Montag, 26. Oktober 2020

Wir lesen gemeinsam: Das Tartarus-Projekt von Gerd Schilddorfer

Sind Sie sicher, dass die Fliege an der Wand tatsächlich ein lebender Organismus ist? Oder eine Mini-Drohne, die Ihnen auf Schritt und Tritt folgen kann, die Sie beobachtet und einen Strom von intimen Bildern und persönlichen Informationen in eine Cloud schickt? Daten, die Sie erpressbar machen, berechenbar, ausgeliefert all jenen, die darauf Zugriff haben. Doch es kann noch schlimmer kommen …

Eine feuchtfröhliche Party im Nobelvorort Grünwald bei München endet in einem Horrorszenario – der Gastgeber, ein erfolgreicher Unternehmer, wird an die Heizung gekettet, verstümmelt, ermordet und angezündet. Michael Landorff, Journalist und Autor, der zu seiner eigenen Überraschung auf der illustren Einladungsliste stand, beginnt auf eigene Faust Nachforschungen anzustellen. Dabei trifft er auf Alexandra Buschmann, eine professionelle Pokerspielerin, die ebenfalls eingeladen war, obwohl sie den Hausherrn nicht einmal kannte. Gemeinsam machen sie sich auf den Weg, die Hintergründe des grausamen Todes zu erforschen – und geraten dabei immer tiefer in ein Netz aus Geheimdiensten, Wirtschaftsinteressen und politischem Kalkül. Schon bald laufen sie um ihr Leben. Denn es geht um eine weltweite Bedrohung von ungeahntem Ausmaß – das Tartarus-Projekt...


  • Broschiert : 304 Seiten
  • ISBN-10 : 3800090015
  • ISBN-13 : 978-3800090013
  • Herausgeber : Carl Ueberreuter Verlag, Sachbuch; 1. Auflage (30. September 2020)
  • Sprache: : Deutsch

Über sechs Jahre ist es her, dass wir (Anne und Uwe) hier im Blog gemeinsam einen Roman gelesen haben -  unglaublich! Damals ging es um 'Terrorist' von John Updike. Nun soll endlich ein weiterer Roman folgen - die Leseeindrücke und Gedanken während der Lektüre sollen hier ihren Platz finden. Wir sind selbst gespannt, was dabei herauskommt!

Der Blick zurück, liebe Anne, zu Updike, war schon etwas verblüffend. Fast schon in Vergessenheit geraten. Aber Gerd Schilddorfer ist ein guter Grund für eine neue Gemeinschaftsarbeit.

Gerd Schilddorfer ist ein Autor, dem wir beide schon sehr lange folgen - es gibt tatsächlich keinen Roman, den wir seit Erscheinen des ersten Bandes um den Abenteurer John Finch ausgelassen hätten. Lange gab es nichts Neues, und dieser aktuelle Roman ist ungewöhnlich - zum einen hat er mit John Finch nichts zu tun, zum anderen aber ist er ungewohnt 'dünn'. Gerd Schilddorfer schreibt gern, viel und episch. Er sagt selbst, dass dieser Roman mit seiner vorgegebnen maximalen Seitenzahl von 304 eine Herausforderung war und im Grunde für ihn eine Kurzgeschichte darstellt. Wir sind gespannt... 

Von uns bereits im Blog vorgestellt sind folgende Romane von Gerd Schilddorfer:

    Schilddorfer, Gerd: Falsch (AP / UR)
    Schilddorfer, Gerd: Heiß (AP / UR)
    Schilddorfer, Gerd: Der Nostradamus Coup (AP / UR)  
    Schilddorfer, Gerd: Der Zerberus-Schlüssel (AP & UR)
    Schilddorfer, Gerd: Löwenzahn & Himmelsschlüssel (AP & UR)
    Schilddorfer, Gerd: Die Novara - Österreichs Traum von der Weltmacht (UR)    

Nun soll es aber losgehen mit dem Tartarus-Projekt, zu dem es bei Lovelybooks im übrigen auch eine Leserunde gibt:









gemeinsam Lesen (Quelle: Pixabay)

Ich mache mal gleich den Anfang: die Widmung. Ich weiß, dass Gerd Ende letzten Jahres eine liebe Freundin verloren hat, die unerwartet verstorben ist. Das hinterlässt Spuren. Dieser Freundin hat Gerd den Thriller gewidmet, und ich finde, da schwingen viele Emotionen zwischen den Zeilen. Die Traurigkeit ist spürbar. Das hat mich richtig berührt.

                           ***

Mittlerweile habe ich auch mit der Lektüre begonnen (05.10.). Ich bin mitten im ersten Leseabschnitt (bis einschließlich Kapitel 7), und nun, auf Seite 45, tritt  erstmals der Kommissar auf. Davor wurde der Journalist und Autor Michael Landorff eingeführt, ebenso wie seine neue Agentin Melissa, die ihn unter ihre professionellen Fittiche nehmen will, um aus ihm endlich einen nicht nur leidenschaftlichen sondern auch erfolgreichen Autor zu machen. Erlebt habe ich den Text bis hierhin einerseits als recht witzig, andererseits aber auch als zynisch und resigniert - und denke mir meinen Teil dabei angesichts von Gerd Schilddorfers eigenem gelegentlichen Ärger mit dem Verlagswesen. Es wirkt ein wenig so, als habe der Autor mit der Verlagswelt nicht nur ein kleines Hühnchen zu rupfen - aus dem Mund seines Hauptcharakters klingt das natürlich unverfänglicher... Allerdings gefällt mir die etwas wehleidige und resignative Art Landorffs nicht so recht - ich hoffe, dass die folgenden Geschehnisse ihn gründlich aus seiner Lethargie reißen und auf Trab bringen. Mal sehen, welche bislang versteckten Eigenschaften da womöglich noch zutage treten.

***

Nun ist der erste Leseabschnitt beendet und die Fragezeichen liegen offen. Wer steckt hinter den brutalen Morden? Warum ist das Foto so interessant? Wieso wurde Landorff überhaupt zu der Party eingeladen, wo Winter ihn doch gar nicht kannte? Und was will der anonyme Anrufer? Landorff wirkt plötzlich viel mehr am Leben interessiert, wo all das auf ihn einstürmt. So gefällt er mir schon besser, auch wenn er sich teilweise etwas naiv verhält. 

 

*****

Tja, der erste Leseabschnitt: Ich musste irgendwann, also vor Leiche Nr. 1, mal auf den Buchrücken schauen, denn ich hatte „vergessen“, um was es in diesem tatsächlich dünnen „Büchlein“ geht. Diese Melissa erklärt, dass 180 bis 220 Seiten ausreichen müssen, hier haben wir nun 292 Seiten reinen Lesestoff, ohne Nachwort. Stimmt. Dünn... Umso mehr verwunderte der lange Vorspann. Die Leserunde gab vor, dass der erste Abschnitt bis Kapitel 7 geht. Das scheint gut gewählt zu sein, denn neben dem anonymen Anrufer, den Anne soeben erwähnte, tritt plötzlich eine „professionelle Pokerspielerin“ auf den Plan, die mal nicht in Las Vegas wohnen mag. Jetzt hatte ich da Gefühl, ES GEHT LOS!


*****

Ich habe jetzt erst weitergelesen, weil es in der Leserunde noch so mau zuging und von 'gemeinsam lesen' nicht viel zu sehen war. Jetzt ist Uwe aber auch eingestiegen (12.10.), dann ist der Vorsprung auch nicht so groß...

***

Ich habe nun zwei der vier Kapitel im zweiten Abschnitt gelesen und bin gerade ziemlich verblüfft. Was da am Ende von Kapitel 9 passiert, na, das kam überraschend. Die Frage ist: warum?! Gelernt habe ich aber auch wieder etwas. Vor der Lektüre des Buches kannte ich den Begriff 'Schanigarten' nicht. Beim Googeln musste ich dann lachen, als ich las, woher der Name vermutlich stammt. Die Süddeutsche Zeitung verrät nämlich: "'Schani' wiederum ist ein anderer Begriff für Kellner, der in Wien noch weit verbreitet ist. Ursprünglich kommt er vom französischen Vornamen 'Jean', manche sagen auch, er beziehe sich auf den italienischen 'Gianni', weil Italiener in Wien vor ihren Kaffeehäusern die ersten Tische im Freien aufstellten." - Das also kommt dabei heraus, wenn man Namen nicht vernünftig aussprechen kann...

***

Ich fand es übrigens auch nicht schlecht, wie Gerd Schilddorfer die technischen Zusammenhänge beim Thema der Künstlichen Intelligenz recht allgemeinverständlich und kurz dargestellt hat. Aber eben auch die Gefahren, die selbst hochrangige Wissenschaftler wie Stephen Hawking damit verbunden sehen. Die Büchse der Pandora: das scheint nicht übertrieben. Ich bin gespannt, wie es weitergeht!

Das ging mir genauso. Hier tritt der Journalist in den Vordergrund, der nicht nur erzählen, sondern auch informieren will, was ihm gut gelingt, auch in der Unterscheidung zwischen beiden Formen.

***

Und kurz darauf ist auch schon der komplette Abschnitt gelesen. Hui, hier geht es zur Sache: BND, Mossad, das ominöse Tartarus-Projekt, ein Anschlag auf Michael Landorff und die Flucht mit der Pokerspielerin Alexandra Buschmann. Wohin auch immer... Mangelnde Spannung kann jetzt wohl niemand mehr monieren, dazu noch zahllose Fragezeichen. Genau richtig! Und weniger als die Hälfte der Seiten liegt nur noch vor uns. Ich bin gespannt!

 

*****

Diese plötzlichen Wendungen sind schon verrückt. Aber Gerd Schilddorfers Figuren konnten sich noch nie sicher sein, und jeder Plan ist fünf Minuten nach Beginn sowieso futsch. Das gilt aber auch für den Leser: Hat diese rothaarige Martina noch eine Rolle? Kann man der neuen Besitzerin dieser Fa. AITC, der professionellen Pokerspielerin trauen? Ist der Fahrer der alten Dame in Wien vertrauenswürdig? Wer schießt da überhaupt durch die Gegend? War das ein Gewehr, mit dem der alte FSB/KGB Agent am Fenster umgebracht wird oder war es eine Drohne? Da macht sich ja eine richtige Paranoia auf. Vor der Caesarea muss man vielleicht nicht so sehr Angst haben, der Mossad hat nach Eichmann und MÜNCHEN vielleicht dazu gelernt.

Gleichwohl ist denkbar, dass, so wie die Welt in alte kalte Kriegsmuster zurückfällt, auch die Geheimdienste sich nicht mehr an Regeln halten. In anderen Romanen war mal zu lesen, dass es Abmachungen gegeben hätte, auf Morde zu verzichten. Aber seit es Drohnen gibt...

Du hast hier ja gleich mehrere Leseabschnitte in einem verwurstet, Uwe. So war das aber nicht gedacht, tzzzz. Hast dich wohl nicht zurückhalten können? 😜

So? Habe ich das? Kann sein. Übrigens fand ich die Leseabschnitte für die Leserunde gut getrennt, also an der richtigen Stelle.

 

*****

Ich habe jetzt den dritten Leseabschnitt gelesen und bin einigermaßen fassungslos. Tatsächlich habe ich auf Science Fiction gehofft, als ich las, worum es beim Tartarus-Projekt wirklich ging. Aber Pustekuchen - Google hat mich eines Besseren belehrt. Science-Fiction ist: jetzt. Und nicht zum Guten... Einerseits irre, was heutzutage möglich ist - andererseits vollkommen verrückt und beängstigend. Und kein Gremium der Welt, das als Kontrollinstanz fungiert und die Irren in Politik, Militär und Wirtschaft in die Schranken weist.

Ja, das ist schon beängstigend. Etwas zurückgeblickt: Vor kurzem las hörte ich ein Buch von Andreas Eschbach, in dem es um selbstlernende Naniden oder Nanomoleküle ging. Da empfand ich künstliche Intelligenz noch irgendwie als SF, die Googelei belehrte mich eines Besseren. Hier nun ist alles noch ein wenig näher und vorstellbar. Wobei die „Stealth-Mücken“ hoffentlich noch Zukunftsmusik sind. Obwohl...

                                                              Bild von Sabine Hueber auf Pixabay

Schon schade, dass der Thriller auf 304 Seiten beschränkt wurde. Ich hätte mir an der ein oder anderen Stelle doch etwas mehr Zeit gewünscht. Manches geschieht hier einfach, ohne dass klar wird, wer oder was genau dahinter steckt. Die Motivation der Mörderin von Alexandras Vater beispielsweise. Oder auch, wie Uwe schon schrieb: wer hat da eigentlich auf den alten Agenten geschossen - und womit? But so it is...

Wien reizt mich als Stadt ja durchaus auch einmal, bislang bin ich nur einmal hindurchgefahren, vor zig Jahren, auf dem Weg nach Ungarn. Das wäre es doch: Leserunde live mit Gerd als Stadtführer. Nach Corona. Oder so... Dem könnte ich auch eine Menge abgewinnen.

So, nun wartet wohl noch der Showdown, ich bin gespannt.

 

 

*****

Hui, das Ende ist erreicht, und mir schwurbelt doch ordentlich der Kopf. So viele Geheimdienste, die sich da die Klinke in die Hand geben. Aber ein schönes Verwirrspiel von wegen 'gut' und 'böse' - Gerd Schilddorfer dreht dem Leser eben gerne eine lange Nase. In meinen Augen gelungen! Ich mag es wirklich, wie der gebürtige Wiener seine Geschichten erzählt! 

Allerdings war es mir tatsächlich an manchen Stellen zu kurz. Ich weiß, dass diese für ihn geringe Seitenzahl eine Vorgabe des Verlags war und dass es sicher nicht einfach war, sich so zu beschränken. Vermutlich ohne die journalistische Erfahrung gar nicht möglich. Aber als Leser wünscht man sich halt etwas anderes. 


*****

Ich habe öfter darüber nachgedacht, was denn mit der "verbummelten Studentin" (eine Beschreibung aus der Leserunde) ist: spielt die irgendwann eine Rolle oder wird sie nur das Liebchen eines Schreiberlings? Diese Figur kam, vermutlich wegen der schon mehrfach angesprochenen Kürze zu kurz.

Dann hoffe ich, dass die Rolle dieses Schurkenstaates in Fernost, der aus dem Weltall zu erkennen ist, weil er in der Nacht total dunkel ist, nicht ganz die Rolle zu spielen vermag, die ihm hier eingeräumt wird. 

Es war wieder ein spannendes Stück Schilddorfer. Eine irre Story mit vielen aktuellen Bezügen, das kann einen schon nachdenklich machen. Jedenfalls ist meine Büronummer die 227. In die 39 kann ich nicht ziehen. Was die da machen, weiß ich aber nicht so genau... 

Da kann er dran weiterarbeiten. Vielleicht wartet er aber bis nach dem nächsten Finch.

 

*****

Dran weiterarbeiten. Ja, vielleicht. Einer Fortsetzung wäre ich sicher auch nicht abgeneigt, mehr freue ich mich aber ehrlich gesagt auf den nächsten John Finch. Den es hoffentlich geben wird. Die Eingangspassage dieses Thrillers hat mich jedenfalls nachdenklich gemacht. Da klang neben Zynismus und Ironie auch viel Bitterkeit mit, und die Vermutung hegten ja doch einige, dass da die persönlichen Erfahrungen des Autors durchkamen. Ich hoffe, dass die Bitterkeit nicht überwiegt und dass Gerd Schilddorfer weiterhin Lust hat, seine Geschichten mit uns zu teilen. Denn ein talentierter Geschichtenerzähler ist er ja allemal!

Mir hat die Lektüre jedenfalls wieder Spaß gemacht! Und auch das gemeinsame Schreiben hier...

Da schließe ich mich doch voll an...

 

*****


Kommentare:

  1. Dann wünsche ich Euch eine schöne gemeinsame Lesezeit. Vorsicht, falls eine Fliege etwas zu lange an der Wand verweilt ;-)

    Liebe Grüße von Regina und bleibt schön gesund!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Wenn Schilddorfer ist, dann kommt auch von Buchgesicht Regina ein Kommentar. Schön von dir zu hören und bleib gesund, da, in deinem Berlin. Liebe Grüße.

      Löschen
    2. Wie schön, hier einen Kommentar von dir zu finden, Regina! ☺ Bleib du auch gesund, das ist heutzutage wohl das Wichtigste! ♥

      Löschen

Durch das Kommentieren eines Beitrags auf dieser Seite, werden automatisch über Blogger (Google) personenbezogene Daten, wie E-Mail und IP-Adresse, erhoben. Weitere Informationen findest Du in unserer Datenschutzerklärung und in der Datenschutzerklärung von Google. Mit dem Abschicken eines Kommentars stimmst Du der Datenschutzerklärung zu.

Um die Übertragung der Daten so gering wie möglich zu halten, ist es möglich, auch anonym zu kommentieren.