Kommt man auf das Thema alliierter oder anglo-amerikanischer Bomberangriffe während des zweiten Weltkriegs, dann fallen Städtenamen wie Hamburg, Pforzheim, Würzburg, Düren, Köln, Essen, Berlin und München. Und natürlich Dresden. Letztere Stadt wurde dadurch in diesem Sinne bekannt, weil sie erst ab Februar 1945 massiv angegriffen und Dresdens Innenstadt in 48 Stunden am 13./15. Februar fast vollständig zerstört wurde. Seither ist dieses Datum nicht nur den Dresdnern eingebrannt.
Doch die Angriffe gingen weiter. Der 17. April 1945 war so ein Großkampftag für amerikanische Bomberverbände. In Dresden zerstörte man endgültig die noch vorhandenen Eisenbahnverbindungen (Bahnhof Dresden Friedrichsstadt / Güterbahnhof Walterstraße), aber die Luftschlacht fand über Sachsen und Teilen von Böhmen statt, große Zerstörungen erlitt z. B. Aussig (Usti nad Labem).
Der Zorn des Krieges überzog jetzt ebenfalls in diesen Gegenden die Bevölkerung, deren Volk ihn „frevelnd herraufbeschwor“, wie Reinhard Mey das mal besang.
Dieser 17. April ist weitgehend unbekannt, dies zu ändern, verschrieb sich Matthias Schildbach, der mit DER VERGESSENE ANGRIFF „erstmals das Luftkriegsgeschehen des 17. Aprils 1945 umfassend darstellte."
Doch nicht nur das...
Inhalt
Matthias Schildbach beschreibt diesen Dienstag im April 1945 in Bezug auf die Primärziele Dresden und Aussig, er ergänzt dies um diverse Nebenziele in Böhmen von der Elbe bis rüber nach Karlovy Vary. Die Zerstörungen waren riesig, obwohl die amerikanischen Bomberverbände militärische oder militärisch bedeutsame Ziele mehr im Blick hatten, als ihre britischen Kollegen.
Schildbach hatte bereits 2018 und 2019 zwei Bücher herausgebracht, die nun in diesem neuen Band eingegangen sind: Mid Air Collision und Die letzte Mission. Diese Bücher widmete er den Besatzungen, Piloten und Schützen, die während dieser Luftschlacht abgeschossen wurden, abgesprungen sind und im Anschluss manchmal durch Mord ihr Leben gelassen haben.
Jahre hat Schildbach damit verbracht, deren Geschichten zu erzählen. Berührend die Begegnungen mit Verwandten und Nachkommen und besonders die mit dem überlebenden First Lieutenant John W. Paul jr. Sonst in der Lage, nüchtern Fakten an Fakten zu reihen, schreibt er diese Kapitel und Episoden sehr emotional, hat er doch einige amerikanische Familien zusammen mit seiner Mutter oder seinem Sohn mehrfach besucht. Die Geschichte des Staff Sergeant Earl Albert Losse, Bombenschütze, der sein Grab bei Babisnau in der Absturzstelle der B17 - Towering Titan fand, zeigt eindringlich, wie weit und wie persönlich Matthias Schildbach recherchierte und wie dankbar selbst entfernte Verwandte für die Informationen über die bisher verschollen geglaubten USAAF - Soldaten sind. Wenn man dann liest, dass die Tochter von Earl Albert Losse erzählt, ihr Vater habe sie nur einmal gesehen und dies von ihrer betagten Mutter bestätigt wird, dann ahnt man ein klein wenig, wie wichtig diese Erlebnisse für Rose, Jeanne und ihre Familie sind.
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Earl & Rose Losse / Rose und M. Schildbach (S. 174-177) |
Unvergessen wird dem Leser sicher die Tragödie des Lieutenant Nathaniel Norman Shane bleiben, dessen Schicksal breiten Raum einnimmt, denn er wurde bei Reinhardtsgrimma ermordet. Nicht alle Menschen im dritten Reich folgten dem Versuch der Nationalsozialisten, lebende Piloten als „Bombenterroristen“ als „Kindermörder“ gleich durch die die Bewohner der Gegend, in der sie aufgefunden wurden, förmlich lynchen zu lassen, also „standrechtlich“ umzubringen. Gleichwohl ist dies mehrfach geschehen und während Pilot Paul überlebt, starb Shane durch einen Angehörigen der SS; umstehende Personen trauten sich nicht, dem Einhalt zu gebieten. (Den Besatzungen war geraten worden, sich eher der deutschen Luftwaffe oder Wehrmacht zu ergeben, als zum Beispiel der Waffen-SS). Den Fall des Ltn. Shane verfolgte Schildbach durch unzählige Aktenberge und Gerichtsverfahren nach dem Krieg. Aktiv half er später den US-Behörden, die weiterhin nach vermissten Angehörigen der Streitkräfte suchen, mit Hinweisen.
Im Kapitel Verschwunden in den Wolken widmet er sich weiteren Bomberbesatzungen, in den folgenden Kapiteln freie Jagd in Sachsen bzw. Böhmen den Begleitjägern. Stellvertretend sei das Schicksal des Lieutenant Colonel Elwyn Guido Righetti genannt, welcher bei Oberlommatzsch vermutlich durch den Dorfgendarmen und den NSDAP-Ortsgruppenleiter ermordet wurde.
Ein besonders interessantes Kapitel beschäftigt sich mit den „Hinterlassenschaften“ der Bomber.
Schildbach hat sich noch auf weitere Spurensuche begeben und listet im dazugehörigen Kapitel eine Reihe von Orten auf, die für die Geschehnisse am 17. April bedeutsam sind. Darunter sind auch Gedenkstätten und Gräber, jedoch ist es nur dem Autor zu verdanken, dass sich Jahrzehnte später Nachkommen des Piloten Shane mit denen seines Mörders förmlich vor Ort treffen und sich die Hände reichen können. Dazu gehört auch das Treffen eines Sohnes eines Bomberpiloten, der seine seine letzte Ruhestätte an der Absturzstelle seines Bombers Towering Titan fand, mit einem Zeitzeugen bei Babisnau am Rande von Dresden.
Das Buch
Vermutlich lag es nahe, die schon umfangreichen Recherchen der beiden vorhergehenden Bücher mit neuen Erkenntnissen zusammenzufassen. So entstand ein umfassendes, stark bebildertes und mit vielen Dokumenten und Kartenausschnitten versehenes Tatsachenbuch, in dem EIN EINZIGER TAG am Ende des 2. Weltkrieges zu jahrzehntelangen Recherchen eines Heimathistorikers führten. Zudem ist es ergreifend und zugleich spannend geschrieben, gelegentliche Wiederholungen sind vermutlich der Verarbeitung der Vorbücher geschuldet.
Am Beispiel der Dippoldiswalder Heide wird der Leserin, dem Leser vor Augen geführt, welche Leistungen der Kampfmittelbeseitigungsdienst immer noch leisten muss. Im eisernen Wald entschärfte der Kampfmittelbeseitigungsdienst im Jahr 2013 elf Fliegerbomben in einem Einsatz. Der Hinweise dazu stammten vom Autor. Ein Archivbericht über die Art der Einstellung der Bombenzünder half den Entschärfern, ihre gefährliche Tätigkeit auszuüben.
(Das Beispiel der zwei Fliegerbomben, die beim Abriss der Carolabrücke gefunden und entschärft werden mussten, mag das unterstreichen: Abriss der zerstörten alten Brücke, Bau und Abriss der neuen und immer noch finden sich im Baugrund die Erinnerungen an den Krieg.)
Das Buch schließt mit einem 79seitigen tabellarischen Anhang zu den Gefallenen und Opfern.
* * *
„Die Zahlen sprechen für sich: Im böhmisch-sächsischen Zielgebiet kamen am 17. April 1945 981 schwere Bomber und 723 Jagdflugzeuge, also eine Angriffsflotte von 1796 Flugzeugen zum Einsatz. Acht Eisenbahnzentren, -kreuzungen, -drehpunkte und Bahnhöfe, ein Öl-Depot in Ostdeutschland und Westböhmen wurden durch Bomberflotten angegriffen, zahlreiche Einzelziele von den Jagdflugzeugen. Das Schlachtfeld des 17. April 1945 umfasst in etwas unglaubliche 25000 Quadratkilometer.“
Erst am 17. April wurden die Eisenbahnknotenpunkte durch die USAAF unbrauchbar gebombt.
Seit dem wir immer wieder über Opfer und Täter diskutiert. Auch Matthias Schildbach stellt die Frage, ob der ermordete First Lieutenant Shane erst zum Täter und dann zum Opfer wurde? So wie die Mörder, die sich eben noch vor fallenden Bomben schützten und nun den wehrlosen feindlichen Soldaten umbrachten?
So wie das Turmkreuz der Dresdner Frauenkirche vom Sohn eines britischen Bomberpiloten geschaffen wurde, so sorgte andersherum ein Heimathistoriker auf berührende Weise für Begegnungen von Menschen, deren Vorfahren sich einst im Krieg gegenüberstanden, einander töteten oder gar ermordeten.
Der Gedenkstein bei Babisnau („Unweit dieser Stelle ruhen acht alliierte Soldaten – 17. April 1945“) ist nicht gleichermaßen bekannt, aber gleich bedeutend würde ich meinen.
Im Nachwort erwähnt Matthias Schildbach die Ermordung einer notgelandeten B-17 Besatzung auf Borkum 1944. Der dortige Gedenkstein beinhaltet die Inschrift:
„Mit Ihnen gedenken wir auch den Millionen Soldaten vieler Länder, die entgegen den internationalen Abkommen über die Behandlung von Kriesgefangenen in der Gefangenschaft ihr Leben lassen mussten“. Den errichteten die Borkumer Inselbewohner, Nachkommen der Ermordeten wohnten der Einweihung bei und reichten ihre Hand den Borkumern.
Das ist die Botschaft des Buches.
Jedoch kann ich Matthias Schildbach nicht zustimmen, wenn er, bezugnehmend auf den Babisnauer Gedenkstein konstatiert, dass sie „ihr Leben hergeben mussten für ihre Regierungen, die nichts anderes zu tun hatten, als ihre Generationen zu verheizen und das Morden bis zum Exzess zu treiben. Die Unschuldigen wurden zu Mördern gemacht, die noch Unschuldigere millionenfach töteten. Betroffen waren alle Seiten, es ist gleich, welche Sprache sie sprachen.“
Zwei Kriege in einem Jahrhundert, die man trotzdem differenzieren muss. Im ersten traten Regierungen in den Krieg mit glasklaren ökonomischen Interessen. Taten, die laut Haager Landkriegsordnung verboten waren, Verbrechen, fanden sicherlich statt. Hass, Elend, gefallene Kameraden, Granaten, Giftgas, Amputationen setzen Verhalten frei, welches sich der Soldat vor dem Krieg nicht hätte vorstellen können. Diese wurden vertuscht, oder verurteilt. In allen beteiligten Armeen.
Im zweiten Krieg wurden die Regeln des Krieges von Seiten des Kriegsverursachers von vornherein ad acta gelegt. Propagandistisch schrie er, dass die „anderen“ gegen diese Regeln verstoßen haben, doch mit den Hinrichtungen von Einwohnern wegen gesprengter Schienen durch Partisanen, durch das zielgerichtete Deportieren von jüdischen Menschen aus den eroberten Ländern in Vernichtungslager, dem Kommissarsbefehl an der Ostfront und nicht zuletzt mit dem eigenen Bombenterror in Guernica und Coventry, den V2 auf London stellte sich Nazi-Deutschland selbst außerhalb dieser Normen.
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Bundesarchiv: Zerstörtes Dresden |
Verbrechen begangen, wie im ersten Weltkrieg, auch Soldaten aller beteiligten Armeen. Wieder wurden diese vertuscht oder verurteilt. Bis hin zur Erschießung von Soldaten wegen der Begehung von Verbrechen. Dies wird heute offen dargestellt und die Bomberströme (ein britischer Begriff) auf die Wohnviertel deutscher Großstädte, die der „Zermürbung“ und „Demoralisierung“ dienen sollten, sind inzwischen äußerst umstritten und werden als Kriegsverbrechen diskutiert.
Mit Verallgemeinerungen wie oben ist uns dabei nicht geholfen. Wir müssen differenzieren. Und Verbrechen klar benennen. In Vietnam, Korea, Afghanistan, Palästina der Ukraine und anderswo. So wie im zweiten großen Krieg des 20. Jahrhunderts.
Zurück zum Thema:
"Am 25. April 1945 stellte die USAAF das Bombardieren ein.
Acht Tage, die es zu überleben galt.
Nur acht Tage.
Eine halbe Ewigkeit im Krieg."
So beendet Matthias Schildbach sein Buch.
Matthias Schildbach. Ein sympathischer Autor und (diplomierter) Buchhändler. Bisher wurde er zweimal im Blog erwähnt, seine Geschichten aus dem Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge sind so vielseitig wie spannend und oftmals verblüffend. Aufeinander aufmerksam wurden wir auf Dresden (erlesen). Dort werden wir sicher über die „vergessenen Angriffe“ sprechen.
Vielen Dank, lieber Matthias, für das Rezensionsexemplar.
- DNB / Schildbach Verlag / Bannewitz 01.02.2025 / ISBN: 978-3-9822011-9-1 / 389 S.
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