Donnerstag, 29. Dezember 2016

Winkler, Philipp: Hool



Jeder Mensch hat zwei Familien. Die, in die er hineingeboren wird, und die, für die er sich entscheidet. HOOL ist die Geschichte von Heiko Kolbe und seinen Blutsbrüdern, den Hooligans. Philipp Winkler erzählt vom großen Herzen eines harten Jungen, von einem, der sich durchboxt, um das zu schützen, was ihm heilig ist: Seine Jungs, die besten Jahre, ihr Vermächtnis. Winkler hat einen Sound, der unter die Haut geht. Mit HOOL stellt er sich in eine große Literaturtradition: Denen eine Sprache zu geben, die keine haben.

(Klappentext: Aufbau Verlag)

  • Gebundene Ausgabe: 310 Seiten
  • Verlag: Aufbau Verlag; Auflage: 3 (19. September 2016)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3351036450
  • ISBN-13: 978-3351036454










SPRACHLOSIGKEIT UND WUT...




Hier ist drin, was draußen draufsteht: Hooligans. Im Fokus des Geschehens steht der junge Heiko Kolbe, der gerade mal etwas älter als 20 Jahre alt ist und nur einen Lebensinhalt zu kennen scheint: die Hooligan-Szene um Hannover 96. Vor allem gemeinsam mit Heikos langjährigen Freunden Kai, Ulf und Jojo scheint jeder Gegner bezwingbar zu sein, der Kick aus Wut und Adrenalin durch jede Ader zu rauschen. Dazugehören, die Wut rauslassen - darum geht es Heiko, nicht etwa um einen radikalen politischen Hintergrund (Nazis lehnt er ab) oder gar um Fußball ('Wir sind ja nicht oft im Stadion. Ist einfach nicht mehr der Ort für unsereins.')


"Ich überlegte, was ich sagen könnte. Gottverdammte Scheiße, so was konnte ich noch nie. Kann ich auch heute noch nicht. Meine Gefühle artikulieren, wie Manuela das formuliert. Da fällt mir gar nichts mehr ein, mein Hirn blockiert und anstatt, dass irgendetwas Sinnvolles rumkommt, werde ich nur wütend." (S.72)

Erzählt wird hier aus der Ich-Perspektive Heikos, was den Leser zwingt, sich bei allem Ekel und anfänglichem Unverständnis zunehmend mit der Person des jungen Mannes zu befassen und sich in ihn einzufühlen. Saufen, rauchen, prügeln, in den Tag hineinleben, Verantwortung übernehmen nur hinsichtlich der Gruppe und ihrer Mitglieder. Für Heiko scheint diese Gruppe der Hooligans mit seinem Onkel an der Spitze eine Art Familienersatz zu sein, nachdem er seiner eigenen enttäuscht den Rücken zugekehrt hat. Heikos Mutter ist schon vor Jahren weggelaufen, sein Vater ist Alkoholiker und hat sich aus einem Thailandurlaub eine neue Partnerin mitgebracht, mit der Heiko kaum je ein Wort gewechselt hat, und Heikos Schwester versucht mit ihrer eigenen Familie die Hoffnung zu verwirklichen, dass dort alles besser klappen möge und versucht zeitweise etwas missionarisch, die Verhältnisse in der Ursprungsfamilie gerade zu bügeln.

Heiko ist längst ausgezogen, und nachdem das Verhältnis zu seiner Freundin in die Brüche ging, ist er zu einem Bekannten auf einen abgelegenen und verwahrlosten Hof gezogen, wo illegale Tierkämpfe an der Tagesordnung sind - und nicht nur Hunde gehören dazu. Brutal die Schilderungen der Zustände, vulgär oft die Sprache, jedoch nicht immer. Wiederkehrende Perspektivwechsel von der Gegenwart in die Vergangenheit zerren Heikos Geschichte ans Licht, und ebenso skizzenhaft die seiner Freunde. So gewinnt jede Figur zunehmend an Kontur, der Leser an Verständnis für die Sprachlosigkeit und Einsamkeit, die das Leben Heikos durchdringen. Und die Sehnsucht danach, anerkannt und gemocht zu werden, dazuzugehören.


"Ich weiß selber nicht so recht, warum ich überhaupt aufgestanden bin und wie ein Getriebener durch die Nacht fahre. Vielleicht weil ich irgendwo landen will, wo ich das Gefühl habe, angekommen zu sein." (S. 270)



Empathie für Heiko entsteht beim Lesen in jedem Fall, manchmal auch Sympathie, Mitleid in jedem Fall. Und Philipp Winkler schafft in meinen Augen in seinem literarischen Debüt ein authentisches Bild, auch wenn er selbst, wie er in einem Interview betont, nie zur Hooliganszene gehörte oder auch nur jemanden daraus kennt. Es mag sein, dass sich hier fleißig aus der Klischeekiste bedient wurde - denn genauso stellt man sich als Unbeteiligter die Welt eines Hooligan vor - doch geht Winkler darüber hinaus. Er zeigt, wie es ist, wenn der vermeintliche Halt in sich zusammenbricht. Denn genau dies geschieht Heiko. Ein Freund nach dem anderen verabschiedet sich aus der Hooliganszene, und auch sonst bröckelt die Welt, in die er sich geflüchtet hat, immer mehr. Mit zunehmender Wut versucht sich Heiko an den Scherben festzuhalten, und die spannende Frage ist, wohin sein Weg ihn letztlich führt.

Raffiniert ist dabei die Wahl der Ich-Perspektive, durch die der Leser Heiko zunehmend näher kommt und mit ihm fühlt. Dadurch kommt es allerdings irgendwie auch zu einer Verharmlosung der Brutalität, der Ekelexzesse, der unbeherrschten Wut, auch der Tierquälerei. Denn wenn der Ursprung der Wut verständlich wird, die Hauptfigur zunehmend auch sympathisch erscheint, wirken die negativen Aspekte nur noch halb so schlimm. Ein Spagat, den ich nicht wirklich gerne vollzogen habe.

Abgesehen von der Gewalt und der Gefühllosigkeit ist es die Einsamkeit und die Sprachlosigkeit bezüglich der wesentlichen Dinge im Leben, die mir hier beim Lesen wirklich zugesetzt haben. Tatsächlich konnte ich immer nur einige Seiten am Stück lesen und war dann froh, das Buch wieder weglegen zu können. Anfangs war ich sehr offen der Thematik gegenüber, letztlich bin ich eher froh, dass das Buch endlich ein Ende hat.

Insgesamt ein außergewöhnliches Buch mit einer nichtalltäglichen Thematik, die hier sprachlich gut umgesetzt wurde. Die Virtuosität des Autors, der manchmal nur ein Wort benötigt, um eine Situation kippen zu lassen und dem es gelingt, selbst skizzenartig aussagekräftige Bilder zu schaffen, ist bemerkenswert. Auch wenn ich hier in meiner Wertung ambivalent bin, ist es für mich nachvollziehbar, weshalb dieses Buch auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises 2016 gelandet ist...


© Parden












Der Aufbau Verlag schreibt über den Autor:

Philipp Winkler, 1986 geboren, aufgewachsen in Hagenburg bei Hannover. Studierte Literarisches Schreiben in Hildesheim. Lebt in Leipzig. Auslandsaufenthalte im Kosovo, in Albanien, Serbien und Japan. Neben Veröffentlichungen in Literaturmagazinen und -anthologien, erhielt er 2008 den Joseph-Heinrich-Colbin-Preis und 2015 für Auszüge aus Hool den Retzhof-Preis für junge Literatur des Literaturhauses Graz. „HOOL“ ist sein Debütroman.
übernommen vom Aufbau Verlag

Kommentare:

  1. Liebe Anne,
    tolle Rezension, unglaublich, dass Winkler keine Bezüge zur Hooligan Szene haben soll. Das wirkt so authentisch abstoßend!
    LG Tina

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Das habe ich auch gedacht, Tina. Andererseits ist das 'Schicksal' Heikos tatsächlich recht klischeehaft gestrickt... :)

      Löschen
  2. Das könnte ja fast "Fachliteratur" für mich sein.
    Sicherlich ist die Biografie der Hauptfigur eine mögliche für Angehörige dieser Szene. Das Phänomen besteht aber auch darin, dass verdammt viele Leute aus "normalen" Familien, sogenannten "gut-bürgerlichen", zu diesen Gruppierungen stoßen. Etwas vernachlässigt, geplagt von "Langeweile", gebildet mit ordentlichem Beruf...
    Warum betone ich das? Weil ich glaube, das Ding mit den Tierkämpfen ist nicht so sehr symptomatisch.

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Du hast dden Gedanken "Klischee" ja auch selbst erwähnt, liebe Anne. Diesmal sage ich mal wieder: "Was du alles liest!"

      Löschen
    2. Ich sage es doch ständig: immer für eine Überraschung gut! :)

      Löschen