Samstag, 26. Oktober 2013

Pieper, Tim: Mord im Tiergarten


Berlin im Juni 1896. Als ein jüdischer Zeitungsunternehmer im Zoologischen Garten Opfer eines Ritualmordes wird, gerät Kriminologe Dr. Otto Sanftleben in einen Sumpf aus Antisemitismus, Rassismus und Nationalismus. Seine Ermittlungen führen ihn in die Welt der Deutschen Colonialausstellung, wo er auf einen jungen Herero-Prinzen aus Deutsch-Südwestafrika trifft. Welchen Plan verfolgt der wahnsinnige Mörder, und wer wird sein nächstes Opfer sein? 








Odin und der Antisemitismus...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  25.10.2013)



Tim Piepers zweiter Roman um den Kriminologen Dr. Otto Sanftleben führt uns wieder ins Berlin zur Kaiserzeit, genauer: ins Jahr 1896.

 
Da es nicht gelang, eine Weltausstellung in Berlin auszurichten, gab es eben eine Gewerbeausstellung



Es ist die Zeit der Berliner Gewerbeausstellung, zu der Tausende von Menschen in die Stadt strömen. In diesem Tumult beginnt eine Reihe von Ritualmorden, die auf einen deutlichen antisemitischen Hintergrund hinweisen. Dr. Otto Sanftleben wird erneut von Commissarius Funke gebeten, bei den polizeilichen Ermittlungen behilflich zu sein. Mit seiner Methode, während des Verhörs auf die Körpersprache des Verdächtigen zu achten und entsprechend darauf zu reagieren, erhofft sich die Polizei eine erfolgversprechende Unterstützung bei der Jagd nach dem Mörder.
Und schon gerät Otto in einen Sumpf aus Antisemitismus, Wahnsinn und Vorurteilen. Ritualopfer zu Gunsten Odins, des Gottes der nordischen Mythologie, begangen von einem Täter, der, befallen von Syphilis im fortgeschrittenen Stadium, nichts mehr zu verlieren hat. Doch alle Spuren scheinen in die Irre zu führen...


 

Der zweite Band der Reihe um Dr. Otto Sanftleben konnte mich noch mehr
Der allgegenwärtige Antisemitismus
überzeugen als sein Vorgänger. War ich beim letzten Mal noch eher der Meinung, der Kriminologe habe den Fall mehr mit Glück als mit Verstand gelöst, erschließt sich hier nun alles logisch und nachvollziehbar. Dabei zeigt sich wieder Tim Piepers akribische Recherchearbeit, durch die sich der Hintergrund der damaligen Zeit wie ein Bilderreigen vor den Augen des Lesers eröffnet. Dies bezieht sich zum einen auf die antisemitische Haltung, die sich bereits damals in der Bevölkerung breitgemacht hatte und in manchen Gruppierungen erschreckende Ausmaße annahm, zum anderen aber auch auf liebevoll eingestreute Details, die ein sehr authentisches Bild der damaligen Zeit entstehen lassen.
Die wechselnden Szenen in Ort und Personen greifen passend ineinander, und neben dem Fall an sich sind es gerade die "Nebengeschichten", die Spaß machen zu lesen. Sei es Ottos Privatleben, in das sich
Die Afrikaner der Ersten Deutschen Kolonialausstellung von 1896 in Berlin
womöglich doch noch eine Frau schleicht, sei es sein Leibdiener und Ziehsohn Moses, der es als Herero nicht leicht hat, in der Gesellschaft Fuß zu fassen oder sei es auch Commissarius Funke, der bunte Vogel des "dritten Geschlechts", der wegen seiner natürlich versteckt gehaltenen homoerotischen Neigungen nun gar erpresst wird...


 

Ich mag Historische Romane, wenn sie wie nebenher wissenswerte geschichtliche Hintergründe wohldosiert vermitteln und dabei in eine spannende und lesenswerte Geschichte eingebettet sind. Wenn sie dabei erkennen lassen, wie sorgfältig recherchiert wurde und die Personen einem anfangen ans Herz zu wachsen, dann bin sogar ich von einem Historischen Roman sehr angetan...
Tim Pieper hat hier also alles richtig gemacht, und ich freue mich schon auf den dritten Fall des Kriminologen Dr. Otto Sanftleben!

 

Vielen Dank dafür, dass ich das Buch lesen durfte - und ebenfalls ein herzliches Dankeschön für die lebendige Leserunde, die angenehm durch den Autor begleitet wurde!

 

© Parden 









Tim Pieper

Tim Pieper, geboren 1970 in Stade, studierte nach einer Weltreise Neuere und Ältere deutsche Literatur und Recht. Seit 1998 lebt er in seiner Wahlheimat Berlin und nutzt jede Gelegenheit, um die spannende und abwechslungsreiche Geschichte der Stadt zu erkunden. Zuerst veröffentlichte er einen Mittelalterroman: "Der Minnesänger".  Nach "Mord unter den Linden" ist "Mord im Tiergarten" sein zweiter historischer Krimi im Emons Verlag.




Pieper, Tim: Mord unter den Linden

Berlin, im Sommer 1890. Dr. Otto Sanftleben erforscht die Körpersprache von Kriminellen. Als eine junge Handschuhnäherin gekreuzigt und mehrere anarchistische Attentate verübt werden, erklärt er sich bereit, den ermittelnden Commissarius zu unterstützen und zur schnellen Aufklärung beizutragen. Eine geheimnisvolle  Revueschauspielerin gibt den entscheidenden Fingerzeig und weckt tot geglaubte Gefühle in ihm. Zu spät begreift er, dass er in Lebensgefahr schwebt …




Kriminalanthropologische Betrachtungen...

(zuerst veröffentlicht von parden auf Buchgesichter.de am  26.03.2012)






Dr. Otto Sanftleben ist Kriminologe im Berlin des ausgehenden 19. Jahrhunderts und beschäftigt sich v.a. mit der Körpersprache von Straftätern. Sogar ein Buch hat er zu diesem Thema bereits herausgebracht.
Als er in einem aktuellen Fall gebeten wird, der Polizei unterstützend zur Seite zu stehen, ziert er sich zunächst, doch gleichzeitig erwacht sein Ehrgeiz. Es bleibt jedoch nicht bei dem Fall der jungen gekreuzigten Handschuhnäherin...

 

Mit Tim Piepers erstem historischen Krimi erleben wir sozusagen die Geburtsstunde des modernen Profilings. Allerdings wird dabei schnell deutlich, dass die kriminalanthropologischen Erkenntnisse v.a. auf Beobachtungen und Schlussfolgerungen beruhten. Tim Pieper schrieb hierzu im Rahmen einer Leserunde selbst: "Allgemein war das wissenschaftliche Vorgehen noch nicht so präzise wie heute, was immer wieder ersichtlich wird, wenn in den damaligen Fachpublikationen einfach Behauptungen aufgestellt werden, ohne sie gründlich herzuleiten oder durch Nachweise zu belegen."
Damit sollte diese skizzierte Verbrecherphänomenologie (z.B. lange, spitz zulaufende Nase = listige Persönlichkeit oder steile Stirnfalten = zorniger Mensch) wohl als das gesehen werden, was sie heute tatsächlich ist: eine Kuriosität.

 

Der Roman beinhaltet jedoch noch viel mehr. Schnell wird deutlich, welch eine akribische Recherche Tim Pieper vor dem Schreiben des Buches betrieben haben muss, denn es gelingt ihm, dem Leser durch beiläufiges Einstreuen zahlreicher zeittypischer Details zu Kleidung, Frisur, Rollenverständnis, Mobiliar, Architektur, Garten-/Parkgestaltung, Medizin, Polizeiarbeit, Berufsbezeichnungen, Titel u.v.m die Atmosphäre des Berlins im Jahre 1890 beinahe plastisch vor Augen zu führen. Auch das Verwenden zeitgemäßer Ausdrücke ("schwadronieren", "Billett" oder "Gebaren" seinen hier stellvertretend genannt) trägt zu diesem Effekt bei.
Selbst politische Zusammenhänge in dieser unruhigen Zeit werden von Tim Pieper ausreichend skizziert, um deren Bedeutung für das Geschehen in diesem historischen Krimi herauszustreichen. Das Sozialistengesetz, die Angst der Obrigkeit vor der Arbeiterbewegung, die Interessenskonflikte - all dies spielt in dem verwinkelten Roman ebenfalls eine wichtige Rolle.

 

Ein kleiner Schwachpunkt war dabei für mich die Rolle, die Otto im Rahmen der Ermittlungen einnahm. Ursprünglich als fachkundiger Berater zu Zeugenvernehmungen hinzugezogen, weitete sich das Spektrum seiner Tätigkeiten zusehends aus, mehr oder weniger geduldet von der Polizei. Ein wenig an den berühmten Sherlock Holmes erinnernd, agierte Otto dabei jedoch wesentlich dilletantischer und häufig impulsiv, so dass manchesmal der Gedanke aufkam: "mit mehr Glück als Verstand". Auch wenn es zu Ottos Persönlichkeit passte, waren für mich dadurch manche Szenen eher skurril und amüsant als spannend.
Ein klarer Minuspunkt, den ich hier ebenfalls anmerken muss: der Preis von 11,90 Euro für die gerade mal 271 Seiten, und das bei einem Taschenbuch. Wenn ich nicht bereits ein Buch von Tim Pieper gelesen hätte, wäre das für mich ein klares k.o.-Kriterium gewesen... Auch eine noch so nette Aufmachung (das Cover ist überaus passend gewählt) hätte mich da nicht überzeugen können.

 

Insgesamt habe ich bei dem Buch zwischen 8 und 9 Punkten geschwankt. Da Tim Pieper im Rahmen der Leserunde seine Freude auf einen regen Austausch nicht nur angekündigt, sondern auch überaus wahr gemacht hat, fiel die Entscheidung schließlich zugunsten der 9 Punkte... Für die teilweise intensive Begleitung möchte ich mich an dieser Stelle wirklich bedanken!
Bleibt mir nur noch zu sagen: ich freue mich auf mehr von Dr. Otto Sanftleben - oder auch auf ein anderes Buch von Tim Pieper, der mich immer mal wieder auch zu etwas Historischem bewegen kann. 



© Parden 











Tim Pieper

Tim Pieper, geboren 1970 in Stade, studierte nach einer Weltreise Neuere und Ältere deutsche Literatur und Recht. Seit 1998 lebt er in seiner Wahlheimat Berlin und nutzt jede Gelegenheit, um die spannende und abwechslungsreiche Geschichte der Stadt zu erkunden. Zuerst veröffentlichte er einen Mittelalterroman: "Der Minnesänger"."Mord unter den Linden" ist sein erster historischer Krimi im Emons Verlag.








Freitag, 25. Oktober 2013

Dresdner Herbst

► Indian Summer. So heißt der Herbst mit den buntbelaubten Bäumen in Nordamerika. Wir nennen ihn höchstens ► Altweibersommer. Wahrscheinlich kommt das von den bunten Kopftüchern, die die alten Weiber früher so trugen wenn es kühl wurde.

Wiki erklärt es ein bißchen anders.

 Jedenfalls hat KaratekaDD mal wieder versucht, seine Heimatstadt in Bildern einzufangen. Dazu ist gar nicht so weit weg gewesen von dem Ort, andem er die meiste Zeit der Kindheit und Jugend verbracht hat.

Denn gleich nebenan gab es den Volkspark. Da waren wir als Kinder spielen. Der Blick zum ► Fernsehturm in Dresden ► Wachwitz hat uns damals wahrscheinlich noch nicht so interessiert. Allerdings konnte man zu dieser Zeit noch hinauffahren und den Blick im Fernsehturmkaffee in die entgegengesetzte Richtung schweifen lassen.
Der Herbst
Das Glänzen der Natur ist höheres Erscheinen,
Wo sich der Tag mit vielen Freuden endet,
Es ist das Jahr, das sich mit Pracht vollendet,
Wo Früchte sich mit frohem Glanz vereinen.

Das Erdenrund ist so geschmückt, und selten lärmet
Der Schall durchs offne Feld, die Sonne wärmet
Den Tag des Herbstes mild, die Felder stehen
Als eine Aussicht weit, die Lüfte wehen

Die Zweig' und Äste durch mit frohem Rauschen,
Wenn schon mit Leere sich die Felder dann vertauschen,
Der ganze Sinn des hellen Bildes lebet
Als wie ein Bild, das goldne Pracht umschwebet.

Friedrich Hölderlin   (1770 - 1843)
 
 
 Motive sind reichlich vorhanden. Im Sonnenlicht glänzt der ►Rathausmann auf dem ► Rathausturm, der sich aus dieser Perspektive über der Stadt erhebt. Herkules grüßt die Stadt unter sich.

Den hat die Stadt auch vor genau 100 Jahren gebraucht. denn im August 1813 tobte hier auf der ► Räcknitzhöhe die ► Schlacht von Dresden. Heute steht da der Bismarcturm.







Herbstlied 
Der Frühling hat es angefangen,
Der Sommer hat's vollbracht.
Seht, wie mit seinen roten Wangen
So mancher Apfel lacht!

Es kommt der Herbst mit reicher Gabe,
Er teilt sie fröhlich aus,
Und geht dann wie am Bettelstabe,
Ein armer Mann, nach Haus.
Voll sind die Speicher nun und Gaden ,
Dass nichts uns mehr gebricht.
Wir wollen ihn zu Gaste laden,
Er aber will es nicht.

Er will uns ohne Dank erfreuen,
Kommt immer wieder her:
Lasst uns das Gute drum erneuen,
Dann sind wir gut wie er.

August Heinrich Hoffmann von Fallersleben
(1798 - 1874)






Irgendwie werde ich bei diesem Bild an LORIEN erinnert, beim Blick duch den sucher hoffte ich, dass mir GALADRIEL begegnet, die strahlenumkranzte Maid aus dem Elbenvolk. Sie lebt mit Celeborn im Goldenen Wald.

  
Herbstbild

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah! Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.

O stört sie nicht, die Feier der Natur! Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was vor dem milden Strahl der Sonne fällt.
 
Friedrich Hebbel
(1852)
 

Ein kleines Stück nach rechts, schon wird die Perspektive anders. Nun lugt hinter dem Turm des Neuen Rathauses die Steinerne Glocke hervor. ► George Bärs ► Frauenkirche.

Verklärter Herbst

Gewaltig endet so das Jahr
mit goldnem Wein und Frucht der Gärten,
rund schweigen Wälder wunderbar
und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.


Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter,
wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
das geht in Ruh und Schweigen unter.

Georg Trakl
(Gedichtausgabe 1913)



© KaratekaDD

Donnerstag, 24. Oktober 2013

Urlaub in der Toskana Oktober 2013 - Landschaften



Fällt der Name Toskana, dann denkt man an Olivenhaine, Weinberge und Zypressenalleen, die sich durch sanft gewelltes Hügelland schlängeln. 
Doch das Landschaftsbild der Region ist vielfältiger - und bei weitem nicht immer so lieblich, wie es die Postkartenidyllen glauben machen. Der überwiegende Teil der Region ist hügelig, der Nordwesten sogar gebirgig, der Südwesten dagegen, an der Küste, eher flach und eine ehemalige Sumpflandschaft.





























Der Apennin, der ganz Italien kettenförmig durchzieht, bildet auch das gebirgige "Rückgrat" der Toskana und wird hier Toskanischer oder Etruskischer Apennin genannt. Südlich des Arno entsteht trotz der teilweise beträchtlichen Höhe (bis 1056 m) nicht der Eindruck eines Gebirges. Keine zusammenhängenden Höhenzüge, sondern ein sanft gewelltes Hügelland, aus dem einzelne Berge herausragen, bestimmen das Bild dieser Gegend.




Während es im Norden zwischen Pisa und Florenz einen eher dicht besiedelten Gürtel gibt, stehen dem im Süden schwach besiedelte Gebiete mit großen Ackerflächen, Wäldern und einsamen Gehöften gegenüber, die teilweise auch verlassen sind.













In manchen Gegenden kann man stundenlang durch die Gegend fahren, nur gelegentlich entdeckt man ein Haus, oft schon verfallen, seltener noch einen Menschen. Nachdem wir einmal bereits 20 Minuten durch die Hügel gefahren waren ohne dabei auf ein Zeichen von Zivilisation zu stoßen (abgesehen mal von der Straße), waren wir nicht wenig überrascht, plötzlich ein verbogenes Schild: Achtung Zebrastreifen zu sehen. Als wir um die Kurve bogen, standen da ganze drei halbverfallene Häuser, und von dem Zebrastreifen waren am Rand der Straße noch die Ansätze der Weißbemalung zu erkennen, ein Viertelstreifen vielleicht auf jeder Straßenseite. Wir haben so gelacht - fehlte nur noch die Bahnschranke auf dem Feldweg, und weit und breit keine Schienen zu sehen.



Die Toskana hat eine rund 300 km lange Küstenlinie. Im Norden der Region ist die Küstenebene ein schmaler Streifen vor dem Hintergrund der Apuanischen Alpen, mit langen Sandstränden und einer gut ausgebauten touristischen Infrastruktur. Südlicher gibt es die Küstenebene, die unter dem Namen Maremma bekannt ist. Jahrhundertelang war diese sandige Ausgleichsküste wegen der Malariaverseuchung der Küstensümpfe gefürchtet.

Bei diesem kleinen Hafen oben auf dem Bild tauchte die Frage auf, wie wohl die Bootsbesitzer zu ihren schwimmenden Fahrzeugen kommen. Durch hüfttiefes Wasser waten? Bootstaxi? Schwimmen? 
Während unseres Aufenthalts dort konnten wir die ersten beiden Varianten beobachten.









Und zum Abschluss des Tages noch ein schöner Sonnenuntergang am Meer. Auch so etwas hat die Toskana zu bieten.




© Parden



Mittwoch, 23. Oktober 2013

Pieper, Tim: Mord im Tiergarten



Blutige Adler bleiben zurück - Grausige Morde im Berliner Tiergarten

Des Dr. Otto Sanftlebens zweiter Fall
von ►Tim Pieper

Der bereits aus ► MORD UNTER DEN LINDEN bekannte Kriminologe und Sportsmann wird einige Jahre nach dem ersten Fall von Commissarius Funke gebeten, an einem grausigen Mordfall mitzuwirken. Begleitet wird er von seinem inzwischen erwachsenen Leibdiener (?) Moses, einem Schwarzafrikaner, der ihn duzt.
Ein von extremem Antisemitismus beherrschter, ehemaliger Mitbewohner von "Nueva Germania" in Paraguay, betet ► Odin, den Chef der nordischen Götter an und bringt im Opfer dar. Nach einem nordischen Ritus der Wikinger: ► Den Blutadler.

© Tim Pieper
Otto muss sich nicht nur mit dem Fall auseinandersetzen, er muss auch mit seinem Moses eine Segelregatta (Bild links) siegreich bestreiten, zumindest gegenüber einem überheblichen, wohl ebenfalls antisemitisch eingestellten Professor. Ach ja, eine Frau tritt in sein Leben. Bekannt aus der Jugendzeit. Die sehr selbstständige, vegetarische, nicht gerade gesellschaftskonforme Malerin und Zeichenlehrerin Igraine Raab. Ob da was passiert?


Wir schreiben das Jahr 1896. Das Deutsche Kaiserreich sucht seinen Platz in der Welt. Es hat da in Absprache mit dem British Empire eine südwestafrikanische ► Enklave abbekommen. Dort, im heutigen ► Namibia, leben die ►Hereros. Von diesen ist der Enkel eines Häuptlings mit weiteren anlässlich einer Gewerbeausstellung in Berlin. Die treten da als "Schauneger" auf und müssen seltsame Tänze in seltsamen Gewändern aufführen. Wilhelm ► Mahaero, so heißt der Hereroprinz, kann ein wenig dagegen angehen.

Können Dr. Otto Sanftleben und Commissarius Funke, welcher dem "dritten Geschlecht"[1] (so nannte man das damals) zugeordnet werden kann, den Fall klären?

* * *
Quelle
► Neu -Germania? Was ist denn das? Aha, eine von einem gewissen ► Bernhard FÖRSTER gegründete Siedlung für "reinrassige" Germanen, frei von jedem jüdischen Einfluss. Nur sind wohl einige Bewohner noch nicht reif für dieses Unternehmen. Der Förster hatte vermutlich schon Selbstmord begangen und nun zwingen einige versaute "Herren" einen jungen unschuldigen Germanen zum Sex mit einer wegen ihrer Rasse minderwertigen Eingeborenen. Da muss man doch zum Verbrecher werden, später in der Hauptstadt des Deutschen Kaisereiches, bei den vielen Juden, die dort leben und vor allem weil man mehrfache Befriedigung bei diesem Akt im Urwald hatte.

Nein, keine Angst, ich schreib in diesem Stil nicht weiter. (Klicken sie mal auf die Bildquelle) Aber ich denke, damit wird schon im Prolog des Romans ersichtlich, es geht um ►Antisemitismus und ► Fremdenfeindlichkeit um die Jahrhundertwende. Tim Pieper wagt die Gratwanderung, diese Themen in einem Roman zu behandeln, der außerdem eine ganze Reihe von amüsanten Episoden aufweist. Der Autor hat tief in die Recherchekiste gegriffen, denn manch bekannter Antisemit kommt im Roman vor bzw. wird zumindest benannt. (► Ahlwardt, ► Henrici u.a.), Er lässt seine Hauptfigur in einem Lokal einer antisemitischen der Versammlung extremster Art beiwohnen. Er lässt auch kein Hehl daran, dass bereits hier die Grundlage für die ca. 40 Jahre später einsetzende systematische Verfolgung von Juden durch die Nationalsozialisten gelegt wurde. Nicht erst hier, auch schon früher. In einem Gespräch mit dem Commissarius führt ein gefährdeter jüdischer Reichstagsabgeordneter aus, warum die Juden in so vielen Ländern auch im Ausklang des 19. Jahrhunderts noch so angefeindet werden. Dem (bisher) weniger an Geschichte interessierten Leser wird viel Stoff an die Hand gegeben. Eine Vertiefung mittels Lexika und Internet ist durch viele historisch genaue Angaben sehr leicht möglich.

Tim Pieper hat einen historischen Kriminalroman geschrieben. Natürlich soll der kein Sach- oder Lehrbuch sein. Persönlich will ich aber anmerken, dass dem Aspekt, dass es neben dem offensichtlichen extremen Antisemitismus auch einen latenten, vielleicht sogar flächendeckenden gab, mindestens aber die flächendeckende Fremdenfeindlichkeit gegeben hat, zuwenig Aufmerksamkeit gewidmet wurde. Das oben erwähnte Gespräch zwischen Funke und Wolfsohn hätte mit 1,5 Seiten mehr, dies noch beschreiben können. Oder Otto hätte mit Moses kurz darüber sprechen können. Immerhin wollte er ihm zu einem Studienplatz an der Universität verhelfen und dort stieß Moses ob seiner Hautfarbe an Grenzen.

* * *

Quelle wiki
Dr. Otto von Sanftleben ist ► Kriminologe und Psychiater. Schon vom Elternhaus her gut begütert, hat er neben einer Karriere als Sportler (Radrennen) auch eine Reihe von Büchern geschrieben. Er beschäftigt sich mit Verbrecherphänomenologie. Er untersucht das Verhalten von Tatverdächtigen zum Beispiel deren Körpersprache bei Vernehmungen. Außerdem ist er bei einem damals bekannten Psychiater und Rechtsmediziner in die Lehre gegangen: ► Richard FridolinJoseph Freiherr Krafft von Festenberg auf Frohnberg, genannt von Ebing. Den könnte man auch schon einen Kriminologen nennen. Berühmt wurde er zum Beispiel dadurch, dass er Homosexuelle zwar durchaus als pervers ansah, dies aber auf Ererbung zurückführte und somit der Meinung war, dass sie nicht vor den Kadi gehörten. Nun warum schreibe ich das hier rein? Der Otto Sanftleben arbeitet ja mit dem schwulen Commissarius Funke gut zusammen. Vermutlich hat der Krafft-Ebing eine Aktie am modernen Verhalten unserer Hauptfigur. Tim Pieper, bzw. Dr. Otto Sanftleben bezieht sich da auf dessen Werk "Lehrbuch der gerichtlichen Psychopathologie" von 1881.[2] Auf der Grundlage der Theorie über die ► Melancholiker und deren Verhalten suchen Sanftleben und Funke nach dem Mörder.[3]
Auch seine Verbrecherphänomenologie[4] ist heute wohl ein klein wenig überholt, aber sehr interessant ist für Laien und Profis der Ausflug in die forensischen Wissenschaften um die vorletzte Jahrhundertwende. Heute würde man Ottos Herangehensweise wohl eher der Vernehmungspsychologie zuordnen.  Bei ► Vernehmungen übrigens wendet er Mittel an, die heute verboten sind, wie das Einschüchtern von Delinquenten, die tatsächliche oder vermeintliche Drohung mit Gewalt. Zumindest weiß Sanftleben aber schon, dass er sich hier in einer Grauzone befindet, damals vor 115 Jahren. 

"Nicht die Kriminellen interessieren mich, sondern ihre Überführung", erwiderte Otto. "Wenn ich ihren Gesichtsausdruck beobachte, wenn ich dem Tonfall ihrer Stimme lausche, dann offenbaren sie mir ihre dunkelsten Geheimnisse, ob sie wollen oder nicht." [5]

© Tim Pieper
Tim Pieper bemüht sich außerdem, seinem Leser die Stadt Berlin und deren reizvolle Umgebung nahezubringen. Auch hier bekommt der daran interessierte Leser  viel Stoff zur Recherche. Hierzu hat er auf seiner ► Webseite auch ein paar ► Bilder eingestellt.

Auf diesem Bild ist der Schauplatz des Buchfinales zu sehen. 

Quelle
Auf den ersten Blick scheint die Siegessäule auf dem Buchdeckel auch heute noch dort zu stehen. Denkste. Links daneben würde der Deutsche Reichstag auftauchen. Glaubt ihr nicht? Dann seht mal hier:




***
Die Figuren Otto, Moses, Funke, Igraine, auch der etwas seltsame Kriminalwachtmeister Holle und der Schutzmann Stresow, ebenso der zu Beginn eher undurchsichtige Reisefreund Ottos, Daniele Vicente sind interessante vielseitig "gezeichnete" Personen. Deren Interaktion ist trotz des sehr ernsten Themas auch mal sehr lustig, z.B. ist das Training für und dann die Segelregatta selbst sehr schön zu lesen und macht Spaß.
Die Gegenspieler, Prof. v. Trittin, Leiser und andere bleiben auch nicht farblos.

***
Dem Autor ist sein nunmehr drittes Buch sehr gut gelungen. Zweihundertzweiundfünfzig Seiten waren schnell bewältigt. Die Spannung lies niemals nach. Die suche nach dem Verbrecher hielt bis zuletzt an. Sehr schön war der Einstieg durch einen Zeitungsartikel, der den Leser gleich in die richtige Zeit katapultierte. Das hat Tim Pieper auch schon beim "Lindenmord" so gemacht. Ebenso ist der vorangestellte Prolog ein wiederkehrendes Element. Ohne diesen würde der Leser vermutlich gar keinen Bezug zum Täter herstellen können. Mal abgesehen davon bekam der Leser gleich mal staunende Augen, denn von Neu-Germanien haben bestimmt noch nicht so viele gehört oder gelesen.

Ich wünsche mir weitere spannende Bücher von Tim Pieper. Danke für das Buch mit Widmung und Danke auch für deinen Einsatz in der buchgesichter.de - Leserunde.

(Auf die weibliche Form LESERIN habe ich aus Gründen der Lesbarkeit verzichtet ;) )

► Mord im Tiergarten in der Deutschen Nationalbibliothek

© KaratekaDD


[1] alter Begriff zur Umschreibung der Homosexualität 
[2] siehe PIEPER, Tim: Mord im Tiergarten, Emoms:, 2013, Seite 255 
[3] die Ausführungen über die Melancholiker sind vermutlich veraltet. Den vier Temperamenten zugeordnet, welche heute ebenfalls als überholt gelten, waren Melancholiker demnach traurig, trübsinnig, misstrauig aber auch verlässlich und selbstbeherrscht. 
[4] der heute gebrächliche Begriff der ►Kriminalphänomenologie befasst sich mit den Erscheinungsformen des Verbrechens, bzw. der Straftaten überhaupt. Dazu gehören Vorbereitung, Ablauf (Modus Operandi), Art und Umstände, Gelegenheiten, individuelle aber auch gesellschaftliche Hintergründe. Weitere Bestandteile der Kriminologie sind Viktimologie, Äthiologie, Pönologie, forensische Psychologie und die Kriminalstatistik. 
[5] Klappentext