Ein weiteres Buch von Nadine Erdmann ist nun gelesen - und diesmal ist es kein Teil einer Reihe, sondern ein einzelner und somit abgeschlossener Jugendroman. Die Autorin bleibt damit ihrer Zielgruppe treu, was mich erfahrungsgemäß aber nicht von der Lektüre abhält.
Ich habe mich sehr gefreut, dass ich hier ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt bekommen habe, das auch nicht lange aufs Gelesenwerden warten musste. Ob sich die Lektüre gelohnt hat? Lest selbst:
Tessa hat immer gewartet – auf den perfekten Moment, den perfekten
Jungen, den perfekten Kuss. Weil sie dachte, dass sie noch Zeit hat.
Doch dann erfährt das 17-jährige Mädchen, dass es bald sterben muss.
Tessa ist fassungslos, wütend, verzweifelt – bis sie Oskar trifft. Einen
Jungen, der hinter ihre Fassade zu blicken vermag, der keine Angst vor
ihrem Geheimnis hat, der ihr immer zur Seite steht. Er überrascht sie
mit einem großartigen Plan. Und schafft es so, Tessa einen perfekten
Sommer zu schenken. Einen Sommer, in dem Zeit keine Rolle spielt und
Gefühle alles sind …
Tessa ist eine hübsche, begabte Siebzehnjährige, der alles im Leben
immer zuflog. Eine Einserschülerin in der Schule, eine talentierte
Klavierschülerin, ein Stipendium in Oxford. Das Leben wäre perfekt -
wenn Tessa nicht sterben müsste. Vor einigen Wochen hat sie erfahren,
dass es keine Aussicht auf Heilung mehr gibt, und seither verkriecht
sich Tessa in ihr Zimmer, wenn sie nicht gerade wieder zu einer
Untersuchung muss.
"Ich habe immer gewartet -
wie es sich jezt herausstellt zu lange. Auf die Liebe, auf das Leben
(...) Ich wollte den perfekten Augenblick, und vielleicht ist es an der
Zeit einzusehen, dass ich ihn verpasst habe (...) Mein gesamtes Leben
bestand aus dem ersten Gang, weil ich irgendwie dachte, dass ich für den
zweiten noch genug Zeit habe."
Auf dem Weg zum
Arzt begegnen Tessas Blicke in der Bahn eines Tages denen eines Jungen
in ihrem Alter. Das Mächen fühlt sich unglaublich hingezogen zu dem
Fremden, doch es ist voll in der Bahn, und ihnen bleiben nur ihre Blicke
und ihr Lächeln, die sie nicht mehr voneinander lösen können - bis
Tessa aussteigen muss. Wieder etwas, das der Siebzehnjährigen nicht
vergönnt zu sein scheint. Aber dann steht eben dieser Junge einige Tage
darauf plötzlich vor ihr, unerwartet, für beide ein Schock - und doch
ist da gleich wieder die Faszination füreinander, das Hingezogensein
zueinander, das Versinken in den Augen des anderen.
"Das Leben wird nicht definiert von den Momenten, in denen du atmest, sondern von denen, die dir den Atem rauben."
Oskar
heißt der Junge aus der Bahn, der Tessa immer wieder aufs Neue den Atem
raubt - und sie ihm. Doch darf eine Liebe unter diesen Vorzeichen sein?
Eine Liebe, die keine Zukunft hat? Oskar kämpft um diese Liebe, und
auch als er erfährt, dass ihm und Tessa nur noch einige Wochen bleiben,
bleibt er bei ihr. Er kann ihr nicht mehr Zeit schenken, aber Momente,
die alles bedeuten können. Oskar geht mit Tessa auf eine Reise - ihre
letzte in ihrem letzten Sommer. Ihre Eltern lassen sie schließlich
gehen, denn es ist ihr Leben, und davon bleibt nicht mehr viel. Italien
heißt das Ziel der Reise, und Oskar und Tessa leben dort ihren Traum.
"Noch
vor ein paar Wochen habe ich nur an die Zeit gedacht, die ich nicht
bekommen werde. An die vielen Jahre, die ich verdient hätte, und an all
die Träume, die sich nie erfüllen werden. Ich habe immer noch zu wenig
Zeit, aber ich bin froh, ihr noch eine Bedeutung geben zu können. Ich
bin froh, dass es noch nicht zu spät ist. Was auch passiert, morgen
beginnt ein neues Leben. Ein neuer Abschnitt. Und es wird mein letzter
sein."
Eine Liebesgeschichte ohne Happy End?
Geht das überhaupt? Ja, das geht, wie Anne Freytag hier beweist. All die
Gefühle einer jungen Liebe sind da, vielleicht noch intensiver als bei
anderen Paaren, die von einer Begrenztheit der Zeit nichts ahnen. Die
Neugierde aufeinander, die Gefühlsexplosionen, die Unsicherheit, das
Entdecken des anderen - all dies liegt da zwischen den beiden
Buchdeckeln. Die Bedeutung des Augenblicks jedoch ist hier eine andere,
eine intensivere als in anderen Liebesgeschichten.
"Wir alle haben zwei Leben. Das zweite beginnt, wenn wir realisieren, dass wir nur eines haben."
Erzählt
wird größtenteils aus der Perspektive Tessas, im letzten Drittel jedoch
immer wieder auch aus der von Oskar. Dieser Schachzug hat mir gut
gefallen, denn natürlich ist Tessa diejenige, deren Lebenserwartung
begrenzt ist - aber die Menschen, die sie lieben, sind ebenso von dem
vernichtenden Urteil der Ärzte betroffen. Welch eine nahezu
unmenschliche Aufgabe Oskar da übernommen hat, mit Tessa zu verreisen
und ihre Liebe zu leben, bis der Tod dem ein Ende setzt, wird deutlich
in den Abschnitten, die einen Einblick in Oskars Gefühlswelt gewähren.
Sehr berührend, ebenso wie Tessas Erzählung.
"Wir
schweben in einer Seifenblase, von der wir genau wissen, dass sie schon
sehr bald platzen wird. Aber noch ist sie da. Noch umgibt sie uns wie
eine schützende Haut. Im Hier und Jetzt bin ich glücklich.
Unbschreiblich glücklich. Und ich kann nicht aufhören zu lächeln."
Tessa
wirkte auf mich nicht auf Anhieb sympathisch, und auch wenn ich ihr
Schicksal bedauerlich fand, gab es für mich persönlich in der ersten
Hälfte des Buches doch ein Zuviel an Wut und Selbstmitleid, auch wenn
mir klar ist, dass diese Empfindungen bei der Aussicht, nur noch einige
Wochen zu leben, nachvollziehbar sind. Die Entwicklung, die Oskar und
sie im Verlaufe ihres Roadtrips durchliefen, hat mir dagegen sehr gut
gefallen - und wieder einmal aufgezeigt, dass auch oder vielleicht
gerade bei einer zeitlich begrenzten Lebensdauer das JA zum Leben
großartig ausfallen kann.
"Ich dachte, ich gehe
als unbeschriebenes Blatt, aber das werde ich nicht. Oskar hat Spuren
hinterlassen. Seine Gefühle in meinem Herzen, seine Stimme in meinem
Kopf und seine Hände auf meiner Haut. Ich glaube, ich habe es
verstanden. Liebe ist genug. Und ich wurde geliebt."
Die
Lieder, die die beiden auf ihrer Reise durch Italien gehört haben, gibt
es als Playlist am Ende des Buches noch einmal zusammengestellt - und
manche davon habe ich mir auch angehört, was für mich eine schöne
Ergänzung beim Lesen war, da die Songs die jeweiligen Stimmungslagen
sehr gut widerspiegelten.
Eine süßtraurige Liebesgeschichte, ein
ganz besonderer Roadtrip, ein Jugendbuch, das Lächeln und Tränen einen
gleichwertigen Platz einräumt. Mich hat das Buch berührt.
Anne Freytag, geboren 1982, hat International Management studiert und
für eine Werbeagentur gearbeitet, bevor sie sich ganz dem Schreiben
widmete. Die Autorin veröffentlichte bereits mehrere Romane für
Erwachsene, unter anderem unter ihrem Pseudonym Ally Taylor. Mit ihrem
ersten Jugendbuch Mein bester letzter Sommer schrieb sie sich
direkt in die Herzen ihrer Leser und wurde von der Presse gefeiert. Anne
Freytag liebt Musik, Serien sowie die Vorstellung, durch ihre
Geschichten tausend und mehr Leben führen zu können. In diesem
Leben wohnt und arbeitet sie derzeit in München – wenn sie nicht gerade
in ferne Länder und fremde Städte reist. Manchmal auch nur in Gedanken
...