Mittwoch, 10. April 2024

Trabucco Zerán, Alia: Mein Name ist Estela

 

Das Mädchen ist tot, die Haushälterin wird vernommen. Zum ersten Mal hören alle Estela zu. Szene um Szene offenbart sie ein schwindelerregendes Kammerspiel unüberbrückbarer Klassenunterschiede. Sieben Jahre hat Estela im Haus der fremden Familie gelebt, hat tagein, tagaus für sie gesorgt. Die karierte Schürze ist zu einer zweiten Haut geworden, die dünnen Wände ihres Zimmers sind immer näher gerückt. Doch sie ist nicht die einzige Gefangene des Hauses: Im leeren Blick des Mädchens sieht Estela ihre eigene Einsamkeit gespiegelt. Jeder Versuch von Intimität zwischen Angestellter und Kind zerschellt an der ehrgeizigen Mutter und dem autoritären Vater, an der Brutalität der Verhältnisse. Auf engstem Raum ringen vier Menschen ums Überleben und rasen doch unausweichlich auf eine Katastrophe zu. (Verlagsbeschreibung)

DNB / Hanser Berlin / 2024 / ISBN 978-3-446-27727-4 / 240 Seiten
 
 
 
 
 
 
 
 
 
Wieder ein Leserundenbuch bei Whatchareadin - diesmal ging es nach Chile. Der Roman bietet neben der eigentlichen Geschichte interessante Einblicke in chilenische Gesellschaftsverhältnisse - ein atmosphärisch dichtes Kammerspiel mit überraschendem Ende... Mehr dazu könnt Ihr hier lesen:

















IN HAFT...





Estela sitzt eingesperrt in einer Arrestzelle vor einem Einwegspiegel und redet drauflos - jedoch ohne zu wissen, ob dahinter jemand sitzt und zuhört. Schnell erfährt man, dass sie Hausmädchen war in einer gutsituierten Familie in Chiles Hauptstadt, zuständig für den Haushalt und auch für die kleine Tochter des Ehepaares. Doch das Mädchen ist tot, und Estela will nun von den Umständen berichten, die zu dem Tod des Kindes führten - und holt dafür weit aus. 

Dabei erzählt Estela recht nüchtern und distanziert von ihrem Leben im Haus der Familie, wo ein winziges Zimmer ihr einziger Rückzugsort war. Ihre täglichen Aufgaben zählt sie ebenso wiederkehrend auf wie die Besonderheiten der einzelnen Familienmitglieder. Rasch wird deutlich, dass hier jede:r in Rollen gefangen war und keine Chance hatte, sich abseits davon zu bewegen. Der Hausherr, als Arzt erfolgreich, in der Rolle des starken Mannes, der die Richtung vorgibt; seine Frau, als Rechtsanwältin viel beschäftigt, auf kalorienbewusste und gesunde Ernährung bedacht, perfekte Gesellschaften gebend; das Mädchen, als Kind reicher Eltern von Geburt an unter dem Leistungsdruck, der in Chile in diesen Gesellschaftsschichten herrscht und erwartet wird, leidend unter der Lieblosigkeit der Eltern. Und schließlich Estela selbst, reduziert auf ihre Rolle als Hausmädchen, stets in der Uniform der karierten Schürze, die schließlich selbst die Grenzen ihrer Persönlichkeit verschwimmen sieht. 

Estela berichtet von Verhältnissen, wie sie in Chile offenbar normal sind. Über weite Strecken geht es um den Tod des Mädchens nur ganz am Rande - es wird vielmehr von bedrückenden Alltagserlebnissen erzählt, die die Einsamkeit des Mädchens (und seiner Eltern) und v.a. auch von Estela selbst in den Fokus rücken. Täglich kreisen die Hausbewohner in ihrer Einsamkeit fast berührungslos umeinander. Gerade das Mädchen und Estela sind sich in ihrer Einsamkeit ähnlich, aber aufgrund des Klassenunterschieds gibt es auch dort keine wirklichen Berührungspunkte, obwohl Estela erkennt, wie schlecht es dem Mädchen geht. Irgendwie wirken hier alle Figuren gesichtslos, nicht nur Estela (s. Cover) - da es hier v.a. um die Reduktion auf bestimmte Rollen geht (hier wird selten jemand beim Namen genannt, sondern stets in der jeweiligen Funktion), erscheint die eher plakative Darstellung der Charaktere nachvollziehbar.


"...aber ich sagte mir immer wieder: Estela, was soll denn noch passieren, ohne zu ahnen, dass alles vollkommen überstürzt passieren würde, dass das Leben über Jahre hinweg stillstand und sich dann innerhalb weniger Tage verausgabte." (S. 188)


Ein intenisves, atmosphärisch dichtes Kammerspiel präsentiert Alia Trabucco Zerán hier, bildhaft, symbolbeladen und metaphernreich und mit verschiedenen Bedeutungsebenen. Die Schilderungen des Wetters und der klimatischen Verhältnisse beispielsweise unterstreichen das familiäre Geschehen noch, phasenweise hatte ich das Gefühl, selbst in dieser heißen, trockenen Atmosphäre aus Gelb- und Brauntönen zu versinken. Als Dramaturgie funktionierte das für mich jedenfalls gut, die Spannung steigt zum Ende hin kontinuierlich. Was geschah denn nun mit dem Mädchen? Das Ende dann: ein Paukenschlag, eine unerwartete Auflösung - Überraschung gelungen.

Auf den Punkt gebracht: Ich mochte den Roman, den Einblick in chilenische Gesellschaftsverhältnisse. Und je länger man über die Erzählung nachdenkt, desto mehr scheint sich zu entpuppen. Faszinierend. 


© Parden










Alia Trabucco Zerán, geboren 1983 in Santiago de Chile. Ihr Debütroman "Die Differenz" (2021) wurde für den International Booker Prize nominiert und 2022 mit dem British Academy und dem Anna Seghers-Preis ausgezeichnet. Mein Name ist Estela ist ihr erster Roman bei Hanser Berlin. (Quelle: Hanser Berlin)

 
 
 

1 Kommentar:

  1. Inwieweit sind das chilenische Gesellschaftsverhältnisse? Kann man eine solche Nichtbeziehung nicht in vielen anderen Ländern beobachten , der Haushalt ist doch bestimmt verschiebbar...

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