Dienstag, 21. Mai 2013

Pieper, Tim: Mord unter den Linden

Nicht nur ein Mord...
Meine Rezension zu Tim Piepers Roman
MORD UNTER DEN LINDEN
(zuerst veröffentlicht unter buchgesichter.de am 05.04.2012)



Nicht nur ein Mord, nein, gleich mehrere Morde ungewohnt bestialischer Art muss die Berliner Polizei im Jahr 1890 aufklären. Da wird erst eine und dann noch eine Frau gekreuzigt und verbrannt.
Helfen soll Dr. Otto Sanftleben, der die Körpersprache von Verbrechern untersucht. Ein modernen Untersuchungsmethoden gegenüber aufgeschlossener Mann. Auch skeptisch, wo es angebracht ist. Zum Beispiel wenn es um die sogenannte Kriminalanthropologie geht.

"Als Kriminalbiologie bezeichnet man die Wissenschaft, die sich mit den körperlichen, insbesondere den genetischen Merkmalen eines Straftäters eines Verbrechens beschäftigt. Früher wurde verbreitet auch die Bezeichnung Kriminalanthropologie synonym verwendet." (wiki)
Etwas, was logischerweise in Folge der Darwinschen Theorien entsteht. Äußerst fraglich, wenn es zum Beispiel um die Physiognomie von Menschen geht, die auch Charaktereigenschaften schließen lassen soll, ein Umstand, der im Nationalsozialismus unrühmliche "Befürwortung" findet.

Doch bis dahin müssen noch 40 Jahre vergehen, jetzt ist die Zeit, in der die Sozialistengesetze aufgehoben werden sollen. Nicht jeder Angehörige des Adels und des Bürgertums ist dafür. Verblüffend, zwischen diesem Umstand und den Morden gibt es einen Zusammenhang…

Tim Pieper muss sicher eine ziemlich umfangreiche Recherchearbeit erledigt haben. Nicht nur kriminalbiologisch sondern auch medizinisch. Wir lernen, was einem (fast) erwachsenen Mann blüht, wenn er kastriert wird. Unabhängig, dass das vermutlich unheimliche Schmerzen verursacht, verändert es wegen des aus dem Gleichgewicht geratenen Hormonspiegels auch die Figur des Betroffenen…
Als Laie hab ich gleich erst mal selbst "recherchiert" und mit Tim´s und Annes Hilfe dann verstanden was hier los ist.

Dieser Sanftleben ist schon ein toller Brocken. Ein Radrennfahrer der Superklasse wie es scheint, nach Arrestaufenthalt, langer Zugfahrt und verpasstem Start gewinnt er sein 1000 m Rennen souverän. Einen Neger hat er als Leibdiener, der ihn duzen darf und dem er freundschaftlich verbunden ist.

Tim Pieper hat einen kurzweiligen, nicht allzu umfangreichen historischen Kriminalroman vorgelegt. Die Spannung hält er aufrecht - es war mir nicht möglich vor einer ersten Andeutung selbst auf den Täter zu kommen, der sich trotz seiner Verbrechen, seiner Gesundheit kerzengrade und mächtig in der Berliner Gesellschaft aufhält. Hier gab es meiner Meinung nach eines von zwei Mankos: Ich fand genau diesen Umstand, die Krankheit des Täters und seine gesellschaftliche Rolle etwas unglaubwürdig.

Dem Roman tut das keinen Abbruch. Die Personen sind scharf gezeichnet, jede hat eine kleine menschliche Macke. Der Commissarius Funke zum Beispiel ist mir tatsächlich sympathisch geworden, weil er sich in aufrafft und seiner Profession nachgeht obwohl er im Jahre 1890 wegen seiner Neigungen ein Ausgestoßener wird, sollten diese bekannt werden. Es wird mehr als 50 Jahre dauern, bis in Deutschland sich da etwas ändert.

Natürlich ist das auch ein Liebesroman. Es ist das zweite Manko, dass die weibliche Hauptperson so eine enge Beziehung zu den Verbrechen hat. Sonst ist sie nämlich eine sicher beklagens- und liebenswerte Person.

Ich muss Tim Pieper diese zwei kleinen Dinge natürlich verzeihen. Denn dem Roman tut das keinen Abbruch, ich hab mich hervorragend unterhalten gefühlt und eine Menge gelernt. Zu Beispiel über die Gefahren des Fahrrads für das weibliche Geschlecht.
Schon von Berufswegen "muss" ich diese Kriminalgeschichte ja interessant finden, nicht?

Nach dem Minnesänger und dem Lindenmord bin ich gespannt, wie Tims schriftstellerische Karriere weiter geht.

Kommentare:

  1. Mord unter den Linden durfte ich mit Tim in einer Leserunde lesen und war total begeistert. Ein wirklich schönes Buch. "Den Minnesänger" sollte ich auch endlich mal von meinem SuB befreien.
    LG Beate
    http://lord-byrons-buchladen.blogspot.de

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  2. Daran erinnere ich mich auch sehr gern.

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  3. Schön, dass Du jetzt auch noch ein Bild zum Buch eingefügt hast. Ist doch ansprechender...

    An die Leserunde kann ich mich auch noch erinnern, auch noch an die vom Minnesänger... :)

    Wann kommt eigentlich das nächste Buch von Tim heraus?

    LG Anne

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  4. Keine Ahnung. Da werden wir ihn wohl fragen müssen. Vielleicht aber meldet er sich schon auf diesen Eintrag hin?

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  5. Jetzt weiß ich es: Am 10. Oktober kommt MORD IM TIERGARTEN heraus. Mann, was bi n ich gespannt.

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