Mittwoch, 17. Oktober 2018

Wilson, Christopher: Guten Morgen, Genosse Elefant


Es gibt sehr verschiedene Arten von Humor. Man sagt gemeinhin, dass die Deutschen eine bestimmte Art von Humor haben, ganz sicher behauptet man das von den Briten und einer hat die „Psychologie des Humors“ sogar studiert. Christopher Wilson, der dann in der Goldsmith Universität in London lehrte. Er unterrichtet kreatives Schreiben, zum Beispiel in Gefängnissen. Die Ergebnisse der Insassen würde der bloggende Bücherjunge gern einmal in Augenschein nehmen. 

Manchmal gibt es Bücher, wo einem gelegentlich der Humor, das Lachen im Halse stecken bleibt, doch fangen wir von vorn an. Es sind die letzten Wochen im Leben des Josef Petrowitsch, genannt  der stählerne Mann. Manchmal auch „Wodsch“, was im Russischen für „Führer“ steht.  Doch halt: вождь ist der Begriff dafür und damit wird klar, Wilson verändert zumindest die Namen, denn es handelt um einen gewissen Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt STALIN. Die Angst vor einer Ärzteverschwörung lässt einen Tierarzt zur Untersuchung seiner Leiden kommen, der Professor aus dem Moskauer Zoo hat einen Sohn, das ist der zwölfjährige Juri, der muss mit auf die Datscha.


Juri, schwer mitgenommen durch einen Milchwagen und die Straßenbahn, wirkt entweder wie ein Trottel oder wie der liebenswerteste Zwölfjährige, den man sich denken kann. Jeder hat sofort Vertrauen zu ihm und erzählt ihm Persönlichstes. So geht es auch dem Stählernem, der Juri zu seinem Vorkoster macht, wegen der Ärzteverschwörung.






Mit verfremdeten Namen lernen wir Cruschtschow, Berija, Malenkow und andere kennen. Manch einer versucht, den Jungen für sich einzunehmen, doch der Bengel ist schlau und bewegt sich zwischen den Mächtigen und den Doppelgängern souverän. Am Ende hat er einen Brief des „Wodsch“ noch irgendwo. Das Testament?

* * *

Das mich das Buch zu ständigem Lachen gebracht hätte, kann ich nicht behaupten. Aber der Humor kommt durch die Hauptfigur durchaus hervor, wenn der Junge in scheinbarer Naivität spricht, seine erwachsenen Gegenüber an der Nase herumführt oder die Zustände in der Sowjetunion reflektiert.

Die Diktatur, das Unmenschliche dieses „Führers der sozialistischen Welt“ tritt da am stärksten auf, wo sich der „Wodsch“ und sein Vorkoster zum Beispiel über Blumen unterhalten. Es geht um Rosen:

„Das Geheimnis der Rosen besteht darin, sie jedes Jahr zurückzuschneiden. Ihre Schönheit entspringt allein einer strikten, gnadenlosen Disziplin.... Man muss alles Ungesunde, Befallene wegschneiden, und welke Blüten, die ihre Kraft, ihre Schönheit verloren haben, muss man gleich köpfen. Weißt du, wie man nennt, was am Stängel wächst?... Man nennt es den Trieb, manchmal auch den Führer. Und wenn man die Führer nicht mindestens um die Hälfte stutzt, schießen die Pflanzen zu schnell in die Höhe, wachsen ohne Kraft und Disziplin und die Blüten verkümmern.“ (Seite 135/136)

Darin steckt die Art, wie Stalin seine Macht errang und erhielt. Wenn man die Geschichte der Sowjetunion halbwegs kennt und weiß, dass in den Jahren 1936 / 1937 ähnlich wie bei den Rosen die halbe Militärführung abgesetzt, in Lager geschickt, nach Schauprozessen ermordet wurde, dann haben wir hier eine literarische Darstellung, die dies wieder spiegelt.

Ein weiteres Beispiel sei hier noch erwähnt. Der alte "Wodsch" spricht über Menschen und Geschichte und das der Junge weder die Menschen noch die Welt lieben sollte, weil die Menschen unvollkommen, die Welt schlecht ist und beide verbessert werden müssen.

„Man muss die Menschen lieben, wie sie sein könnten, nicht wie sie sind. Besser in einer besseren Welt.... 
Aber du musst Folgendes über die Geschichte wissen... Geschichte, das sind die Lügen der Sieger, denn nur Sieger erzählen die Geschichte. Und der Sieger kann sie niederschreiben, wie es ihm passt, folglich kann er die Vergangenheit auch so formen, wie er sie haben will – nicht wie sie war sondern wie sie hätte sein sollen... 
Zu siegen ist also die erste Aufgabe eines Politikers, denn nur, wenn er siegt, kann er alles in Ordnung bringen, die Vergangenheit und die Gegenwart, aber auch die Zukunft.“ (Seite 144/145)

Sodann spricht er über die Menschen. Da gibt es die, die leben müssen. Sie wären sehr nützlich, die Staatsführer, Künstler und Wissenschaftler.... Menschen, die weder Gutes tun, noch Schaden anrichten sind bedeutungslos und entbehrlich. Feinde dagegen müssen ausgelöscht werden. Manch einer kann einfach umgebracht, andere müssen „gleichsam ungeschehen“ gemacht werden. Das wäre bei Tausenden notwendig. Ebenso müssten dann auch Religion, Familien und die Liebe ungeschehen gemacht werden, weil sie keinem politischen Zweck dienen und sich nicht „um den Klassenkonflikt“ scheren. (Vgl. Seite145 – 148)

An solchen Stellen erkennt der Leser, was der Autor letztlich mitteilen will, der nur den Jungen als echt liebenswerten Menschen darstellt, vom Papa mal abgesehen. An diesen Stellen trat für mich dann der Sinn des Buches hervor, denn der Junge straft diese Aussagen Lügen. Er tut dies mit einem kindlichen, sehr geradlinigem Humor, jedoch erkennt man die Literaturfigur, wenn er die erlittene Folter des Marschalls Bruhah auf seltsam emotionslose Weise schildert.

* * *

"Es ist kein Wohlfühlbuch", schreibt Ulrike Meier vom Verlag Kiepenheuer & Witsch in ihrem Brief, der dem Rezensionsexemplar beilag.  Einen "kindlich-klugen Blick ins Zentrum der Macht" nennt sie das Buch, dies ist es wohl. Jedoch ist die Frage: Was hätte ich getan? Was wäre mit mir gewesen? - also die Frage, wie wir uns, gerufen wegen irgendwas ins Zentrum der Macht, verhalten würden hier weniger interessant. Die literarische Kunstfigur des Juri hat wahrscheinlich weniger die Funktion des Spiegelvorhalters, er informiert über die Auswüchse von absoluter Macht und warnt damit zugleich.

Im Wechsel von Humor und Ernst, von Fiktion und Wahrheit lesen wir von einem Führer, von den Menschen mit denen er sich umgab und der Gesellschaft, die er formte. Die Wirkung ist immer noch da, nach dem unter einer schrecklichen Menge von Todesopfer gewonnenen großen Krieg, Verehrer gibt es in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion eine ganze Menge. Daran allerdings wird dieses Buch eher nichts ändern können. Da es andererseits von Linken, die den Stalinismus verharmlosen, kaum gelesen werden wird, wird es Bestätigung für die Leser sein, die sich mit der Geschichte und dem Leben des Generalissimus, einem der Großen Drei, bereits beschäftigt haben. Ein Geschichtsbuch ist es nicht und außerdem schreiben ja die Sieger die Geschichte, was letztlich auch nicht verleugnet werden kann.

Vielen Dank für das Exemplar dem Verlag Kiepenheuer und Witsch.

DNB / Kiepenheuer & Witsch / Köln 2018 / ISBN: 978-3-462-05076-9 / 266 S.

© Bücherjunge


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