Samstag, 6. Oktober 2018

Kohl, Paul: Der Jude, der Nazi und seine Mörderin

Vor einiger Zeit schrieb emons: eine Nachricht und fragte an, ob ich nicht Interesse an einem Buch hätte, welches ein Paul Kohl geschrieben hat und das mit DER JUDE, DER NAZI UND SEINE MÖRDERIN überschrieben sei. Es gänge um den Holocaust und vor allem um die damit im Zusammenhang stehenden Ereignisse in Minsk, der Hauptstadt der damaligen belorussischen Sowjetrepublik. Ich sagte zu, weil der Roman ein authentisches, kein fiktives Stück Geschichte erzählen soll.



Der Lebenslauf von vier Menschen wird erzählt. Alle vier treffen sich final in Minsk wieder: Zwei sterben dort, zwei werden überleben. Die vier Menschen sind Wilhelm Kube, Anita Lindenkohl (Anita Linden), Jelena Gregorjewna Masanik und Gustav Heimann. Kube wird später bekannt als „Generalkommissar von Weißruthenien“, er ist ein korrupter Beamter des NS-Staates, Anita Linden, eine Schauspielerin, wird dessen Frau, zusammen haben sie drei Kinder. Jelena Masanik ist ein weißrussisches Bauernmädchen, sie wird als Partisanin zwei Minen unter Kubes Bett anbringen und dafür den goldenen Stern einer Heldin der Sowjetunion erhalten. Gustav Heimann und seine Familie dagegen sind fiktive Figuren, die damit einen Roman aus einem Tatsachenbericht „machen“.





Quelle: Wikipedia
Wilhelm Kube wird nach Minsk versetzt. Korrupter Nazibeamter, der er ist, wird er auf den Posten eines Generalkommissars nach „Ruthenien“ abgeschoben. Anita, seine Frau bleibt erst einmal zu Hause. Gelegenheit für Kube, sich in der Hauptstadt Weißrusslands (der weißrussischen Sowjetrepublik) richtig auszuleben und weiter zu bereichern. Besonderer Ehrgeiz, die effiziente Vernichtung der jüdischen weißrussischen Bevölkerung sowie ein wirtschaftlich erfolgreich geführtes Ghetto. Hierzu richtet er ein bis vor kurzem in der westlichen Welt eher unbekanntes Vernichtungslager - Mali Trostenec – ein. Die Dimensionen der bekanntesten Vernichtungslager erreichte dieses nie, aber die Geschwindigkeit mit der Hunderte auf dem Transport und nach Ankunft dort in den Wäldern sofort ermordet wurden, ist ebenso erschreckend.


Quelle: Wikipedia
Quelle Internet
Das Bauernmädchen Jelena, eine Waise, arbeitet sich in der Vorkriegszeit mühsam vom Land in die Stadt. Sie bekommt Kontakt zu Partisanen und erhält eine Anstellung als Dienstmädchen bei Kube. Was für eine Gelegenheit. Wenn da nicht plötzlich diese Anita und die Kinder der Kubes wären. Und später die Angst wegen der drohenden Vergeltung, die droht, wenn das Attentat gelingt. Von der Anita kommt sie Zeit ihres Lebens nicht mehr richtig los. Umgekehrt ist es genauso. Der Heldenstern wäre ihr beinahe wieder weggenommen wurden. Richtig stolz drauf ist sie wohl nie gewesen.

Die Heimanns. Was waren das für Zeiten, damals in Berlin, in der kleinen Buchhandlung. Und die immer noch vorhandene Hoffnung, dass alles nicht so bösartig wird, in jenen Tagen, nachdem die Bücher brannten und der geliebte Heine nicht mehr gekauft wurde, nicht mehr verkauft werden durfte. Am Tag X steigen sie in einen Zug, der bringt sie nach Minsk. In das Ghetto von diesem Kube. Welches geräumt wird, als es „ineffizient“ wurde. Da gibt es einen jüdischen Ingenieur aus Wien, der hat den Deutschen geholfen, die Gaskraftwagen instandzuhalten. Die Gaskraftwagen, in denen die Abgase in den „Fahrgastraum“ geleitet wurden. In einen solchen steigen nun Gustav, Erika und Gertrud Heimann gemeinsam mit dem Ingenieur...

Keine zwei Seiten für das Ende der Heimanns. Räumung, Prügel, Gaskraftwagen, Abfahrt und AUS.

Hier zeigt sich im Besonderen die Nüchternheit dieses Romans. Eben noch die Hoffnung davon zu kommen, der Kube beschäftigte jüdische Fachleute in allen möglichen Berufen, plötzlich ist sie erloschen. Nicht, dass das Buch emotionslos wäre, was man an der Geschichte der Jelena Masanik erkennt.

Der Autor hat Anita Kube und Jelena Masanik kennen gelernt. Es ist seltsam, dass beide Frauen bis zu ihem Tode aneinander zurückdachten. Vielleicht ist es aber natürlich, denn die Bomben, die Jelena Masanik unter dem Bett des Generalkommissars anbrachte, veränderten ihrer beider Leben daramatisch. Anita Kube weiß um die Verhältnisse in Minsk, die Taten ihres Mannes und hält doch bis zum eigenen Lebensende an ihm fest.


Quelle: emons:
Der Berliner Autor Paul Kohl (geb. 1937) hat sich Jahrzehnte mit der Geschichte der Wehrmacht und der SS im Laufe des Krieges in der Sowjetunion beschäftigt und mit Der Krieg der deutschen Wehrmacht und der Polizei 1941–1944: Sowjetische Überlebende berichten im Jahr 1995 ein Buch herausgebracht. Eine Schrift über Das Vernichtungslager Trostenez: Augenzeugenberichte und Dokumente erschien bereits im Jahr 2003.

Nun dieser Roman, genau in dem Jahr, in dem das Mahnmal der Weg des Todes im Wald von Blagowschtschina eingeweiht wurde. Im Beisein des deutschen Bundespräsidenten. „Der Schritt wird schwer und schwerer, je näher man diesem Ort kommt“, sagt Steinmeier in seiner Rede. „Das Wissen um das, was an diesem Ort geschehen ist, wird zur tonnenschweren Last.“  *

Dem Leser geht es ähnlich, wenn er sich das schonungslose Buch des Paul Kohl vornimmt, wenn er von den historischen und fiktiven Menschen, die er in Minsk zusammenführt, liest. Und doch muss der Bundespräsident die Nachkommen auch der Täter vor Ort vertreten, ich bin überzeugt, das ist kein leichter Gang. Das muss auch einmal gesagt werden in einer Zeit, in der Teile der deutschen Bevölkerung die Repäsentanten dieser Republik nur noch mit Argwohn betrachten und Parteien wählen, die geneigt sind, die Geschehnisse vor 80 Jahren wenn schon nicht vollkommen zu negieren, so zumindest zu relativieren.

Wiederholt habe ich davon geschrieben, dass Romane historische Sachbücher nicht ersetzen, diese aber hervorragend ergänzen können.

Das war ein gutes Buch. Ein Buchwelches "Gegen das Vergessen" gerichtet ist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

DNB / emons: Verlag / 2018 / ISBN: 978-3-7408-0307-0 / 347 S.

© Bücherjunge



* https://www.tagesspiegel.de/politik/bundespraesident-in-belarus-steinmeier-besucht-ort-des-todes/22752766.html; 05.10.2018, 21:30 Uhr


4 Kommentare:

  1. Ich bin begeistert von der ausgearbeiteten Rezension. Hier hatte mich schon der Titel angesprochen. Nach dieser Vorstellung, werde ich es mir kaufen. LG

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    1. Freut mich, auch wenn die Rezension sicher etwas Spoilerhaftes hat.

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    2. Den Titel finde ich als Einziges gar nicht verlockend.

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