Donnerstag, 16. April 2026

Stürickow, Regina: Kommissar Gennat und der Anschlag auf den Orientexpress

Björn Harras liest immer besser. Ein Könner, der jeder handelnden Person ihr besondere Stimmnote verpasst. Mit der Zeit werden Kriminalrat Ernst Gennat, der Leiter der Berliner Mordkommission und sein (fiktiver) Freund Max Kaminski zum Ohrwurm, wenn man, wie der Rezensent hier, in kurzen Abständen bereits das dritte Buch von Regina Stürickow hört. 

Da der Anschlag auf den Orientexpress in Ungarn stattfindet, die mit Österreich eng zusammenhängen, sind auch diverse Österreicher im Spiel und hier übertreibt Harras ein wenig in Anwendung des Dialekts. 

Ausnahmsweise einmal ein paar Bemerkungen zum Sprecher des Hörbuches gleich hier, geht es weiter mit dem Buch.

  • DNB / BeBra Verlag / 2021 / ISBN: 978-3-96201-070-6 / 304 Seiten
  • Audible 8 Stunden und 44 Minuten

Gleich zwei Anschläge auf die Eisenbahn müssen Gennat und Co. im Jahr 1931 ermitteln. Der erste in Jüterbog, den zweiten etwas später Biatorbágy. Was wäre Gennat in den Romanen von Stürikow ohne seinen Freund Max Kaminski und der, oder beide, ohne Lissy, die Frau von Max. Wie vernetzt die Polizeien Europas im Jahre 1931 schon sind, ist etwas verblüffend. Der "dicke" Ernst weiß also, mit was für Leuten in Wien und Budapest er da zusammenarbeiten muss. Der Deutsche erntet Missverständnis, wenn er, kaum in Wien angekommen, mit einer tatverdächtigen Person noch in Nacht sprechen will, diesem dabei ein Essen und Zigaretten spendiert und gar freundlich mit ihm spricht.

Copilot KI
Natürlich klären Kaminski, Lissigkeit (Kriminalkommissar) und Gennat die Fälle auf, aber erst der Anschlag in Ungarn bringt auch Ergebnisse in das Jüterbog-Rätsel...

Auch im dritten Teil der Gennat-Reihe kommen Kriminalistikfans, ja nicht nur Krimi-Fans, auf ihre Kosten. Konnte man im Jahre 1931 Sprengstoff auf Grund der chemischen Zusammensetzung zum Herstellungsort verfolgen? Sicher, chemisch bestimm. Aber man hat es auch tatsächlich schon gemacht.

Bereits im BVG-Lohnraub und bei der Toten im Reisekorb wies ich auf die modernen Methoden des Kriminalrats hin, die Autorin hat auch eine Biografie über ihn geschrieben. Die Romane bestechen durch den Humor, den sie dem kuchenliebenden Kriminalrat zuschreibt. Das Verhältnis zu den Kaminskis ist ein besonders freundliches, ob Gennat tatsächlich Klavier spielen konnte verrät uns vielleicht die Biografie. 

Regina Stürickow ist freie Publizistin und veröffentlicht zu Berliner Geschichte. Die Reihe um Gennat wird immer länger, die Autorin vergräbt sich in die Fälle, die ihr nach und nach unter kommen. Vielleicht dar man sich deshalb nicht wundern, dass die Bände keiner Chronologie folgen. Spielte der BVG-Lohnraub in der Nazizeit, sprang die Autorin mit der Reisekorb-Toten in das Jahr 1916 und machte Kaminski und Gennat miteinander bekannt. Die beiden Zuganschläge, siehe unten, geschahen wiederum im Jahr 1931. Übrigens tritt da ein junger Kommissar namens Arthur Nebe auf, welcher später einerseits an Massenverbrechen mit Giftgas beteiligt war und andererseits vom Volksgerichthof 1944 wegen Nähe zum Kreis des 20. Juli 44 verurteilt und hingerichtet wurde.

Zum eigenen Nachrecherchieren ist also viel Interessantes in den Büchern zu finden, die auch als Hörbücher in zwei mittellangen Autofahrten, bei Aufwaschen oder Bügeln gut zu hören sind. Auch dank Björn Harras. Zur "Psychologiepathologie" des Attentäters, einem Sylvester Matuska, wurde schon geschrieben und außerdem treffen die Kaminskis im Orient-Express auf Josefine Baker. 

Die Reihe um den "Dicken vom Alexanderplatz" werde ich weiter verfolgen und sicher auch die Biografie lesen.

© Bücherjunge


Vorsicht: Spoiler. Wikipedia - Auszug zu Bahnanschlägen eines Sylvester Matuskas.

Anzbach ( Österreich)
30. Januar 1931 – Sylvester Matuska verübte einen zweiten Anschlag an derselben Stelle. Die Lok eines Nachtschnellzugs entgleiste. Es entstand aber nur geringer Schaden.
Jüterbog ( Deutsches Reich)
8. August 1931 – Sylvester Matuska sprengte gegen 22:00 Uhr bei Jüterbog unter der Lok des Schnellzuges D 43 von Basel nach Berlin ein Stück Schiene weg, was den Zug zum Entgleisen brachte. 82 Verletzte waren die Folge.

Biatorbágy ( Ungarn)
13. September 1931 – Sylvester Matuska sprengte nahe der westlich von Budapest gelegenen Ortschaft Biatorbágy das Gleis auf dem 25 m hohen mehrbogigen Eisenbahnviadukt Biatorbágy. Lokomotive, Gepäckwagen, Schlafwagen und drei Personenwagen des Nachtschnellzuges Budapest–Wien stürzten ab. 24 Tote, 14 schwer und zahlreiche leicht Verletzte waren die Folge. In Wien wurde Matuska am 1. Oktober 1931 auf Ersuchen der ungarischen Polizei vernommen, weil er als angeblicher Fahrgast des verunglückten Zuges Schadenersatz forderte. Bei einer zweiten Vernehmung am 7. Oktober 1931 wurde er verhaftet und gab die Taten zu. Im Strafprozess konnten seine Motive nicht eindeutig geklärt werden. Matuska machte zeitweise einen verwirrten Eindruck und äußerte religiöse Wahnvorstellungen. Das Schwurgericht verurteilte ihn wegen zweier Anschläge bei Anzbach zu sechs Jahren schwerem Kerker. Nach vier Jahren Strafverbüßung wurde er wegen des Anschlags von Biatorbágy an Ungarn ausgeliefert. Dort wurde er wegen Mordes zum Tode verurteilt. Österreich hatte für die Auslieferung allerdings eine Begnadigung zu lebenslanger Haft zur Bedingung gemacht. 1982 entstand der Spielfilm Viadukt, der den Anschlag von Biatorbágy zum Thema hat.






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