Mittwoch, 18. Mai 2016

LaPointe, Ernie: Sitting Bull...

Abb 1
Sitting Bull Sein Leben und Vermächtnis
Aus berufener Feder - geschrieben vom Urenkel des berühmten Lakota Häuptlings




Einer der Hauptgründe für den diesjährigen Besuch der Leipziger Buchmesse, war die Vorstellung des Buches DIE GESCHICHTE DES SITTING BULL von Eric Lorenz. Zu diesem Buch wird es demnächst noch manches zu schreiben geben, jetzt und hier ist aber erst mal ein anderes Buch dran: SITTING BULL – SEIN LEBEN UND VERMÄCHTNIS. Geschrieben hat dies ein Urenkel des großen Medizinmannes und Häuptlings der Hunkpapa Lakota, Tatanka Iyotake. Oder Tatanka-Yotanka wie ich den Namen zwar falsch, aber trotzdem in Erinnerung behalten werde.

Dies ist letztlich kein Zufall, denn der Weg durch die Messe führte mich durch die vielen Stände auch zum Traumfänger-Verlag, zu Kerstin Groeper, auf die ich erst kurz vorher aufmerksam geworden war. Im Regal des auf Indianerthemen spezialisierten Verlages sah ich das hier nun vorzustellende Buch. Es lag nahe, dies unmittelbar, fast gemeinsam, mit dem Buch von Eric Lorenz zu lesen, zumal Erik es auch in der Bibliografie erwähnt.

Doch nun erst einmal zu Sitting Bull, dem „Bisonbullen, der im Begriff ist, sich hinzusetzen“ – Tatanka Iyotake.


Abb 2
„Mein Name ist Ernie LaPointe. Mein Lakota Name ist Kangi Sie (Crowfoot). Ich bin eines von vier Urenkelkindern von Sitting Bull (Tatanka Iyotake). Ich schreibe dieses Buch über die Familiengeschichten – traditionell mündliche Überlieferungen – die mir, meiner ältere Schwester Marlene Andersen sowie meiner Nichte und meinem Neffen von meiner Mutter Angelique Spotted Horse-LaPointe erzählt wurden. Dieses Buch ist keine Biografie, weil ich nur die Geschichten wiedergebe, die mir meine Mutter über meinen Urgroßvater erzählte… meine Schwester Marlene hat mir die rechtliche Vollmacht gegeben, die Angelegenheiten, die unseren Urgroßvater betreffen, zu regeln. Wir sind die direkten Nachkommen von Sitting Bull.“ [1]

Der Urenkel, Ernie LaPointe, erzählt das Leben seines Urgroßvaters in Geschichten. Und er erzählt auch die Familiengeschichte.  

Im Jahr 1831 wird einem Paar der Hunkpapa Tiatunwan Lakota (von den Weißen Teton ausgesprochen), namens Her Holy Door Woman und Returns Again ein Junge geboren, der den Namen Jumping Badger erhält: Springender Dachs. Dieser unterscheidet sich von den anderen Jungs durch Zurückhaltung und Nachdenklichkeit. Und er sollte doch einer der größten Krieger, Häuptlinge und Medizinmänner werden, einer der bekanntesten Prärieindianer Nordamerikas. [2]

Mit 14 Jahren nimmt er erstmals an einem Kriegszug teil. In Folge dessen überträgt der Vater seinen Namen, Tatanka Iyotake auf den Sohn. Selbst nennt er sich nun Jumping Bull, einer von vier „Bison“-Namen, die ihm ein weißer Bison übermittelt hat. [3] Tatanka Iyotake wird dann Mitglied im Kriegerbund der Starken Herzen. Im weiteren erzählt LaPointe, was die Lakota unter „Verwandschaft machen“ verstehen, das ist die Geschichte eines Jungen der eigentlich verfeindeten Assiniboine, sie werden Hunka-Brüder, eine „Verbindung die tiefer und wichtiger als die Beziehung zwischen Blutsverwandten“ [4] ist.

LaPointe erzählt von Zeremonien wie dem „Zurückhalten der Seele“ Verstorbener und von den Beziehungen zu Frauen und Kindern. Zum Beispiel gehörte das Tipi der Frau. Der Mann durfte nur beim Aufstellen z.B. helfen, wenn sie ihn darum bat. Kindern wurde die beste Führsorge entgegengebracht, das ganze Dorf war daran beteiligt. Nach dem Tod der ersten Frau heiratete Tatanka Iyotake gleich zwei Frauen, trennt sich aber später von einer, weil er sich zu der anderen wohl stärker hingezogen fühlte und die erste eifersüchtig war. [5]

Tatanka Iyotake nahm mehrmals am Sonnentanz teil, die Zeremonie wird detailreich dargestellt. [6]
 
Im Weiteren werden die ersten Begegnungen und Kämpfe mit den weißen Amerikanern beschrieben. Tatanka Iyotake glaubt nicht an die Nachhaltigkeit von Friedensverträgen, verfolgt aber eine Politik der Vermeidung von Angriffen, wenn die Lakota in Ruhe gelassen werden.

Der Häuptling der Hunkpapa, Tatanka Iyotakes Onkel Four Horns, entscheidet sich für die Notwendigkeit einer neuen Führung der Lakota. Infolge dessen werden Tatanka Iyotake und Crazy Horse zu deren Anführern.

„Vier Häuptlinge gingen zu Tatanka Iyotakes Tipi und führten ihn hinaus. Sie brachten ein Büffelfell mit und hießen ihn, sich daraufzusetzen. Dann trugen sie ihn zum Ratszelt, um die Zeremonie durchzuführen… [Four Horns] teilte allen mit, dass es nun in [Tatanka Iyotakes] Verantwortung läge, die Ernährung und die Verteidigung der Titunwan Lakota zu gewährleisten… ‚Wenn du uns sagst, dass wir kämpfen sollen, werden wir unsere Waffen erheben, und wenn du uns sagst, wir sollen Frieden schließen, dann werden wir sie niederlegen. Jetzt wollen wir Cannunpa Wakan rauchen, die Heilige Pfeife, damit Wakan Tanka unsere Entscheidung segnen möge.‘“

Jedoch stimmten nicht alle Lakota Abteilungen, zum Beispiel die Oglala unter Red Cloud, der Wahl zu. [6]

Die folgenden Kapitel erzählen dann von den Kämpfen mit der US-Armee.
Der Häuptling wird nach der Schlacht am Little Bighorn (1876) mit seiner Stammesgruppe nach Kanada wandern, sich aber nach fünf Jahren doch den US-Truppen ergeben: für eine solche große Gruppe von hunderten von Familien gibt es dort kein auskommen. Landwirtschaft können sie noch nicht, Bisonherden gibt es kaum noch und die Jagdgründe geben für so viele nicht genug her. Hunger und Heimweh sind auch Beweggründe, die zur Rückkehr führen – in die Standing Rock Reservation. Tatanka Iyotake bleibt der nachdenkliche Führer, der aber doch nicht alle Stammesangehörigen auf dem „alten“ Glaubensweg behalten kann. 


Abb 3

Er kommt bis nach Washington, reist mit William Cody (Buffalo Bill) im Zirkus durch die Städte der USA und versucht, um Verständnis für sich und sein Volk zu werben. 

Am 15. Dezember 1890 wird er ermordet, maßgeblich von eigenen Stammesangehörigen, Verrat übt auch ONE BULL, sein eigener Neffe. Die unmittelbare Familie flieht und kommt in die Pine Ridge Reservation. Dem ging die sogenannte Geistertanzbewegung voraus, vor der die Reservationsagentur viel Angst hatte. Da sich Tatanka Iyotake deren Gebote nicht beugen wollte, galt er ihnen als Aufrührer.


Abb 4


* * *

Im Buch geht es aber nicht nur um das Leben und die Wirkung des Häuptlings. Einen großen Teil nimmt die Geschichte ein, wie Ernie LaPointe den Nachweis um die Nachkommenschaft führte, da andere Indianerfamilien ebenfalls Ansprüche erhoben.[8] Diese Ansprüche gingen seltsamerweise einher mit einerseits der Werbung mit dem Namen Sitting Bull auf der Standing Rock Reservation und andererseits mit der Diffamierung als Aufrührer.

Im Gegensatz zu anderen Autoren haben wir hier einen, der „indianisch“ schreibt. Der amerikanische Herausgeber schreibt im Vorwort über die Schwierigkeit, die Form der mündlichen Überlieferungen, die sich von den üblichen Standardbiografien sehr unterscheiden, mit eben der Biografieform zu verschmelzen. Er erzählt auch von Übersetzungsschwierigkeiten und unterschiedlichen Weltanschauungen. [9] 

Und so haben wir ein Buch vor uns liegen, welches sich unterscheidet von sonstigen Biografien, da es von den Lebenserfahrungen der Lakota, gepflegt von den Nachkommen eines der wichtigsten Lakotahäuptlingen, aber eben auch von deren Glauben, deren Weltanschauungen erzählt. Manches davon erscheint uns fremd, Die Begriffe von Ehre und Mut im Kampf, wenn in einem solchen auf Leben und Tod mit anderen Indianergruppen dem sogenannten Coup, dem Berühren eines feindlichen Kriegers ohne ihn zu verletzen oder zu töten eine solche Bedeutung zukommt. Unseren Werten wie Leben und Freiheit setzt Ernie LaPointe, der als Soldat in Vietnam gewesen ist und mit diesen als Amerikaner sicherlich etwas anzufangen weiß, Werte wie Ehre, Respekt, Demut und Mitgefühl hinzu. 

 Der Harausgeber betont in einem Nachwort noch einmal, dass hier das erste Buch vorliegt, "welches die mündlichen Überlieferung und das Wissenn der Familie von Sitting Bull repräsentiert, unzensiert von Vorurteilen und weißen Geschichtsbildern." Es ist doch kaum zu glauben, dass sich alle bisherigen Biografen nicht mit diesem authentischen Zweig der Familie unterhalten haben, höchstens mit entfernten Verwandten, deren Vorfahren beim Tod des Häuptlings eine fragwürdige Rolle spielten. [10]

Das Buch fördert auf eine bisher weniger bekannte Art und Weise das Verständnis für die Geschichte aber auch die heutige Lage der Lakota. 

Kleine Kritik von nicht übermäßiger Bedeutung: Der einzige Name, der transkribiert wurde und damit auf „Lakota“ gedruckt, ist Tatanka Iyotake. Alle anderen werden auf Englisch wiedergegeben. Dies verwundert doch ein wenig. Tatanka Iyotake bedeutet soviel wie „Bisonstier, der im Begriff ist, sich hinzusetzen“. Nicht einfach Sitzender Bisonbulle, wie Sitting Bull einfach übersetzt werden kann. Dies führt auch bei Crazy Horse, Tȟašúŋke Witkó zu vermutlichen Widersprüchen, man kennt ihn eigentlich nicht als „verrücktes Pferd“, sondern eher als „Geheimnispferd“.

* * *

"Ernie LaPointe, Urenkel von Sitting Bull, wurde 1948 auf der Pine Ridge Reservation in South Dakota geboren. Er wuchs in Rapid City auf, ging dort zur Schule und trat 1966 in die Armee ein. Ernie kämpfte in Vietnam und wurde 1972 ehrenhaft aus der Armee entlassen. 1992 erhielt Ernie LaPointe die Gelegenheit, seine direkte Nachkommenschaft mit Sitting Bull zu beweisen und durfte bei der Aufnahme seines berühmten Urgroßvaters in die „Hall of Fame“ die Rede halten. Seit Jahrzehnten widmet er sich intensiv der Geschichte und dem Vermächtnis seines berühmten Urgroßvaters. Er ist regelmäßig Dozent an Universitäten und Institutionen wie dem Crazy Horse Memorial oder dem Museum am Little Bighorn Schlachtfeld. Er wurde bei mehreren Fernsehproduktionen zu Rate gezogen und produzierte selbst zwei DVDs über die Biographie seines Urgroßvaters. In Deutschland trat er 2009 in der Sendung „Ich trage einen großen Namen“ auf. Er lebt in der Tradition der Lakota, ist Sonnentänzer und folgt den spirituellen Regeln der Heiligen Pfeife. Ernie LaPointe und seine Frau Sonja leben heute in South Dakota." [11]



 Ernie La Pointe spricht im Buffalo Bill Historical Center.
(YouTube)

* * *

Der Traumfänger Verlag stellte das Buch auf der Buchmesse im Jahr 2011 vor und hatte Ernie LaPointe dabei auch zu Gast. Kerstin Groeper, Autorin und Verlegerin des kleinen Verlages macht sich seit Jahren verdient und eine Indianerliteratur, die durchaus besonders ist, auch weil sie teilweise von Indianern selbst verfasst wurde. Zudem kommt noch der Umstand, dass es nicht nur um historische Geschichten geht, aktuelle Jugendbücher, Krimis, Thriller zählen ebenso zu den Angeboten des Verlages.



Auf der Buchmesse 2011 mit Kerstin Groeper
(YouTube)



Ich danke Kerstin Groeper für die Überlassung des Buches, der Traumfängerverlag bleibt seit dem Kennenlernen auf der letzten Buchmesse in Leipzig in ständiger „Beobachtung“. 


DNB / Traumfänger-Verlag / Hohenthann 2011 / ISBN: 978-3-941485-20-4 / 156 S. 
Hompage von Ernie LaPointe



© KaratekaDD 





Abbildungen:
1) Cover (Verlag)
2) Ernie LaPointe (Foto von Verlagsseite)
3) Foto URDD - Buch Seite 93: Sitting Bull in Buffalo Bills Wild West Show 1885
4) Foto URDD - Buch Seite 95: Sitting Bull mit One Bull


Quellen:
[1] Siehe LaPointe, Ernie: Sitting Bull… ; Traumfänger Verlag, Hohenthann 2011, ISBN: 978-3-941485-20-4, Seite 14
[2] Vgl. Ebenda, Seite 21
[3] LaPointe erzählt den und durch den Glauben seiner Vorfahren.
[4] LaPointe, Sitting Bull, Seite 36
[5] Vgl. Ebenda, Seite 41ff, Kapitel „Frauen und Kinder“ / Eine zweite Frau war gelegentlich üblich, da deren Familee ja versorgt werden musste, wenn der Mann zum Beispiel im Kampf gefallen war.
[6] Auch Ernie LaPointe ist ein Sonnentänzer, die Zeremonie wird auch heutzutage durchgeführt.
[7] Vgl. Ebenda Seite 52/53
[8] Vgl. Ebenda, Seite 14: Vier Wege zur Ermittlung der Abstammungslinie. Überlieferungen, Dokumente, eine heilige Zeremonie, aber auch die DNA Bestätigung auf Grund einer Haarlocke.
[9] Vgl. Ebenda, Seite 10ff
[10] vgl. Ebenda, Seite 162/163
[11] Text von der Webseite des Traimfängerverlages:   http://www.traumfaenger-verlag.de/index.php/artikeldetails/kategorie/AlleArtikel/artikel/sitting-bull.html; 16.05.2016, 15:30 Uhr

Kommentare:

  1. Ich sehe, Du bleibst Deine Affinität zur indianischen Kultur treu. Ein schöner Beitrag, Uwe!

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    1. Danke TinSoldier, da folgt bald noch so einer.

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  2. Ein toller, intensiver Beitrag zu einem Dir so wichtigen Thema. Es ist schön mitzuerleben, wie Du Dich immer tiefer in die Thematik hineingräbst. Und Sitting Bull ist ja selbst den Greenhorns unter uns ein Begriff...

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