Sonntag, 6. Dezember 2020

Turner, Ralph V.: Eleonore v. Aquitanien

Königin des Mittelalters


Es scheint für mich ein lit(t)erarisches 12. Jahrhundert zu geben. Erst kürzlich begab ich mich noch einmal in die Zeit des Kaisers namens Barbarossa. Dort begegnete mir als Frau dessen einstigen Freundes und ständigen Widersachers, Heinrich von Sachsen und Bayern, ein Mädchen namens Matilde wieder, welche 11jährig mit ihm verbunden wurde. Die Eltern waren ein gewisser Heinrich II. Plantagenet und Eleonore von Aquitanien. Aquitanien war, ein paar Jahrhunderte früher, Thema auf unserem Blog. Ein Vorfahr namens Eudo war damals Herzog in diesen Ländereien. Mehr bekannt als Eleonore ist Richard, ihr Sohn, Löwenherz genannt, als Richard I. König von England. Doch heute und hier soll es um seine Mutter gehen. Eleonore, Herzogin von Aquitanien, Königin von Frankreich, danach von England. Geliebt, gehasst...

Herzogin - Königin - Frau und Mutter Wir können gleich beginnen mit zwei herausragenden, für das 12. Jahrhundert ungewöhnliche Fakten: 1122 geboren in Poitiers oder Bordeaux, starb sie 1204 im französischen Kloster Fontevrault. Sie wurde 82 Jahre alt. Ein stolzes Alter, ebenfalls für eine Frau aus dem Adel, zumal sie mit Marie, Alix, Wilhelm, Heinrich, Mathilde, Richard, Gottfried, Eleonore, Johanna und Johann zehn Kinder gebar, das letzte im Alter von fünfundvierzig Jahren. Die Faszination für diese Frau hat natürlich was mit ihrer robusten Gesundheit und dem langen Leben zu tun, welches ihr vergönnt war, sicherlich eine Voraussetzung für die hohe Bedeutung und ihren Bekanntheitsgrad.

Mit elf Jahren kommt sie an den französischen Königshof und heiratet mit vierzehn Jahren Ludwig (VII.) von Frankreich im Jahr 1137. Mit dem zieht sie in den zweiten Kreuzzug. Da aus der Verbindung keine Söhne entstanden, wurde die Ehe unter dem Vorwand zu enger verwandtschaftlicher Bindungen getrennt. Kurz danach heiratete sie Heinrich Plantagenet mit dem sie 1154 in London gekrönt wurde und acht von den zehn Kindern zeugte.

Aquitanien (wiki)
Ihr Erbgut, Aquitanien, gehörte nicht zu den Kronländern Frankreichs, galt aber als Lehen, und wie Ludwig VII. so hatte auch Heinrich II. ein Auge darauf geworfen. Der Adel bestand auf seinen Rechten und so wurden viele Kämpfe und Kriege ausgetragen. Die Söhne Eleonores Richard und Johann führten ebenfalls den Titel Herzog von Aquitanien. Zwischen den Königreiche bestanden um die Ländereien auf dem Festland beständiger Streit. Eleonore kämpfte beständig um den Erhalt des Herzogtums und seine Unabhängigkeit.

Es ist eine Zeit, in der Frauen, auch wenn sie von hohem Adel waren durch kirchliche und weltliche Regeln immer mehr beschränkt wurden. Eleonore, Tochter Wilhelm X., letzter Herzog der Familie der Ramnulfiden, erwarb eine hohe Bildung und war sehr durchsetzungsfähig. Die Bewahrung ihres Erbes war stets Gegenstand ihres Handelns. Gegen Heinrich II. Plantagenet verband sie sich mit ihren Söhnen Heinrich (d. J.), Richard, Gottfried und Johann, geriet aber darauf hin für Jahre in Gewahrsam (Salisbury). Ihren Söhnen Richard und Johann stand sie während deren Regierungsjahren zur Seite. Richard Löwenherz, der nach dem missglückten Kreuzzug durch Kaiser Heinrich VI. gefangen gehalten wurde, löste sie vor Ort in Trifels selber aus. Auch im letzten Lebensjahrzehnt reiste sie aus politischen Gründen kreuz und quer durch Europa.

Ludwig und Eloenore (wiki)
Durch ihr Handeln war sie umstritten und vielen Anfeindungen ausgesetzt. Eine Reihe von Liebschaften wurden ihr vorgeworfen oder angedichtet. Man warf ihr förmlich ein promiskuitives Sexualverhalten vor, mit einem Onkel, der ein Lehen im Heiligen Land besaß, mit Sultan Salah-ad-Din selbst, dem Vater Heinrichs II und einige mehr.  Diese schwarze Legende und weitere Gerüchte halten sich bis in die heutige Zeit und wurden durch mittelalterliche Dichtungen und Romane unterstützt. Außerdem wurde ihr vorgeworfen, die Ermordung einer Geliebten Heinrichs initiiert zu haben. Ihr selbst bestimmtes Leben und Handeln war nicht nur der Kirche ein Dorn im Auge, man schaute eh mit scheelem Blick in Richtung Pyrenäen, wo es doch ein wenig freier zuging, auch was die Rolle von Frauen betraf.

Filmszene
Ein Beispiel dafür sind die Worte, die Kathrin Hepburn (Eleonore) zu Peter O´Toole (Heinrich) in Der Löwe im Winter (1968) spricht

„Ich verkleidete meine Mägde als Amazonen und ritt selbst mit
entblößter Brust in Damaskus ein. Ludwig bekam einen Anfall...
Unseren Truppen hat es gefallen“. Das verfilmte Theaterstück sei ein
„psychologisches Familiendrama voller Haß und Neid... und trotz
epischer Breite voll innerer Spannung“ (Filmszene)

Zudem kam, das schon am Hof ihres Großvaters, Wilhelm IX. der Troubadour, und Vaters in Poitiers die Dichtkunst (Troubadourlyrik) gefördert wurde. Eleonore von Aquitanien ist vor allem in dieser Hinsicht bekannt geworden, als vermutete Mäzenin von Troubadouren und Förderin der höfischen Liebe. Die Anfänge des Minnesangs sind in Südfrankreich zu suchen, in der Provence, in Okzitanien. 

Wir können also annehmen, dass diese hochadeligen Fürstinnen und (vor allem die) Fürsten durchaus nicht so hochedel handelten und lebten, wird das in den mittelalterlichen Ritterromanen beschrieben ist, die Eleonore von Aquitanien kannte, denn so mancher Dichter und Sänger besuchte ihre Hoftage an den verschiedenen englischen, normannischen, aquitanischen und französischen Standorten.

Grab (wiki)
Hildegard von Bingen soll ihr einmal geschrieben haben, sie möge sich in stoischer Beständigkeit üben. Das hatte sie, ob dieser Männer um sie herum vermutlich auch nötig. (Seitz, FAZ)
Das Grabmal zeigt sie mit einem Buch. Dass die Skulptur von neuen Versuchen in der Bildhauerei zeugt, ein neuer plastischer Faltenwurf der Gewänder, rundet das Bild um diese Frau schlussendlich ab. Sie liegt neben ihrem Ehemann, der ursprünglich an einem anderen Ort begraben werden wollte.

Das Buch. Ralph V. Turner erhebt im Vorwort den Anspruch, sich auf die Suche nache einem „wahrheitsgetreuen“ Bild der Königin des Mittelalters zu begeben. Dabei geht der Autor streng chronologisch vor, beginnt mit der Kindheit, setzt mit der Königin der Franzosen, dem Abenteuer und den Missgeschicken auf dem zweiten Kreuzzug, dem zweiten Ehemann und der erneuten Krönung, diesmal in England fort. Er beschreibt die Tätigkeit als Regentin für den oft abwesenden König und wie sie mehrfache einige Zeit in Aquitanien direkt regierte. Ein großer Teil ist den Verhältnissen in der Familie der Plantagenets, den Streit um die den Spöhnen vom König vorenthaltenen Ländereien, der Rebellion der Söhne und der zeitweisen Gefangenschaft der Königin gewidmet. 

Die Biografie weist über 200 Quellen auf, mehrere Seiten Fußnoten zu den Kapiteln, die genealologischen Stammtafeln, runden die umfangreiche Biografie ab. Ralph V. Turner lehrte mittelalterliche Geschichte an der Florida State University und hat viel über die Plantagenets und andere Themen des europäischen Mittelalters publiziert. Er bezeichnete Eleonore von Aquitanien „überlebensgroße Figur der Geschichte, eine lebende Verkörperung der Extreme Hass und Liebe.“ – Das nun wieder „bestätigt“ auch der oben angeführte Historienfilm.


Justizpalast Poitier (wiki)
Turner stellt deutlich dar, dass die Urkundenlage, die Nachweise für die Tätigkeiten der Herzogin und Königin, einerseits spärlich ist, für die jeweiligen Könige ist sie viel umfangreicher. Da es außerdem eine Reihe Dokumente ablehnender und anklagender Inhalte gibt, war Autor auf Urkunden angewiesen, die von ihrer Hand gezeichnet waren oder in denen zum Beispiel von Königin und König zu lesen war. Interessant waren für die Zeit in England und der Normandie die sogenannten Pipe Rolls, da an den englischen Höfen schon zeitig ein gut funktionierenden Verwaltungssystem und Rechnungswesen eingeführt wurden war. 

Der Historiker hat Fakten immer deutlich von Vermutungen getrennt, diese zumindest immer klar gekennzeichnet.

Turner hat, so schreibt es auch die FAZ im Jahr 2012, seine Protagonistin nicht als strahlende Heldin aufgebaut. Er sieht in ihr nicht nur die Königin der Troubadoure und schon gar nicht die Herrscherin, die so mancher Zeitgenosse verurteilte. Bei ihm wird sichtbar, dass sie eher eine ausgewogene Politik gegenüber den Baronen und Grafen, aber den Bewohnern ihrer Ländereien. Ausgewogen ist auch seine Biografie über Eleonore, die sehr umfangreich und mit vielen Erläuterungen versehen ist, wobei Primär- und Sekundärquellen zitiert werden. Die nachvollziehbaren Schlussfolgerungen und das Buch insgesamt zeigen, dass der Autor sein Ziel erfüllt hat.


Der Autor sagt über sich selbst: „Ich bin gebürtiger Arkansas-Amerikaner, habe mein Studium an der University of Arkansas abgeschlossen und das akademische Jahr 1957-58 in Poitiers am Centre des etudes superieures medievales verbracht. Nach meiner Rückkehr in die USA trat ich in die Johns Hopkins University ein, wo ich 1962 promovierte. Anschließend wechselte ich an die Fakultät für Geschichte der Florida State University in Tallahassee, Florida, wo ich weiterhin im Ruhestand lebe. Mein erstes Forschungsgebiet war die mittelalterliche englische Rechtsgeschichte, aber meine Interessen haben sich im Laufe der Jahre erweitert, und ich habe mehrere Biografien von Figuren aus der Angevin-Zeit sowie sozialgeschichtliche Stücke geschrieben“ (fsu.academica.edu)


  • DNB / C.H.Beck / München, 2012 / ISBN: 978-3-406-65459-6 / eBook

© Bücherjunge


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