Mittwoch, 3. Januar 2024

Weigele, Erika: Der Buchmaler von Zürich

Aus einem solchen Prolog kann einfach alles werden. Wenn im November 1253 ein Säugling im Stift des Großmünsters abgegeben wird. Wer ist der der Junge? Wer wird der Junge? Was ist sein Stand? Eine Frage, die heute sicher weniger gestellt werden würde. Auf jeden Fall ist der Junge nicht mittellos, jährlich gehen Zahlungen, sein Fortkommen und seine Ausbildung scheint gesichert: Erika Weigele teilt uns bereits im Buchtitel mit, der Junge wird wohl Der Buchmaler von Zürich.

Zwanzig Jahre später erfahren wir, dass Bertram Ziehsohn eines der Chorherren geworden ist, Konrad von Mure hat ihn unter seine Fittiche genommen. Er liest und schreibt in mehreren Sprachen und er illustriert auch schon Bücher. Für diese bracht man im 13. Jahrhundert noch Pergament. Dieses herzustellen bracht es Gerber und dann Pergamenter, unzählige Ziegen müssen das Zeitliche segnen, denn Pergament wird aus Tierhäuten hergestellt. Fides ist die Tochter eines Pergamenters und dieser begegnet eines Tages dieser Bertram... eigentlich hat Konrad (1210 – 1281), ein Gelehrter, und Kantor am Großmünster andere Pläne mit Bertram.

Der wird mit später mit Heinrich II. von Klingenberg (1240 - 1306) bis nach Lyon ziehen und dort eine Menge lernen. In Lyon findet ein Kirchenkonzil statt und Bertram benötigt eine päpstliche Dispens für seine ihm unbekannten Eltern, um nicht als Bastard zu gelten...

Zu Hause arbeitet er auch für Rüdiger Manesse (1240 – 1304) einen der Züricher Ratsherren, der sich um die juristische und zeitgenössische Literatur verdient gemacht hat.

Doch das Geheimnis um Bertrams Herkunft führt Gegner auf den Plan. Gegner mit Mordabsichten, diese kommen aus höheren Kreisen; gegen die Verbindung von Fides und Bertram ist auch Fides Mutter, die besonders gern den Predigten eines barfüßigen Franziskanermönches lauscht...

Während das 13. Jahrhundert regelmäßig den Zeitraum für historische Romane bildet, ist mir diese Zeitspanne um Rudolf von Habsburg (1218 – 1291), den Nachfolger des Stauferkaisers Friedrichs II., bisher ziemlich unbekannt. Für unserem Bertram bietet der Aufenthalt in Lyon natürlich umfangreiche Lernmöglichkeiten, denn die Politik, sei es weltliche oder geistliche erfordert eine Unmenge an Schrift- und Schreibkundigen.

Ein dickes Buch liegt hier vor mir und ich gebe zu, es erscheint mir ein kleinwenig zu dick. Die Geschichte um die Auflösung der Herkunft des fiktiven Romanhelden ist etwas lang geraten, die sehr interessanten Ausführungen über die Buchkunst hätten ausführlicher sein können. Doch dies betrifft meinen persönlichen Geschmack.


Das Nachwort der Autorin entschädigt, denn durch dieses ist es möglich, sich mit den beiden Handschriften zu befassen, die im Zusammenhang stehen mit diesem Rüdiger Manesse, dem unser Bertram zum Freund wird. Da wäre zum einen der berühmte WILHELM VON ORLENS von einem Rudolf vom Ems, ein Buch, welches die Kunsthistorikerin Weigele in der bayerischen Staatsbibliothek „durchblättern“ durfte. Sie hat sich also selbst angesprochen, wenn sie zum Einstieg in das Buch bemerkt:

"O beatissime lector, lava manus tuas et sic librum adprehende, leniter folia turna, longe a littera digito pone. Quia qui nescitscribere, putat hoc esse nullum laborem.
O glücklicher Leser, wasche deine Hände und fasse so das Buch an, drehe die Blätter sanft, halte die Finger weit ab von den Buchstaben. Der, der nicht weiß zu schreiben, glaubt nicht, dass dies eine Arbeit sei."
(Schreibereintrag in einem westgotischen Rechtsbuch aus dem 8. Jahrhundert)

Mit dem genannten Züricher Ratsherren ist mehr noch die Manessesche Liederhandschrift verbunden, in der sich die uns aus dem Literaturunterricht bekannte Abbildung des Walters von der Vogelweide befindet. Wir finden dort auch Wolfram von Eschenbach und Hartmann von Aue. *



So bekommen wir einen Eindruck von dem, was für ein Künstler dieser Bertram war, auch wenn die Abbildungen aus späteren Werken stammen. In der Liederhandschrift, so schreibt Erika Weigele, gibt es ein Gedicht, dass den Ratsherren Rüdiger Manesse, den späteren Erzbischof Heinrich von Klingenberg und die Fürstäbtissin Elisabeth von Wetzikon als Förderer der Handschrift nennt, alles historische Personen, auf die unser fiktiver Romanheld stößt.

Ein starker historischer Roman und wieder einmal fühlt sicher der Literaturblogger bestätigt, denn er denkt, dass wissenschaftliche Profession von Autorinnen und Autoren eine gute Grundlage für solche Romane bilden. Erika Weigele promovierte über diesen bebilderten Liebesroman des Rudolf von Ems. Nachwort, Kurzbiografien der historischen Personen und ein Glossar runden den historischen Roman hervorragend ab.

Ich danke der Autorin und dem Verlag für das Rezensionsexemplar und freue mich darauf, mich bei Gelegenheit mit Erika Weigele über den Roman zu unterhalten, machte sie mir doch das Buch in Ingolstadt persönlich schmackhaft; Sie erzählte mir davon an einem Abend, an welchem die HOMER-Literaturpreise 2022 verliehen wurden.











* DER MINNESÄNGER, Hartmann von Aue begegnete mir bereits 2010 bei den damaligen "Buchgesichtern", die Rezension hier ist eine der ersten Blogrezensionen vor knapp 10 Jahren.


  • © Bücherjunge

1 Kommentar:

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