Wer Babylon Berlin gesehen hat, kennt den dicken Ernst vom Alexanderplatz. Wenn nicht, dann hat vielleicht Diese oder Jener einen Roman von Regina Stürickow gelesen, in denen die Autorin dem vielleicht bedeutendsten Kriminalisten Berlins eine Art Denkmal setzt.
Kürzlich las ich Teil 1, in dem es um ein spektakulären Raub der Lohngelder der Berliner Verkehrsbetriebe ging. Mit diesem ersten Band begab sich Stürikow mit Ernst Gennat und dem (fiktiven) Helfer und Journalisten Kaminski in das Jahr 1932. Mit Band 2 hier, in dem eine tote Frau in einem Reisekorb von Berlin nach Stettin geschickt wird, lernen die beiden sich kennen. Ein bekannter Fall aus dem Jahre 1916.
- DNB / BeBra Verlag / ISBN 978-3-96201-064-5 / 272 Seiten
- audible / 8 Stunden, 5 Minuten
Es herrscht Krieg. Lebensmittel und das Geld sind knapp. Das Verbrechen ist nicht nur in den armen Schichten zu Hause, aber eben auch. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral", meinte Brecht, allerdings meinte der eher die Reichen und das organisierte Verbrechen. Wenn irgendetwas nach heutigen Maßstäben als echter Mord gelten kann, dann dieser Fall. Nachdem ein erster, ein männlicher Tatverdächtiger aus der Liste möglicher Täter fällt, kommen nur noch eine ganze Reihe völlig unterschiedlicher Frauen in Betracht.
Kaminski, ein jüdischer Journalist hat schon immer eine Affinität zur Polizei, währe am liebsten selbst Polizist oder Dedektiv, aber für jüdische Deutsche ist das eher nicht der Fall. Aber in seinem Beruf könnte man ja über die Polizeiarbeit schreiben und neuerdings scheint diese für positive Presse empfänglich zu sein. So lernt Kaminski den Gennat kennen – daraus einsteht die „Roman“-Freundschaft.
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| Reisekorb 1916 - (mit Copilot erstellt) |
Gäbe es übrigens Lissy Kaminski nicht, dann wäre der Fall vielleicht nie vor Gericht gekommen.
Leserinnen und Leser bekommen es wieder mit einem sympathischen Ermittlerpärchen zu tun, welches modern ermittelt, aber in den Kontext ihrer Zeit gestellt ist. Das gelingt Stürickow gut, wenn sie zum Beispiel die Ablehnung Gennats für den Einsatz von Suchhunden schildert. Hier ist Kaminski der Ideengeber. So macht sie den spannenden Roman interessant. Gennats Klasse zeigt sich, weil er sich eben nicht auf nahe liegende aber vage erscheinende Ermittlungsansätze stützt. Wenn der spätere gemütlich Dicke öfter mal aufbraust, dann sollten wir bedenken, er ist gerade erst 36 Jahre alt.
Björn Harras scheint sich eingelesen zu haben. Seine Stimmmodulation gerade bei den vielen Frauen im Roman ist erstaunlich. Der teilweise Stil in Fom eines Polizeiberichts findet sich nur noch dort, wo es gilt, den Fall zu rekapitulieren, überzogene Stimmen sind nicht mehr hörbar. So manche Stelle wirkte dvor allem wegen des Lesers amüsant.
Langsam komme ich auf den Geschmack. Klare Hör- und Leseempfehlung.
© Bücherjunge



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