Dies ist ein Buch von einer Frau für Frauen. Dr. Elke von Oehsen hat sich immer wieder selbstbehauptet, sie ist die höchstgraduierte Karateka im Deutschen Karateverband mit dem 9. Meistergrad (DAN). Gern und oft erzählte sie in geselliger Runde, was es bedeutete, in den 70er und 80er Jahren in der männerdominierten Karatewelt auch des verehrten Sensei Teuro Kono [1] als junge Frau zu trainieren und Anerkennung zu erwerben.
Die Meisten aus dieser Zunft, des Wadokai-Karate (Wado-Ryu), kennen sie wahrscheinlich ungeschminkt und dieses Wort meint nichts Kosmetisches, sie handelt und spricht im wahrsten Sinne des Wortes geradezu, offen und glaubwürdig.
Im Mai diesen Jahres hat sie „ein Praxisbuch für Frauen, um Handlungsfähigkeit, Schutz und Selbstwirksamkeit zu gewinnen“ im Kono-Verlag veröffentlicht.
„Keine Lösungen vorzugeben, sondern verschiedene Möglichkeiten als Anregung für eine individuelle Auseinandersetzung darzustellen“ (Seite 12)
Wenn „Angst vor Gewalt das Leben von Frauen vor allem unterschwellig [prägt] und ihr Verhalten und ihre Handlungsmöglichkeiten sehr [beeinflusst]“, dann muss man sich mit Fakten, aber sowie mit Klischees, Vorurteilen und Urteilen auseinandersetzen.
- DNB / Kono-Verlag / Juni 2026 / ISBN: 978-3-910555-38-9 / 179 Seiten
In 26 Kapiteln beleuchtet die 1956 geborene Autorin vielfältige Aspekte, um die Selbstbehauptung von Frauen und belegt diese mit vielen Beispielen. Für den Überblick für Leserinnen (und Leser) hat von Oehsen diese Gliederung visualisiert. Erkennbar ist, dass die Karate-Trainerin nicht nur Selbstbehauptungs- und Selbstverteidigungskonzepte beschreibt und deren Vorteile benennt, sie geht in ihrem Buch weit darüber hinaus.
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| Abb Seite 24 |
Viele bekannte Namen benennt von Oehsen in diesem 180 Seiten Buch, da finden sich Margeret Thatcher neben Angela Merkel, Ruth Bader Ginsberg neben Frauke Brosius-Gersdorf [3]. Astrid Lindgren neben Donna Leon. „Feministische Sprüche“ und „Frauenstärken“ werden manchmal einfach aufgelistet, andere Dinge ausführlich besprochen. Neben den Anlaufstellen für Frauen, die häusliche und andere geschlechterspezifische Gewalt erfahren haben (Kapitel 6), werden Praktiken erläutert, die es ermöglichen „Hilfe“ zu erlangen (Kapitel 7)
In Kapitel 10 zeigt die Autorin „Handlungsmöglichkeiten in Problemsituationen“ auf. Die beginnen bei „Abstand“ und „Bauchgefühl“, laut „Hilfe“ schreien oder benutzen einer „Trillerpfeife“ [4] in Gefahrensituationen.
In diesem Kapitel benennt sie die Notwehr als das „Recht, einen gegenwärtigen rechtswidrigen Angriff auf sich oder einen anderen abzuwehren“. Die Art und Weise der Abwehr muss in einem angemessenen Verhältnis zur Bedrohung stehen. Weil aber, wie sie ausführt, „körperliche Gewalt in einer zivilisierten Gesellschaft kein adäquates Mittel ist“, stellt sie viele andere Möglichkeiten als Handlungsalternativen dar. [5]
Im Kapitel 11 kommt von Oehsen zu Selbstverteidigungsübungen und benennt mentale ebenso wie Möglichkeiten des körperlichen Trainings. Sich einerseits vorzustellen, wie man (FRAU) einem Gegner (MANN) schwer gegen das Knie tritt oder sich einen anderen Menschen vorzustellen, der einen beleidigt hat und dem man nun im Schattenboxen Paroli bietet, das ist den meisten Menschen vermutlich ungewohnt. (Obwohl, es hat sich bestimmt jeder schon mal vorgestellt, einem anderen in die...). Genau hier zeigt sich die schnörkellose und geradlinige Ausdrucksweise der Autorin ebenso, wie wenn sie an anderer Stelle über weibliche Anatomie schreibt.
Heute bietet sie auf (Karate) Lehrgängen auch Kurse für Trainerinnen an, da die Umsetzung für Mädchen und junge Frauen in unseren Vereinen durch Frauen angeleitet werden sollten. Dann gehört eben nicht nur die Ausführung von Schlägen, Stößen, Tritten dazu. Die Tipps, die sie gibt – mindestens 7 x zuschlagen oder treten, damit ein paar Treffer gelingen, Hals und Kopftreffer sind am effektivsten – unterstreichen, dass sie kein Blatt vor den Mund legt.
Etwas schade ist, dass es in diesen Kapiteln keine praktischen Bilder gibt, obwohl die Illustrationen im Buch sonst ansprechend, passend sind und Besprochenes gut unterstreichen.
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| Abb. Seite 44 |
Das Buch: Elke von Oehsen kennt sich aus mit Medien für die Fortbildung, lange hat sie in solchen Bereichen gearbeitet. Daraus und aus ihrer langen Kampfkunsterfahrung resultieren ihre Ausführungen in einem methodisch gut aufbereiteten Buch, welches nie belehrend wirkt und in der Abwechslung von geschlossenen Texten, Aufzählungen, Tabellen und Bildern sehr gut lesbar ist.
Daher empfinde ich dieses Buch als sehr empfehlenswert für Frauen überhaupt und für unsere kampfkunsttreibenden jungen Frauen, vor allem für deren Trainerinnen. Natürlich ist es gleichermaßen für Trainer empfohlen. Bis heute sind diese in der Überzahl. Insgesamt hat Elke von Oehsen einen Anteil daran, wenn sich die Anzahl von Trainerinnen weiter erhöht.
* * *
Kann eine Frau dieses Buch besser bewerten als ein Mann? Vielleicht. Ich kenne Elke von Oehsen seit mehr als 25 Jahren und in diesem Buch erkenne ich sie wieder. Ehrlich, wahrhaftig, aussprechend, was sie denkt. Viele Aspekte, vor allem aber die weiblich gedachten Zusammenhänge, eröffnen neue Horizonte und sind für Trainer und Ausbilder interessant.
Im eigenen Zurückdenken an meine Ausbilderzeit bei der Bundespolizei vor allem im Umgang mit jungen weiblichen Auszubildenden und Studentinnen finden sich einige „Lücken“, die ich mit diesem Buch hätte schließen können.
Einmal legte ich einer Studentin, die persönliche familiäre (oder aus den Ausbildungsleistungen resultierende) Sorgen hatte, die Hand auf die Schulter, in der Auffassung, den Zuspruch des weit älteren Lehrers unterstreichen zu können. Sie zuckte zurück, vergrößerte den Abstand, das Gespräch wurde etwas schwieriger. Was bei einem Studenten vermutlich völlig unproblematisch gewesen wäre, wie das Anstubbsen mit der Faust an die Schulter, gekoppelt mit dem Satz „Beim nächsten mal klappt das besser..,“, wirkte hier merklich anders, deplatziert. Ab wann werden Männer, Verwandte, Ausbilder, Vorgesetzte, Freunde als übergriffig wahrgenommen?
Insofern freue ich mich über dieses Buch und empfehle es weiter.
©️ UR - Bücherjunge
[1] Über Teruo Kono schrieb Elke von Oehsen die Biografie "Sein Leben meistern"
[2] Ob allerdings Quoten eine umfassende Möglichkeit bieten, Gleichberechtigung positiv zu be-einflussen, ist in einigen Aspekten fragwürdig. So kann zwar eine Regierung, eine Parteispitze paritätisch aufgebaut werden, vielleicht auch eine Fraktion in einem Parlament, jedoch nicht die Mitgliederschaft in einer Partei.
[3] Frauke Brosius-Gersdorf ist nicht wegen ihres Eintretens für Gleichberechtigung als Bundesverfassungsrichterin nicht gewählt wurden, die Wahl wurde durch Massenmails und rechte Me-dien so weit beeinflusst, dass CDU-Bundestagsabgeordnete eine Wahl wegen ihrer Haltung zum Thema Schwangerschaftsabbruch ablehnten. Wegen schwindender Chancen und um das BVerfG nicht zu beschädigen, trat sie von der Kandidatur zurück.
[4] Trillerpfeife ist auch das bessere Mittel als das Mitführen von Verteidigungssprays wie Pfefferspray, was die Autorin bewusst NICHT benennt.
[5] An dieser Stelle wären ein paar wenige Beispiele für Notwehrsituationen aber auch für deren Überschreitung zur Erläuterung des (juristischen Problems) angebracht gewesen.






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