Freitag, 20. November 2015

Alexijewitsch, Swetlana: Tschernobyl





Das erschütternde Zeugnis unserer Machtlosigkeit


Swetlana Alexijewitsch wurde bekannt durch die Dokumentation menschlicher Schicksale und gilt als wichtigste Zeitzeugin der postsowjetischen Gesellschaft. Über viele Jahre hat sie mit Menschen gesprochen, für die die Katastrophe von Tschernobyl zum zentralen Ereignis ihres Lebens wurde. Entstanden sind eindring-liche psychologische Porträts, die ungeheure Nähe zu den Betroffenen aufbauen und von höchster Sensibilität und journalistischer Perfektion zeugen.

(Klappentext Piper Verlag)



  • Taschenbuch: 304 Seiten
  • Verlag: Piper Taschenbuch (9. März 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Ingeborg Kolinko
  • ISBN-10: 349230625X
  • ISBN-13: 978-3492306256









DIE VERGANGENHEIT WIRD DIE ZUKUNFT SEIN...



'Schicksal ist das Leben des einzelnen, Geschichte - das Leben von uns allen. Ich möchte Geschichte so erzählen, daß dabei das Schicksal nicht aus dem Blickfeld gerät... Der einzelne...' (S. 50)

Dies schreibt Swetlana Alexijewitsch zu ihrer Motivation, dieses Buch zu verfassen. Über zwanzig Jahre hat sie gebraucht, um es fertigzustellen, hat Interviews geführt mit zahllosen Menschen, die von dem Supergau des AKWs in Tschernobyl im April 1986 betroffen waren und sind. Als Weißrussin ist Swetlana Alexijewitsch nicht nur Berichterstatterin, sondern gehört auch selbst zu denjenigen, die die Auswirkungen des Reaktorunglücks hautnah zu spüren bekommen - denn auch wenn der Vorfall inzwischen fast dreißig Jahre her ist, sind die Folgen für ein ganzes Volk bleibend und prägen dessen Zukunft auf unabsehbare Zeit. Doch Swetlana Alexijewitsch hat eine Möglichkeit gefunden, Abstand zu wahren, indem sie allein und unkommentiert die Worte ihrer zahllosen Interviewpartner wiedergibt. Als 'Monologe' bezeichnet sie daher die einzelnen Kapitel.


'Nicht nahe herangehen! Nicht küssen! Nicht streicheln! Das ist nicht mehr der geliebte Mensch, er ist ein verseuchtes Objekt.' (S. 49)

Diesen Satz sagte ein Arzt anstelle der üblichen Trostworte zu der Frau eines Mannes, der wenige Tage nach dem Reaktorunglück im Sterben lag. Erschütternd, wie nach der Katastrophe mit den Menschen umgegangen wurde. Sicher auch aus Hilflosigkeit. Aber ein bestimmtes Menschenbild steckte wohl auch dahinter, auch wenn Swetlana Alexijewitsch sicher recht hat, wenn sie feststellt, dass die Katastrophe an sich nichts mit einer Ideologie oder einer Staatsform zu tun hat.

Eine mangelhafte Informationspolitik der Regierung gab es nicht nur gegenüber dem Ausland (erst als man zwei Tage nach der Explosion in Schweden erhöhte Radioaktivität an einem Atomkraftwerk maß und Wissenschaftler herausfanden, dass die Strahlung von außerhalb kam, fragte man in Moskau nach, ob dort Ursachen bekannt seien), sondern vor allem gegenüber der Bevölkerung. Dies schuf ein Klima der Absurditäten. Einerseits gab es Zwangsevakuierungen, andererseits aber wurde die Bevölkerung in den umliegenden Gebieten lange nicht über die Gefahr in Kenntnis gesetzt, da man eine Panik vermeiden wollte. Aktionismus auf der einen Seite, Verlogenheit auf der anderen Seite. Die Vertreibung aus den Dörfern, die Erschießung der Tiere, die Vernichtung von allen Dingen, der Pflanzen, selbst der Erde in sogenannten 'Mogilniks' - dabei waren die Gruben meist gar nicht wie vorgeschrieben gesichert, und wenig später wurde alles daraus - wie auch aus den verlassenen Dörfern - geplündert und verschachert. Die Menschen glaubten den offiziellen Stellungnahmen der Behörden rasch nicht mehr, zogen aber ihre Schlussfolgerungen aus dem persönlichen Handeln der einzelnen Behördenmitarbeiter - trugen diese beispielsweise Schutzkleidung, war die Lage bedrohlich. Nichts durfte wahrheitsgemäß dokumentiert und veröffentlicht werden, keine Katastrophenberichte, sondern nur Berichte von Heldentaten. Viele Soldaten meldeten sich freiwillig zum Einsatz im Katastrophengebiet, viele wurden unter Vortäuschung falscher Tatsachen dorthin beordert, manche unter Androhung des Parteiausschlusses oder Schlimmerem zum Einsatz gezwungen. In vielen Fällen wurde ohne ausreichende Schutzkleidung gearbeitet, Wodka galt als Allheilmittel. Es lockten Auszeichnungen, Orden, besondere Vergünstigungen - die Russen: ein Volk der Helden?


Man hat mir ein Strahlenmeßgerät gegeben, aber was soll ich damit? Wenn ich Wäsche wasche, (...) klickt das Gerät nur so. Wenn ich Essen koche, einen Kuchen backe, klickt es. Wenn ich das Bett mache, klickt es. Was soll ich damit? (S. 183)



Nun, die Monologe in diesem Buch haben nichts Heldenhaftes. Deutlich wird, dass man in ganz Weißrussland nicht ohne Strahlung leben kann. Tschernobyl hat einem ganzen Volk ein schweres Erbe aufgebürdet, was bei dem einzelnen bestenfalls zu Pragmatismus führt, oftmals aber auch zu Resignation, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit. Kinder kommen häufig
entstellt zur Welt, viele mit einer nur kurzen Lebenserwartung. Umgesiedelte sind anderswo gar nicht erwünscht - wie eindringlich das Bild des kleinen Kindes, das von anderen Kindern im Dunkeln auf den Hof gedrängt wurde, um zu schauen, ob es womöglich strahlt. Es gibt gar keine Alternative, als da zu leben wo sie eben leben. Was sonst? Ein ganzes Volk nach Kanada umsiedeln? Die Menschen müssen sich mit den Gegebenheiten und den Folgen wohl oder übel arrangieren. Vor Tschernobyl kamen beispielsweise auf 100000 Einwohner Weißrusslands 82 Fälle von Krebserkrankungen. Heute meldet die Statsitik: 6000 Krebskranke auf 100000 Einwohner. Nur jeder Vierzehnte stirbt noch an Altersschwäche. Solche Zahlen (von denen es nicht viele gibt in diesem Buch) sprechen für sich.

In diesem Buch kommen zahlreiche an Spätfolgen leidenede Menschen zu Wort oder aber deren Angehörige: die sog. Liquidatoren, die die Aufgabe hatten, das betroffene Gebiet zu dekontaminieren, die Soldaten, die die Zwangsevakuierung überwachten, die Helfer, die dazu beitrugen, die Lecks im AKW abzudichten, zwangsumgesiedelte Menschen, die Rückkehrer, die die unsichtbare Gefahr der Strahlen gegenüber der gefühlten Heimatlosigkeit in Kauf nehmen, aber auch etliche russische Flüchtlinge, die sich in der verstrahlten Umgebung von Tschernobyl niedergelassen haben (z.B. aus Tadschikistan oder aus Krigisien, aufgrund von Vertreibung oder Flucht vor Unruhen), Kinder, Journalisten, ehemalige Politiker und andere Entscheidungsträger - ein großes Spektrum, das verdeutlicht, dass in der Tat das ganze Volk betroffen ist. Ein mittlerweile dreißig Jahre in der Vergangenheit liegendes Unglück, das die Gegenwart bestimmt und eine dauerhaft verstrahlte Zukunft prognostizieren lässt.

Schön, dass zwischendurch neben all dem Bedrückenden auch ein wenig Platz bleibt für - zugegeben recht schwarzen - Humor:


Auf dem Markt verkauft eine Frau aus dem Ukrainischen große rote Äpfel. Sie ruft: 'Kauft Äpfel! Tschernobyl-Äpfel!' Jemand empfiehlt ihr: 'Du darfst nicht verraten, daß die Äpfel aus Tschernobyl sind, Tantchen. Sonst kauft sie keiner.' - 'Und wie sie kaufen! Der eine für die Schwiegermutter, der andere für seinen Vorgesetzten!' (S. 76)



Dieses Buch ist eine imposante Sammlung von Originaltönen von Betroffenen quer durch die Bevölkerung. Unkommentiert abgedruckt, zeigen sie das Grauen und die Ängste der einzelnen, nüchtern oft in der Ausdrucksweise, und doch wird deutlich: die Vergangenheit wird die Zukunft sein. Eine eindrucksvolle und erschütternde Chronik. Und wie Fukushima (Japan) zeigt: nach dem  Gau ist vor dem Gau... Niemand ist davor gefeit.


© Parden






















Der Piper Verlag schreibt über die Autorin:

Über das Leben von Swetlana Alexijewitsch, Literaturnobelpreisträgerin 2015: Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine als Tochter einer Ukrainerin und eines Weißrussen geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete nach ihrem Studium der Journalistik in Minsk als Reporterin. Über diese Arbeit fand sie zu einem ganz eigenem literarischen Stil, dem dokumentarischen „Roman der Stimmen“. Alexijewisch ist eine der wichtigsten Zeitzeugen der postsowjetischen Gesellschaft, ihre Bücher wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. 2015 wurde ihr „für ihr vielstimmiges Werk, das dem Leiden und Mut in unserer Zeit ein Denkmal setzt“, der Nobelpreis für Literatur verliehen. Nach mehreren Jahren im Exil in Paris und Berlin lebt die Autorin heute wieder in Minsk.

übernommen vom Piper Verlag


Donnerstag, 19. November 2015

Dehe, Astrid / Engstler, Achim: Unter Schwalbenzinnen


Ein Kopist und eine junge Patriziertochter,
   gezeichnete Visionen eines fantasievollen Mädchens,
rudimentäres Wissen über ein geheimnisvolles Buch,
eine unidentifizierbare Schrift.
Die Visionen könnten politische Brisanz enthalten
im Florenz des Jahres 1442,
es regiert Cosima Medici.

Was bleibt?
Ein geheimnisvolles Manuskript
mit geheimnisvollen Bildern und
einer bis heute nicht entschlüsselten Schrift.

Präsentiert vom Autorenpaar Astrid Dehe und Achim Engstler im Steidl-Verlag Göttingen.




* * *

Die Burg mit den Schwalbenzinnen.

Abb. 1


© by URDD
Matteo Fini ist der Stammhalter einer Familie, die ein geheimnisvolles Buch bewahrt welches niemand entziffern kann. Lediglich einige Verse sind es, die Matteo auswendig gelernt hat und diese Verse und das Buch an seinen Sohn weitergeben soll. Matteo arbeitet als Kopist, er schreibt Bücher ab. Eines Tages erhält er einen Auftrag: Er soll die Visionen von Evelina di Adimaris aufzeichnen. Fortan eilt er für einen imensen Lohn in deren Palast und skizziert ihre visionären Beschreibungen.

© by URDD
Matteo kommt mit seinen Notizen kaum hinterher, mühevoll vervollständigt er nachträglich immer diese Skizzen. Ein Bild kehrt wieder, das Bild von der Burg mit den Schwalbenzinnen.

"Ich sah eine Burg, die sich wandeln wollte, die mehr war als Stein. Zinnen hat sie wie die Schwänze von Schwalben, die das Licht durchpflügen im schnellen Pflug. Verzweigen will sich die Burg, sie treibt Gärten und Wälder, Seen und Sterne. In Kreisen blühen neue Länder auf. Mond und Sonne sind Eins, weder trennt sie Tag noch Nacht." [1]

Ketzerisch erscheinen die Gedanken zuweilen, im Geiste der Fraticelli, im Geiste der Catari. Ist Matteos Buch, das Libre di C, in diesem Geiste geschrieben? Mit der Zeit sieht er sich im Florenz des Cosima de´ Medici Verfolgungen ausgesetzt. Kann er beides retten, das übereignete Buch und die Zeichnungen der wunderschönen, klugen und manchmal entrückten Evelina?

Abb.2
"Das Zeichen der Fische. Sie sind ein Paar. Hell wird das Wasser, in dem sie schwimmen durch das Licht des Sterns, den jeder von ihnen steigen lässt, an einem langen Band. sie halten es zwischen den Kiemen. Kaum erst geboren sind ihre Frauen, liegen in Zubern, tauchen auf aus den Wassern. Auch sie haben einen Stern, aber noch ist er fern. Die Sterne, sie streben empor, mit einem Band an den Zuber geknüpft.  Alles strebt dann empor, alles richtet sich darum auf. Die Zuber, die Frauen. Schon greifen sie nach dem Band, Schon grüßen sie mit der freien Hand. Innerer Ring. Verwundert geht ihr Blick nach links. Äußerer Ring. Staunend schauen sie nach rechts." [2]

* * *

Er quält sich, der Kopist, er müht sich, er hat die Worte im Kopf: wie bildet er sie nach? Kerzenfarben nimmt er, zeichnet und zeichnet. Tierkreise, Sonne, Mond und Sterne, Pflanzen, Tiere, Kräuter, eine Menge nackter Frauen, Seite um Seite, Bild um Bild.  Er vernachlässigt andere Aufgaben und plötzlich ist Schluss. Fürstlich der Preis, wenn er alle Seiten aushändigt dem Sekretär. Schon sucht man nach dem unverständlichem Buch...


* * *

Abb 3
Was ist das für ein Buch, welches Astrid Dehe und Achim Engstler so detailreich beschrieben haben? Poetisch der Text, mit dem sie die Bilder eines über 500 Jahre alten Manuskripts beschreiben. Die Beschreibungen legen sie der Evelina in den Mund. Das sogenannte Voynich-Manuskript liegt dem Roman zugrunde. 
Ein mysteriöses Werk und einer Schriftsprache, die bis heute nicht wirklich entschlüsselt werden konnte. Dehe und Engstler liefern eine literarische Erklärung für etwas, an dem sich fast schon Generationen von Wissenschaftlern die Zähne ausbissen.  

"Der sowohl rätselhafteste als auch faszinierendste Abschnitt des Manuskripts stellt auf fast jeder Seite Gruppen nackter Frauen mit gewölbten Bäuchen dar, die in Becken oder Wannen sitzen, die durch Leitungen oder Röhren verbunden sind. Die Leitungen münden häufig in teils organisch, teils mechanisch wirkende End- und Verbindungsstücke. Diese Ambivalenz führte dazu, den Inhalt des Abschnitts sowohl mit anatomischen Gegenständen (z. B. der menschlichen Reproduktion) zu verknüpfen, als auch (dem Augenschein folgend) ihn schlicht als „bäderkundlichen“ (balneologischen) Abschnitt zu bezeichnen." [3]

Abb 4
"Aha!", möchte man meinen. Und rätselt weiter. Es empfielt sich, die Bildersammlung unter Wikipedia Commons gelegentlich anzusehen. Die Suche nach dem jeweiligen Bild, welches Evelina gerade dem Matteo ausbreitet, ist ebenso interessant wie die Lektüre selbst. Finden wir den Text in den Bildern wieder? Ein Kreislauf von Werden und Vergehen, vom Kosmos, dargestellt in den Tierkreiszeichen.Manchem mag es vorkommen, wie ein "Apotheker Buch", eine botanische und kräuterkundliche Sammlung. Oder eine häretische Erörterung der Weltenordnung, in Geheimschrift verfasst und nur Eingeweihten verständlich. Der Hinweis auf die Katharer und die Pairfaits unter diesen, kommt nicht von ungefähr. 


Auf der Verlagsseite erklären die Autoren in einem Video dass der Text sie "spontan inspiriert hat". Ach so, der Text. Sie haben ihn "übersetzt" und dabei dessen Illustrationen  "abgemalt".

Abb 5

Wenn es wahr ist, was ein gewisser Torsten Timm annimmt, dann hat ein Autokopist einfach verschiedene Zeichenketten erfunden, diese aneinander gereiht und immer wieder abgewandelt.[4] Begibt sich der Leser auf die Spuren des Manuskripts, dann erscheint dies eine sehr interessante Erklärung zu sein. Jedoch ist die von Astrid Dehe und Achim Engstler viel schöner, finde ich.

* * *

Interview auf www.steidle.de

In diesem Video erzählt das Autorenpaar zuerst über Nagars Nacht, den Roman, welcher von Tinsoldier und von mir bereits besprochen wurde. Im Anschluss gehen sie leider nur kurz auf die Schwalbenzinnen ein. Ihr erstes gemeinsames Buch war ein Essayband mit dem Titel Kafkas komische Seiten im Jahr 2011. Der nächste Roman, Auflaufend Wasser, hat uns, TinSoldier und mir, auch sehr gut gefallen. 


www.steidle.de

Nun haben sie also einen historischen Roman geschrieben. Der Umgang mit Farben, Tinte und Pergament wird beschrieben, ein paar Einblicke in die politischen Gegebenheiten im Florenz des Jahres 1442 geben sie auch. Aber es sind die Bilder, die sie schreibend malen, das Bild des jungen Kopisten, der einer schönen jungen träumenden Erzählerin gegenüber sitzt und die von ihr erzählten Bilder, rätselhaft und vielfältig, mal mehr - mal weniger bunt, welche den Roman ausmachen.

Mir bleibt nur noch, Achim Engstler für den Roman zu danken und euch einen letzten Tipp dazu zu geben.

Legt ein Tablet neben euch und sucht die Bilder zum Beispiel auf Voynich Manuscript Manager. Auf Leseprobe 1, 2 und 3 könnt ihr schon mal probelesen.


Findet die Burg mit den Zinnen wie die Schwänze von Schwalben.

Abb 6

* * *

DNB / Steidl - Verlag /  Göttingen 2015 / ISBN: 978-3-95829-046-4 / 304 S.

 © KaratekaDD



Quellen:


Mittwoch, 18. November 2015

Kliesch, Vincent: Im Augenblick des Todes



Kommissar Severin Boesherz genießt gerade seinen Spaziergang am Schlachtensee, als ein mysteriöser Mann in einer Limousine vorfährt, sich als »Ismael« vorstellt und Boesherz zu einem Ausflug einlädt. Die Fahrt endet am Tatort eines bestialischen Mordes: Ein Arzt sitzt skalpiert und ausgeweidet in seiner eigenen Praxis. Bei dem Mord handelt es sich um die exakte Kopie des einzigen Verbrechens, das Boesherz nie aufklären konnte. O ffenbar will der Täter dem Kommissar gezielt eine Botschaft übermitteln – und es soll nicht die einzige bleiben. Boesherz weiß: Er muss das Rätsel lösen, bevor seine eigene Vergangenheit ihn einholt …

(Klappentext blanvalet Verlag)



  • Taschenbuch: 416 Seiten
  • Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag (17. August 2015)
  • Sprache: Deutsch
  • Reihe: Kommissar Boesherz (Band 2)
  • ISBN-10: 3734100542
  • ISBN-13: 978-3734100543












Was - Ist - Da - Los?!



Bei seinem zweiten Fall genießt Kommissar Severin Boesherz zunächst seinen freien Tag bei einem Spaziergang am Berliner Schlachtensee. Gerade als er auf einer Bank in der Sonne seine Zeitung liest, tritt ein Unbekannter an ihn heran und lädt ihn zu einem Ausflug ein. Boesherz ahnt, dass hinter dem adretten Auftreten des Fremden mehr steckt und lässt sich wider alle Vernunft auf eine Fahrt in einer Limousine der gehobenen Klasse ein. Als der Kommissar das Haus am Ziel der Reise betritt, erwartet ihn ein schockierender Anblick: Dr. Friedemann Praetorius sitzt ausgeweidet und skalpiert an seinem Schreibtisch, dem Arzt gegenüber ein Skelett, ausgestattet mit dessen Haaren und Organen. Doch nicht der Anblick selbst ist es, der Boesherz zusammenfahren lässt, sondern die Tatsache, dass er diesen Anblick bereits kennt. Sechzehn Jahre zuvor gab es im Rheingau bereits eine Mordserie, die genauso begann - der einzige Fall, den der geniale Kommissar nie aufklären konnte...

Als Dezernatsleiterin Daniela Castella erfährt, dass bei dem aktuellen Fall Spuren in die Vergangenheit des Kommissars führen, erwägt sie zunächst, Boesherz ganz aus den Ermittlungen herauszuhalten. Doch die Umstände zeigen rasch, dass genau er es ist, der mit seinem scharfen analytischen Verstand die Rätsel lösen und überhaupt erst erkennen kann. Der Mörder spielt ein böses Spiel mit ihm, ein Mord nach dem anderen wird entdeckt, und Boesherz gerät zunehmend selbst in den Fokus der Ermittlungen. Als sein früherer Vorgesetzter Hauptkommissar Rupert Schirlo zu dem Fall hinzugezogen wird, spitzt sich die Lage noch weiter zu...

Hui, was für ein Thriller!! Ich lese wirklich viele Bücher dieses Genres, aber Reaktionen wie 'Was ist hier eigentlich los?!' und 'Nein, bitte nicht!!' sowie 'Das kann doch gar nicht sein!!' locken die wenigsten noch bei mir hervor. Was kann ich sagen, ohne zu viel zu verraten? In jedem Fall so viel: bis kurz vor dem Ende wusste ich einfach überhaupt nicht mehr, was ich glauben sollte. Und so geht es auch den Kollegen von Severin Boesherz, die zunehmend nicht mehr wissen, wie sie sich verhalten sollen und was zum Teufel eigentlich hinter dem ganzen steckt. Denn eines ist mal klar: der hochbegabte Kommissar spielt alles andere als mit offenen Karten.

Hach, ich liebe einfach die Thriller von Vincent Kliesch - aber mit diesem hat er in meinen Augen alles bisher dagewesene übertroffen. Gut und böse, richtig und falsch, glauben und misstrauen, alles verschwimmt und Unsicherheit macht sich breit. Immer weniger war ich bereit, das Buch noch zur Seite zu legen, denn ich musste doch einfach hinter des Rätsels Lösung kommen. Tief sind die aktuellen Morde mit der Vergangenheit Severins verknüpft, und nach und nach entfaltet sich vor des Lesers Augen ein zunehmend plastisches Bild des Ermittlers. War nach dem ersten Band im Grunde nur bekannt, dass der stattliche Hauptkommissar stets adrett und stilvoll gekleidet ist, gutes Essen und exzellenten Wein liebt und sich am ehesten bei einer Opernarie entspannt sowie durch seinen analytischen Verstand und seine teilweise zynischen Bemerkungen teilweise auch recht arrogant erscheint,  wird einem hier ein zunehmender Blick hinter die Fassade gewährt.

Ein flüssiger Schreibstil, spannende Wendungen, kurz gehaltene Kapitel - all dies treibt den Leser noch zusätzlich durch das Buch. Einer der besten Thriller, die ich in diesem Jahr gelesen habe. Unglaublich spannend und geschickt konzipiert, ein perfides Spiel mit den Nerven des Lesers, richtig klasse.

Für alle Thrillerfans eine unbedingte Empfehlung!


© Parden









Vincent KlieschDer blanvalet Verlag schreibt über den Autor:

Vincent Kliesch wurde in Berlin-Zehlendorf geboren, wo er bis heute lebt. Im Jahr 2010 veröffentlichte er seinen ersten Thriller »Die Reinheit des Todes«. Es folgten zwei weitere Bände, die die Trilogie um den Ermittler Julius Kern und dessen Gegenspieler Tassilo Michaelis abschlossen. Mit »Bis in den Tod hinein« stellte Kliesch seinen neuen Ermittler vor: Severin Boesherz, der es gleich bei seinem ersten Fall mit einer erschreckend düsteren Mordserie zu tun bekommt. »Im Augenblick des Todes« ist der zweite Fall für den eigenwilligen Berliner Kommissar.

Wenn Vincent Kliesch nicht schreibt, unterhält er als Moderator das Publikum bei Firmenevents und im Filmpark Babelsberg. In seiner Freizeit widmet er sich am liebsten seiner Leidenschaft für gutes Essen und Wein.

übernommen vom blanvalet Verlag

Dienstag, 17. November 2015

Rüther, Sonja: Eine Spur aus Frost und Blut: Horror-Story



Eine schwarze Winternachtgeschichte: Die Nacht ist bitterkalt, und doch fällt keine einzige Schneeflocke vom Himmel. Eine alte Frau betritt mit leisem Schritt die Welt der Menschen. Sie ist gekommen, um eine neue Dienerin zu finden – das ist ihr Recht seit Anbeginn der Zeit. Doch mit einem hat die Alte nicht gerechnet: dass sie erwartet wird. Von den einst unschuldigen Mädchen, die sie in ihr Reich holte und nach einem Winter der Sklaverei zur Unsterblichkeit verdammte. Sie alle flüstern den Namen ihrer Peinigerin wie einen Fluch: Frau Holle. Und sie werden nicht ruhen, bevor sie Rache genommen haben … Eiskalt, böse, faszinierend: Sonja Rüther erzählt, was die Gebrüder Grimm nicht aufzuschreiben wagten.

(Klappentext dotbooks Verlag)


  • Format: Kindle Edition
  • Dateigröße: 1265 KB
  • Seitenzahl der Print-Ausgabe: 85 Seiten
  • Verlag: dotbooks Verlag; Auflage: 1 (28. Oktober 2015)
  • Verkauf durch: Amazon Media EU S.à r.l.
  • Sprache: Deutsch
  • ASIN: B017A7NBFQ










MÄRCHEN SIND GRAUSAM...


'Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute'. So endet doch wohl jedes Märchen, das wir aus unserer Kindheit kennen. Wie ernst gemeint das ist, zeigt uns Sonja Rüther in dieser originellen, wenn auch leider nur recht kurzen Geschichte. Was geschieht eigentlich, nachdem der Vorhang längst gefallen ist? Hier bekommt man eine Vorstellung davon - und Albträume gleich dazu...


Über dem starren Teich lag eine unheilvolle Atmosphäre, er knackte, als würde er jeden Moment explodieren, sollte die Kälte noch tiefer dringen und sich kein beruhigender Schnee auf den Spiegel legen. 'Meinetwegen kannst du die Bewohner dieser Stadt mit Splittern spicken.'


Frau Holle als gebrechliche, alte Frau, die die Hilfe von jungen Mädchen benötigt, um es auf der Erde schneien zu lassen. So weit so gut. Ist sie aber wirkich die nette Alte, die den Mädchen stets wohlgesonnen ist, die sich in ihr Reich verirren - es sei denn, sie entpuppen sich als Nieten? Von wegen. Gut geblufft, würde ich sagen. Verbittert, menschenverachtend, egoistisch, das würde es wohl eher treffen. Das wahre Gesicht dieser Märchenfigur wird hier präsentiert, und so manch dunkles Geheimnis offenbart sich hier. Was geschah eigentlich mit Goldmarie und Pechmarie, nachdem sie aus Frau Holles Reich zurückgekehrt waren? Sind dies die einzigen Kinder, die jemals in den geheimnisvollen Brunnen fielen?

Sonja Rüther lebt hier ihre Fantasie voll aus und präsentiert ein gruseliges, spannendes und gleichzeitig amüsantes Vorweihnachtshorrormärchen, das eindeutig demonstriert: Märchen sind grausam. Ich habe mich wirklich gut unterhalten gefühlt, und kann als einziges Manko nur anmerken: viel zu kurz! Ich hoffe jedenfalls auf 'Nachschub'!


© Parden









Der dotbooks Verlag schreibt über die Autorin:

Sonja Rüther, geboren 1975 in Hamburg, betreibt in Buchholz/Nordheide einen Kreativhof („Ideenreich – der Kreativhof“) und den Verlag „Briefgestöber“.

Bei dotbooks veröffentlichte Sonja Rüther bereits den Thriller „Blinde Sekunden“, die Horror-Story „Eine Spur aus Frost und Blut“ und die von ihr herausgegebene Anthologie „Aus dunklen Federn“, in der neben ihr auch Autoren wie Markus Heitz und Thomas Finn ihre schwärzesten Seiten zeigen.

übernommen vom dotbooks Verlag


Montag, 16. November 2015

MacGregor, Neil: Deutschland - Erinnerungen einer Nation

Es gibt Tage, die unterscheiden sich irgendwie von anderen, durchschnittlichen Tagen. Nicht etwa, weil sich an ihnen Herausragendes ereignen würde oder weil sie ein besonderes Datum markieren, sondern  ganz einfach, weil sich an ihnen in meinem kleinen, privaten Mikrokosmos eine Begegnung mit irgendwem oder mit irgendwas ereignet, das den Tag aus meiner ganz individuellen Sicht zu einem besonderen Tag macht. 
Jeder kennt das: 
Das kann das Lächeln eines anderen Menschen etwa oder ein besonderes Erlebnis sein, eine plötzliche Idee oder.... ein Buch.
Kürzlich war für mich wieder ein solcher Tag:
Der Weg vom Frisör meines Vertrauens zum Parkhaus führte mich am Buchladen vorbei. Natürlich hatte ich es eilig, wie fast immer in letzter Zeit. Doch an der Auslage eines Buchladens haben Termine (meine Frau weiß ein Lied davon zu singen) bekanntlich keine Macht über mich: 
So viel Zeit muss sein! 
Also studierte ich die im Schaufenster liegenden Neuerscheinungen und da lag es: 
MEIN Buch.
Ja, es war ohne Zweifel MEIN Buch, das zweifelsfrei dort auf mich gewartet hatte. 
Oh je, jetzt war, wie man so schön sagt, Holland in Not! 
Monatsmitte:   Am Ende meines Budgets ist doch noch soooo  viiiiiel Monat übrig. Fast 40 Euro für ein dickes Buch, da würde mein Taschengeld für den Restmonat aber äußerst knapp werden!
Also, umdrehen und nichts wie weg! Hab ja schließlich noch Termine!
Sie, liebe Leserinnen und Leser wissen sicher längst, wie das ausging:
Weder der Gedanke: "Das könntest du dir ja zu Weihnachten wünschen!" noch: "Man muss ja nicht immer nachgeben!" halfen mir irgendwie weiter. Zehn Meter von der Schaufensterscheibe entfernt zog es mich, als hinge ich an einem Gummiband,  zurück, und, wie einen Junkie auf Entzug, der Gras geschnüffelt hat, in den Coffeshop, Verzeihung, in die Buchhandlung, indem meine Beine sich einfach selbständig machten. Nur eine Minute später stand ich, das Buch in der Hand, bereits vor der Ladenkasse.

Deutschland
Erinnerungen einer Nation
von Neil MacGregor.

Die Historie ist ein faszinierendes Thema und sie fesselt mich immer wieder. Das Problem mit der Historie aber ist, dass sie niemals völlig objektiv geschrieben werden kann, denn Historiker sind Menschen. Und Menschen sind immer subjektiv. 
Ob sie es wollen oder nicht. 


Deutsche Geschichte macht da keine Ausnahme, nur potenziert gerade die deutsche Geschichte das Problem um ein Vielfaches! Deutsche Geschichte neutral und möglichst frei von Vorurteilen und ohne Ressentiments zu erzählen, ist m.E. bisher nur ganz wenigen gelungen. Schon gar nicht uns Deutschen selbst! So wird die Erzählung und vor allem die Bewertung deutscher Geschichte heutzutage leider fast immer von der Nazizeit und vom Holocaust überschattet, darauf reduziert und ja, am Ende in der Gesamtheit negativ bewertet. Man betrachtet die Deutsche Geschichte unterschwellig als etwas Unanständiges, jedenfalls nicht als etwas, auf das man stolz sein könne. Historiker sind heutzutage, besonders in Deutschland, leider in vielen Fällen nicht unvoreingenommen oder frei von Ideologie! Sehr oft müssen wir leider feststellen, dass die deutsche Geschichte einzig aus heutiger Sicht beurteilt wird, indem man glaubt, Kausalitäten feststellen zu können, ja, manchmal auch konstruiert, die beweisen sollen, dass die deutsche Geschichte in weiten Teilen ein Irrweg war, der schließlich mit einer gewissen Zwangsläufigkeit zum 3. Reich und zum Holocaust führte bzw. diesen ermöglichte. Welch ein Schwachsinn!

Ich will ein ebenso konstruiertes Beispiel heranziehen, um deutlich zu machen, was ich meine: Wäre diese Argumentation richtig, dann wäre die biblische Eva nämlich diejenige, welche das möglich machte. Hätte sie nämlich nicht in den Apfel vom Baum der Erkenntnis gebissen, wäre die Menschheit noch heute im Paradies, und es hätte niemals ein "3. Reich" oder die Judenvernichtung gegeben. Ist nun die arme Eva schuldig, all das Leid der Menschheit in den folgenden Jahrtausenden der Menschheitsgeschichte verursacht zu haben?
Ja und nein! Ich glaube vielmehr, dass die Menschen zu jeder Zeit versucht haben, Antworten auf die Probleme ihrer Epoche zu finden. Alles andere war mehr oder weniger dem Zufall überlassen.


Bismarck / Abb 2
Bismarck beispielsweise war zweifellos einer der großen Deutschen, die sich um die Einheit der Deutschen Nation verdient gemacht haben. Gedankt wird es ihm von einer Vielzahl ideologisch beeinflusster, vornehmlich deutscher Historiker nicht. Während die Franzosen ihren Napoleon Bonaparte im Invalidendom verehren, wird Bismarck in Deutschland heutzutage verleugnet, ja, man ist nicht einmal bereit, noch Straßen nach ihm zu benennen. Dies, und vieles andere, ist heute symptomatisch für Deutschland: Die Verleugnung  und die bewusste und gewollte Fehldeutung der der eigenen Geschichte und der vielfach vorhandene latente Hass gegen die eigene Nation!

Vor einiger Zeit geisterten Fotos von Jugendlichen, die der Jugendorganisation einer bestimmten deutschen Partei angehören, durch´s Internet. Sie urinieren während eines Kongresses ihrer Parteiorganisation auf die Deutschlandfahne. Dies ist das Ergebnis der Umerziehung eines Teils der deutschen Jugend zum Hass auf das eigene Land. Ihnen ist wahrscheinlich nicht bewusst, dass sie, indem sie auf die deutsche Fahne urinieren, auf sich selbst pissen! (Man verzeihe mir die deutliche Ausdrucksweise). Wer seine eigene Herkunft und seine Wurzeln verleugnet, der ist nicht nur unglaublich dumm, sondern meiner Meinung nach paranoid.
Dummheit ist eine Sache, Unwissenheit eine andere. 
Kürzlich, am 09. November, besuchte ich zum Jahrestag der "Reichskristallnacht" eine Lesung der Autoren Astrid Dehe und Achim Engstler. Die beiden lasen in meiner Heimatstadt aus ihrem Buch "Nagars Nacht". 
Es war eine eindrucksvolle Veranstaltung, in der ich auch mit einigen ca. 16, 17-jährigen Schülern in`s Gespräch kam. Da musste ich feststellen, dass die weder mit dem Namen Adolf Eichmann noch mit dem Begriff "Reichspogromnacht" bzw. "Reichskristallnacht" etwas anfangen konnten. Sie wussten schlichtweg gar nichts darüber.
Eine pensionierte Geschichtslehrerin, mit der ich nach der Lesung darüber sprach, bedauerte, dass diese Themen heute in den Lehrplänen leider gar nicht mehr vorkommen!
Ein noch aktiver Lehrer, den ich am Rande der Veranstaltung ansprach, sagte mir allen Ernstes, dass selbst viele junge Lehrer mit diesen Begriffen heute nichts mehr anfangen können!
Möge jeder seine eigenen Schlüsse daraus ziehen. 
Ich finde es erschreckend und traurig: Was, zum Teufel, ist da los in deutschen Klassenzimmern?
  
Dies unterscheidet Deutschland bis heute ganz wesentlich von anderen Nationen in Europa und in der Welt:
Patriotismus wird in Deutschland heute (vom Fußball vielleicht mal abgesehen), ganz anders als in den meisten anderen Nationen, mehrheitlich mit Nationalismus gleichgesetzt und in die rechte Ecke gestellt. Es "gehört sich nicht", Deutschland und ja, sein eigens Deutschsein zu lieben oder etwa gar stolz darauf zu sein. Begriffe wie Nation, Volk, Heimat, Vaterland, Patriotismus sind in Deutschland heute in weiten Kreisen verpönt und wer sie gebraucht, steht schnell in dem Verdacht, ein "Rechter" zu sein, der sich das tausendjährige Reich zurückwünscht (das ja bekanntlich in den Trümmern des letzten Krieges furios nach 12 Jahren unterging...). 
Um es an dieser Stelle gleich zu sagen: 
Die größten Verbrecher an Deutschland, an Volk und Nation, sind und waren zweifellos die Nazis, die Begriffe wie "Treue" und "Ehre" beschmutzt und besudelt und Deutschland mit einer Hypothek belastet haben, die bis heute nicht getilgt ist. Diese Verbrecher haben die Worte "Treue" und "Ehre" und "Anstand" benutzt, ohne diese selbst jemals zu besessen zu haben. 
Beweis gefällig?

„Ich meine jetzt die Judenevakuierung, die Ausrottung des jüdischen Volkes. Es gehört zu den Dingen, die man leicht ausspricht. – ‚Das jüdische Volk wird ausgerottet’, sagt ein jeder Parteigenosse‚ 'ganz klar, steht in unserem Programm, Ausschaltung der Juden, Ausrottung, machen wir.’ […] Von allen, die
Heinrich Himmler
Abb.3
so reden, hat keiner zugesehen, keiner hat es durchgestanden. Von Euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn 100 Leichen beisammen liegen, wenn 500 daliegen oder wenn 1000 daliegen. Dies durchgehalten zu haben, und dabei – abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen – anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte [...]".

Reichsführer SS Heinrich  Himmler in seiner "Posener Rede" am 
04. Oktober 1943 vor 92 SS Offizieren [1]


Das Himmler hier den massenhaften, fabrikmässig organisierten, feigen Mord an jüdischen Frauen, Kindern und Männern als eine große Tat hinstellt und seinen Schergen dann auch noch "Anständigkeit" attestiert, ist wohl der Gipfel. Anstand ist etwas, was dieser Mann wohl niemals besessen hat und den Mördern von unschuldigen Menschen, darunter massenhaft Kinder und Frauen, Ruhm und damit Ehre zuzugestehen, ist schlichtweg eine Perversion dieser Begriffe.
Im Übrigen aber hielt Himmler es wohl wie alle Mörder: Er will seine Taten geheim halten und bezeichnet den Judenmord als ..."niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte...".

Unter diesen Umständen als deutscher Historiker deutsche Geschichte halbwegs objektiv bewerten zu wollen, ist schwer und verlangt zudem Mut, wenn man seine Analysen frei von heute gängigen Ressentiments und Vorurteilen treffen will. Wenigen deutschen Historikern ist das nach 1945 bisher gelungen!
Golo Mann ist einer dieser Wenigen gewesen. Seine "Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts" ist eines meiner Lieblingsbücher und von mir sehr zu Lektüre empfohlen. Meine Rezension des Buches finden Sie hier

Wie gut ist es da, dass sich ausländische Autoren, in diesem Fall der Brite Neil MacGregor, mit der deutschen Geschichte auseinandersetzen, denn es fällt schwer, ausgerechnet einem Briten "Deutschtümelei" oder ähnliches vorzuwerfen. 





Neil MacGregor 

Neil MacGregor / Abb 4
Im Alter von 16 Jahren war MacGregor Austauschschüler in Hamburg. Er studierte zunächst Französisch und Deutsch am New College der Universität Oxford, Philosophie an der École normale supérieure in Paris, sowie Rechtswissenschaft an der University of Edinburgh. Anschließend absolvierte er ein Studium der Kunstgeschichte am Courtauld Institute of Art der Universität London.
Nach einigen Jahren als Dozent für Kunstgeschichte und Architektur an der University of Reading sowie am Courtauld Institute of Art übernahm er 1981 die Herausgeberschaft des Burlington Magazine, einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift für Kunst und Dekoration, die er bis 1987 innehatte. Im selben Jahr wurde er Direktor der National Gallery in London. Seit 2002 ist er Direktor des British Museum.

Bekanntheit jenseits des wissenschaftlichen Fachpublikums erlangte MacGregor durch Kooperationen mit der BBC: 2000 wurde die Serie Seeing Salvation über Jesusbilder in der westlichen Kunstgeschichte ausgestrahlt, 2010 präsentierte er auf Radio 4 und dem World Service die Serie A History of the World in 100 Objects, die auf Deutsch als Buch mit dem Titel Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten erschien. Dieses Buch wurde als Wissensbuch des Jahres 2012 ausgezeichnet. Ende des Jahres 2014 organisierte er die Ausstellung Germany - memories of a nation im British Museum in London, die ein großer Erfolg wurde und zu deren Besucherinnen auch die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel zählte.

Im Mai 2015 erklärte MacGregor, seinen Posten als Direktor des British Museum bis zum Ende des Jahres aufzugeben, um danach das Amt des Gründungsintendanten amHumboldtforum in Berlin anzutreten.

Quelle: Wikipedia (den gesamten Artikel lesen Sie hier) [2]

Deutschland - Erinnerungen einer Nation ist ein ganz besonderes Buch. Es nähert sich der deutschen Geschichte von einer ganz ungewöhnlichen Seite:
Der Autor stellt uns Objekte aus rund 500 Jahren der deutschen Geschichte vor. Bauhaus-Design, Gutenberg-Bibel oder Grimm´s Märchen, Baudenkmäler und vieles, vieles mehr:
Wir lauschen fasziniert den Geschichten, den Erinnerungen, die uns der Autor auf über 600 reich bebilderten Seiten von diesen Objekten erzählt und erfahren so von Begebenheiten und Zusammenhängen, die wir bisher so nicht oder zumindest nicht aus diesem speziellen Blickwinkel kannten.
"Jeder, der Deutschland verstehen will, sollte dieses Buch lesen", urteilt der britische Historiker Antony Beevor.  
Recht hat er.

Neil MacGregors Buch ist  m e i n  ganz persönliches Sachbuch des Jahres!
Es ist spannend, prächtig in der Aufmachung und ungemein fesselnd. 
Kurzum: Ein echter Schatz im Bücherschrank!


Neil MacGregor
Deutschland
Erinnerungen einer Nation
aus dem Englischen von Klaus Binder
Gebundene Ausgabe, 640 Seiten
Verlag C.H. Beck, München 2015
DNB


[1] siehe Seite „Posener Reden“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 12. Oktober 2015, 14:43 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Posener_Reden&oldid=146935130 (Abgerufen: 17. November 2015, 17:29 UTC) 
[2]  siehe Seite „Neil MacGregor“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 11. November 2015, 11:15 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Neil_MacGregor&oldid=147929581 (Abgerufen: 17. November 2015, 17:32 UTC) 

Abb 2:  CC BY-SA 3.0 de; File:Bundesarchiv Bild 183-S72707, Heinrich Himmler.jpg Hochgeladen von DIREKTOR; Erstellt: 1. Januar 1942
Abb 3:  CC BY-SA 3.0 de; File:Bundesarchiv Bild 183-R68588, Otto von Bismarck.jpg; Hochgeladen von Cropbot; Erstellt: 3. Juli 1871
Abb 4:  CC-BY-SA 4.0Die Persönlichkeitsrechte der abgebildeten Person(en) beschränken bestimmte Weiterverwendungen des Bildes ohne dessen/deren vorherige Zustimmung; File:Neil MacGregor Frankfurter Buchmesse 2015.JPG; Hochgeladen von Lesekreis; Erstellt: 16. Oktober 2015


C: TinSoldier









Sonntag, 15. November 2015

McEwan, Ian: Abbitte

Bild 1
Ein Blick in das Fernsehprogramm wies den Weg des gestrigen Abends: Leider auf nicht werbefreiem Sender kommt ein Film. Ein britisches Filmdrama aus dem Jahre 2007. Nach dem gleichnamigen Roman von Ian McEwan aus dem Jahr 2001: Abbitte.

Ein Grund für die Bücherraupe sich erneut einem Roman, aber auch der Literaturverfilmung zu widmen.


 * * *



Bild 2 © by URDD
Schauen wir aber erstmal in die gesammelten Buchgesichterbeiträge, hier vom 14. April 2011:

"Briony ist dreizehn im Jahr 1935, am Vorabend des zweiten Weltkrieges. Ein phantasievolles und aufgedrehtes Mädchen, Tochter einer begüterten Familie in England. Die Familie ist so begütert, dass sie den Sohn ihres ehemaligen Parkwächters, Robbie Turner, studieren ließ. Gemeinsam, oder fast gemeinsam mit Brionys älteren Schwester Cecilia.
Es ist Besuch bei der Familie Tallis, zwei Vettern und Lola, die Cousine von Briony sind angekommen. Außerdem ihr Bruder mit einem Freund. Doch der letzte Abend erlebt eine böse Überraschung: Briony verändert das Leben mehrerer Menschen und sie wird ein Leben daran zu knabbern haben.

Szenenwechsel: Robbie Turner ist Angehöriger des britischen Expeditionsheres, das zu Beginn des Krieges in Holland kämpfte und von der deutschen Wehrmacht bei Dünkirchen  überrannt wurde. Tausende Soldaten flüchteten in Richtung Ärmelkanal. Unter ihnen eine Robbie. In diesem Buchabschnitt wird eindringlich die Flucht geschildert. Verstreute, verletzte Soldaten auf dem Weg zum Meer. Einheiten, die sich in die andere Richtung bewegen. Zivilisten. Ein Bauer pflügt sein Feld mit einem Pferd. Bei einem Tieffliegerangriff wartet er seelenruhig und pflügt dann weiter. Die eine Bombe trifft auf dem Feld eine Mutter mit ihrem zehnjährigen Jungen. Beide können nicht mehr weiter und nun ist nicht mehr von ihnen zu finden. Eindringlich ist der Weg des Soldaten beschrieben. Wird er in England ankommen?

Erneuter Szenenwechsel: Briony ist nun Lernschwester in einem Krankenhaus. Wie es da zu geht und wie schnell man plötzlich den "Rest" der Krankenpflege lernt wenn der Krieg ausbricht - Briony und ihrer Mitschwestern müssen die oben beschriebenen Rückkehrer behandeln - das wird plastisch und eindringlich beschrieben. Warum aber lernt das Mädchen einen solchen Beruf, statt auf die Universität zu gehen? Wird sie trotzdem zur Schriftstellerin werden? Und kann sie das Schicksal zurückdrehen, jetzt wo sie erwachsen wird?

Es ist ein Liebesroman. Es ist nicht die Liebe der Hauptperson. Es ist die Geschichte eine phantasiebegabten Mädchens mit Talent zum schreiben, das an einem einzigen Tag Einfluss nimmt auf ihre Familie und andere, unheilvollen Einfluss. Und das Mädchen muss lernen, dies zu verarbeiten.

Wirklich ein großer Roman. Die sehr langen Teilgeschichten tun dem keinen Abbruch. Etwas erstaunlich ist das Ende dann doch. Aber das wird nicht verraten.

Den Film werde ich mir auf jeden Fall ansehen." 

* * * 

Viereinhalb Jahre später ist es nun so weit gewesen, nun kenne ich auch den Film (Regisseur Joe Wright), der das Buch mit Bildern "illustiert". Nicht, dass das Buch dies nötig gehabt hätte. Aber der Film ist hoch gelobt wurden, was selten bei Literaturverfilmungen passiert. Besonders die eindringlichen Bilder des Rückzuges an die Küste des britisches Expeditionscorps unterstreichen dies, der Text im Roman allerdings ist nicht weniger eindringlich.



Viele Auszeichnungen bekam der Film, den Oscar aber "nur" für die Filmmusik. 
Auch die Figuren, Cecilia (Keira Knightley), Briony (Saoirse Ronan, Romola Garai. Vanessa Redgrave) und Robbie (James McAvoy) sind gut "gezeichnet", eine erneute Lektüre dees Romans werden diese "Bilder" gut begleiten. Vanessa Redgrave als nunmehr alte Dame, die ihren letzten Roman, der doch auch als ihr erster bezeichnet werden könnte, präsentiert, zeigt, so kurz der Anspann am Ende auch sein mag, zeigt, dass Briony Tallis Abbitte gelungen ist. Vor allem sich selbst gegenüber und ihrer Schwester und deren Freund - nach fast 60 Jahren.


http://movies.universal-pictures-international-germany.de/abbitte/site/site.html
Bild 3 - Zur Webseite von universal-pictures-international



* * *


„Ian McEwan hat einen Roman über die Literatur geschrieben, der gleichzeitig ein Roman über den Menschen ist. Gleichzeitig – darin liegt die Kunst. Kein Buch, in dem neben diversen Figuren auch einige literaturtheoretische Überlegungen vorkommen, sondern ein Buch, das nach der Moral des Schreibens fragt und Schreiben, also Imaginieren, als besonders heikle Form sittlichen Handelns betrachtet. […] Hier fallen das Ethische und das Ästhetische in einer Prosa zusammen, die vielsagend sein will und trotzdem klar sein kann.“ [1]

"Lesen gefährdet den Charakter: In Ian McEwans Meisterwerk kommt das Böse in Form eines zwölfjährigen Mädchens daher. Eine zerstörende Geschichte von unmöglicher Liebe, Selbsterkenntnis und Schuld, die die Frage stellt, welche Auswirkungen Literatur haben kann." [2]


Bild 4 © by URDD
Doch ist es wirklich "das Böse in Form eines Mädchens"? Schuld: ja. Der Roman als Sühne: ja. Aber BÖSE?  Briony Tallis ist doch ein Kind, welches auf Grund eines Briefes, den es nicht versteht, Schuld auf sich lädt. „Briony gehörte zu jenen Kindern, die eigensinnig darauf beharren, daß die Welt genau so und nicht anders zu sein hat.“ [3] 

"Eine zerstörende Geschichte von unmöglicher Liebe": ja, das ist dieser Roman. Inwiefern der roman Auswirkung auf die nach ihm erscheinende Literatur haben kann, oder ob es diese auch tatsächlich gab, das überlasse ich den Literaturwissenschaftlern. Ian Mc Ewan soll, so kann man nachlesen, sich auf eine Reihe literarische Werke bezogen haben, darunter findet man auch einen gewissen Shakespeare.[4] Auch dies ist zu untersuchen meine Sache nicht.


* * *

Für mich bleibt, dass der gestrige nächtliche Filmabend Erinnerung an einen großartigen Roman brachte, welcher gekonnt verfilmt wurde. Diese Erinnerung erscheint nun hier im Blog, wo sie ja auch hingehört. Und so empfehle ich Buch & Fim der geneigten Leserschaft von Litterae-Artesque.

* * *


Bild 5
Geboren wurde Ian McEwan im Jahr 1948 in Aldershot. Er ist Mitlgied der Royal Society of Literature, der Royal Society of Arts und der American Academy of Arts and Sciences. [5]
Er hat englische und französische Philologie studiert. Er hat fast alle englische Literaturpreise bekommen. Daher hat ihn die Queen zum Commander of the Order of the Britsh Empire ernannt. [6] 



* * *


Diogenes - Verlag / Zürich 2004 / ISBN: 978-3-257-23380-3 / 544 S. / DNB
Webseite von Ian McEwan


© KaratekaDD



Quellen:
Bild 1: Cover aus Deutscher Nationalbibliothek
Bild 2: Foto von U.Rennicke
Bild 3: Abbildung = Ausschnitt Startseite von  http://movies.universal-pictures-international-germany.de/abbitte/site/site.html;; abgerufen am 15.11.2015 
Bild 4: Foto von U. Rennicke
Bild 5: By Thesupermat (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

[1] FINGER, Evelyn: Eines langen Tages Reise in die Nacht, in: Zeit-Online http://www.zeit.de/2002/39/Eines_langen_Tages_Reise_in_die_Nacht/seite-2; abgerufen am 14.11.2015
[2] Lovenberg, Felicitasvon: Vergiftete Zeilen, in: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/ian-mcewan-abbitte-vergiftete-zeilen-174538.html; abgerufen am 15.11.2015
[3] siehe McEwan, Ian: Abbitte, Zürich 2004, Seite 11
[4] vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Abbitte_%28Roman%29; abgerufen am 15.11.2015  
[5] vgl. Diogenes Verlag: http://www.diogenes.de/leser/autoren/a-z/m/mcewan_ian/biographie, abgerufen am 15.11.2015
[6] Seite „Ian McEwan“. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. Bearbeitungsstand: 26. Mai 2015, 10:07 UTC. URL: https://de.wikipedia.org/w/index.php?title=Ian_McEwan&oldid=142490261 (Abgerufen: 15. November 2015, 10:57 UTC) 




Samstag, 14. November 2015

Ali, Nojoud: Ich, Nojoud, zehn Jahre, geschieden



Ihre Geschichte sorgte weltweit für Aufsehen: Die zehnjährige Nojoud wird gegen ihren Willen von ihrem Vater mit einem Mann verheiratet, der dreimal so alt ist wie sie. Damit beginnt für das Mädchen aus dem Jemen eine Zeit der Qual – schutzlos ist sie dem Willen ihres Ehemanns ausgeliefert. Doch Nojoud beschließt, sich zu wehren: Auf eigene Faust sucht sie Zuflucht im Gericht und begegnet dort der Anwältin Chadha Nasser. Mit deren Hilfe gelingt ihr das Unvorstellbare: Sie erwirkt die Scheidung ihrer Zwangs-ehe und darf endlich das Haus ihres Ehemanns verlassen.

(Klappentext Verlagsgruppe Droemer Knaur)



  • Taschenbuch: 208 Seiten
  • Verlag: Knaur TB (9. August 2010)
  • Sprache: Deutsch
  • Übersetzung: Andreas Riehle, Thomas Wollermann
  • ISBN-10: 3426783150
  • ISBN-13: 978-3426783153












EIN WICHTIGES BUCH...


Als ich zehn Jahre alt war - was habe ich da gemacht? Ich war gerade mit meinen Eltern und meinem Bruder in ein neues Haus gezogen, ich ging in die vierte Klasse der Grundschule, hatte Musikunterricht, war im Sportverein und spielte mit meinen Freundinnen, fuhr Rollschuhe, baute Baumhäuser, ging im Sommer schwimmen und liebte die Ferien auf dem Bauernhof meiner Großeltern.

Nojouds Kindheit sieht anders aus. Als Kind einfacher Eltern in Jemen, die meist keine Arbeit und nur sehr wenig Geld haben, lebt sie inmitten von zahlreichen Geschwistern.  Es gibt kaum Spielsachen, manchmal so wenig zu essen, dass es kaum für alle reicht, Fernsehgeräte oder Radios sind nur vom Hörensagen bekannt. Und doch ist Noujoud eine ganz normale Zehnjährige mit ganz normalen Vorlieben, Träumen und einem großen Zugehörigkeitsgefühl zu ihrer Familie. Doch dann verwandelt sich ihr Leben in einen Albtraum.

Nojoud wird gezwungen, die Schule im zweiten Schuljahr abzubrechen, kurz bevor ihr Vater sie einem dreimal so alten Mann zur Ehefrau gibt. In einem abgelegenen Dorf fern ihrer Familie ist sie seinem Willen und dem ihrer Schwiegermutter schutzlos ausgeliefert. Geschlagen, gedemütigt - und vergewaltigt.


Trotzdem würde ich mir so sehr wünschen, dass mich jemand an der Hand nimmt, mich mitfühlend ansieht. Dass man mir zuhört, nur das eine Mal! Aber es ist, als sei ich unsichtbar. Keiner sieht mich. Ich bin zu klein für sie. Ich reiche ihnen gerade bis zur Hüfte. Ich bin erst zehn Jahre alt, vielleicht noch nicht mal, wer weiß?


Was bleibt Nojoud? Weglaufen ist sinnlos - so abgelegen, wie das Dorf ist, würde man sie rasch wieder einfangen, sie käme nie bis zum Haus ihrer Eltern. Und selbst wenn: schließlich war es ihr Vater, der sie diesem Mann zur Frau gegeben hat. Sicher würde er sie schnellstmöglich wieder zu diesem zurückschicken. Sich umbringen, weil sie es nicht mehr aushält? Nojoud beschließt in ihrer Verzweiflung einen besonderen Weg. Während eines Besuches bei ihren Eltern rennt sie weg, fährt erstmals allein mit einem Bus, schließlich sogar mit einem Taxi, denn plötzlich hat sie ein Ziel: das Gericht.


Ich bin ein Mädchen vom Land, das in der Hauptstadt lebt. Ich habe mich immer den Befehlen der Männer aus der Familie gebeugt. Seit jeher habe ich gelernt, zu allem 'Ja' zu sagen. Heute habe ich beschlossen, 'nein' zu sagen.


Bei Gericht begegnet Nojoud schließlich der Anwältin Chadha Nasser. Und das Mädchen kann hier nicht nur endich ihre Geschichte erzählen, sondern erfährt tatsächlich Hilfe. Was niemand zu hoffen gewagt hat: Sie erwirkt nach Wochen des Bangens die Scheidung ihrer Zwangsehe und darf endlich das Haus ihres Ehemanns verlassen. Über die Landesgrenzen hinaus wurde ihr Schicksal bekannt, und so wurde durch den Mut der Zehnjährigen vieles in Bewegung gebracht.

In Jemen gilt die Zwangsverheiratung kleiner Mädchen als unumstößliche Tradition. Ein jemenitisches Sprichwort besagt: 'Heirate ein Mädchen mit neun, und deine Ehe wird glücklich sein.' Nach Nojouds Scheidung haben sich nicht nur andere Mädchen getraut, sich gegen ihre Ehemänner zu erheben, sondern es ist ein Tabuthema ans Licht der Öffentlichkeit gebracht worden, das auch viele andere Länder betrifft: Ägypten, Indien, Iran, Mali, Pakistan... In Jemen wurde inzwischen die Gesetzgebung geändert: das Mindestalter für die Eheschließung wurde auf 17 Jahre angehoben. Auch wenn sich die Tradition sicher nicht von heute auf morgen ändern wird, kann dies für die Mädchen als Zeichen der Hoffnung gesehen werden...


Vor kurzem starb ein neunjähriges jemenetisches Mädchen, das mit einem Saudi verheiratet war, drei Tage nach der Hochzeit. Die Eltern hätten entsetzt sein müssen! Stattdessen haben sie sich eiligst bei dem Ehemann entschuldigt und ihm als Ersatz die siebenjährige Schwester des Mädchens angeboten, so als hätten sie ihm schlecht Ware geliefert.


Dieses Buch erzählt von einer Geschichte, die weltweit für Aufsehen sorgte und Wellen schlug, die bis heute nicht abgeklungen sind. Insofern ist es ein wichtiges Buch. Es ist immer schwer, solche Bücher zu 'bewerten', denn schließlich wird hier ein Schicksal beschrieben. Meist aus der kindlichen Sichtweise Nojouds erzählt, erfährt der Text Ergänzungen durch Delphine Minoui, die als Journalistin als Nah-Ost-Expertin gilt. Sie schlägt den Bogen von der Schilderung des Einzelschicksals hin zu den gesellschaftlich-politischen Auswirkungen von Nojouds Geschichte, wodurch der Leser einen guten Einblick erhält in die Gegebenheiten Jemens. Dies hat das Buch in meinen Augen rund gemacht.

Ein sehr eindrückliches Buch über ein Tabuthema, berührend und informativ zugleich.


© Parden















Die Verlagsgruppe Droemer Knaur schreibt über die Autorinnen:


Nojoud Ali freut sich nach ihrer Befreiung aus der Zwangsehe, wieder zur Schule gehen zu dürfen. Sie träumt davon, Anwältin zu werden. Um sie vor Übergriffen aus ihrer Familie zu schützen, wurde Nojoud in die Einrichtung einer Kinderhilfsorganisation gebracht.



Delphine Minoui ist Journalistin und arbeitet unter anderem für Le Figaro, Le Soir, L’Express und Radio France. Sie ist Nah-Ost-Expertin und lebt zur Zeit in Teheran.

übernommen von der Verlagsgruppe Droemer Knaur