Sonntag, 23. Juni 2013

David Garrett: Vom Wunderkind zum Geigenrebell - für mich einfach ein tolles Konzert...




Er gilt als einer der virtuosesten Violinisten weltweit: David Garrett. Der 1980 in Aachen geborene Deutsch-Amerikaner hat sich nicht nur im klassischen Musikgenre einen Namen gemacht.
Seine mit Rock- und Popelementen gemischten Crossover-Produktionen begeistern auch jene, die sich nicht für rein klassische Musik interessieren. "Beckham der Violinisten" oder "der coolste Geiger der Welt" sind nur einige Attribute für den jungen, gut aussehenden Musiker, der derzeit wieder durch Deutschland tourt.






Zur Person:


David Garrett galt lange Zeit als typisches "Wunderkind". Mit vier Jahren machte der Sohn eines deutschen Juristen und einer amerikanischen Primaballerina seine ersten Versuche auf der Geige. Der Vater, selbst ein passionierter Violinist, wurde sein erster strenger Lehrer. Als Zehnjähriger galt David in Klassik-Kreisen als Wunderkind und stand bereits mit den Hamburger Philharmonikern auf der Bühne, wenig später mit Yehudi Menuhin. Bis heute ist er der jüngste Künstler, den die Deutsche Grammophon je exklusiv unter Vertrag genommen hat. Der Dirigent Zubin Mehta prophezeite dem zwölfjährigen David eine internationale Karriere und nannte ihn den größten Violinisten seiner Generation.
Doch Ende der 90er Jahre brach Garrett aus der "behüteten Wunderkind-Karriere" aus. Von einer Sinnkrise gepackt fühlte er sich fremdbestimmt, gedrängt in ein Leben außerhalb seiner Generation. "Mir wurde immer alles aufoktroyiert: Was ich spielen sollte, wo ich auftreten sollte, was ich in Interviews sagen und nicht sagen sollte." Gegen den Willen der Eltern und seiner Plattenfirma zog er nach dem Abitur nach New York, um eigene Wege zu gehen. Das Studium an der renommierten Juilliard School of Music bei den wohl besten Geigenlehrern der Zunft finanzierte er sich selbst.  Hier erkannte er endgültig, dass er sich ein Leben ohne Geige und Musik nicht vorstellen kann. Die eigene Jugend entdecken hieß für ihn, sich auch musikalisch auszuleben.  Er orientierte sich musikalisch um und öffnete sich auch der Rockmusik: Zu Mozart, Bach und Tschaikowski gesellten sich jetzt Bands wie Nirvana oder Metallica. Seitdem ist Garrett mit seinen Cross-Over-Konzerten berühmt geworden, ohne je sein Herz für die klassische Musik zu verleugnen.


Weiterführende Informationen und Videobeispiele zu Auftritten gibt es hier: ZeitOnline Portrait

Das Konzert:




Und gestern war es nun soweit: mein erstes Live-Konzert mit David Garrett! In Münster auf dem Schlossplatz, 13.500 vollbesetzte Stühle, wechselhaftes Wetter - doch nur strahlende Gesichter. Gegen den gelegentlichen Regen halfen durchsichtige Regencapes, die vom findigen Veranstalter zu Hunderten ausgegeben wurden, denn Schirme dürfen auch bei einer OpenAir-Veranstaltung nicht aufgespannt werden.
Doch die unsichere Wetterlage war sofort vergessen, als die Show begann. David Garrett war mit Orchester und Band angereist - konsequenter lässt sich sein Crossover-Gedanke schließlich kaum leben. Bereits beim ersten Stück war klar: die Musik wird mit allen Sinnen erlebt, man kann sie auch fühlen. Die Bässe durchdrangen die Zuhörer derart, dass zu vermuten war, Menschen mit Herzschrittmacher sollten jetzt besser gehen - es könnte zu Irritationen führen. Alle anderen jedoch waren begeistert und sozusagen wachgerüttelt, bereit für das Kommende.



Und es wurden tolle fast drei Stunden. Viele Stilrichtungen, aus unzähligen Ländern der Welt gelangten an unsere Ohren. Die Klassik war dabei ebenso vertreten mit Tschaikowski, Beethoven, Mozart und Chopin wie auch Rock und Pop mit ACDC, Metallica und Queen. Ein Genuss nicht nur für die Ohren, sondern auch für die Augen. Denn das Ganze war eine überaus gelungene Mischung aus Musik, Tanz und optischen Untermalungen mit Hilfe von LED-Leinwand, Scheinwerfer, Lautsprecher, Nebelmaschinen und sonstigen Feinheiten der Technik. So zauberte sich David Garrett durch den Abend, versprühte ein Feuerwerk für alle Sinne - und unterhielt uns im wahrsten Sinne des Wortes.
Dazu gehörten zwischendrin auch kleine Anekdoten wie etwa die, dass er während der Tournee auf dem Weg zum nächsten Konzertort wie immer im Zug noch etwas üben wollte und seine Mangerin ihm dafür ein Abteil gemietet hatte. Dummerweise lag das Abteil jedoch direkt hinter der Kabine des Zugführers - und beim nächsten Halt kam dieser heraus und meinte trocken, wenn David weiterhin so einen Krach veranstalten würde, würde er sich weigern, weiter zu fahren. Seine Musik könne er bei Bedarf vielleicht besser auf dem Bahnsteig des nächsten Bahnhofs darbieten...




Insgesamt war es in jedem Fall ein unvergessliches Erlebnis, das entsprechend der Vielseitigkeit von David Garrett auch ein ganzes Spektrum an Empfindungen hervorrief. Basses Erstaunen über die Fingerfertigkeit und enorme Virtuosität des Künstlers, bei aller Lockerheit auf der Bühne in der Musik selbst ein hohes Maß an Konzentration und Hingabe zeigend, gehörte ebenso dazu wie ein fast körperlicher Zwang sich zur Musik zu bewegen, dem Zauber des Spektakels zu erliegen und es mit allen Sinnen zu genießen wie auch Gänsehautmomente zu erleben.
Am Schluss begann es noch einmal heftig zu regnen, Wind kam auf, Wolkenfetzen jagten über den dunklen Nachthimmel. Dazu erklang Beethovens "Ode an die Freude" - und mit geschlossenen Augen war das ein absolut überwältigender Abschluss. Ein oder zwei Tränen rannen mir dabei über die Wangen, derart intensiv war das Erleben.



Ein wundervoller Abend, und ich hoffe sehr, dass ich noch einmal in den Genuss eines Konzertes mit diesem Künstler kommen werde. 


Mehr Fotos zu diesem Abend gibt es hier: Fotostrecke David Garrett 2013 vor dem Schloss in Münster


Aussichten:

Am 31. Oktober 2013 wird im Kino ein vielversprechender Film anlaufen: "Der Teufelsgeiger" - ein Film über den legendären Geigenvirtuosen Paganini, gespielt von, klar, David Garrett...
Auf diesen Film bin ich jedenfalls schon sehr gespannt... Der Teufelsgeiger




Außerdem habe ich noch folgendes gefunden:
Im Mai 2014 startet die nächste Klassiktour mit einem mindestens ebenso atemberaubenden Programm. Als zentrales Werk wird David Garrett Antonio Vivaldis "Vier Jahreszeiten" spielen, sowie Werke von Niccolò Paganini, die er zum Teil selbst arrangiert hat. Begleitet wird er diesmal vom renommierten Verbier Festival Orchestra.  Tourdaten 2014



© Parden

BG: KaratekaDD erklärt die Dialektik

Aus der "Reihe" KaratekaDD erklärt...

Doch zuvor muss er ein wenig erklären. Warum plötzlich so was Philosophisches, was Weltanschauliches? SOFIES WELT von Jostein GAARDER war ein gutes Jugendbuch, was auch Erwachsene gut lesen können. Außerdem hat sowieso keiner Ahnung von Philosophie. *Oder doch?* KaratekaDD entschuldigt sich schon mal für diesen sprachlichen Ausrutscher. Die Buchgesichter lasen ausnahmsweise plötzlich mal was Philosophisches und ließen durchblicken, das wäre alles höllisch kompliziert. Nun, zum Beispiel im Fall des Kategorischen Imperativs des Immanuel KANT (► siehe hier) würde KaratekaDD dies schon mal bestätigen wollen. Wer Lust hat, schaue einmal unter ►Gedankenspiele nach. Da hat KaratekaDD den Buchgesichtern genau diesen erklärt. 
Mit der Dialektik ist das seiner Meinung nach nicht so schlimm oder so kompliziert. KaratekaDD erinnerte sich an seine Schul- und Studienzeit und die war geprägt von sechs weiß-blauen und sechs rot-weißen Büchern. Nein, es waren jeweils sieben, denn es gab noch einen Registerband. 

Also, polnische (rot weiß) oder bayerische (blau weiß) Werke sind hier nicht gemeint, sondern die jeweils sechbändige Ausgabe eines gewissen Wladimir Uljanow, besser bekannt als Lenin (rot weiß) und die zweier großer Deutscher, nämlich eines Karl Marx und eines Friedrich Engels (blau weiß). Zum Glück musste sich KaratekaDD damals nicht gleich die vierzigbändige Ausgabe zulegen. Ja, das war damals so im letzten Jahrtausend in dem deutschen Staat, welcher die heutige Bundeshauptstadt umschloss. 
In irgend einem der blau weißen Bücher (KaratekaDD ist nicht zu Hause und kann gerade nicht nachsehen) steht der sogenannte ANTI - DÜHRING. Was da so drinsteht kann man ► hier nach lesen. Es gab keinen M/L - Unterricht ohne dieses Werk. Es gilt auch als eines der meistgelesenen Bücher der beiden hier links abgebildeten  vergötterten und auch verhassten großen deutschen Denker.

So ernst soll das Folgende aber gar nicht werden. Denn keinesfalls hat der KaratekaDD vor, diesen Blog zu einem Philosophenblog umzuwandeln. Das überlässt er anderen und will nur gelegentlich was "gucken" lassen...

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KaratekaDD erklärt...Was Philosophisches. Total aus dem Hut und mit Hilfe diverser Internetseiten. 

(zuerst veröffentlicht unter buchgesichter.de am 30.06.2010)

 Philosophie hat es ihm angetan, das wisst ihr ja. Diesmal geht es um NOTWENDIGKEIT und ZUFALL. Das Buchgesicht TINSOLDIER hat HEGEL verlangt. Doch das scheint KaratekaDD etwas kompliziert. Für euch, hähä (lach). Mist, ich verhunze gerade die deutsche Sprache.

Allerdings kommt von dem HEGEL die sogenannte DIALEKTIK, nicht nur, aber auch. Das meinen MARX & Engels und baut aus dieser und dem MATERIALISMUS FEUERBACHS den dialektischen und historischen Materialismus. Das zumindest hat KaratekaDD mal gelernt. Ist lange her.

Irgendwann war mal die Kausalität von ZUFALL und NOTWENDIGKEIT dran.

Beispiel:
Durch die Witterungsverhältnisse werden die Dachziegel eines alten Hauses locker. Irgendwann kommt der Zeitpunkt und der Dachziegel fällt auf den Gehweg. Der Windstoß vorhin weht ihn herunter und er zerplatzt auf der Straße. Notwendigerweise - reine Physik.

Buchgesicht KaratekaDD hat kein Auto, oder es ist kaputt. Egal. (Mein Skoda ist übrigens in Ordnung.) Jeden Tag geht er 06:30 Uhr aus dem Haus. Fünf Minuten Weg. Zehn Minuten später fährt die Straßenbahn. Das macht KaratekaDD jeden Tag. Ein neuer Tag: Es stürmt. Der Dachziegel fällt folgerichtig oder notwendigerweise 07:00 Uhr auf den Gehweg, den KaratekaDD immer benutzt. 

Der KaratekaDD hat verschlafen, weil der Wecker nicht geklingelt hat. Oder er hat gestern zu lange an einer philosophischen Buchgeschichte geschrieben und ein paar Bier getrunken. Oder Wein. Ist völlig egal.
Er springt auf, putz sich die Zähne (immerhin) und saust los. Notwendigerweise 06:55 Uhr. Um 07:00 Uhr kommt er an der Hausnummer 99 vorbei. Das ist das Haus, wo der Dachziegel runter fällt. Der fällt ihm auf den Kopf. Da liegt er nun. Er hat ne Gehirnerschütterung. Notwendigerweise. Und die Buchgeschichte hat er vergessen. Ist nicht schlimm. Aber die Birne tut weh. Mist.

Was sagt uns das? Das der Ziegel fällt ist notwendig. Altes Haus, Witterung + Sturm. Das KaratekaDD verschlafen hat und nun losrennt, ist auch notwendig. Er muss ja pünktlich sein, als Beamter. Glaubt`s oder glaubt`s nicht. Aber dass der blöde Ziegel ihm auf den Dez kracht, das ist ZUFALL. Klaro? 


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Dialektik: Wissenschaft von den allgemeinen Bewegungs- und Entwicklungsgesetzen der Materie, einschließlich der Gesellschaft und des Denkens! Also was anderes als in wikipedia steht. Und nun? - Mmh... 
 

©KaratekaDD 
aktualisiert am 13.04.2014

Samstag, 22. Juni 2013

ESCHE, Eberhard: Autorenseite

Biografisches & Bibliografisches


  • Theater- und Filmschauspieler
  • geb.: 25. Oktober 1933 in Leipzig
  • gest.: 15. Mai 2006 in Berlin
  • 1952 - 55 Studium an der Theaterhochschule in Leipzig
  • von 1961 bis 1999 mit einer Unterbrechung am Deutschen Theater Berlin engagiert
  • besonders beliebt seine Vortragsabende zu DAS WINTERMÄRCHEN von Heinrich Heine und
  • REINECKE FUCH von J.W. v. Goethe

Rezensionen

  • Der Hase im Rausch; Autobiografische Geschichten DNB
  • Wer sich grün macht, den fressen die Ziegen; Autobiogr. Geschichten DNB
  • Ein Stolz der so groß ist; letzte Worte (Hrgb: Anette Reber) DNB

Geschichten & Sonstiges

  • Blog: Theater, Theater im Deutschen Theater (Buchgeschichte zu "Der Hase im Rausch")
  • Blog: Esche & Heine (Buchgeschichten)
  • Blog: Rezenion zu Johann Wolfgang v. Goethe: REINEKE FUCHS (Buch und Hörbuch - CD)
  • Blog: Rezension zu Heinrich Heine: DEUTSCHLAND. EIN WINTERMÄRCHEN (Buch und Hörbuch - CD)

WEB - Links



© KaratekaDD; 29.03.2015

BG: Theater, Theater...

Theater, Theater im Deutschen Theater

eine Buchgeschichte zu DER HASE IM RAUSCH (Eberhard Esche)
zuerst veröffentlicht unter buchgesichter.de am 20.07.2009

Bekannt war er, wie ein bunter Hund. Doch die Popularität eines Filmschauspielers hätte er nie erreicht. Und das, 

 "weil der Bühnenschauspieler den Leuten so fern ist, obwohl er so nah ist, während der Filmschauspieler (im Fernsehen) den Leuten so nah ist, obwohl er so fern ist."

Ein begnadeter Bühnenschauspieler, aber auch bekannt durch  Die Spur der Steine, der systemkritsche ►Film, welcher uns so lange vorenthalten wurde, bis 1989. 



Vielleicht erinnert sich auch jemand an Der geteilte Himmel (►Film) nach dem Buch von ►Christa Wolf. Eberhard Esche gemeinsam mit ►Renate Blume.


E.E. liest im Deutschen Theater, seiner Heimatbühne, Theatergeschichten. Alle wahr, eine nach der anderen, Pointe auf Pointe, Lachsalven auf Lachsalven. Wer nicht lacht, kommt wohl aus anderen deutschen Landstrichen und hat nicht - völlig verständlich - die "guten [*ostTheater*] Erinnerungen" wie Esche sagt.

Nur den "Hasen" trägt er nicht vor, das Gedicht eines Russen mit dem er berühmt wurde obwohl die wichtigen Stücke später kamen. Aber die Reihe "Jazz, Lyrik, Prosa" wurde auf eine Schallplatte gepresst und so wurde der "Hase im Rausch" und Esche im ganzen Land bekannt. Es hilft kein betteln, kein flehen, kein Applaus. (Aber unten könnt ihr ihn lesen).

Ein Freund machte mich auf diesen Abend aufmerksam, das einzige Mal, dass ich Esche auf der Bühne sah. Das Buch im Schrank ist dort erworben und trägt die Widmung des Autors.

Das Hörbuch ist auch zu empfehlen: Hören, lesen oder vorlesen, einfach nur ganz großes Theater.


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Für euch folgt der "besoffene Haase" nun  ► hier
Ich habe auch noch den Text auf folgendem interssanten ► Blog gefunden


©KaratekaDD (29.03.2015)




BG: Esche und Heine

Der ist sicher noch öfter dran hier, der Eberhard Esche. Duch zuerst gibt es mal den "Nachdruck" eine Buchgesichter-Buchgeschichte.

Das Wintermärchen und andere...  

Eine "Zugabe" zu den folgenden Post`s                                                                                                     

von KaratekaDD (nach buchgesichter.de vom 07.05.2010) mit einer "Zugabe" von Anne Parden (buchgesichter.de  vom 23.05.2010)


Natürlich ist es nicht von Eberhard Esche, dem Schauspieler des Deutschen Theaters, sondern von Heinrich Heine. Das Wintermärchen, meine ich. Dazu kommt, dass diese Geschichte nur sehr indirekt mit Heines "politischem Gedicht" zu tun hat. Darum bleib ich erstmal mal bei Esche, der das Wintermärchen gar trefflich darbieten konnte. Das dies uns leider nicht mehr vergönnt ist, empfinde ich als tragisch. Er verstarb am 15. Mai 2006. Beim Soloabend gab es immer wieder Rufe nach Zugaben. Und die waren natürlich oft auch, na von wem? Von Heine. 

So zum Beispiel dieses: 

Zur Theleologie 

(Heinrich Heine, Ausschnitt, vollständiges Gedicht ► hier)

Gott versah uns mit zwei Händen,
dass wir doppelt Gutes spenden;
nicht um doppelt zuzugreifen
und die Beute aufzuhäufen
in den großen Eisentruhn,
wie gewisse Leute tun --
(ihren Namen auszusprechen
dürfen wir uns nicht erfrechen --
hängen würden wir sie gern,
doch sie sind so große Herrn,
Philanthropen, Ehrenmänner,
manche sind auch unsre Gönner,
und man macht aus deutschen Eichen
keine Galgen für die Reichen.)

Gott gab uns nur eine Nase,
weil wir zwei in einem Glase
nicht hineinzubringen wüßten,
und den Wein verschlappern müßten.

Gott gab uns nur einen Mund,
weil zwei Mäuler ungesund.
Mit dem einen Maule schon
schwätzt zu viel der Erdensohn.
Wenn er doppelmäulig wär,
fräß und lög er auch noch mehr.
Hat er jetzt das Maul voll Brei,
muß er schweigen unterdessen,
hätt er aber Mäuler zwei,
löge er sogar beim Fressen. 


Zum auswendig lernen hervorragend geeignet, damit erntet man Beifallsstürme. Tatsache. Aber vor kurzem las ich mal den ganzen Text. Dabei fiel auf, dass der Heine nicht nur die politische Satire hervorragend beherrschte (Ebs Esche auch), was ich Euch nicht vorenthalten kann:


Doch der Mensch fragt stets: Warum?
Wenn er sieht, dass etwas dumm.
Freund ich hab dir zugehört,
und du hast mir gut erklärt,
wie zum weisesten Behuf
Gott den Menschen zweifach schuf
Augen, Ohren, Arm' und Bein',
während er ihm nur ein
Exemplar von Nas und Mund --
doch nun sage mir den Grund:
Gott, der Schöpfer der Natur,
warum schuf er einfach nur
das skabröse Requisit,
das der Mann gebraucht, damit
er fortpflanze seine Rasse
und zugleich sein Wasser lasse?
Teurer Freund, ein Duplikat
wäre wahrlich hier vonnöten,
um Funktionen zu vertreten,
die so wichtig für den Staat
wie fürs Individuum,
kurz fürs ganze Publikum.
Zwei Funktionen, die so greulich
und so schimpflich und abscheulich
miteinander kontrastieren
und die Menschheit sehr blamieren.
Eine Jungfrau von Gemüt
muß sich schämen, wenn sie sieht,
wie ihr höchstes Ideal
wird entweiht so trivial!
Wie der Hochaltar der Minne
wird zur ganz gemeinen Rinne!
Psyche schaudert, denn der kleine
Gott Amur der Finsternis,
er verwandelt sich beim Scheine
ihrer Lamp -- in Mankepiß.


Na, kennt ihr diesen Heine?

So kommt man man zu subtiler Erotik, gepaart mit fast klassischer Lyrik. Oder ist sie gar schon Klassik?  
Aber zurück zu Esche. Wenn ihr DAS WINTERMÄRCHEN hören wollt, dann sucht nach einer Aufnahme mit ihm. Leider lebt er nicht mehr, die CD hab ich mir sofort nach seinem Tode zugelegt.

Hier könnt ihr ihn hören, den Eberhard Esche, natürlich mit Heinrich Heine.
Der tugendhafte Hund 
Zur Beruhigung (hier rezitiert ein anderer)

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Das kommt davon...

von Parden (buchgesichter.de  vom 23.05.2010)

Dass ich in der Auswahl meiner Bücher zwar in der Regel meinen Vorlieben folge, bedeutet ja noch lange nicht, dass ich nicht auch offen bin für Neues. Neugierde und auch Mut, so scheint´s, gehören dazu, seinen geistigen Horizont dergestalt immer mal wieder zu erweitern... 

Wer mal auf meine Profilseite geschaut hat, weiß vielleicht, dass dort von Anbeginn meiner Zeiten hier bei buchgesichter.de bei der Frage "Welches Buch in deinem Regal ist noch ungelesen?" die Antwort steht: "Klassiker (Kafka, Heine, Brecht)". Das ist natürlich etwas geschönt (ähem, mein kompletter SuB passte in die kleine Sparte einfach nicht herein), trifft es im Kern aber schon. Die sogenannten Klassiker habe ich immer ausgeklammert, wo es nur ging.

Jetzt habe ich aber gerade in der letzten Zeit bei mehreren Buchgesichtern sehr positive Stimmen zu Heines "Deutschland, Ein Wintermärchen" gelesen. Als ich dann zu einer der positiven Rezensionen als Kommentar schrieb, dass ich das Buch jetzt doch auf meine Wunschliste setzen würde, bot Uwe alias KARATEKADD mir spontan an, mir die Hörbuchfassung von Eberhard Esche zu schicken.
Da ich Hörbüchern gegenüber sehr aufgeschlossen bin, fand ich die Idee toll und stimmte zu. Gesagt, getan - einige Tage später hatte ich das Hörbuch hier. *Freu und Dank*!


Heute Nachmittag hatte ich dann auch Zeit, um gespannt in das Hörbuch hineinzulauschen. Ach je...
Das reimt sich ja! In der besagten Rezension hatte ich tatsächlich völlig überlesen, dass es sich bei dem Wintermärchen um einen Gedichtszyklus handelt! Und wenn ich mit etwas noch größere Probleme habe als mit den sogenannten Klassikern, dann ist es mit Lyrik. Das kommt davon, wenn man nicht genau liest...

Nach mehrfachem Anhören von Track 1 des Hörbuches war mir die Thematik dann zwar nicht mehr gar so fremd. Aber da Eberhard Esche das Werk nach beschaulichem Anfang teilweise doch recht temperamentvoll vorträgt, hatte ich manchmal reichlich Mühe, den mir unbekannten Text zu verstehen.
 

ABER: Das wäre ja gelacht! Ich habe gleich heute Nachmittag noch das Buch "Deutschland, Ein Wintermärchen" bestellt und werde es mir nun einfach vor dem Anhören des Textes und vielleicht auch parallel dazu durchlesen. Wenn es im Grunde nur begeisterte Stimmen zu dem Buch gibt, muss das doch einfach einen Grund haben - ich gebe jedenfalls nicht auf!
 

Also, Uwe: Hopfen und Malz sind noch nicht verloren - ich gebe mein Bestes. 

Und im Vertrauen auf Heinz Erhardt...
 

Es soll manchen Dichter geben,
der muss dichten, um zu leben.
Ist das immer so? Mitnichten,
manche leben um zu dichten.


...setze ich feste darauf, dass Heine zu letzteren gehört... 


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Das Wintermärchen, vorgetragen von Eberhard Esche bei Amazon.de

Eco, Umberto: Derrick oder die Leidenschaft für das Mittelmaß

Gibt es etwas Deutscheres als Kommissar Derrick, die vollkommene Verkörperung von Durchschnittlichkeit, Phlegma und Beamtenkarriere? Phänomene wie den deutschen Geist im Streifenwagen, Ginger Rogers und Clintons Verfehlungen, Andreottis Mafiaprozess und die neue Computerkultur kann niemand besser erklären als Umberto Eco. Ein Band voll ironisch-intelligenter Parodien. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Glossen, Satiren und Gedankengänge - Eco eben...  
(zuerst veröffentlicht von parden auf buchgesichter.de am 14.11.2011)

 

Seit 1985 gibt es im italienischen Wochenmagazin "L'Espresso" die Kolumne "La Bustina di Minerva", in der Umberto Eco über Gott und die Welt plaudert. Auf Deutsch hat sie "Die Zeit" phasenweise als "Streichholzbriefe" veröffentlicht.
Dieses Buch stellt eine Auswahl der Glossen, Polemiken und Satiren Ecos zum Stand der Dinge dar. Ginger Rogers und Clintons Verfehlungen, Andreottis Mafiaprozess, die neue Computerkultur oder der grassierende Wahn der Meinungsumfragen - aus jedem Thema gewinnt Eco Einsichten, die nicht dem alltäglichen Fernseheinerlei folgen.

Der deutsche Titel bezieht sich dabei auf eine einzige der über 40 Geschichten, die oft nur drei bis vier Seiten umfassen.
Gegliedert sind diese Essays in vier große Kapitel: Die dunkle Seite der Galaxie (Zwischen Rassismus, Krieg und Political Correctness), Geliebte Gestade (Italienische Binnenansichten), Erhabener Spiegel der Wahren Sprüche (Verhaltens- und Redeweisen, Manien und Moden) und Obwohl das Reden vergeblich ist (Polemiken, Divertissements und gute Vorsätze).

Die vorgestellten Artikel sind für mich teils witzig, teils ironisch, zuweilen belehrend und hilfreich - manchmal aber auch langweilig und uninteressant, eben abhängig vom jeweiligen Thema. Ein Nachteil dabei ist sicherlich, dass die meisten Artikel zu Beginn der 90er Jahre verfasst wurden und somit leider nicht mehr ganz zeitgemäß sind. Besonders die Glossen aus dem Kapitel, das sich v.a. um italienische Belange dreht, sprachen mich größtenteils überhaupt nicht an.
Zu manchen Sachverhalten aber gab Eco mir durchaus interessante Gedankenanstöße oder war einfach nett und amüsant zu lesen.

Insgesamt eine interssante Lektüre, wobei die Kürze der Glossen es ermöglicht, immer mal wieder auch zwischendurch zu dem Buch zu greifen. 

Ich vergebe für dieses Buch 6 von 10 Punkten.

© Parden


 

Freitag, 21. Juni 2013

Herbstliebe

von
TinSoldier


Die Ferien waren vorüber. 
Über den Wiesen ließ der Altweibersommer silbrige Spinnfäden im Sonnenlicht segeln und die Getreidefelder, auf denen die Mähdrescher jetzt lärmend ihre Bahnen zogen, lagen unter staubigem Dunst, der dort, wo Himmel und Erde sich scheinbar berührten, blass-bläulich schimmerte und die Horizontlinie verschwimmen ließ. Dabei war es doch eben noch Sommer gewesen. Jetzt aber lag plötzlich der herbe, erdige Geruch des nahenden Herbstes in der Luft: Selbst die Sonne, so eifrig und verschwenderisch sie auch vom blauen Himmel scheinen mochte, konnte nicht darüber hinwegtäuschen, denn ihre Strahlen hatten spürbar an Kraft und Wärme verloren. 
So sehr der Herbst sich auch mühte, farbenfrohe Heiterkeit zu verbreiten, es mischte sich doch die sanfte Wehmut des Abschieds unter die Herbstluft, und im herbstlichen Farbrausch reifte für mich bereits ein Apfel am Baum der Erkenntnis, nach dessen Genuss nichts mehr so sein würde, wie es vorher gewesen war. Der Sommer hatte den Geschmack von Brausepulver, Vanilleeis und Himbeerlimonade besessen und den Geruch von Sonnenmilch auf warmer, gebräunter Haut verströmt. Unter die Sommerhitze hatten sich aber fast wie ein Missklang schon unbestimmte Sehnsüchte gemischt, und darin lag für mich so etwas wie die Vorahnung an eine Offenbarung mystischer Geheimnisse aus der Welt der Erwachsenen, welche der Verbannung aus dem Paradies der Kindheit vorangingen. 

Schon damals liebte ich den Herbst, besonders wenn er die Sonne in samtweicher Luft golden durch das sich langsam bunt färbende Blätterdach der Bäume blinzeln ließ. Noch heute, nachdem er so viele Male sein Farbenspiel vor mir entfaltete, das in seiner Fröhlichkeit in merkwürdigem Widerspruch zu seiner morbiden Melancholie und zur Vergänglichkeit der herbstlichen Natur steht, welcher doch bereits der modrige Geruch des Verfalls anhaftet, gleite ich manchmal im milden Licht lauer Herbsttage mit geschlossenen Augen wie auf Traumschwingen zurück in wehmutsvolle Erinnerungen: Dann weht leise, wie von jenseits der Zeit, eine altbekannte, zarte Melodie voller Wehmut und Traurigkeit herüber und bringt längst vergessen geglaubte Saiten in mir wieder zum Klingen:

„When I was small, and Christmas trees were tall,
We used to love, while others used to play…” *

Und dann sehe ich im Geiste wieder, wie das Herbstlicht sich magisch in deinen strohblonden Haaren fing, fühle wieder die heimliche, aufregende Leidenschaft von damals und verspüre wieder das Lebensgefühl jener Jahre, das durch „Flower-Power“, durch Woodstock und „Make love not war“, durch Janis Joplin, Jimmy Hendrix und Jim Morrison und all die anderen, deren Flammen so hell, aber dafür auch so kurz nur brannten, geprägt war. Und in meiner Erinnerung hat sich all das untrennbar mit der bittersüßen Erfahrung des Erwachsenwerdens verbunden. Damals waren wir so blutjung. Wir wussten noch nichts vom Leben, nichts vom Tod und nichts vom unerbittlichen Lauf der Zeit. Vor uns lag die Zukunft, hinter uns lag: Nichts. 

Wir waren. Wir lebten. Wir lernten. Wir fühlten. Wir liebten, rein und unschuldig, wie es nur Kinder können. Das Leben hatte uns noch so viel zu bieten. Wir waren jung und wir waren hungrig nach dem Leben: Die Gegenwart war schön und die Zukunft gehörte uns. Und wir waren stark, wollten die Welt erobern. Und die Flamme in uns brannte und loderte hell:

Auch deine Flamme brannte so leuchtend hell und schön und heiter. Und sie erlosch so verdammt früh: Jener Herbst war dein letzter, den nächsten solltest du nicht mehr erleben. Doch noch bevor deine Flamme für immer verlosch, hast du ein Licht in meinem Herzen angezündet, das noch heute für dich brennt. Und jener goldene letzte Herbst deines kurzen Lebens hat sich wie mit Feuerzungen in mein Hirn gebrannt.

Man sagt, die Toten leben in unserer Erinnerung fort. Ja, so muss es wohl sein und ich möchte daran glauben. Möchte daran glauben, jedes Mal, wenn der Herbst die Welt wieder in sein goldenes Licht taucht, wenn Spinnfäden silbrig durch die Luft tanzen, wenn Astern blühen und buntes Laub die Wege bedeckt und geheimnisvoll unter meinen Füßen raschelt, als würde es leise flüsternd zu mir sprechen. Wenn die Erinnerung wiederkommt und die warmen Strahlen der goldenen Oktobersonne mein Gesicht streicheln, so wie ich einst im Herbst mit Herzklopfen deine Wange streichelte: sanft und mit scheuer Zurückhaltung. Und deine Augen strahlten und du hast gelächelt. Und immer, wenn der Herbst golden übers Land kommt, dann stehst du wieder vor mir und lächelst mich an, und wir halten uns wieder bei den Händen, und meine Augen schwimmen plötzlich in einem See, und die Sonnenstrahlen tanzen im Herbstlicht auf deinem Haar und verzaubern mich und lassen mich die Gegenwart vergessen, während der Herbst traurig und leise sein Abschiedslied für uns singt:

The apple tree that grew for you and me
I watched the apples falling one by one 
And I recall the moment of them all 
The day I kissed your cheek and you were gone.” *




Und ich stehe und lausche und betrachte mit staunenden Augen die Schönheit der Welt rings um mich herum und ich atme tief die frische Herbstluft und die gleichen goldenen Sonnenstrahlen, die einst dein Haar streichelten, trocknen langsam meine Tränen und ich begreife endlich: 

Das geht nie vorbei, denn diese Liebe währt für immer und ewig!





*Songtext "First of may", Bee Gees

© TinSoldier