Dienstag, 25. August 2015

Di Fulvio, Luca: Ein Cent für ein Leben

Was fand ich denn hier? 

Eine Geschichte des Autors dicker Romane als eBook für 1,49 €? Des gleichen für ein Hörbuch?

Während ich die Rezension zu Di Fulvios Roman Das Kind, das Nachts die Sonne fand verfasste, wurde ich stutzig als ich auf dieses eBook stieß, welches mit 41 (!) Seiten angegeben war. Natürlich machte ich diese Geschichte sofort durch einen Download auf meinem Reader sichtbar und las sie in fast einem Ritt durch.

Montag, 24. August 2015

Di Fulvio, Luca: Das Kind, das nachts die Sonne fand.


„Der kleine Marcus II.. von Saxia saß an diesem Morgen verschlafen fröstelnd und nackt auf der mit warmen weichen Gänsedaunen gefüllten Matratze seines riesigen Bettes und baumelte mit den Beinen in der Luft, obwohl er für seine neun Jahre recht groß gewachsen war. Seine Augen waren grün und blickten träge wie die einer Katze, die langen blonden Haare fielen ihm in glänzenden Locken auf die Schultern, und seine Haut war so weiß, dass man ihn für ein Mädchen hätte halten können.“
(Seite 10)

Aber der Junge auf dem Titelbild sieht doch nicht unbedingt wie ein Fürstensohn aus?

Es ist das Jahr 1407. In den Ostalpen liegt ein kleines Fürstentum namens Raühnval, das von Marcus I. Fürst von Saxia beherrscht wird. Der Fürst hat einen neunjährigen Sohn: Marcus II. Für den aber wird sich „heute“ das Leben gewaltsam verändern, denn heute Abend brennt die Burg, Eltern und Schwester tot; Marcus findet sich in einer Dorfhütte wieder, bei Eloisa und ihrer Mutter Agnete. Agnete ist die Hebamme der Gegend. Eloisa hat den Jungen gerettet…

Sonntag, 23. August 2015

Veloso, Ana: So weit der Wind uns trägt


Sinnlich, leidenschaftlich und sehnsuchtsvoll! 

Portugal im Jahre 1908: Die fünfzehnjährige Jujú und der zwei Jahre ältere Fernando schwören sich ewige Liebe – doch zwischen ihnen liegen Welten, denn Jujú ist die Tochter des reichen Großgrundbesitzers Carvalho aus dem Alentejo und Fernando der Sohn armer Bauern. Ein hinreißender Roman über eine verbotene Liebe und gleichzeitig eine große Familiensaga vor dem Hintergrund der jüngeren Geschichte Portugals.

  • Taschenbuch: 752 Seiten
  • Verlag: Knaur TB; Auflage: 1 (1. April 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3426636417
  • ISBN-13: 978-3426636411
  • Originaltitel: Am Horizont ein Erdbeerbaum






















TELENOVELA...




Anfangs erschien das Buch ganz vielversprechend. Die Verbindung Julianas,  genannt Jujú, und Fernandos steht unter keinem guten Stern. Von Kindesbeinen an treffen sie sich immer wieder, doch zunehmend geschieht dies heimlich und gegen den Widerstand ihrer Familien. Besonders die Familie des Großgrundbesitzers Carvalho hat ganz andere Pläne mit Jujú: das Erlernen standesgemäßen Verhaltens und später eine passende Heirat, damit Geld wieder zu Geld findet. Auch wenn Jujú und Fernando sich dagegen sträuben, kommt es trotz ihrer Liebe letztlich zur Trennung, und vor allem Jujú, obschon eigentlich ein trotziger Dickkopf, gibt es nach einem Auslandsaufenthalt auf, gegen die Pläne ihrer Familie zu rebellieren. Sie heiratet den attraktiven Rui, Spross einer angesehenen Familie, und lässt ihren Fernando fallen - nicht jedoch ohne zuvor noch eine Nacht mit ihm zu verbringen.
Was niemand ahnt: diese eine heimliche Nacht bleibt nicht ohne Folgen. Laura ist das Kind der beiden, doch Jujú behält dieses Geheimnis ein Leben lang für sich. Wohin mag das führen?

Um es vorwegzunehmen: das Buch hat mich enttäuscht. Es ist weder eine romantische Liebesgeschichte, wie der Klappentext vermuten lassen könnte, noch ist es eine gelungene Familiensaga. Ganz davon abgesehen, dass die groß angekündigte Geschichte von Jujú und Fernando alles andere als wirklich romantisch ist, werden auch die restlichen Familienmitglieder für eine Familiensaga viel zu kurz abgehandelt. Keiner der Charaktere entwickelt Tiefe, und zu niemandem kann man eine Beziehung aufbauen, weil immer nur einzelne Ereignisse grob skizziert werden, um nach einem viel zu kurzen Kapitel schon wieder zu anderen Personen zu wechseln. Wichtige Momente der Geschichte werden in einem Portugal um die Jahrhundertwende bis in die Gegenwart hinein nur angerissen, die Entwicklung der Personen übersprungen, einmal aufgegriffene Ansätze nie wieder erwähnt, Schlüsselszenen fallengelassen. Die Geschichten der verschiedenen Generationen ähneln sich, und es fehlt dadurch einfach an Spannung.
Die großen Zeitsprünge, wenn gerade ein vielversprechender Handlungsstrang angerissen wird, sind ebenso nervtötend wie die indirekte Erzählweise. Durch die erlebte Rede und den ständigen Einsatz des Konjunktivs ensteht eine noch viel größere Distanz zwischen Leser und Protagonisten als ohnehin schon. Das "Familiengeheimnis", das irgendwann eigentlich für alle offensichtlich sein könnte, wäre vielleicht spannend geworden, wird aber in einem hingeworfenen Happy-End verwurstet, das da schon keinen mehr interessiert - und hier hoffe ich, dass ich damit nicht zu viel verraten habe...

Die Autorin zieht kurz vor Schluss selbst den Vergleich zu einer Telenovela. Ja, dem kann man sich anschließen - aber dann ist es eine von den echt seichten Seifenopern... Enttäuschend - und das über eine solche Länge!


© Parden














http://www.randomhouse.de/content/author/image/18164.jpgAna Veloso, Jahrgang 1964, arbeitete nach ihrem Studium der Romanistik lange als Journalistin für mehrere namhafte deutsche Magazine. Seit ihrem Bestsellerroman "Der Duft der Kaffeeblüte" widmet sie sich ganz der Schriftstellerei. Die Hamburgerin verbringt jedes Jahr mehrere Monate im (meist portugiesischsprachigen) Ausland, um dort Eindrücke für ihre Romane zu sammeln. "Januarfluss" ist ihr erstes Jugendbuch. Quelle Text und Bild




Samstag, 22. August 2015

Schätzing, Frank: Tod und Teufel

... gleich noch ein Krimi aus dem Mittelalter

"Köln im Jahr 1260. Erzbischof und Bürger versuchen, einander mit allen Mitteln in die Knie zu zwingen. Jacop den Fuchs, Herumtreiber und Nichtstuer, kümmert die politische Situation wenig. Ihn interessieren vielmehr die bischöflichen Äpfel. Während er diese unerlaubt pflückt, wird er Zeuge eines Mordes: Der Baumeister des Kölner Domes, Meister Gerhard wird vom Gerüst gestoßen. Jacop ist der einzige Zeuge, aber auch der Mörder hat Jacop gesehen..." (Buchrücken)

"Virtuos gemeuchelt, mit Gespür für historisches Flair, Spannung und Witz" - schrieb die Kölnische Rundschau - und die "muss" das ja schreiben, schließlich ist es ein Köln Roman und, es geht auch irgendwie rund um den Dom.


Nein, dies ist kein Dombau-Roman a la Follett´s Die Säulen der Erde oder Falcones Kathedrale des Meeres (hier). Der Dombaumeister ist in in irgendwelche Machenschaften der Patrizier verstrickt oder kennt diese zumindest. Daher muss er wohl sterben. Dass der herrschende Erzbischof mal im Dom begraben sein will, ist auch eher eine Randepisode. Die Gebeine der heiligen drei Könige sind aber zu diesem Zeitpunkt schon in Köln.

Freitag, 21. August 2015

Meier, Arno: Wolkentürme


http://s3-eu-west-1.amazonaws.com/cover.allsize.lovelybooks.de/Wolkenturme-9783732223183_l.jpgSind Gedichte noch modern? Sie sind es! Eine Situation, eine ganze Lebensgeschichte, eine gemachte Erfahrung auf einer Seite zu (ver)dichten, das ist eine Kunst, die gerade in Zeiten von sms, facebook und twitter sehr gut ankäme, -wenn sie denn noch jemand beherrschen würde! Dass es möglich ist weiß jeder, der diesen kleinen Gedichtband einmal gelesen hat. Mal vergnüglich, mal traurig tauchen diese kleinen Lebensgeschichten genau da auf, wo man sie nicht erwartet.



  • Taschenbuch: 80 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (12. Juli 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3839191440
  • ISBN-13: 978-3839191446





















SIND GEDICHTE NOCH MODERN?



Sind Gedichte noch modern? Sie sind es! Eine Situation, eine ganze Lebensgeschichte, eine gemachte Erfahrung auf einer Seite zu (ver)dichten, das ist eine Kunst, die gerade in Zeiten von sms, facebook und twitter sehr gut ankäme, -wenn sie denn noch jemand beherrschen würde! Dass es möglich ist weiß jeder, der diesen kleinen Gedichtband einmal gelesen hat. Mal vergnüglich, mal traurig tauchen diese kleinen Lebensgeschichten genau da auf, wo man sie nicht erwartet.


Du hast mir
Deine Hand gegeben
Vertrauend Dich
an meine Schulter gelehnt
Aus unserer Haut
einen Mantel
gegen Finsternis
und Einsamkeit gemacht
Du hast mir
Deine Hand gegeben



Immer wieder einmal greife ich gerne zu einem Gedichtband, denn das komprimierte Gefühl, der ausgeleuchtete Fokus, der poetische Ausdruck - ist es gekonnt, ist es tatsächlich berührend.


Wölfe
in den Wäldern
der Angst
nachtschwarz
heulen zum Mond
so groß
so kalt
so fern
in den Ebenen
der Einsamkeit



In diesem schmalen Buch bin ich auf etliche Verse gestoßen, die mich wirklich ansprechen konnten. Dazu ist es gar nicht notwendig, dass sich die Verse tatsächlich reimen - ich habe oft schon die Erfahrung gemacht, dass die Schilderung eine eindringlichere ist, wenn die Poesie frei ist von vorgegebenen Formen. Zwanglose Gedichte, die einen jedoch zum Nachdenken, Nachhorchen, Nachfühlen zwingen.


Ein Weg ins ungewisse Weite
schaukelnde Vögel
die im Nebel verschwinden
und Bäume
die angedeutet verharren
Die alten Wege
endlich verlassen
und drüben brennt die Sonne
orange hinter den Bergen
und Singen und Luft
damit die Herzen
endlich
das Fliegen lernen



Den größten Teil des Büchleins nehmen die Gedichte in Anspruch - fast schon als Anhang überraschen dann noch einige satirische Texte. Erfrischend, manchmal fast schon albern, erweisen sie sich als gelungener Kontrast zu den eher ernsten Gedichten.

Mich konnte dieser Band in der Tat sehr ansprechen.


© Parden











Arno Meier, geboren 1954, ist als Dozent und Lernberater tätig.
1976 Jugendsonderpreis für Theaterstücke des Landes Baden-Württemburg. Vater zweier Kinder, Buchhalter. Quelle


Donnerstag, 20. August 2015

Falcones, Ildefonso: Die Pfeiler des Glaubens

Die Hand der Fatima
eine Rezension aus Buchgesichter-Zeiten vom 17.09.2012

Lange habe ich für den 926 Seiten starken Roman des Spaniers Ildefonso FALCONES gebraucht. Inspiriert von DIE KATHEDRALE DES MEERES (siehe Rezension von Parden), griff ich vor Monaten zu diesem Band in der Thalia - Buchhandlung, der ich des Öfteren einen Besuch abstatte.

Hauptfigur ist ein MORISKE, oder auch Neuchrist namens HERNANDO RUIZ, auf arabisch Ibn Hamid - Sohn des Hamid. Ein bekehrter Maure, der von einem christlichen Priester abstammte, welche Hernandos Mutter Aischa vergewaltigte. Versehen mit einem ebenfalls gewalttätigen Stiefvater, wird der Junge in die Kämpfe der Mauren unter Führung ihres Königs Abén Humeya verwickelt, er wird des Königs Maultiertreiber. Infolge des verlorenen Aufstandes um 1570 werden viele der Morisken nach Kastilien und Aragonien umgesiedelt. Hernando rettet in diesen Jahren der Maurin Fatima das Leben, die seine Frau werden wird. Ebenso aber auch das Leben einer Christin namens Isabella und eines Adligen aus Cordoba. Mit zwei Dingen kann er hervorragend umgehen: Mit Pferden und Maultieren sowie mit Schreibrohren. Hernando wird in den ersten Jahren von Priestern seines Heimatdorfes geschult, später dann von einem maurischen Gelehrten namens Hamid. Er wächst quasi doppelreligiös auf. Später züchtet er Pferde für den spanischen König und kopiert gleichzeitig den Koran um den Islam auf der iberischen Halbinsel zu erhalten. Außerdem versucht er Gemeinsamkeiten wie die Verehrung der Jungfrau Maria ebenfalls schriftlich zu verbreiten um den Glauben an den EINEN Gott zu ermöglichen. Die Zeit lehrt, dies scheint nahezu unmöglich zu sein.
Grausam geht es zu zwischen den Muslimen, die ihr Königreich Granada bereits verloren haben und den Christen. Keiner schenkt dem anderen was. In den Kämpfen wird gehauen und gestochen und gemordet was das Zeug hält. Scheinbar schwingt des Autors Sympathie eher den Mauren - Morisken - zu wenn er zum Beispiel die Christen durch diese als faul und arbeitsscheu bezeichnet. Die vertriebene muslimische Volksgemeinschaft hat aber keine Chance. Das spanische Königreich sucht gelegentlich nach einer "Endlösung", so der Autor im interessanten Nachwort. Diese könnte unter anderem darin bestehen, alle Morisken in die Barbareskenstaaten (Nordafrika) auszuschiffen, die Schiffe aber zu versenken. 

Die Aussiedlung erfolgt dann endlich zwischen 1609 und 1611: 275000 Morisken werden, obwohl getauft, aus Spanien ausgewiesen. Wo wird Hernando und seine neue Familie mit vier Kindern verbleiben?

* * *

Liest man das Nachwort merkt man, dass FALCONES eine gewaltige Recherchearbeit geleistet hat. Ursprünglich glaubte ich, dass die Geschichte von den gefälschten Bleibüchern von Sacramonte erfunden wäre, aber dem ist nicht so. Im Roman schreibt diese der Hernando und übergibt sie den moriskischen Gelehrten de CASTILLO und de LUNA, den vermutlich eigentlichen Verfassern. In diesen werden Gemeinsamkeiten der Religionen postuliert. Die Texte sind auf Bleiplatten geschrieben, weil schon damals Papier oder Pergament einer gewissen Echtheitsprüfung unterzogen wurde. (Eine genaue Beschreibung bietet wiki, aber das Nachwort des Autors reicht durchaus)
FALCONES hat letztendlich nicht DIE Morisken ins Herz geschlossen, sondern die, welche an den Grausamkeiten der Religionskriege nicht selbst beteiligt aber unmittelbar betroffen waren. Viele andere schrien ebenso nach Krieg wie ihr ach so christlicher Gegenpart. Nächstenliebe? Almosen geben? Denkste. Einmal abgeschrieben als Verräter unterstützen die Morisken den Hernando mit den blauen Augen kein Stück. Beste Freunde wenden sich von ihm ab. Ihm, der doch ebenso vielen geholfen hat. "Nazarener" nennen sie ihn, weil er diesen "Vater" da hat; von vornherein sind sie misstrauisch. Und die Christen? Helfen sie den neu Getauften? Misstrauen, Neid, Angst beherrschen diese Welt in und um Granada.

Aktueller denn je ist dieser Roman angesichts brennender westlicher Botschaften in muslimischen Ländern und eines ermordeten Diplomaten, der wohl wirklich ein richtiger Freund der arabischen Welt war. Intoleranz, Nichtverstehen, Hass in dieser Welt lassen die Welt vor 500 Jahren wieder auferstehen. Statt Schwert und Scheiterhaufen regieren Raketen und Sprengstoffgürtel… Wieder stehen die Religionen des Buches in Kriegen gegeneinander. Obwohl Abraham der Urvater aller ist…
FALCONES hat einen unglaublich intensiven Roman geschrieben. Er erfordert ein wenig Durchhaltevermögen. Ich hab diesmal ohne Lexikon gelesen und erst nach Abschluss angefangen zu stöbern. Zu erinnern sei allerdings an Lea KORTE´s DIE MAURIN. Erzählt dieses Buch doch die Geschichte, wie die Morisken nach Untergang des muslimischen Reiches entstanden sind. Ein ebenso toller Roman, der hier schon eingehend besprochen wurde.

Die PFEILER DES GLAUBENS beziehen sich vermutlich auf den "Säulenwald" der Hautmoschee von Cordoba, der MEZQUITA, in deren Innerem die Christen später ein gewaltiges Renaissance - Kirchenschiff bauten.

* * *

Ildefonso Falcones

Ildefonso Falcones de Sierra ist Anwalt und leitet eine eigene Kanzlei in Barcelona. Früh schon hat er sich mit der Geschichte des mittelalterlichen Kataloniens beschäftigt. Nachdem er ein umfangreiches Wissen über das 14. Jahrhundert in Barcelona gesammelt hatte, begann er mit dem Schreiben seines Romans »Die Kathedrale des Meeres«. Er ist verheiratet, Vater von vier Kindern und wurde vom Erfolg seines Buches, an dem er fünf Jahre geschrieben hat und das mit Ken Folletts »Säulen der Erde« verglichen wird, völlig überrascht. Der Roman erschien in über dreißig Ländern und hat sich in Spanien weit über zwei Millionen mal verkauft. Falcones ist ein großer Pferdefreund und spielt in seiner Freizeit - wenn er nicht gerade schreibt - leidenschaftlich gerne Polo.  (Quelle Amazon)

► Falcones in der DNB
DNB / Bertelsmann / 2010 / ISBN: 978-3570100455 / 928 S.


© KaratekaDD Anno 2012




Mittwoch, 19. August 2015

X - Autoren


XINRAN
  • Rezension: Wolkentöchter / München : Droemer / 2011 / DNB









Dienstag, 18. August 2015

Noske, Edgar: Der Fall Hildegard v. Bingen

Cover der Bertelsmann Ausgabe
Ein Krimi aus dem Mittelalter

Im Jahre 1177 wird am Rupertsberg eine skelettierte männliche Leiche gefunden. Sie ist groß gewachsen, hat starke Knochen und gesunde Zähne. Dieser Mann war wohl ein Adliger, denn diese waren durch die ritterliche Kampfausbildung gestählt und durch verhältnismäßig abwechslungsreiche Kost auch ziemlich gesund.

Doch der Rupertsberg ist nicht einfach ein Berg: Auf ihm steht das Kloster, welches sich eine berühmte Frau erstritten, erschrieben und "ersehen" hat: Hildegard von Bingen. Sie hatte im Jahr 1147 die Anerkennung als Visionärin von Papst Eugen erhalten. Abt Kuno, der Vorsteher des Klosters vom Disibodenberg. Lange wehrt die Auseinandersetzung, aber dann geht der bau auf dem Ruperstsberg los, gestützt von der Markgräfin von Stade, Mutter der Lieblingsschülerin Richardis.

Im Jahr 1177 kommt der Mönch Wibert als Sekretär auf den Rupertsberg. Er verehrt die gelehrte und heilkundige Meisterin und er ist neugierig. Was hat es mit der Leiche auf sich?


* * *

Natürlich kann man auch Biografien lesen. Oder Wikipedia bemühen.Aber so ein relativ schmaler Roman, der zudem eine Kriminalgeschichte enthält, hilft auch schon mal dabei, etwas über die von Papst Benedikt XVI. in den Rang einer Doctor Ecclesiae universalis, einer Kirchnlehrerin erhobenen Hildegard von Bingen zu erfahren (wiki).

Starke Frauenfiguren ziehen Autoren und auch Regisseure an. Keine geringere als Margarethe von Trotta hat, wieder einmal mit Barbara Sukowa, im Jahr 2008 den Film Vision - Aus dem Leben der Hildegard von Bingen heraus gebracht.* Mich auch.


* * *

Cover Neuausgabe
In den zwei oben bereits genannten Zeitebenen spielt das Buch. Edgar Noske zeichnet das Klosterleben der Möche und Nonnen in vielen Schattierungen. Der Geiz des Abtes vom Disibodenberg, die Entbehrungen beim Klosterbau am Rubertsberg. In einem Roman dürfen Konflikte nicht fehlen. Der zwischen der Mutter Oberin Hildegard und ihrer Lieblingsschülerin Richardis, der mit Abt Kuno und der mit Wibert ziehen sich durch das ganze Buch. Weniger angesprochen hat mich das Thema der Visionen, aber dies ist ja nun bei der heiligen Hildegard nicht wegzudenken. Hildegard von Bingen hat auch medizinisch gewirkt und die Heikraft von Pflanzen mit der bekannten medizinischen Wissenschaft in Verbindung gebracht. Das wird auch in diesem Roman sehr schön erzählt. Durch Rückblicke wird die Spannung immer fortgesetzt, die kommt auch im Betragen des Chronisten Wibert sehr zum Ausdruck.

Der neugierige Wibert, die schwärmerische Richardis, die gestrenge Hildegard, die Figuren treten plastisch hervor, genau wie Kuno oder auch dessen Intrigen spinnende Sekretär Herbrand, der ihn erpresst.


* * * 


Quelle
Edgar Noske hat mehrere Mittelalter-Romane geschrieben, vor allem auch über Köln. Der 1957 geborene Autor starb bereits im Jahr 2013.

Das Buch (2003) hat der Emonsverlag im Jahr 2015 neu verlegt.


DNB / Emons Verlag / Köln 2015 / ISBN-13: 9783954514274 / 305 Seiten


© KaratekaDD

* siehe auch Hannah Ahrendt (Film) und die Rezension zu Alois Prinz` Beruf Philosophin oder die Liebe zur Welt.



Montag, 17. August 2015

Meyerdierks, Herzlinde: Himmelsgucker - Der einsame Wasserfrosch

Himmelsgucker ist der einzige Wasserfrosch am Teich. Er fühlt sich manchmal einsam unter den vielen Grasfröschen, Erdkröten und Molchen. Als für die anderen Amphibien die Laichzeit bereits beendet ist, befällt auch Himmelsgucker der Wunsch nach einer Partnerin und er beginnt lautstark zu quaken. Doch obwohl er weithin hörbar ist, bleibt seine Sehnsucht unerfüllt. Traurig und einsam nimmt Himmelsgucker den Rat seines Grasfroschfreundes Fliegenfresser an und begibt sich auf eine abenteuerliche Wanderschaft um seinen Geburtsteich und andere Wasserfrösche zu finden. 


  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 276 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 60 Seiten
  • Verlag: Books on Demand; Auflage: 1 (28. Oktober 2014)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B00OYUCYME
























 QUAAAAAAAAAK...



Himmelsgucker ist der einzige Wasserfrosch am Teich. Er fühlt sich manchmal einsam unter den vielen Grasfröschen, Erdkröten und Molchen. Als für die anderen Amphibien die Laichzeit bereits beendet ist, befällt auch Himmelsgucker der Wunsch nach einer Partnerin und er beginnt lautstark zu quaken. Doch obwohl er weithin hörbar ist, bleibt seine Sehnsucht unerfüllt. Traurig und einsam nimmt Himmelsgucker den Rat seines Grasfroschfreundes Fliegenfresser an und begibt sich auf eine abenteuerliche Wanderschaft um seinen Geburtsteich und andere Wasserfrösche zu finden.


"Was ist diese Welt gefährlich", dachte er, "und wie schön war es bei Fliegenfresser am Teich." Aber solche Gedanken verscheuchte Himmelsgucker schnell, denn er durfte sein Ziel nie aus den Augen verlieren.


Der Wasserfrosch ist durch Menschenhand in den fremden Teich geraten. Der Schock war so groß, dass Himmelsgucker alles Vorherige vergessen hat. Und nach der Winterstarre gab es dann gar keine Erinnerungen mehr. In dem Teich, in dem er gelandet ist, laichen schon seit Generationen Grasfrösche, Erdkröten und Molche - aber eben keine Wasserfrösche. Eigentlich kein Problem, denkt Himmelsgucker, wäre da nicht plötzlich die Sehnsucht nach einer Partnerin, die sich trotz lautesten Quakens dort nicht einfinden will.
So verabschiedet sich Himmelsgucker letztlich schweren Herzens von seinem Freund Fliegenfresser und macht sich auf die Suche nach seiner Geburtsstätte - oder zumindest nach einem anderen Teich, in dem es seinesgleichen gibt... Doch die Gefahren lauern! Nicht nur andere Tiere wie Schlange oder Katze bedrohen Himmelsguckers Leben, auch der Mensch und seine Hinterlassenschaften stellen eine Bedrohung dar: Bauschutt, der mit Wasser gefüllt ist, unüberwindbare Mauern, gefährliche Straßen... Und selbst der Regen, eigentlich eine Wohltat an heißen Sommertagen, ist plötzlich gefährlich.

Kindgerecht und nett wird hier die Welt aus der Sicht eines kleinen Wasserfrosches präsentiert. So kann es Kindern leicht fallen, sich in die so ganz andere Perspektive zu begeben und manches einfach mal in einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ohne erhobenen Zeigefinger aber sehr deutlich stellt Herzlinde Meyerdierks den großen Einfluss dar, den der Mensch auf die Natur ausübt - aber zeigt auch gleichzeitig auf, was man trotzdem tun kann, um solchen kleinen Lebewesen das Überleben zu ermöglichen. So ist es ausgerechnet ein kleiner Junge, der den Frosch aus einer alten Badewanne rettet - selbst Kinder können also schon Verantwortung übernehmen, so wohl die Botschaft.

Ein wirklich nettes Kinderbuch, und ich sehe es schon vor Augen, wie mancher Lehrer in der ersten oder zweiten Klasse das Buch mit seinen Schülern liest, um anschließend ein Teichprojekt oder das Projekt 'Krötenwanderzaun' mit ihnen durchzuführen.
Noch ansprechender wäre es gewesen, wenn Illustrationen eingefügt worden wären - gerade Kinder können sich so noch eher ein Bild von den unterschiedlichen Amphibien machen, die hier eine Rolle spielen. Aber in Zeiten des raschen Zugriffs aufs Internet ist da ja auch schnell Abhilfe geschaffen...

Ein überzeugend konzipiertes Kinderbuch, das ich nur empfehlen kann...


© Parden






 






Herzlinde Meyerdierks. Geboren 1927, Tochter des berühmten Friedensforschers Tassilo Freiherr von Sassenroth. Abitur, Studium der höheren Hauswirtschaft. Heiratet 1950 den ehemaligen Rittmeister und Begründer des Vereins „Schnorcheln im Werdersee e.V.“ Hein Meyerdierks aus der Nähe von Bremen. Frühe literarische Erfolge mit Kurzgeschichten für Kinder. 1964 erschien ihr erstes Buch: „Tassilo und das Schweineohr“, wo Kindheitserlebnisse auf dem Gut ihres Vaters verarbeitet werden. Herzlinde Meyerdierks lebt heute zurückgezogen im Elbe-Weser-Raum. Quelle Text und Bild

Und eigentlich versteckt sich hinter dem Pseudonym ein Mann, der unter vielen Namen schreibt - Herzlinde Meyerdierks bedient dabei die Sparte der Kinderbücher.
Lutz Siemer alias Jan Schmietwech, Alfons Lücht, Krobinian Knülle, Herzlinde Meyerdierks, Bertram Humbug zu Hühnerklein, Anselm Erpel von Hohlreutz & Fritz Eitel von Sonnenschein steckt hinter dieser Geschichte. Ganz schön vielseitig, der Mann...
 

Sonntag, 16. August 2015

Blazon, Nina: Liebten wir


Verstohlene Blicke, versteckte Gesten, die Abgründe hinter lächelnden Mündern: Fotografin Mo sieht durch ihre Linse alles. Wenn sie der Welt ohne den Filter ihrer Kamera begegnen soll, wird es kompliziert. Mit ihrer Schwester hat sie sich zerstritten, von ihrem Vater entfremdet. Umso mehr freut sich Mo auf das Familienfest ihres Freundes Leon. Doch das endet in einer Katastrophe. Mo reicht es. Gemeinsam mit Aino, Leons eigensinniger Großmutter, flieht sie nach Finnland. Eine Reise mit vielen Umwegen für die beiden grundverschiedenen Frauen. Als Mo in Helsinki Ainos geheime Lebensgeschichte entdeckt, ist sie selbst ein anderer Mensch. 

  • Taschenbuch: 560 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (26. Juni 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548285775
  • ISBN-13: 978-3548285771






















NICHT SCHAUEN, NUR TANZEN...


Spurensuche in Helsinki Quelle Foto


Mo ist Fotografin mit dem ganz besonderen Blick. Sie fotografiert das, was unter der Oberfläche steckt. Die Zwischentöne und kleinen Gesten. Nur die eigenen Zwischentöne machen ihr Probleme. Sie hofft, dass ihr neuer Freund Leon ihr helfen kann, endlich Teil einer glücklichen Familie zu werden. Als sie seine Familie zum ersten Mal trifft, kommt es allerdings zum Eklat. Und plötzlich ist Mo auf der Flucht - vor Leon, vor der Vergangenheit, vor allem aber vor sich selbst.
Doch sie ist dabei nicht allein. Nicht ganz freiwillig nimmt sie Aino mit, Leons Großmutter. Anfangs ist Mo genervt von der Gesellschaft. Dann dirigiert die kauzige Alte sie auch noch Richtung Norden und verlangt von ihr, die Fähre nach Finnland zu nehmen. Was soll Mo in diesem eigenartigen Land, von dessen Sprache sie kein einziges Wort versteht? Erst auf dem Meer gelingt es Mo langsam, sich auf das ihr so fremde Land einzulassen. Sie entdeckt die Schönheit und Melancholie des finnischen Tangos, der ihr beibringt, loszulassen und sich ihrer Vergangenheit zu stellen. Auch Aino öffnet sich ihr allmählich. Beide Frauen erkennen: Manchmal muss man auf eine Reise gehen, um anzukommen...


"Fotos verraten alles. Sie zeigen das, was gezeigt werden soll - aber darüber hinaus zeigen sie die Lücken in den Familien, die schadhaften Stellen am Haus. Den Schimmel, halb versteckt hinter Girlanden von lächelnden Mündern."


Hui, wo fange ich nur an zu schildern, wie es mir mit diesem Buch ging? Vielleicht einfach mit der Erkenntnis, dass dieses Buch ganz und gar nicht meinen Erwartungen entsprach? Eklat beim Familientreffen, eine kauzige Alte, eine spontane Flucht in eines der letzten Länder, die mir so einfallen würden - ein turbulenter Roadtrip scheint da vorprogrammiert, vielleicht gewürzt mit einer kleinen Romanze. Doch weit gefehlt. Dieses Buch hat mich überrascht, überrollt - und nicht zuletzt auch überzeugt.

Die Charaktere haben alle ihre Macken und Kanten und scheinen anfangs als Sympathieträger so gar nicht geeignet. Mo, eigentlich Moira, ist eine rastlose, suchende, auch unglückliche junge Frau, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden hat, diesen aber schon seit ihrer Kindheit sucht. Mit ihrer Schwester Danae versteht sie sich im Grunde gar nicht - am ehesten, wenn sie jahrelang keinen Kontakt zueinander haben. Wenn er sich dennoch nicht vermeiden lässt, kommt es rasch wieder zu Streitigkeiten und Unfreundlichkeiten - zu viele Themen müssen umschifft werden, zu vieles bleibt ungesagt und ungeklärt und macht eine Annäherung unmöglich. Die Mutter der beiden verstarb, als Mo noch ein Kind war, zum Vater haben die Schwestern den Kontakt gänzlich abgebrochen. Und doch kennt Mo keine schönere Vorstellung als die, endlich in einer intakten Familie leben zu können.
Aino dagegen hat im Grunde keine Erwartungen mehr an das Leben. Sie lebt seit Jahren in einem Altersheim, kann sich nur noch im Rollstuhl fortbewegen und wird nun - aus Kostengründen - noch einmal umziehen: in das Haus ihres Sohnes und seiner Familie. Dieses Haus wird sie dann wohl nie mehr verlassen, es ist für alles gesorgt, hier kann in Ruhe auf den Tod hingelebt werden. Doch Aino hat andere Pläne. Als Mo fluchtartig das Familientreffen verlässt, schließt sich die Alte kurzerhand der Flucht an - und lässt Mo gar keine andere Wahl, als sie tatsächlich mitzunehmen. Und nicht nur das: schließlich bestimmt sie auch noch das Ziel der Reise. Ausgerechnet nach Finnland soll es gehen, dem Land in dem Aino geboren wurde und in dem sie aufwuchs. Nostalgie? Mitnichten. Die kratzbürstige alte Frau hat ganz klar ein Ziel vor Augen, das sie mit allen Mitteln noch verwirklichen will, und Mo kommt ihr da gerade recht...


"Wenn du jung bist, lebst du in einem vollen Haus und machst dir keine Gedanken darüber, ob du Zeit verschwendest. Das ganze Haus ist ja noch hell erleuchtet. In jedem Raum tanzen und feiern Menschen die du kennst, und dein Lieblingswort ist 'morgen'. Aber mit den Jahren gehen in den Räumen die Lichter aus, eines nach dem anderen. Man rückt zusammen, immer mehr Zimmer bleiben leer. Dann sind noch drei Räume bewohnt, schließlich zwei. Die Musik verklingt, die Gespräche werden leiser. Und plötzlich sitzt du ganz allein in dem leeren Haus, im letzten Zimmer, in dem nur noch eine Kerze brennt." (S. 382)


Und der Leser fährt mit den beiden nach Finnland, taucht ein in das Helsinki der Gegenwart und der Vergangenheit - denn immer wieder gibt es Rückblenden in die Zeit von Ainos Jugend. Die Person Ainos wird zunehmend vielschichtig, die Vergangenheit ist noch nicht abgeschlossen, hat in ihrem Wesen Wunden geschlagen, Spuren hinterlassen - ebenso wie vergangene Geschehnisse Mo verletzt und spröde gemacht haben. Beide Frauen nähern sich ganz allmählich einander an, erkennen in der anderen, was sie an sich selbst nicht gänzlich wahrnehmen können, bauen schrittweise die stacheldrahtbewehrten Mauern ab, jedoch jederzeit bereit, den Schutzwall sofort wieder hochzuziehen - böse Sprüche und harte Worte inbegriffen.
Doch trotz des wenig freundlichen Umgangs miteinander, des gegenseitigen Versteckspiels, der Lügen, begann ich zunehmend, beide Frauen tatsächlich zu mögen. Denn das Liebenswerte, das Verletztliche, das Zarte, das beide ebenso ausmacht, lugte immer wieder vorsichtig hervor. Vor allem Mo, aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird, zeigt zunehmend ihre weichen Seiten. Und wenn Aino durch eine unerwartete Geste auch ihre liebenswerte Art offenbart, vermag dies tatsächlich zu berühren.


"In Momenten wie diesen ahne ich nur, wie froh ich sein kann, nicht Ainos Ziel zu sein und auch nicht ihr Feind." (S. 262)


Doch Aino weiß, was sie will und Mo nutzt Ainos Streben als Mittel, einmal mehr in das Leben einer anderen einzutauchen - ebenso wie es ihr so oft mit ihren Fotos gelingt. So vermeidet sie letztlich, sich ihren eigenen Problemen zu stellen und sich aus ihrer Vergangenheit zu lösen. Doch Aino wäre nicht die, die sie ist, wenn sie da tatenlos zusähe. Oftmals unbemerkt, steuert sie die junge Frau aufs Leben zu - auf ihr eigenes Leben.

Neben der eigentlichen Geschichte, die in oft poetischen Bildern erzählt wird, die mir oft ausgesprochen gut gefallen haben, gibt es hier auch einen tiefen Einblick in das Leben und die Seele Finnlands, sowie über die Geschichte und Kultur des Landes, ohne dass es überladen wirkt. Selbst die 'Mumins' finden hier netterweise Einzug und lockern das Geschehen immer wieder auf.
Informationen gibt es auch immer wieder einmal zum Thema des Fotografierens - was der eigentlichen Geschichte oftmals eine tiefe Symbolhaftigkeit verschafft und dadurch wirklich bereichernd ist. Und ebenso taucht hier auch immer wieder der Tango auf. Tango? In Finnland? Aber ja! Kleines Beispiel? 





"Tänzer treiben auf weichen Mollakkorden an uns vorbei, gestreichelt von Lichtflecken. Das hier hat nichts mit dem gemeinsam, was ich bisher unter Tango verstand. Keine dramatisch geworfenen Beine, kein Duell der Geschlechter. Dieser Tanz hier ist wie das träge, sinnliche Ineinanderfließen von Öl, ein katzenhaftes Schleichen, Wiegen und Schieben, Körper an Körper, mit genau gesetzten Schritten, weich und verzögert. Die getanzte Erlaubnis, einander zu spüren. Niemand lacht. Nähe ist eine ernste Angelegenheit." (S. 417)  


Der Titel trägt neben dem Klappentext sicher dazu bei, falsche Erwartungen zu schüren. Aber dies ist von der Autorin offenbar genauso beabsichtigt. Im Rahmen einer Leserunde schrieb sie hierzu:
'Der Titel sollte einfach ein kleines Irritationsmoment haben. Ich persönlich mag Titel, bei denen man zweimal hinschaut und sich denkt: Huch, Moment mal? Und im Roman geht es ja um Liebe – wenn auch nicht um die klassische romantische Liebesgeschichte, sondern um viele Arten davon, um Elternliebe, die Liebe, die man für Freunde empfindet. Oder eben eine ganz spröde, hinter einem Schutzpanzer und harschen Worten gut verborgene Zuneigung (wie sie zwischen Mo und Aino stattfindet). Also Liebe zwischen den Zeilen – und so fand ich den Titel, bei dem man sich fragt: „Fehlt da vielleicht ein Fragezeichen?“ einfach passend.'

Mit ihrem ersten Buch für Erwachsene hat Nina Blazon für mich voll ins Schwarze getroffen. Die bildhafte und poetische Sprache, der durchaus auch schwarze Humor, der da immer wieder durchblitzt, die unharmonischen und letztlich doch liebenswerten Charaktere, die Geheimnisse, die sich zunehmend offenbaren - und dazu der Tango, der einen insgeheim mit übers Parkett tänzeln lässt, all dies stellt für mich ein stimmiges Gesamtpaket dar.

Von mir gibt es daher eine ganz klare Leseempfehlung!


© Parden










Weitere finnische Tangos, die im Buch eine große Rolle spielen - der melancholische Ton zieht sich teilweise genauso durch die Erzählung...



Satumaa


Liljankukka lumivalkoinen













Nina Blazon
Informationen und Bild von der Homepage der Autorin

Nina Blazon

Jahrgang 1969, Studium der Slavistik und Germanistik in Würzburg. Lehr- und Arbeitsjahre als Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, Übersetzerin, Redakteurin, Texterin in einer Werbeagentur und als freie Journalistin. Seit 2003 bin ich Kinder- und Jugendbuchautorin. Genres: Fantasy, Krimi und Historischer Roman. Mit dem Roman "Liebten wir" (2015) habe ich dieses Repertoire nun um den Bereich Erwachsenenbelletristik erweitert.

Privates:

Was ich liebe: Reisen und vor allem Sternfahrten in den Norden! Möglichst erst einmal ohne Reiseführerstudium vor der Fahrt, denn es gibt nichts Schöneres und Spannenderes, als die Fremde noch ohne Vorgaben und Meinungen zu erkunden (naja, so gut das eben bei der heutigen Informationslage möglich ist). Meine Herzensstadt ist Helsinki, die ich oft und gern besuche. Weitere Sternpunkte sind Stockholm, Kopenhagen und natürlich Reykjavík. Sicher auch ein Grund, warum der nächste Roman auf Island spielen wird.


► Auf der Homepage der Autorin gibt es eine Bilderstrecke - private Fotos von Nina Blazon mit passenden Auszügen aus dem Buch. Eine fotografische Begleitung von Mos Reise nach Helsinki und eine schöne Ergänzung zum Lesen, wie ich finde...