Sonntag, 19. August 2018

Coelho, Paulo: Mata Hari


„Wer war die Frau hinter dem schillernden Mythos?“ Wem ist Paulo Coelho da auf der Spur? Für wen springt er in die Breche und schreibt einen letzten Brief?


Am 07.08.1876 wird in Leuwarden eine Frau geboren: Margaretha Geertruida Zelle. Ein künstlerisch begabtes Mädchen, das ihren zukünftigen Ehemann mit 19 Jahren durch eine Zeitungsannonce kennen lernt. Mit diesem reist sie nach Java und nennt sich später MATA HARI, das bedeutet SONNE oder AUGE DES TAGES. Die Ehe bringt kein Glück, ein Sohn stirbt im dritten Lebensjahr, mit einer Tochter wird sie kaum Verbindung haben.


Doch nach ihrer Rückkehr startet sie eine „Karriere“ als Tänzerin, die sie berühmt machen wird. Das, was sie tanzt, hat nicht viel mit den javanischen nebst anderen exotischen oder orientalischen Tänzen zu tun, als die sie ihre Darstellungen in den Städten Europas ausgibt. Aber sie begeistert ihr (männliches) Publikum, sei es von Adel oder seien sie Bürger. Mata Hari setzt ihre Kunst (?) und ihren Körper ein, um ihr nicht immer aber doch oft luxuriöses Leben zu ermöglichen. So lernt sie natürlich Männer kennen, die genau dies ausnutzen wollen, am Vorabend des 1. Weltkrieges. Dadurch wird sie, älter geworden und nicht mehr erfolgreich, ich würde sagen durch Naivität, zur Spionin bzw. zur Gegenspionin. Frankreich und das Deutsche Kaiserreich wollen sich ihrer bedienen und sie verstrickt sich in kleine und größere Schwindeleien, vermutete Spionage wird ihr zum Verhängnis. Sie wird angeklagt und am 15. Oktober 1917 tritt sie vor ein Peloton. 




Quelle: Wikipedia *
Dieser Frau nimmt der brasilianische Schriftsteller an, er schreibt ihren letzten Brief. So bekommen wir eine Art Biografie, die uns eintauchen lässt in eine unbekannte Welt, die im Aufbruch in die Moderne ist, was zu Beginn des 20. Jahrhunderts einsetzende Freizügigkeit bedeutet. Benutzt, geliebt und angebetet, wird die einst schillernde Femme fatale am Ende keine wirksame Unterstützung einstiger Bewunderer erhalten.

Der biografieartige Brief wird der Leserin, dem Leser zeigen, dass es mit der Spionage offenbar nicht weit her war, auch wenn die Dame als H21 in der Abteilung IIIb des deutschen Generalstabes, dem militärischen Nachrichtendienst, geführt wurde. Hier zeigt uns der Autor eine verletzliche, naive, nach Liebe suchende Künstlerin, die mit ihrer Kunst zwar brillierte, welche aber der offiziellen Moral entgegenstand. 

Hätte es Coelho dabei belassen, wäre das im Diogenes Verlag 2017 verlegte Taschenbuch nur ein Buch unter vielen anderen über Mata Hari gewesen. Als einziger Vorzug hätte sich danach das Jahr der Herausgabe erwiesen: Seit der Hinrichtung waren 100 Jahre vergangen. Aber Coelho hängt dem Buch einen zweiten Brief an. Zurück schreibt der Adressat des ersten Briefes, ihr Anwalt Clunet. So manches bestätigt er, einiges relativiert er, vor allem aber zeigt er, dass der Prozess eine Farce war. Es ist aber auch ein sehr persönlicher, ein Anteil nehmender Text, der dieser Frau (zumindest in Coelhos‘ Roman) gerecht wird sowie die Tragik ihres Lebens und Sterbens unterstreicht.

Paulo Coelho erzählt im Abspann, dass sowohl der französische Hauptankläger kurz nach Mata Haris Exekution selbst wegen Doppelspionage angeklagt wurde. Ebenso geriet der Staatsanwalt später in das Visier der französischen Justiz nach dem 2. Weltkrieg. Er soll gestanden haben, dass der Prozess gegen Mata Hari auf „Vermutungen, Extrapolationen und Annahmen beruht habe: ‚Entre Nous, il n´y avait pas de quoi fouetter un chat – einmal ganz unter uns, wir hatten eigentlich nichts gegen sie in der Hand.“ (Seite 172)


* * *


Quelle: Wikipedia *
Die Geschichte dieser Frau wurde (mindestens) zehnmal verfilmt. Die Hauptrollen spielten unter anderen Greta Garbo (1931) Jeanne Moreau (1964) und Natalia Wörner (2017). Die erste war Asta Nielsen – bereits im Jahr 1920 in einer deutschen Produktion. Es gibt Bühnenwerke, Musik, sogar Videospiel, ebenso massenweise Bücher – Biografien, Dokumentationen, Romane... 

Es ist vielleicht etwas vermessen, den Roman Coelhos in diese Reihe einzuordnen, aber für mich scheint es so, dass eben dieses Buch für mich genau das Richtige war.

Paulo Coelho hat gesagt: 
„Sie war eine der ersten Frauen des 20. Jahrhunderts, 
die von Männern des 19. Jahrhunderts hingerichtet wurde.“ 

„Das war mein Leben. Ich bin die Nachtigall, 
die für die Liebe alles gegeben hat und darüber starb.“



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Paulo Coelho (wiki)
Paulo Coelho hatte es bisher nicht in unseren Blog geschafft. Der Grund ist schlicht: Der Blogger zumindest hatte kein Buch von ihm gelesen. Seit dem Besuch eines Konzerts Nine Secrets des Weltstars Ute Lemper über Die Schriften von Accra von Paulo Coelho schlich er immer wieder um die Auslagen in diversen Buchhandlungen drumrum. Wie gelegentlich schon geschehen, waren es dann Buchbesprechungen anderer Blogger, die ihn zugreifen ließen. Der 1947 geborene Autor hat eigene Erfahrungen mit der Psychiatrie in der brasilianischen Militärdiktatur gesammelt, vielleicht kommt daher die Suche nach spirituellen Dingen, die sich in solchen Lebensweisheiten niederschlagen.




► Paulo Coelho im Diogenes Verlag
► Paulo Coelho in der wikipedia
Webseite von Paulo Coelho
DNB / Diogenes / Zürich 2017 / ISBN: 978-3-257-24410-6 / 181 S.

© Bücherjunge

* gemeinfrei / Public Domain nach 70 Jahren


Kommentare:

  1. Halli Hallo :)

    Von "Paulo Coelho" kannte ich bisher nur das sehr gehypte "Der Alchimist". Das Buch konnte mich damals allerdings nicht vom Hocker hauen, deshalb habe ich vermutlich bislang auch kein zweites von ihm gelesen. Deine Beschreibung zu "Die Spionin" klingt aber sehr interessant. Ich habe bisher noch nie etwas von der Frau gehört und war erstaunt, dass es so viele Verfilmungen dazu gibt. Ich werde mir das Buch sicher noch einmal genauer anschauen, vielleicht gebe ich dem Autor ja noch eine zweite Chance :D

    Liebe Grüsse ♥
    paperlove von Between the Lines.

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  2. Das ist wieder viel mehr als nur eine Buchbesprechung - sehr vielschichtig und interessant!

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