Kurz nach Kriegsende wacht ein fünfzehnjähriger Junge in einem amerikanischen Militärhospital in Weimar auf. Flocke – So will er genannt werden, seinem Hitlerjungendausweis nach heißt er Karl-Leopold Schneeberger. Wo ist sein Vater, der Freund namens Zack, wo sind Fiona, Gerda und Rebekka, die beiden kleinen jüdischen Mädchen aus dem Nachbargarten?
Flocke muss sich zurückerinnern und erzählt den Lesern sein fünfzehnjähriges Leben. Die Mutter stirbt kurz nach der Geburt, als Vierjähriger kommt er dann mit Tante Lieselotte zum Vater nach Weimar, der ist dort Polizist. Den Deutschen Gruß, der seit einiger Zeit in Deutschland gebraucht, versteht der Knirps als „Drei Liter!“
- DNB / BoD / 18.03.2026 / ISBN: 9783695732579 / 336 Seiten
- https://uwerudnick.com/
- Auftragsrezension
Der zeitweilige Verlobte der Tante, ein SA-Mann namens Herbert, welcher Karl-Leopold gelegentlich quält, lässt den jüngeren Schuljungen am Nationalsozialismus zweifeln. Aus Angst vor Bombenangriffen zieht Flocke später in ein Gartengrundstück. Dazu stößt der Sohn eines hohen SS-Offiziers namens Zacharias, genannt Zack. Groß, athletisch, schlagfertig erweist er sich als das angenommene Gegenteil: Er hasst den Vater und das System. Zudem schmuggelt er in großem Stil. Die beiden treffen auf Fiona, die Gerda und Rebekka, zwei jüdische Mädchen beschützt.
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Auf die Löcher in einer Jacke angesprochen sagt eines der Mädchen, dass da mal der Stern dran war. Wieviel Zeit investiert die Geheime Staatspolizei um zwei kleine Mädchen, die aus Berlin nach Weimar versteckt wurden, zu finden?
Die drei jungen Menschen Fiona, Flocke und Zack sind plötzlich verantwortlich, während sich die Schlinge um die beiden Kinder enger zieht. Können sie sie retten?
Uwe Rudnick, Jahrgang 1960, erzählt die Geschichte nach dem wahren Fall von Ruth Ellen und Gittel Süßmann, die in Weimar vor der drohenden Deportation versteckt wurden. Ihre Deportation konnte nicht abgewendet werden.
Im Roman darf man eine solche Geschichte anders erzählen und so stehen Flocke, Fiona und Zack im Vordergrund. Flocke erzählt aus dem Krankenhausbett heraus und erinnert ein wenig an Oskar Matzerath aus der Blechtrommel von Günter Grass, der beschloss nicht erwachsen zu werden. Dies ist nur ein Eindruck zu Beginn. Man weiß nicht recht, der Junge schwankt zwischen kindlicher Naivität und erwachsen, manchmal zu erwachsen wirkenden Ausdrücken und Aussagen hin und her. Auch dieser ein Jahr ältere Zack ist so ein schwankender und doch völlig anderer Charakter.
Wir erleben zwei Hitlerjungen, die in deren Uniform nicht passen wollen, der eine wegen einer Fuß- oder Beinverletzung, der andere versteckt seine sehr persönliche Gesinnung und kann doch den überzeugten Nationalsozialisten darstellen. Am Ende müssen sie eine vernünftige, eine pragmatische, eine sehr erwachsene Entscheidung treffen.
Über Weimar, das als ‚deutsche‘ Stadt der Dichterfürsten Residenz des Gauleiters ist, ziehen sich auf dem Ettersberg die Baracken des Konzentrationslagers Buchenwald. Gelegentlich nur kommen handelnde Personen und Leser damit in Berührung, wenn neue Gefangene am Bahnhof auf LKW getrieben werden, oder durch die Straßen marschieren. Es kann kein Weimarer Bürger sagen, er oder sie hätte nicht geahnt, was der Kahlschlag unter der Kuppe des Buchenwaldes bedeutet.
Die letzte Szene führt in des Lagers Nähe, abrupt endet die Handlung durch einen Kolbenschlag.
Rudnick hat eine eigenständige Geschichte geschaffen, die einen ausgewogenen Spannungsbogen aufweist. Sein Ansinnen war es, Menschlichkeit in einem unmenschlichen System zu zeigen und die Schwierigkeit, sich an die eigene Menschlichkeit zu halten. Das ist ihm gelungen. Gelungen ist ihm gleichermaßen, mit unterschiedlichen Charakteren das Leben in dieser Zeit zu beschreiben, Angst, Gleichgültigkeit, Gewalt, Unmenschlichkeit, aber auch Mut, Liebe, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft trotz Gefahren für das eigene Dasein und Leben finden sich bei den handelnden Personen.
Das aber die Protagonisten im Haus des Gauleiters nach Informationen zu den Mädchen suchen, erscheint, ebenso wie die Schwarzmarktaktivitäten des Zack überzogen. Ob ein Fünfzehnjähriger, Flocke, in seinen Rückblicken zu teilweise sehr erwachsenen Reflexionen fähig ist, ist fraglich, sei hier aber als Hinweis auf Fortsetzungen erwähnt.
Leserinnen und Leser bleiben zurück mit der Frage, ob und wann es eine Fortsetzung geben wird. Der Autor verweist auf seinen Newsletter, anstatt gleich unter die letzte Zeile zu schreiben, dass ein zweiter Band folgt. Folgen muss, folgen wird. Wer das Buch gelesen hat, dürfte gespannt sein, wie sich diese Geschichte auflöst.
* * *
Was für Berufe so zum Schreiben führen: Der ehemalige Typograf und Satzdienstleister hat sich früher beruflich in Sätze und Seiten vergraben. Er weiß also um die Wirkung von Sprache und Geschriebenem. Bereits 2023 kam mit Genius Nexus sein erstes Buch heraus. Ging es dort um Gedankenmanipulation, um Kontrolle des Geistes, hat sich Uwe Rudnick nun diesem ernsten Thema hier gewidmet. Die Geschichte um die Mädcnen Süßmann hat ihn nicht mehr losgelassen. Gut so.
© Bücherjunge
Dies ist eine Auftragsrezension. Dank an den Autor für das Rezensionsexemplar.
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