich um Geld keine Sorgen zu machen braucht, denn ihr Mann hat schließlich einen sicheren Posten und sorgt stets für eine ausreichende Deckung der Kreditkarte.
  • Ihre Freundin Julie ist da schon schlechter dran - alleinstehend und ohne großartige Rücklagen lebt sie in einer winzigen Wohnung und arbeitet regelmäßig in einem Altersheim, um überhaupt über die Runden zu kommen.
  • In diesem Altersheim verbringt sie ihre Zigarettenpausen immer wieder mit einer 87jährigen Bewohnerin, Ethel, einer skurrilen Alten, die grundsätzlich kein Blatt vor den Mund nimmt und sich geschickt kleine Vorteile zu verschaffen weiß. 'Kein Schwanz ist so hart wie das Leben' - dieser Wahlspruch ziert als Aufkleber Ethels Rollstuhl und zeigt schon, wes Geistes Kind sie ist.
  • Und die Vierte im Bunde ist die sorgengeplagte Jill, eine zurückhaltende Frau, die sich große Gedanken um ihren kleinen Enkel macht. Dieser benötigt dringend eine lebensnotwendige Operation, doch die Familie kann das erforderliche Geld dafür nicht auftreiben. Alles steuert auf eine traurige Katstrophe zu.

Doch die eigentliche Katastrophe überkommt unerwartet ausgerechnet Susan, deren gutsituiertes Leben sich plötzlich als windiges Kartenhaus entpuppt und damit alles Bisherige infrage stellt. Als ihr Mann Barry unter ungeahnten Umständen ums Leben kommt (eine wirklich ausgesprochen skurrile Situation), kommt Unglaubliches ans Tageslicht - und Susan hat plötzlich mehr Schulden an der Backe als die Bank für gut heißen kann. Und schon ist sie ihr Häuschen los, ihre Kreditkarte ebenso und gleichzeitg alles, was ihr bislang so selbstverständlich erschien. In ihrer Verzweiflung schmiedet  sie mit ihrer Freundin einen verwegenen Plan - und plötzlich befinden sich die vier Frauen in dem Abenteuer ihres Lebens...

Mehr möchte ich zu dem Inhalt nicht erzählen, denn das würde potentielle Leser / Hörer um das Vergnügen bringen, die chaotisch-schräge Handlung selbst zu entdecken. Ab hier wird nämlich zunehmend verständlich, weshalb das (Hör-)Buch so gute Wertungen erhält. Liebevoll-schrullige Charaktere verleihen dem Roadtrip der Oldies eine ganz eigene Würze, und selbst die Polizisten kommen hier zu ihrem Recht auf ihren Status als Hauptcharakter - und zu so manchem Youtube-Auftritt. Kaum scheint die Geschichte endlich wieder in ruhigerem Fahrwasser zu dümpeln, kommt die nächste Misere um die Ecke und fordert dem Einfallsreichtum der vier Frauen so einiges ab. Frauenpower eben! Ja, hier ist sie...

Durch den sehr bedächtigen Beginn der Erzählung, dazu noch sehr ruhig vorgetragen von Gerd Köster, brauchte ich ehrlich gesagt mehrere Anläufe, bis mich das Hörbuch wirklich packen konnte. Dann aber ließ es mich kaum noch los, ich fühlte mich prächtig unterhalten, und die blidhaften Szenen ließen mich oftmals laut loslachen. Auch dem Sprecher machten Figuren wie Situationen offenbar zunehmend mehr Spaß, denn die Charaktere gewannen nicht zuletzt durch die stimmliche Nuancierung um einiges an Farbe und Lebendigkeit hinzu.

Schräg, chaotisch, liebenswert - ein Hörspaß, der sich einstellt, sobald der ruhige Anfang überwunden ist. Dranbleiben lohnt sich!


© Parden











John NivenDer Verlag Random House Audio schreibt über den  Autor:


John Niven wurde in Ayrshire, Schottland geboren, und studierte in Glasgow Englische Literatur. Seinen Abschluss bestand er 1991 mit Auszeichnung und war die nächsten 10 Jahre im Musikbusiness tätig, bevor er sich 2002 ganz dem Schreiben widmete.
Als Journalist hat er Artikel für "FHM", "Q", "Word", "Socialism" und "GolfPunk" verfasst und ist außerdem der (Co-)Autor einiger teils preisgekrönter Drehbücher und Theaterstücke. Anfang 2006 erschien sein erstes Buch Music from Big Pink, das die Kritiker auf beiden Seiten des Atlantiks begeisterte. Die Filmrechte sicherten sich Steven und Jez Butterworth ("Birthday Girl", "Mojo"). Mit Kill your friends landete John Niven seinen ersten internationalen Bestseller, es folgten die Romane Coma, Gott bewahre und Das Gebot der Rache. John Niven lebt in Buckinghamshire in der Nähe von London.

übernommen vom Verlag Random House Audio



Und über den Sprecher:

Gerd Köster ist ein Allroundtalent. Er war Frontmann der legendären Band „Schröder Roadshow” und ist der einzige lebende Künstler, der Tom Waits ins Kölsche übertragen konnte, ohne ihn zu parodieren („The Piano has been drinking”). Zusammen mit Frank Hocker ist er „Köster & Hocker”. Gerd Köster überzeugt aber auch als Theaterschauspieler und Sprecher von Hörbüchern. Er hat u.a. den letzten drei Bänden der erfolgreichen „Bartimäus”-Abenteuer von Jonathan Stroud seine unverwechselbare Stimme geliehen.

übernommen vom Verlag Random House Audio

Mittwoch, 8. Juni 2016

De Vigan, Delphine: Das Lächeln meiner Mutter



»Du bist nicht so wie andere Mütter« – Von klein auf weiß Delphine, dass ihre Mutter talentierter, schöner, unkonventioneller ist als andere. Wie wenig diese jedoch dem Leben gewachsen ist, erkennt die Tochter erst als Erwachsene. Warum hat Lucile sich für den Freitod entschieden? Diese Frage treibt Delphine seit dem Tag um, an dem sie ihre Mutter tot aufgefunden hat. Sie trägt Erinnerungsstücke zusammen, spricht mit den Geschwistern ihrer Mutter, mit alten Freunden und Bekannten der Familie. Es entsteht das Porträt einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau, die ihr ganzes Leben auf der Suche war – nach Liebe, Glück und nicht zuletzt nach sich selbst. Gleichzeitig zeichnet Delphine das lebendige Bild einer französischen Großfamilie im Paris der 50er und 60er Jahre. Erinnerung um Erinnerung lernt sie ihre Mutter und schließlich auch sich selbst zu verstehen.

(Klappentext Verlagsgruppe Dromer Knaur)


  • Taschenbuch: 400 Seiten
  • Verlag: Droemer TB (3. November 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Doris Heinemann
  • Originaltitel: Rien ne s'oppose à la nuit
  • ISBN-10: 3426304120
  • ISBN-13: 978-3426304129
















NICHTS STEHT DER NACHT ENTGEGEN...


Dieses Buch ist ein Klebezettelverschlinger - so viele schöne und bedeutsame Stellen gibt es hier...


"Rien ne s'oppose à la nuit", so lautet der französische Titel des Buches - und gleichzeitig ist dies eine Liedzeile aus einem Chanson, der die Autorin während der ganzen Zeit begleitet hat, in der dieses Buch entstand. Eine düstere und mutige Schönheit empfand Delphine de Vigan beim Hören des Chansons - Attribute, die sich in diesem Roman widerspiegeln. Doch ist es überhaupt ein Roman?

"Das Lächeln meiner Mutter" ist im Grunde eine Hommage der Autorin an ihre Mutter Lucile, die mit nur 61 Jahren Selbstmord beging - eine Spurensuche, das Zusammensetzen zahlreicher Mosaiksteinchen und Erinnerungsfragmete, aus denen schließlich das Bild einer widersprüchlichen und geheimnisvollen Frau entsteht. Delphine ist es schließlich, die ihre Mutter tot auffindet...


"Ich sah sie sofort auf ihrem Bett liegen, die Schlafzimmertür war offen, Lucile kehrte mir den Rücken zu (...), sie schläft, sagte ich mir, ich nahm alle Kraft zusammen, um mir das zu sagen, ich ging in ihr Schlafzimmer (...), ich kauerte mich neben sie, ich schüttelte sie, sanft, dann heftiger (...) Der Gedanke konnte mich nicht erreichen, es war nicht akzeptabel, es war unmöglich, das kam nicht in Frage, nein." (S. 367)


Einen Teppich der Erinnerungen webt de Vigan hier, geknüpft aus Aufzeichnungen von Gesprächen mit den zahlreichen Mitgliedern der Familie, aus Notizen, Tagebucheintragungen, Briefen, Fotos, Filmen, Dokumenten... Vielschichtig das Porträt, das so nach und nach vor den Augen des Lesers entsteht - und auch und vor allem vor den Augen der Autorin. Denn es war ein schwieriger, langwieriger, kräftezehrender Prozess, in dem dieses Buch entstand, geprägt von Zweifeln, die de Vigan nicht müde wird zu betonen. Die Chronologie des Lebens ihrer Mutter, immer wieder unterbrochen durch Einblicke in den Schaffensprozess des Romans, das ist es, was den Leser hier erwartet.


"Ich weiß nicht mehr, wann mir der Gedanke kam, über meine Mutter zu schreiben, um sie herum oder von ihr aus, doch ich weiß, wie sehr ich den Gedanken ablehnte, ihn möglichst lange auf Abstand hielt und mir dabei die Liste der unzähligen Autoren vor Augen führte, die im Laufe der Jahrhunderte bis in die jüngste Gegenwart über ihre Mutter geschrieben hatten, um mir zu beweisen, wie vermint das Gelände war und wie abgegriffen das Thema (...) Wahrscheinlich hatte ich den Wunsch, eine Hommage an Lucile zu schreiben, ihr einen Sarg aus Papier - denn mir scheint, das sind die schönsten aller Särge - zu schenken und ihr ein Leben als Figur zu geben." (S. 14 und 72)


Sie zieht einen sofort in ihren Bann, diese Familiengeschichte.
Denn es ist nicht nur die Geschichte ihrer Mutter, die Delphine de Vigan hier erzählt. Die Erzählung saugt den Leser in die Szenerie einer bürgerlichen Familie hinein, hinter deren wohlanständiger Fassade Schlachten geschlagen werden,  wo Brüche unheilbare Wunden hinterlassen - bis hin zur Verzweiflung am Dasein. Vorsichtig, beihnach scheu tastet sich die Autorin an das Leben ihrer Mutter heran. Immer wieder hält sie inne, reflektiert sich und ihr Tun - und die möglichen Folgen ihrer Enthüllungen. Die Balance zwischen dem, was der Leser wissen darf und dem, was man nie erfahren
soll, wirkt dabei sehr geglückt.


"Bislang hatte sie sich nie eine Vorstellung von ihrer Zukunft machen, ihr Form und Farbe geben könen. Sie hatte sich nie in ein anderes Leben projizieren, neue Umgebungen erfinden können. Weshalb sie manchmal gedacht hatte, ihre Träume seien so groß, so maßlos, dass sie nicht einmal in ihren eigenen Kopf passten." (S. 143)


Dies ist ein Buch, das einen zunehmend fesselt. Es ist der Autorin gelungen, die Menschen, die darin vorkommen, in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu zeichnen: als gut und schlecht, verzweifelt und glücklich, hoffnungsvoll und zerstört. Ein liebevolles und schonungsloses Buch, das den Mythos
einer Familie zugleich ehrt - und dekonstruiert. Das Porträt einer zerrissenen Frau, gleichzeitig ein Ausschnitt der Chronik einer Großfamilie, eingebunden in das Zeitgeschehen vor allem der Pariser 50er und 60er Jahre.

Eine sehr persönliche Erzählung, empahtisch und klar geschrieben, aber zu keiner Zeit pathetisch oder melodramatisch - und dennoch ungemein berührend. Thematisch wie erzählerisch war dieses Buch für mich eine Entdeckung.


© Parden



















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorin:

Delphine de Vigan wurde 1966 in Paris geboren, wo sie heute noch mit ihren zwei Kindern lebt. Sie arbeitet tagsüber für ein soziologisches Forschungsinstitut und schreibt nachts, wenn alle schlafen, ihre Romane. Ihr dritter Roman, "No & ich", wurde in 11 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet (u. a. 2008 mit dem Prix des Libraires und dem Prix Rotary International). Auch "Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin" war für den Prix Goncourt nominiert.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur

Dienstag, 7. Juni 2016

Vogel, Jürgen: Erinnerungen an Philippe



In Paris scheint die Aufklärung des Todes von Philippe in Gang zu geraten. Da Silvia von der Polizei dorthin gebeten wird, reist David ihr entgegen, um sie in diesem schwierigen Moment unterstützen zu können. Die erneute Konfrontation mit dem Verbrechen veranlasst Silvia, bewegend von der gemeinsamen Vergangenheit mit ihrem Mann zu berichten. Hierdurch erhält David einen tiefgründigen Einblick in Silvias Erinnerungen an Philippe.

(Klappentext Tedition Verlag)


  • Taschenbuch: 116 Seiten
  • Verlag: tredition (19. Februar 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3734512824
  • ISBN-13: 978-3734512827
  • Reihe: David Adolphy Bd. 2





















ERINNERUNGEN IN PARIS...




Paris ist immer eine Reise wert. Dies sagt sich auch David Adolphy - doch ist es weniger ein Urlaubstrip, der ihn in die Metropole zieht, als vielmehr die Bitte einer Frau um seine Unterstützung. Silvia heißt diese Frau, und auch wenn sie sich noch nicht lange kennen, verbindet sie ein intensives Erlebnis (s. Band 1 der Trilogie: 'Der andere Ich').

Kennengelernt haben sich die beiden vor einigen Monaten in Barcelona, als sich David dort aus beruflichen Gründen für einige Wochen aufhielt. Als er dort eines Tages über den Markt schlenderte, reagierte plötzlich eine junge Frau unerwartet heftig auf seinen Anblick: sie wurde ohnmächtig. Irritiert begleitete David sie daraufhin in ein Café und erfuhr dort neben ihrem Namen den Grund für ihren offensichtlichen Schock: David sehe ihrem verstorbenen Mann Philippe täuschend ähnlich. Fotos offenbarten diese Ähnlichkeit, die auch David verblüffte. Die Neugierde war jedenfalls geweckt, und so lernten David und Silvia sich allmählich näher kennen. Doch dem Geheimnis der frappanten Ähnlichkeit der beiden Männer sind sie bislang nicht auf die Spur gekommen.

Die Pariser Polizei hat nun Silvia um ihre Mithilfe gebeten - es scheinen einige der Jugendlichen gefasst worden zu sein, die ihren Mann Philippe damals vor ihren Augen erschossen haben, und nun soll eine polizeiliche Gegenüberstellung stattfinden. Da sie große Sorge hat, dass sie dieses Procedere zu sehr aufwühlen könnte, bittet Silvia Philippes Doppelgänger um seine Unterstützung. Und so kann der Leser die beiden im zweiten Band der Trilogie bei ihrem Pariser Aufenthalt für einige Tage begleiten.

Dabei spielen die polizeilichen Untersuchungen in der gerade mal 116 Seiten starken Erzählung eine eher untergeordnete Rolle. Ausgedehnte Streifzüge durch die Straßen von Paris erwarten den Leser hier ebenso wie intensive Episoden von Silvias Erinnerungen an ihr Leben mit Philippe, dem sie bereits seit ihrer Kindheit sehr zugetan war. Besonders spannend ist eine Begegnung von David mit den Eltern Philippes, die das Aufeinandertreffen kaum zu ertragen scheinen. Doch nicht Trauer scheint sich hier Bahn zu brechen, sondern vielmehr Bestürzung - und vor allem Angst. Auch Davids Eltern haben nicht mit faszinierter Neugierde auf das Vorhandensein eines Doppelgängers ihres Sohnes reagiert, sondern sehr verhalten, und all dies kommt Silvia und David zunehmend merkwürdig vor. Doch noch sind sie der Lösung des Rätsels nicht wirklich näher gekommen...

Mir hat es Spaß gemacht, David und Silvia ein weiteres Mal zu begegnen und die Charaktere noch besser kennenzulernen, ebenso wie deren Umfeld - und die Verknüpfung mit den ausgedehnten Spaziergängen vorbei an den Sehenswürdigkeiten von Paris vermittelte dabei zuweilen das Gefühl, gemeinsam mit den beiden dort zu sein. Doch obwohl hier abwechselnd mal aus der Perspektive Davids, mal aus der von Silvia erzählt wird und man somit Einblick in die Gedanken- und Gefühlswelt der beiden erhält, mutet die Art des Schreibens tatsächlich eher sachlich an. Emotional konnte ich da nicht so sehr mitschwingen, was mir ein wenig gefehlt hat.  Der angenehme und oftmals sehr bildhafte Schreibstil dagegen hat mir gut gefallen, auch wenn die Sätze zuweilen noch etwas holprig-verschachtelt wirken. Es ist jedenfalls zu merken, wie sorgfältig Jürgen Vogel bei der Wortwahl vorgegangen ist - manchmal scheint es, als sei jedes einzelne zuvor unter die Lupe genommen und zurechtgefeilt worden.

Als größtes Manko habe ich bei diesem zweiten Teil der Trilogie die Kürze der Erzählung empfunden. Ich ahne, dass wir bei dem Rätsel um die Doppelgängerschaft einem großen Familiengeheimnis auf der Spur sind, aber noch bleibt es hier bei Andeutungen, die in diese Richtung deuten könnten, und wirklich neue Erkenntnisse gibt es diesbezüglich leider noch nicht. Aber die Spannung auf den finalen dritten Teil bleibt, und ich würde mich sehr freuen, wenn ich auch den Schluss der Trilogie demnächst lesen könnte.


© Parden














"Jürgen Vogel" - Autor bei Tredition.deDer tredition Verlag schreibt über den Autor:

Jürgen Vogel, geboren 1967 in Merzig, wuchs unter anderem in Spanien, Australien und Südostasien auf. Als aufmerksamer und sensibler Beobachter sammelte er im Laufe der Jahre zahlreiche Geschichten und Erfahrungen, die er heute mit seinen Lesern teilen möchte. Seit den 90er-Jahren lebt und arbeitet der Autor im Rheinland.

übernommen vom tredition Verlag





An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an den Autor für die überraschende Zusendung des Buches als Rezensionsexemplar!