Dienstag, 10. September 2019

Duken, Kerstin: Mehr als du siehst

Erzählungen oder Kurzgeschichten - das ist immer so eine Sache. Es ist nun einmal eine Kunst, in wenigen Seiten eine interessante Geschichte zu präsentieren, die wenigstens auch eine kleine Überraschung beinhaltet oder auf irgendeine Weise etwas Besonderes verkörpert, damit sie wirklich zum Tragen kommt.

Gelegentlich lasse ich mich aber auf dieses Experiment ein, denn fast immer finde ich in einer solchen Sammlung zumindest einige Geschichten, die mich ansprechen. Diesmal hatte ich Glück, und mir gefiel sogar der Großteil der Erzählungen. Weshalb, könnt Ihr hier lesen:




Inhalt: (Quelle: Goldmann Verlag)

Sie stromern durch die nachtleeren Straßen, sie bauen sich in ihren Altbauwohnungen eine eigene Welt, sie reizen die Kreditkarte ihres Lebens bis ans Limit aus, sie spielen ihr Spiel. Sie? Es sind die Anführer, die Angepassten und die Ausgestoßenen. All die Menschen eben, denen man täglich begegnet. Denn der Abgrund wohnt überall. Hinter Designerbrillen genauso wie unter geblümten Kleidern. Er sitzt in der U-Bahn, steht hinter dem Bankschalter oder surft im Internet. Der Abgrund hat viele Gesichter. Denen man nichts ansieht. Denn darum geht es: den Schein zu wahren und nicht in der eigenen Hölle zu verbrennen. Und wenn doch, dann so, dass es möglichst niemand bemerkt. Möglichst.









SEELENLANDSCHAFTEN, DIE UNTER DIE HAUT GEHEN...



"Mehr als du siehst" ist eine beeindruckende Sammlung literarischer Kurzgeschichten, in denen Kerstin Duken mit großer Sensibilität von Menschen erzählt , deren Leben plötzlich aus den Fugen gerät, und dabei Seelenlandschaften zeichnet, die unter die Haut gehen.

11 Geschichten präsentiert die Autorin hier, oft geschrieben in der namenlosen Ich-Perspektive der Person, um die es jeweils geht. Der Leser wird stets mitten hinein geworfen in den Strudel der Gedanken, die sich zuweilen zu überschlagen drohen, die durchweg immer erst ganz allmählich preisgeben, welcher Art der Abgrund ist, auf den diese Person zusteuert. Sei es die Bulimie-Kranke, die kurz davor ist, alles zu verlieren, sei es der Stalker, der es nicht erträgt, sitzengelassen worden zu sein oder auch die über 90Jährige, die die Alzheimer-Erkrankung zunehmend in die Knie zwingt. 

Beeindruckende, erschreckende, abstoßende und berührende Einblicke in das Seelenleben von Grenzgängern gewährt Kerstin Duken hier. Der Schreibstil ist klar und direkt, ungeschönt und häufig rau, oftmals sprunghaft wie Gedanken eben sind. Besonders berührend fand ich die Geschichte über die 90Jährige von Alzheimer Betroffene, denn deren zunehmende Verwirrung und Verzweiflung war nahezu greifbar. Sehenden Auges ins Vergessen zu taumeln - ein harter Schlag. Aber auch die anderen Geschichten konnten mich größtenteils erreichen und beeindrucken.

Kleine Geschichten, die zum Nachdenken anregen, die oft mehr unter die Haut gehen als man zunächst vermutet und die verraten, welch gute Beobachterin die Autorin ist.

Empfehlenswert!


© Parden









Produktinformation: (Quelle: Amazon.de)
  • Gebundene Ausgabe: 256 Seiten
  • Verlag: Goldmann Verlag; Auflage: 1. Aufl. (16. Februar 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3442311888
  • ISBN-13: 978-3442311880



Informationen zur Autorin: (Quelle: Verlagsgruppe Randomhouse)

Kerstin Duken, geboren 1966, lebt und arbeitet als selbständige Werbetexterin in Berlin. 2004 gründete sie die Firma "sailormade yachting" mit. Ein Unternehmen, das sich mit Design, Bau und Vertrieb von Segelyachten befasst. "Jahrhundertsommer" ist ihr literarisches Debüt, das von der Jury des BRIGITTE-Romanpreises (darunter die Schriftstellerinnen und Schriftsteller Juli Zeh, Brigit Vanderbeke und Wladimir Kaminer) mit dem BRIGITTE-Romanpreis 2007 ausgezeichnet wurde. Mit ihrer Erzählsammlung "Mehr als Du siehst" legt sie nun ihr zweites Buch vor.

Kommentare:

  1. Hallo Anne,
    ich gebe dir Recht, richtig gute, interessante und literarische Kurzgeschichten zu schreiben, ist schon eine Kunst. Der vorgestellte Band klingt spannend.
    Alzheimer-Demenz ist mies... sich so langsam selber zu verlieren mit das schlimmste, das einem passieren kann.
    LG
    Daniela

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    1. Ja, Alzheimer gehört definitiv zu den Dingen, von denen man dringend hofft verschont zu bleiben...
      LG Anne

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  2. Hi Anne, Kurzgeschichten mag ich nicht so, ich bekomme solche Bücher auch kaum in die Finger.
    Aber es soll also auch gute Kurzgeschichten geben.
    Viele Grüße
    Uwe

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    1. Es wäre ja auch langweilig, wenn alle dasselbe lesen würden... ;) Viele Grüße zurück! Anne

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