Freitag, 25. August 2023

Sherriff, R. C.: Zwei Wochen am Meer

Voller Vorfreude bricht die Familie Stevens an die englische Südküste auf, mit sorgsam gepacktem Koffer und diesem wunderbar freien Gefühl im Bauch, wenn der Urlaub beginnt. Die geliebte Pension ist ein wenig in die Jahre gekommen, aber irgendetwas sagt Mr Stevens, dass diese Ferien die schönsten werden, die sie je hatten. Und so lassen sie sich verführen: vom Geflatter des Drachens und Cricket im warmen Sand, von einem behaglichen Glas Port und der erleuchteten Promenade am Abend. Und jeden Tag wieder lockt das Meer, das so sehr glitzert, dass man es vor Glück kaum fassen kann.

Die Familie Stevens besitzt die Fähigkeit, das Dunklere, das jeder in sich trägt, zu verwandeln und die verborgene Größe des Selbstverständlichen zu genießen. Sie nimmt uns mit in einen unvergesslichen Sommer. (Verlagsbeschreibung)

 

DNB / Unionsverlag / 2023 / ISBN: 978-3-293-00604-1 / 352 Seiten

 

 

 

Gelesen habe ich das Buch im Rahmen einer Leserunde bei Whatchareadin - verbunden mit einem herzlichen Dank an den Verlag für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars. Die meisten Teilnehmer:innen der Leserunde waren sehr angetan von dem bereits 1931 im Original erschienenen Roman - ebenso wie Kazuo Ishiguro, der sich seinerzeit womöglich davon hat inspirieren lassen zu seinem eigenen Roman: "Was vom Tage übrig blieb". Das aber nur mal so am Rande. Ob ich mich dem Reigen der Begeisterten anschließen kann, könnt Ihr hier lesen:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 ENTSCHLEUNIGTES LESEN...

 

© Parden
 

Der Roman begleitet die kleinbürgerliche Familie Stevens in ihrem Urlaub an der englischen Südküste, wie bereits seit 20 Jahren stets im September und in immer derselben Pension. Es gilt, den Stress des Alltags hinter sich zu lassen, all die kleinen und großen Sorgen, und die kommenden zwei Wochen zu genießen. 


"In den Ferien wird der Mensch zu dem, der er hätte werden und der er hätte sein können, wären die Dinge ein wenig anders gekommen." (S. 25)


Noch einmal fährt die ganze Familie gemeinsam nach Bognor, wie immer mit dem Zug, und wie stets mit der Anspannung, ob das Umsteigen auch diesmal wieder reibungslos klappen wird. Die Kinder Dick und Mary sind nun in einem Alter, in dem sie allmählich eigene Urlaubspläne entwickeln und somit im kommenden Jahr womöglich nicht mehr mitkommen in den Urlaubsort, in dem die Stevens sich mittlerweile sehr heimisch fühlen. Doch darüber wird nicht gesprochen, wie überhaupt wenig miteinander über Bedeutsames geredet wird. Hier scheint jeder lieber allles mit sich alleine auszumachen. 

Mr. Stevens als kleiner Angestellter in einem Büro nutzt die Urlaubstage, um das jeweils vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Auf einer einsamen Wanderung kaut er besondere Ereignisse wieder, Demütigungen wie Erbauliches, zieht Bilanz und schmiedet neue Pläne für das kommende Jahr. Von dieser Wanderung kommt er stets gestärkt wieder. Mr. Stevens überlässt nur wenig dem Zufall, plant sein Leben und das seiner Familie en detail und dementsprechend auch ihren gemeinsamen Urlaub. Dabei steht jeder zweite Tag für alle zur freien Verfügung, damit sie die übrigen gemeinsamen Tage um so mehr genießen können. 

Mrs. Stevens kümmert sich im Alltag um die Kinder und den Haushalt, und für sie gibt es dort nur den engen Radius rund um ihr Haus in einem kleinen Ort nahe London, selbst die Gegend jenseits des Bahndamms ist wie Ausland für sie. Sie ist eine eher ängstliche Person, die sich stets Sorgen macht und erleichtert ist, wenn alles in gewohnten Bahnen läuft. Im Urlaub genießt sie am meisten die ruhige Abendstunde in der Pension, wenn ihr Mann und ihre älteren Kinder nach dem Abendbrot noch einmal die Pension verlassen und der 10jährige Ernie bereits im Bett liegt. Dann sitzt sie alleine mit ihrem kleinen Glas Portwein und dem Strickzeug da und freut sich über die Gelegenheit zum Müßiggang. Ansonsten ist sie zufrieden, solange es allen gut geht.

Der 17jährige Dick hat vor einem Jahr das College beendet und arbeitet seither in einem kleinen Betrieb. Sein Vater hat ihm diese Stelle verschafft und ist sehr stolz darauf, doch Dick fühlt sich damit zusehends unwohl. Er weiß nur nicht, wie er mit seinem Unbehagen  umgehen soll, doch der Urlaub ist auch für ihn eine Gelegenheit, sich den Kopf durchpusten zu lassen und sich darüber klar zu werden, was er mit seinem Leben wirklich anfangen will. Zaghaft entstehen einige Pläne, die er jedoch noch für sich behält. Dagegen scheint die fast 20jährige Mary, die als Näherin arbeitet, ganz zufrieden mit ihrem Leben zu sein. Aber in diesem Urlaub macht sie neue Bekanntschaften, die ihr einen kleinen Blick über den Tellerrand ihres sonstigen Erfahrungshorizonts hinaus gewährt.

In auktorialem Erzählstil führt der Roman wechselnd an die einzelnen Charaktere heran, taucht ein in ihre Denkweise, ihre Erfahrungen, ihre Gefühle. Manche Figuren bleiben dabei eher blass (Ernie und Mrs Stevens), andere dagegen werden intensiver beleuchtet. Die Familie als Gefüge, die generell wohlwollende und rücksichtsvolle Haltung zueinander, das Bemühen, die anderen von ihren eigenen Sorgen fernzuhalten, rückt dabei ebenso in den Fokus. 

Über allem schwebt von Beginn an ein leise melancholischer Ton, Abschied liegt in der Luft. Zum einen weil die Kinder Dick und Mary womöglich das letzte Mal mit der Familie in den Urlaub fahren, zum anderen weil die Pension heruntergekommen ist und mit den modernen Häusern am Ort zusehends nicht mehr mithalten kann. Auch die Stevens erkennen den Verfall, die Zeichen mittlerweile unübersehbar, und auch die Pensionswirtin ist nicht mehr die, die sie mal war - sie scheint krank zu sein. Aber Mr. und Mrs. Stevens geloben sich innerlich die Treue zu dieser Pension, solange diese noch existiert. Es entspricht ihrem zutiefst verankerten moralsichen Empfinden, das sie so denken lässt. 

Der Autor schreibt sehr atmosphärisch und bildhaft, die Szenen spulen sich mühelos vor dem inneren Auge ab, man wird fast Teil des Geschehens. Obwohl - Geschehen? Hier geschieht in Wirklichkeit wenig, das Wesentliche spielt sich im Inneren der Figuren ab. Für mich war das ein sehr entschleunigtes Leseerlebnis. Ich habe Familie Stevens nicht ungern begleitet durch ihren Urlaub, aber fast nach jedem Kapitel habe ich das Buch wieder zur Seite gelegt und nicht das Gefühl gehabt, gleich weiterlesen zu wollen. Ich kann nicht weiter begründen, weshalb es mir mit dem Roman so erging, aber er konnte mich trotz des offensichtlichen Könnens des Autors einfach nicht so recht begeistern.

Ergänzt wird der Roman durch ein sehr ausführliches Nachwort, das auch einen ausgedehnten Interpretationsansatz bietet. 

Alles in allem eine leise Erzählung, die viele Leser:innen begeistern wird - bei mir geriet die Begeisterung nur leider etwas gedämpfter...


© Parden

 

 

 

 

 

 

R. C. (Robert Cedric) Sherriff, geboren 1896 in Surrey, war Schriftsteller, Drehbuchautor und Versicherungsbeamter. Er besuchte die Kingston Grammar School und arbeitete anschließend im väterlichen Versicherungsunternehmen. Er diente im Ersten Weltkrieg in der britischen Armee und besuchte danach das New College in Oxford. In seinen Werken verarbeitete er auch seine Erfahrungen an der Front. Seine Filmskripte wurden u. a. zweifach mit BAFTA-Preisen ausgezeichnet und waren für den Oscar nominiert. Sherriff starb 1975 in London. (Quelle: Unionsverlag)

 

 

1 Kommentar:

  1. Interessant finde ich das Geburtsjahr des Autors. Daraus könnte man schließen, dass Text und die Übersetzung sicher anders sind als heute. Wenn ich nicht zu viele Pläne hätte, wäre das ein Grund, liebe Anne...

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