Montag, 23. Dezember 2019

Poschenrieder, Christoph: Der unsichtbare Roman

Vor nahezu vier Jahren stellte ich hier im Blog bereits einen Roman von Christoph Poschenrieder vor: Das Sandkorn. Da ich seinerzeit von diesem Werk so angetan war, beschloss ich mich an der Leserunde bei Whatchareadin zu dem neuesten Roman des Autors zu beteiligen. Freundlicherweise wurde den Teilnehmern dafür ein Exemplar vom Verlag zur Verfügung gestellt, wofür ich mich auch an dieser Stelle noch einmal  herzlich bedanken möchte.

Es ist doch immer wieder verblüffend, mit wie viel Verve der Autor sich einem eher abseitig erscheinenden Thema nähert - so auch hier. An mangelnder Recherchearbeit liegt es jedenfalls nicht, dass dieser Roman mich nicht ganz so überzeugen konnte. Dennoch ist es spannend, auf welchem Weg sich Poschenrieder hier dem Ersten Weltkrieg annähert...


Inhalt: (Quelle: Diogenes Verlag)

Wer ist schuld am Ersten Weltkrieg? Im Jahr 1918 wird die Frage immer drängender. Da erhält der Bestsellerautor Gustav Meyrink in seiner Villa am Starnberger See ein Angebot vom Auswärtigen Amt: Ob er – gegen gutes Honorar – bereit wäre, einen Roman zu schreiben, der den Freimaurern die Verantwortung für das Blutvergießen zuschiebt. Der ganz und gar unpatriotische Schriftsteller und Yogi kassiert den Vorschuss – und bringt sich damit in Teufels Küche.









DES KAISERS NEUE KLEIDER...


Quelle: Pixabay
Obiger Klappentext gibt den Inhalt des Romans m.E. gut wieder. Gustav Meyrink, bekannt durch seinen erfolgreichen Roman 'Der Golem' sowie durch einzelne Artikel für Münchens satirische Wochenzeitschrift 'Der Simplicissimus', wird vom Auswärtigen Amt beauftragt, einen Roman zu schreiben, der klarstellt, dass die Freimaurer die Schuld am Ersten Weltkrieg tragen. Der Auftrag ereilt ihn kurz vor Ende der Kriegshandlungen, als bereits absehbar ist, dass Deutschland womöglich nicht als Sieger daraus hervorgehen wird. Entsprechend drängend erscheint dieser Auftrag.

Gustav Meyrink
Meyrink selbst ist mehr als erstaunt, dass die Wahl ausgerechnet auf ihn fällt, schlägt Alternativen vor (Ludwig Ganghofer etwa oder einer der Manns), sieht sich selbst als ausgesprochen unpolitisch und daher für wenig geeignet, eine solche Auftragsarbeit auszuführen. Doch das Geld lockt, und so geht Meyrink wider besseres Wissens schließlich darauf ein.  

Zu Beginn des Romans war ich fasziniert - von der Idee einer solchen Auftragsarbeit, von der Tatsache, dass ich beim Recherchieren entdeckte, dass vieles von dem, was Poschenrieder hier präsentiert, tatsächlich historischen Fakten entspricht, von dem Humor, der hier immer wieder aufblitzt sowie von dem Schreibstil, der mich in seiner Geschliffenheit und stilistischen Eleganz tatsächlich in die Vergangenheit katapultierte.

Doch im Grunde lässt sich die Handlung selbst auf wenige Zeilen reduzieren. Die Auftragsarbeit erweist sich für Meyrink zwar als lukrativ, aber im Grunde als nicht durchführbar. Er erlebt eine ausgewachsene Schreibblockade und versucht diese durch diverse Tricks zu beheben - erfolglos. Schließlich greift er zu einem Schelmenstück und liefert seine Arbeit ab - den unsichtbaren Roman. Des Kaisers neue Kleider in neuem Gewand. Punkt.

Kurt Eisner
Natürlich kann ein Autor einen Roman von 272 Seiten nicht derart auf den Punkt bringen. Und so verzwirbelt Poschenrieder Fakten mit Fiktion, bietet biografische Einsprengsel zur Person Gustav Meyrink, streut eigene Recherche-Notizen ein, liefert Episoden Münchner Lebens zu besagter Zeit mit Persönlichkeiten wie Kurt Eisner oder Erich Kurt Mühsam und leitet damit auch über zur Novemberrevolution 1918 in München sowie zur Ausrufung der Münchner Räterepublik. 

Viel Stoff also, der von Poschenrieder stroboskopartig eingestreut wird, so dass über weite Strecken etliche angerissene Themenfelder wenig zusammenhängend beieinander liegen. Es ergibt sich daraus zwar ein Überblick über die politische Lage zu besagter Zeit in München, doch gerät der Freimaurer-Roman dadurch fast zur Rahmenhandlung, in die all die anderen Themen eigebettet werden. Zwischendurch wird zwar auf die Schreibblockade Meyrinks eingegangen, der seine Zeit jedoch lieber in einschlägigen Wirtshäusern verbringt, in denen beispielsweise auch ein Erich Kurt Mühsam anzutreffen ist. 

Mir gefiel das Augenzwinkern der Erzählung, das hier immer wieder anzutreffen ist, ebenso wie die Idee des Schelmenstücks. Bedingt durch besagten Aufbau allerdings fand ich das Lesen oftmals anstrengend - und über weite Strecken tatsächlich langweilig. Gerade der Mittelteil wies für mich erhebliche Längen auf, und das Ende lässt m.E. zu viel Spielraum für Interpretationen. Letztlich habe ich den Roman achselzuckend zugeschlagen. 

Alles in allem hat sich Poschenrieder, dessen Roman 'Das Sandkorn' mich beispielsweise sehr begeistern konnte, wieder einem interessanten und unbekannten Aspekt der Historie rund um den Ersten Weltkrieg gewidmet. Die Ausführung jedoch konnte mich diesmal nicht wirklich überzeugen - ich hoffe daher auf sein nächstes Werk.


© Parden














Produktinformation: (Quelle: Amazon.de)
  • Gebundene Ausgabe: 272 Seiten
  • Verlag: Diogenes; Auflage: 1 (25. September 2019)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3257070772
  • ISBN-13: 978-3257070774




Informationen zum Autor: (Quelle: Diogenes Verlag)


Christoph Poschenrieder, geboren 1964 bei Boston, studierte Philosophie in München und Journalismus in New York. Seit 1993 arbeitet er als freier Journalist und Autor von Dokumentarfilmen. Heute konzentriert er sich auf das literarische Schreiben. Sein Debüt ›Die Welt ist im Kopf‹ wurde vom Feuilleton gefeiert und war auch international erfolgreich. Mit ›Das Sandkorn‹ war er 2014 für den Deutschen Buchpreis nominiert. Christoph Poschenrieder lebt in München.


Kommentare:

  1. Also waren die FREIMAURER nur Mittel zum Zweck?
    Ein 272er Diogenes erscheint mir für diese Absicht reichlich dünn...

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    1. Ja, die Freimaurer waren nur Mittel zum Zweck... Das beruht wohl auf wahren Gegebenheiten. Ich zitiere hier mal Wikipedia:

      "Der Auftrag wurde dann dem deutsch-nationalen österreichischen Politiker Friedrich Wichtl übertragen, der in Folge mehrere Pamphlete über die freimaurerisch-jüdische Weltverschwörung verfasste[12] und damit zu einem der Wegbereiter der anti-freimaurerischen Hetzschriften des Generals Erich Ludendorff und des Antisemitismus der Nationalsozialisten sowie der Legende der freimaurerisch-jüdischen Weltverschwörung wurde..."

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  2. Dann ist das so ähnlich wie im Friedhof von Prag...

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